The Last Chapter...
10.12.2003
Pro:
Johnny Cashs Stimme, sehr ruhige, besinnliche Songs, viele Songs, Gaststars, Coverversionen die sich sehen lassen können
Kontra:
die Stimme von Hank Williams
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 helden_gesucht
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:295
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 49 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Vorwort ====== Also heute lernt ihr mal etwas meine ruhige Seite kennen. Irgendwann, ich weiß nicht mehr ganz genau, wann das war, habe ich im Fernsehen bei VIVA oder MTV, auch das weiß ich nicht mehr ganz genau, diesen Videoclip gesehen. Ich sah einen ziemlich alten Mann, welcher einen langsamen Song sang, aber mit welcher Stimme. Mit welcher überaus traurigen Stimme hat dieser alte Mann dort sein Liedchen gesungen. Der Song hat mich ziemlich stark berührt. Ausdrucksstärker habe ich bisher keinen Song erlebt. Nicht mehr lange und ich hätte geheult. Der Künstler ========= Johnny Cash wurde 1932 in Nashville geboren. 1955 rückte er bei Sun-Chef Sam Phillips ein und bekam einen Plattenvertrag. Einer seiner größten Verehrer war Elvis Presley, welcher ihn regelrecht vergötterte. Anfang der 60er beginnt seine ca. neunjährige Alkohol- und Drogenkarriere: Um über 300 Auftritten im Jahr körperlich Herr zu werden, schluckt Johnny Amphetamine wie andere Leute Traubenzucker. 1963 verlässt er seine Familie und zieht nach New York, um dort mit dem Gesetz in Schwierigkeiten zu geraten. Cash schmuggelte Pillen in seinem Gitarrenkoffer über die mexikanische Grenze und legt im Rausch ein mittelgroßes Feuer, was einen stattlichen Waldbrand zur Folge hatte. Erst mit dem Entdecken der Bibel und der Hochzeit mit June Carter, die mit ihm den Welthit "Ring of Fire" komponiert, gelangt Cash wieder auf die rechte Bahn. Ab Ende der 60er Jahre hatte er seine kreativste Phase. In den 70ern meistert er auf ABC seine eigene Fernsehshow, tritt trotz regierungskritischer Meinung (Vietnam-Krieg) im Weißen Haus für Präsident Richard Nixon auf und veröffentlicht seine Autobiographie, die zum Bestseller wird. Doch dann sinkt sein Stern schnell, erst in den 90ern feiert er ein Comeback. Am Abend des 15. Mai verstirbt Johnnys Ehefrau June Carter Cash im Alter von 73 Jahren im Baptist Hospital in Nashville an den Folgen einer Herzklappen-Operation. Am 12. September 2003 verstirbt Johnny Cash in einem Krankenhaus in Nashville an den Folgen seiner Diabetes.
Das Album ======== Das neuste und auch leider letzte Album von Johnny Cash heißt „American IV - The Man Comes Around“ .Das Cover ist denkbar einfach, aber auch stimmungsvoll gehalten. Schwarzer Hintergrund und das Gesicht des alten großen Mannes, das erhaben in der Dunkelheit ruht. Sein Haupt ist demütig nach unten gerichtet, als würde er irgendetwas bereuen. Auf der Rückseite wie immer die Tracklist und ein kleiner Einblick in irgendein Zimmer. Als einziges stört die weiße, riesige Schrift auf dem Cover... man weiß ja schließlich, wenn man die Scheibe in der Hand hat, dass sie von Johnny Cash ist... Tracklist =======- 1 The Man Comes Around
- 2 Hurt
- 3 Give My Love To Rose
- 4 Bridge Over Trouble Water
- 5 I Hung My Head
- 6 First Time Ever I Saw Your Face
- 7 Personal Jesus
- 8 In My Life
- 9 Sam Hall
- 10 Danny Boy
- 11 Desperado
- 12 I’m So Lonesome I Could Cry
- 13 Tear Stained Letter
- 14 Streets Of Laredo
- 15 We’ll Meet Again
