In Memoriam 10cc
11.10.2006
Pro:
Umfassende Kompilation einer Band, der heute leider nur noch wenig Beachtung geschenkt wird
Kontra:
Nichts - sofern man sich mit dem nicht immer leicht zugänglichen Stil anfreunden kann
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 Milsch
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:192
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 108 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Erwähnt man heute gegenüber jüngeren Semestern die Band 10cc, so kann man ziemlich sicher davon ausgehen, erstmal in leere Augen zu blicken. Wenn es gut läuft, erinnert sich der Gesprächspartner noch so eben an "Dreadlock Holiday", läuft ja auch ab und an im Radio - aber wie ging das noch gleich? Kaum eine erfolgreiche Band der 70er Jahre ist so stark in Vergessenheit geraten wie diese. Und erfolgreich waren 10cc nun wirklich: immerhin 11 Top-Ten-Singles innerhalb von 6 Jahren haben sie in Großbritannien erreicht, darunter dreimal die Nummer 1. Dabei sollte man nicht übersehen, dass man seinerzeit Chartplatzierungen noch nicht so einfach mit einem cleveren Marketing und einer teuren Castingshow "machen" konnte wie heute. Drei Nummer-1-Singles in England waren eine starke Leistung, mehr haben Superstars wie beispielsweise Queen oder Elton John auch nicht geschafft - und das bei bedeutend länger dauernden Karrieren: 10cc verbuchten alle großen Erfolge zwischen 1972 und 1978, im Jahre 1983 löste sich die Gruppe endgültig auf.
Die vorliegende Kompilation enthält neben einer vollständigen Chronologie der Top-Ten-Plazierungen zwei weitere Singles, einen Albumtrack, die Hitsingle "Neanderthal Man" von den Hotlegs - jener Band, aus der 10cc hervorgingen - sowie 3 Titel von Godley & Creme, jenen beiden Gründungsmitgliedern, die 1976 die Band verließen und als Duo weitermachten. Insgesamt ist das ein hervorragender Einstieg in das Werk von 10cc und auch ein interessanter Blick über den Tellerrand. Doch von den vielen Charthits sollte man sich nicht täuschen lassen: leichte Kost und middle-of-the-road sind hier eher nicht zu erwarten. 10cc standen immer für hochklassige, aber auch etwas schwerer zugängliche Popmusik. Wer sich darauf einlassen mag, der wird vielleicht ein paar großartige zeitlose Perlen unter ihren Songs entdecken. ▫▫♪▫▫♫▫▫♪▫▫
Was bedeutet denn die Charakterisierung "schwerer zugänglich"? In erster Linie heißt das, dass 10cc bei ihren Kompositionen alle musikalischen Register zogen. Bassist Graham Gouldman war ein begnadeter Songwriter, der sich bereits in den 60ern einen Namen gemacht hatte mit Songs wie beispielsweise "Bus Stop" (The Hollies) oder "No Milk Today" (Herman's Hermits). Gouldman war sich darüber klar, dass es zwölf Töne für die Melodie und zahllose Akkorde für die Harmonien gab. Während sich klassische Rock- und Popsongs auf den 8 Tönen ihrer Tonart und den üblichen 3-4 Akkorden über der Tonika bewegten, nutzte Gouldman sein Spektrum oft voll aus. Um es noch etwas spannender zu machen, tendierten 10cc dazu, sich zwar am klassischen Aufbau Strophe-Bridge-Refrain zu orientieren, zwischen diesen 3 Elementen jedoch mit Vorliebe neben Harmonie- auch Tempiwechsel vorzunehmen. Bevorzugt wurde in der Bridge der Rhythmus ganz ausgesetzt und stattdessen eine mehrstimmige Chorpassage eingefügt. Überhaupt wurden die Backgroundgesänge, vor allem deren Tonlagen, im Verlauf eines Stückes gerne mehrfach variiert.
