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Erfahrungsbericht

für 1, 2, 3, 4 - Propaganda
5 Sterne Die besten LPs Rock und Pop - 1990
88 von 88 Ciao User haben diesen Bericht als hilfreich bewertet Bewertungen ansehen
Empfehlenswert: Ja

Pro Klasse Einstieg in die 90er

Kontra Leider war's danach zuende mit Propaganda

Der Autor

mongerbino

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Meine Damen und Herren,

soweit ich mich an das Ende der 80er und den Beginn des neuen Jahrzehnts der 90er erinnere, hat es politisch selbstverständlich eine bedeutsame Aufbruchsstimmung gegeben, musikalisch jedoch wusste man nicht so recht, wohin man gehen wollte. Der typische Sound und Look der 80er war schon seit ein paar Jahren vorbei. Manche Künstler matschen nur so rum und probierten sinnlose Sachen aus. Langsam begann man sich für das Schlagzeug als "Melodie"-Instrument zu interessieren, was dann Anfang bis Mitte der 90er im "Drum'n'Bass" gipfelte. Tecno, Crossover und die vielen Mischungen mit algerischer Rai-Musik und dergleichen wurden gerade geboren. In den Discotheken dürfte hauptsächlich noch "House" gespielt worden sein.

Ich bespreche heute zum ersten mal eine "ansich" deutsche Produktion. Warum "ansich"? Dazu später. Es ist eine Platte einer eigentlich typischen 80er Jahre Band, die immerhin 5 Jahre seit dem Erstlingswerk hatte verstreichen lassen, bis endlich 1990 die zweite LP erschien:

PROPAGANDA "1234".

Zur Vorgeschichte:

Wer meine Texte aufmerksam verfolgt hat (wovon ich mal ausgehe), hat festgestellt, dass ich Mitte der 80er ein Produzententeam namens Trevor Horn / Steven Lipson bevorzugt habe. Das ging 1979 los mit "The Buggles". Trevor sang damals selbst "Video killed the radio star". Das kennen Sie alle. Dann erfolgte ein kurzes Intermezzo bei "Yes" als 1980 "The Buggles" kompett zu der Band stießen. Horn versuchte auf der Platte "Yes - Drama" durchgehend wie Jon Anderson zu singen. Dann strich man wieder das Segel. Horn besann sich auf das Produzieren. Es erschien 1982 das Debut von "ABC". Doch erst Mitte der 80er schwamm Horn mit seinem Kollegen Lipson ganz oben mit. Man produzierte nicht geringere als "Frankie goes to Hollywood", "Grace Jones", "Simple Minds", Pet Shop Boys" und natürlich das grandiose Debut von "Propaganda".

1985 wanderten die Mitglieder der Band geschlossen von Düsseldorf nach Großbritannien aus und es erschien "A secred wish" und als Single "Dr. Mabuse", die mit der außergewöhnlichen Stimme von Claudia Brücken ein Welthit wurde. Und wer erinnert sich nicht an "Duel": "… face to face … the winners the losers…"? Bitte vergessen Sie nicht, dass hier im Prinzip "Made in Germany" draufsteht. Michaels Mertens und Ralf Dörper machten die Musik, Claudia sang und Susanne Freytag - ich sag' mal - rapte. Auch wenn das ganze in UK produziert wurde.

Nach endlosen Querelen, auf die ich nicht weiter eingehen will, wurde die Band 1990 völlig umbesetzt. Als Sängerin stieß Betsi Miller dazu. Ralf Dörper, der zu seinen alten Kumpels von den "Krupps" zurückkehrte und Susanne Freytag, der man noch ein "We miss you" auf das Cover ritzte, waren quasi nur noch am Rand beteiligt. Claudia Brücken verschwand wortlos und veröffentlichte ein nicht gerade überwältigendes Album, über das keiner redete und ich hier auch nicht. Dafür kam die komplette Rhythm-Section der "Simple Minds" zu "Propaganda": Brian McGee an den Drums und Derek Forbes am Bass. Hiermit wurde der Grundstein einer hochwertigen Rhythmbasis gelegt. An die Gitarren ließ man u. a. David Gilmour und Robbie McIntosh.

Der Sound:

"1234" ist mit dem Vorgänger "A secred wish" nicht zu vergleichen, dies nicht nur wegen des Weggangs von Claudia Brücken. Betsi Miller singt in völlig anderer Stimmlage. Der Sound ist auch ein anderer. Man ging weg von dem Computersound, der Mitte der 80er noch vorherrschte. Wie gesagt wird das Album von "echtem" Drum und Bass getragen. Zu den durch Michael Mertens getragenen Synthie-Sounds kommen Gitarre, Saxophone usw. dazu.