…und die Tracks im Einzelnen ======================= > The Man Comes Around < - Eine Radioansage von Cash eröffnet den Song, der von der ersten Minute an sehr lebendig ist und diesen gewissen Cowboy-Charakter hat. Cash steigert sich hinein in einen furiosen Refrain, seine Stimme scheint sich die Kraft über die phrasierten Anschläge an der Accousticgitarre zurück zu holen. Ein genialer Auftakt. (5/5) -> (4:31)> Hurt < - So… gleich der zweite Song ist der eigentliche Hammersong der CD. Diesen Song sah ich als Video. Heute kann ich nur sagen: Schade, dass der nicht öfters läuft. (Nein, da laufen ja die ganzen Popscheißer... naja egal) Im Original von den Nine Inch Nails schafft es Cash den Song für seine Zwecke behutsam zu entfremden. Anfangs noch recht ruhig steigert sich der Song zu einem immensen Crescendo, das am Ende des zweiten Refrains völlig außer Kontrolle gerät. Diesen Song sollte man am besten selbst gehört haben. Als Cash am Ende im tiefsten Bariton zur selbstreflexiven Frage "What have I become?" ansetzt, wagt man nicht zu glauben, dass diese Zeilen von einem 28-jährigen Jungspund verfasst wurden. Der Song klingt durch und durch reif und erfahren – eben typisch Johnny Cash! (5/5) -> (3:36)
> Give My Love To Rose < - Nun folgt ein typischer Country-Sound. Ohne Schlagzeuguntermalung wie der Rest der Platte wirkt der Song musikalisch zwar etwas unterbesetzt und schwach, aber dafür besticht Cash mit seiner Stimme abermals. Wenn man einen Song noch ruhiger gestalten wollte, müsste man Akapella singen. (5/5) -> (3:30) > Bridge Over Trouble Water < - Paul Simons “Bridge Over Trouble Water” musste hier dran glauben und wurde kräftig überarbeitet durch Cash, welcher sich für diesen Song Unterstützung von Fiona Apple geholt hat. Stimmgewaltig wie eh und je geht es zu Werke. Wieder wurden nur Gitarre und Klavier zur Begleitung verwendet. (5/5) -> (3:59)
> I Hung My Head < - „Hung My Head“ verbreitet diesen typischen Charakter eines Lonesome Riders. Immer auf dem Sprung, nicht wissen wo man morgen ist, geächtet bis zum Tod. Man kann kaum glauben, dass das Original von Sting ist. Es klingt fast so, als hätte er es direkt für dieses Album und für Cash geschrieben. Das Ende ist sehr schön und versöhnlich. (5/5) -> (3:53) > The First Time I Ever Saw Your Face < - Sehr, sehr ruhige beginnt das Klavier im Hintergrund zu brummen. Dann schwingt Johnnys Stimme mit. Beide bilden eine perfekte Symbiose. Dominierend ist der Kirchenmusikcharakter, welcher besonders dadurch aufkommt, da im Hintergrund plötzlich stark anschwellende Orgelklänge zu hören sind. (5/5) -> (3:25)
> Personal Jesus < - Dieser Song wird vielen bekannt vorkommen. Diesen Song hat Johnny Cash gecovert. Das Original ist von Depeche Mode. Unverkennbar ist das Riff, welches auf der Accousticgitarre nicht so stark rüberkommt. Es klingt wie eine unplugged-Version und gerade das macht den Charakter so unverkennbar. Die Stimme Cashs passt wie immer klasse zum Song. Wer hätte gedacht, dass der alte Mann noch so rocken kann? (5/5) -> (3:25) > In My Life < - Wieder ein sehr ruhiger Song. Eine einfache Gitarrenbegleitung und ab und zu auch Klaviertöne begleiten den alten Mann des Country durch den Track. Sehr monoton und einfach wirkt der Song, aber auch sehr beruhigend durch die ruhig, sanfte und dunkle Stimme von Johnny Cash. Die Kreativität des grauen Mannes kennte wohl keine Grenzen, denn wird würde bei solchen Klängen glauben, dass es sich um eine Beatles-Coverversion handelt? (5/5) -> (2:55)