Dass das Ergebnis weder nach experimenteller Zwölftonmusik noch nach Kraut & Rüben klang, das war die meisterhafte Leistung dieser Band. Bei allen Improvisationen und Variationen innerhalb der üblichen 3-4 Minuten, die ein Popsong eben dauert, blieben die Stücke doch erstaunlich stimmig und in sich geschlossen, da stilistische Wagnisse häufig (nicht immer) subtil und dosiert eingesetzt wurden. Und waren die Titel auch beim Hören zunächst nicht besonders eingängig, so gab es doch meist eine Passage, an die man sich auf Anhieb erinnerte und die als charakteristisch für ein Stück erkannt wurde. Nur so konnten die komplexen Werke überhaupt in den Charts erfolgreich sein. Die vorstehende Erläuterung des ganz spezifischen Stils, den 10cc pflegten, mag manchem sehr ausschweifend oder zu fachlich erscheinen. Doch wenn das musikalische Prinzip klar ist, ersparen wir uns 18 ausgedehnte Trackreviews, die ansonsten für jedes dieser Unikate notwendig wären. So können wir uns nachfolgend an den für 10cc typischen Elementen durch das Œuvre der Band hangeln.
▫▫♪▫▫♫▫▫♪▫▫ Schon die erste Hitsingle "Donna" lässt die augenzwinkernde Genialität der Gruppe erkennen. Gewagt negieren 10cc die Entwicklung der modernen Popmusik von Chuck Berry über Elvis bis hin zu Beatles und Stones und debüttieren mit einem schmalzigen Tanzflächenschwoof im zuckrigen Stil der 50er Jahre. Dies jedoch nur vordergründig, denn der Song ist eine freche Parodie, zu erkennen sowohl am Arrangement mit einem Wechsel aus übertrieben kopfiger Fistelstimme und finsterstem Bass als auch am überzogen dämlichen Text: "You make me stand up, you make me sit down" - Hauptsache, "I love you" kommt ganz oft vor.
Das Publikum stand drauf, und die Single schaffte es bis auf den 2. Platz in UK. Die erste Nummer 1 ließ dann mit "Rubber Bullets" nicht lange auf sich warten, und der Titel war noch ein Stück ungewöhnlicher: wer nennt ein Lied schon "Hartgummigeschosse" und singt über wilde Tanzparties im örtlichen Strafvollzug? "Rubber Bullets" ist ein forscher Rock'n'Roll und hat durchaus Ohrwurmqualitäten, weist aber mit über 15 verschiedenen Akkorden und dem obligatorischen Rhythmuswechsel in der Bridge durchaus die eingangs erläuterte Komplexität auf. Das Stück zählt bis heute zu den Markenzeichen von 10cc. Beflügelt durch die ersten Erfolge, forcierten 10cc die eigenwilligen Elemente ihrer Musik auch in den folgenden Veröffentlichungen. "The Dean And I" und "The Wall Street Shuffle" tendieren phasenweise schon eher zum Musical als zum Popsong: die geballte Kombination wechselhafter Melodien, Harmonien und Rhythmen in Verbindung mit ausgefeilten Vocals machten aus diesen Stücken kleine Meisterwerke, die jedoch nicht mehr unbedingt radiotauglicher Pop waren. Immer aber wurden versöhnliche Elemente wie beispielsweise das simple Gitarrenriff vom "Wall Street Shuffle" eingefügt.
Mit der über 8 Minuten dauernden Drei-Satz-Suite "Une Nuit A Paris" und der schon etwas anstrengenden, hektischen Single "Life Is A Minestrone" trieben 10cc ihr Musikkonzept auf die Spitze. Danach war es Zeit, den Stil zu überdenken. Für die folgende Single wurden Gitarre, Bass und Schlagzeug in den Keller geräumt und die Keyboards rausgekramt. Mit der erstaunlich zahmen Ballade "I'm Not In Love" schaffte man auch in den USA den Durchbruch. Der Song ist einigermaßen sparsam arrangiert und lebt in erster Linie von der wunderschönen Melodie. Doch 10cc verfielen nicht der Versuchung, fortan nur noch für den Massengeschmack zu produzieren, das machte schon der knochentrockene, rockige Nachfolger "Art For Art's Sake" deutlich, in dem wir alle klassischen 10cc-Elemente wiederfinden. Und wer sich die Mühe macht, im folgenden "I'm Mandy, Fly Me" alle Tempi-, Harmonie- und Instrumentenwechsel mitzuzählen, wird schnell feststellen, dass dies mit Abstand die komplexeste Veröffentlichung der Band ist - wenn auch nicht unbedingt ihre beste.