Auch auf die Produktion wird besonderer Wert gelegt. Am Werk waren hier Ian Stanley und Chris Hughes. Die Herrschaften kennt man bereits von "Tears für Fears". Hier stimmt einfach jeder Ton, bis ins kleinste Detail. Kaum eine Platte von den über 1.000, die ich besitze, die derart ausgefeilt und abwechslungsreich daherkommt und die ich nach 15 Jahren immer noch gut hören kann. Wie so oft lag genau hierin das Problem der nicht ausreichenden Würdigung dieser Platte durch das Publikum:

Die alten Propaganda-Fans von 1985 erwarteten (wenn überhaupt noch nach 5 Jahren) einen tanzbaren Nachfolger mit Schmeißern wie "Duel" und "Dr. Mabuse" und keine ausgefeilte insgesamt eher ruhigere Rock-Pop-LP zum Hinhörenmüssen. Propaganda war erwachsen geworden und die Leute, die dieser Musik eher aufgeschlossen gegenüberstanden, störten sich an dem alten Image. Was passierte also? Die beste Platte des Jahres verstaubte in den Läden. Ein Jammer. Hören Sie einmal rein. Die Musik hat auch heute nichts von ihrer Kraft verloren.

Die einzelnen Titel:

Vicious Circle

Der Opener kommt mit Grillengezirpe rein. Susanne Freytag erzählt oder rapt ihren Text, sozusagen als Hinweis auf die Herkunft. Doch dann kommt die Stimme von Betsi Miller, wie gesagt vollkommen anders als Claudia Brücken. Aber nicht minder schön. Glasklar trifft sie die Töne. Das Stück ist eher ruhig.

Heaven Give Me Words

Betsi singt, als wenn ihr Leben davon abhinge: Gefühlvoll und doch kräftig. Die Single-Auskopplung. Abgesehen von der Produktion legt Propaganda hiermit eine erstklassige Komposition vor.

Your Wildlife

Der Titel ist experimenteller und unterstreicht das Können von Michael Mertens. Das heutige Ohr stört sich vielleicht ein wenig an den seinerzeit modernen metallisch klingenden Drums. Ansonsten erkennt man die Entwicklung zum Drum'n'Bass. Das sehr lange Stück kommt zunächst instrumental daher. Es wird ein geradezu jazziger Klangteppich aufgebaut, bis Betsi anfängt zu singen.

Only One Word

Wieder ein klassischer Rock-Pop-Song, ebenso wie "Heaven Give Me Words". Das Gitarren-Solo spielt hörbar David Gilmour von Pink Floyd und am Bass Ex-Toto David Paton.

How Much Love

Der Titel trägt den Hörer in eine andere Welt. Ein Titel, der in Komposition und Produktion ebenso wie "Only One Word" das Zeug zum Single-Hit hat.

Vicious (Reprise)

nimmt das Thema des Openers noch mal auf. Ein kurzer Instrumetal-Titel.

Ministry Of Fear
Das überlange Instrumental-Stück, das nur eine Passage mit der Stimme von Susanne Freytag enthält zeigt das ganze Können der Band. Der Beat wechselt vom Langsamen zum Up-Tempo hin und her. Sphärische Synthesiser-Klänge und experimentelle Versatzstücke. Sehr schön ist das Bass-Solo von Pino Palladino.

Wound In My Heart

ist meiner Meinung nach die beste Komposition der Platte. Hierin könnte ein Welthit versteckt sein, den die Welt aber leider nicht beachtet hat. Man schmilzt dahin, wenn Betsi Miller singt:

"You've been just an early entry in my diary ... inside the book of the thousand …something is missing without you … a wound in my heart…"

La Carne La Morte E Ll Diavolo

Den Abschluss bildet noch ein Instrumentalstück.

Im Ergebnis der Einstieg in die 90er, was die Qualität angeht. Der Sound entwickelte sich in den Jahren danach dann anders. Aber wer weiß das schon am Anfang eines Jahrzehnts?

Cover:

Eine Büste, bei der jeder sich das denken kann, was er mag.

Die Meinung bezieht sich (bei mir erstmalig) auf die CD-Version.

Mongerbino will return ... in 1991.

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  • domery 02.09.2007 10:05
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • Kakerlaki 10.08.2007 12:39
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich
  • schutzengel 27.06.2007 13:38
    Bewertete diesen Bericht als
    besonders hilfreich

    spitzenbericht! aber wo erkennst du da eine büste???????? *kopfschiefstell* glg,anita

  • photoart 15.05.2007 22:20
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich

    guter bericht. lg TOM

  • mimimee 06.03.2007 19:09
    Bewertete diesen Bericht als
    sehr hilfreich

    das soll eine büste sein??? sieht eher wie zwei behaarte männerbeine aus :-) lg jenny

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