> Sam Hall < - Ein richtiger Cowboy-Song schließt sich an die vorhergehende Ballade an. Fast schon freudig und lebensfroh erscheint dieser Track. Außerdem stammt dieser Track direkt aus dem Wilden Westen. Wenn man den alten Mann zu diesen Salonklängen singen hört, dann möchte man einfach sein Tanzbein schwingen. (5/5) -> (2:43) > Danny Boy < - „Danny Boy“ ist unverkennbar im beliebten Gospelcharakter von Johnny Cash gehalten. Fast grabesruhig erklingt dieser Song. Herzzerreißend gibt der alte Mann alles, was er an Herzlichkeit noch in sich trägt. Untermalt wird alles von Orgelklängen, die stark an ein Weihnachtslied erinnern, doch das passt ja auch irgendwie. (5/5) -> (3:21)
> Desperado < - Im Gegensatz zum harten und wilden Charakter des Titels, ist der Song dazu eher wie der Rest ruhig gehalten. Eine nette tragend Melodie ergreift den Hörer gleich zu Beginn des Songs und lässt einen nicht eher wieder los, bis das letzte Wort gesungen ist. Es ist ein typischer Country-Song. Fiona Apple unterstürzt die tiefe Bassstimme Cashs mit ihrem hellen Sopran. (5/5) -> (3:14) > I’m So Lonesome I Could Cry < - Hank Williams und Johnny Cash huldigen dem Country auch wieder in diesem Song. Allerdings muss ich sagen, die Stimme von Williams klingt viel zu überzogen und als wäre er besoffen. Das schadet dem Song ganz eindeutig, da es schon ziemlich verwirrt. Das Instrumental im Song selbst ist allerdings mehr als harmonisch und stimmungstechnisch gelungen. Einziges Kontra ist die Stimme Williams’. (4/5) -> (3:05)
> Tear Stained Letter < - Jetzt geht Johnny aber richtig ab. Natürlich nicht so, wie etwa eine norwegische Blackmetalband, aber für seine Verhältnisse und man bedenke, der Mann war 70 (!) ist das ganz beachtlich. Zu Klavier und Gitarre möchte man sofort sein Tanzbein schwingen, ja wenn man tanzen könnte... (5/5) -> (3:43) > Streets Of Laredo < - Schon der Titel spricht eigentlich für einen ruhigen Charakter und man wird nicht enttäuscht. Der alte Cowboy erzählt aus seiner Jugend wie er den ersten Cowboy traf. Wieder die gewohnte Begleitung aus Gitarre und Klavier. (5/5) -> (3:34)
> We’ll Meet Again < - Zum Abschluss eine zuversichtliche und optimistische Nummer, welche den Wunsch beim Hörer weckt: „Schade das es das letzte Mal war.“ Schade, dass der Man In Black schon jetzt von uns gehen musste. Auf diesem Hintergrund wirkt der Song etwas ironisch und unwirklich. Auch hier ist wieder viel Groove und Gospel in der Melodie. Ein Abschiedschor verabschiedet den Hörer mit den Worten: „We’ll Meet Again...“ (5/5) -> (3:02) Fazit ==== „The Man Comes Around“ ist ein geniales Album und ich kann es jedem nur empfehlen. Gut, man sollte es distanziert sehen. Musikalisch und stimmtechnisch ist es top, jedoch auch sehr einseitig, weil der große, alte Mann nun mal etwas für Country übrig hatte und deswegen seine Songs auch eher langsamer Natur sind. Aber Langsame Song sind doch auch okay, oder? Gerade jetzt zur besinnlichen Weihnachtszeit, da brauch man wenigstens nicht immer die alten Weihnachtsschinken hören wie „Last Christmas“, was mir persönlich zum Halse raushängt. Nein, dann doch lieber die letzte Platte von Johnny Cash, einem großen Mann, der sich den amerikanischen Traum erfüllte und ihn lebte. Leider ist er verstorben. In dem Sinne R.I.P. Johnny...
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08.01.2004 14:40
Wow HAMMER Bericht.. Ausführlicher ging es wohl garnicht mehr.. weiter so.. mfg En'
04.01.2004 22:32
PS: Nick Cave ist toll... ;)
04.01.2004 22:31
Kleiner (?) Faktendreher: "I'm so lonesome I could cry" ist von Hank Williams gecovert, Cash singt im Duett mit Nich Cave. Aber wo ich mal so dabei bin, empfehl ich dir hiermit: Besorg dir ein Hank Williams Best Of; gibt's mittlerweile auf Grabbeltischen für um die 5 Euro und bietet Hits, Hits, Hits von dem ersten Mann, der den Rock'n'Roll Spirit "Live fast, die young" gelebt hat... MfG I...Loaded_Raft