Mittlerweile waren 3 Jahre vergangen, als Godley und Creme 1976 beschlossen, die Gruppe zu verlassen und eigene Projekte voranzutreiben. Da Komponist Gouldman noch an Bord war, bedeutete dies keineswegs das Ende der Erfolgsstory, im Gegenteil: das nächste Album "Deceptive Bends" wurde der kommerziell erfolgreichste Longplayer der Gruppe. Die Auskopplung "Good Morning Judge" ist einer meiner Favoriten von 10cc, eine rotzig-schwungvolle Up-Tempo-Nummer mit amerikanischem Einschlag, wie wir das von den schnelleren Eagles-Songs kennen. Bekannter wurde freilich der harmlose Poptitel "The Things We Do For Love". Der wohl größte Erfolg von 10cc war auch zugleich ihr letzter: "Dreadlock Holiday". Hier versuchte sich die Band erfolgreich daran, Pop und Reggae verträglich zu mischen. Wie eingangs berichtet, ist das eigentlich der einzige 10cc-Song, der heute noch regelmäßig im Radio zu hören ist - vielleicht neben "I'm Not In Love", der jedoch bevorzugt in einer der zahlreichen Coverversionen abgespielt wird. Und damit haben wir den ganzen Spannungsbogen der Bandgeschichte abgearbeitet.
Die Zusatztracks von den Hotlegs sowie Godley & Creme dürften allenfalls für Fans interessant sein. Godley & Creme konnten nicht wirklich große musikalische Leistungen vollbringen, selbst ihr Charthit "Cry" zeichnete sich eher durch ein cleveres Video denn durch akustische Vorzüge aus. Konsequent verlegten sich die gelernten Grafikdesigner künftig eher auf ihre visuellen Qualitäten und produzierten Musikvideos. Interessanter wäre es da gewesen, die weiteren Aktivitäten des Songwriters Gouldman zu verfolgen, der mit "Wax" noch ein ganz interessantes Projekt hatte und immerhin zwei Achtungserfolge produzierte, "Right Between The Eyes" und "Bridge To Your Heart". Man kann freilich nicht alles auf so eine CD packen, und mit der vorliegenden Zusammenstellung einer wirklich großartigen Band darf man sicherlich mehr als zufrieden sein.
▫▫♪▫▫♫▫▫♪▫▫ Meiner Ansicht nach kommt man an 10cc nicht vorbei, wenn man qualifiziert über die Musik der 70er Jahre mitreden möchte. Das soll aber nicht heißen, dass diese Kompilation eine nervige Pflichtübung für selbsternannte Musikexperten darstellt, denn die Musik der Truppe macht ja auch wirklich Spaß und hält mehrere große Kompositionen bereit, die nicht unbedingt zum Allgemeingut der Popmusik zählen.
Doch leicht verdaulich ist das wie gesagt nicht immer. Wer belanglose Backgroundmusik sucht, ist hier garantiert falsch - vorheriges Reinhören sei deshalb unbedingt empfohlen. Tracks ====== Donna Rubber Bullets The Dean & I The Wall Street Shuffle Silly Love Life Is A Minestrone Une Nuit A Paris I'm Not In Love Art For Art's Sake I'm Mandy, Fly Me The Things We Do For Love Good Morning Judge Dreadlock Holiday People in Love Under Your Thumb [Godley & Creme] Wedding Bells [Godley & Creme] Cry [Godley & Creme] Neatherthal Man [Hotlegs]
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29.12.2007 18:55
In der Zeit meiner DJ-Tätigkeit war I'm not in Love der Schmusehit. Auch heute höre ich ihn gern über Kopfhörer, aber dann VOLL LAUT! Good Morning Judge muss ich mal im Internet suchen, den fand ich auch gut! Die CD brauchts dann aber eher nicht Gruß Börsenfeger
25.11.2007 02:19
Stimme rundum zu - und freue mich, hier nach langer Abstinenz immer noch solche Beiträge zu finden. Vielleicht sollte ich ja doch mal wieder häufiger auf der Plattform vorbeischauen...
22.10.2006 11:36
Ich gehöre zu den jüngeren Semestern welche die Band 10cc nicht kennen ;)