For Sentimental Reasons ...
11.06.2000
Pro:
Musik für leicht melancholische Momente
Kontra:
Wen die Götter lieben . . . Chet Baker verstarb vor seiner Zeit
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 14 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Geneigter Leser, kennst Du sie - jene Abende, an denen es scheint, es sei schon "früh sehr spät geworden"? Die erste Stunde eines neuen Tages verfliegt schneller als alle Stunden, die man bereits vor Mitternacht beim Wirt des Vertrauens zugebracht ... und der letzte Whisky hält nicht das, was das erste Bier versprochen hat? Die Rolläden sind bereits herabgelassen, die Kellnerin hat die Stühle auf den Tisch gestellt, im Halbschatten stehen einige letzte Getreue am Tresen ... der Wirt sagt "So, ich darf dann auch bei Euch mal abrechnen - das heißt aber nicht, dass es nichts mehr zu trinken gibt ..."
Man lässt die vergangene Woche Revue passieren ... oder das ganze bisherige Leben ... die Luft ist geschwängert von Zigarettenrauch - und plötzlich ist da diese Stimme. Was nur ist es, das mich Zuhören macht, wenn diese Stimme singt?
Sicherlich nicht die Qualitäten von Chet Baker als Sänger - denn es wäre gewagt, wollte man Baker als begnadeten oder auch nur begabten Sänger bezeichnen. Und doch ist für mich, und mit dieser Ansicht bin ich sicherlich nicht allein, seine Version von "My Funny Valentine" das, was ich gern als "amtliche Version" bezeichne. Als "sweet" und "innocent" wird Bakers Stimme oft beschrieben - und es fällt mir schwer, passendere Begriffe zu finden.
Eine liebe alte Freundin von mir bat mich beizeiten, ihr einen Text von Tom Waits ins Deutsche zu übertragen - ohnehin kein leichtes Unterfangen, das im fraglichen Falle noch dadurch erschwert wurde, dass Herr Waits während des Zeitraums, über den sich die Aufnahme der fraglichen LP erstreckt hatte, offenbar beschlossen hatte, dass auch ein Aufnahmestudio einer der Orte sei, die man am besten durch den Boden eines Glases betrachtet. Nachdem der genaue Wortlaut einiger Textpassagen mir, auch nach wiederholtem Hören, zu "dunkel" erschien, als dass ich dem Wunsch nach genauer Übersetzung hätte nachkommen können (selbst die Verabreichung von Alkohol an den Übersetzer, in vielen anderen Fällen ein durchaus probates Mittel, trug nicht sonderlich zum Gelingen bei), wand ich mich aus der Affäre, indem ich die fragliche Dame mit der Auskunft beschied, Texte von Tom Waits müsse man doch schließlich auch gar nicht übersetzen (geschweige denn wortgetreu), um zu wissen, wovon der Mann da singe.
Chet Bakers Art des Vortrages macht zwar die Übersetzung der Texte, die er singt, zu einem leichten Unterfangen - aber auch in diesem Falle gilt: "I fall in love too easily" - "I get along without you very well" ... wenn Chet Baker Songs von enttäuschter Liebe anstimmt, dann sind Englischkenntnisse nicht unbedingt vonnöten, um zu erahnen, wovon diese Stimme da singt. Und das auf eine unverkennbare Weise, die auf sonderbare Weise nahelezulegen scheint, dass auch das schlimmste Herzeleid eigentlich nicht besonders wichtig ist ... möglich, dass es nicht zuletzt diese Koketterie, diese ironische Distanz ist, die den Jazz generell auszeichnet - und die auch Songs von Chet Baker zu einem bewährten Mittel bei Weltschmerz jeder Art machen. Zumindest für Zeitgenossen, die, wenn sie schon beschlossen haben, der Neigung nachzugeben, sich einen Abend lang ein ganz klitzkleines bisschen leid zu tun, dies wenigstens mit "sophistication" zu tun gedenken.
"So", sagt der Wirt des Vertrauens, "und jetzt geh'n wir mal alle nach Hause". Spricht's, sammelt die Gläser ein und tut damit unmissverständlich kund, dass nun tatsächlich keine weitere Runde mehr zu erhoffen ist. "Sag' mal", entgegne ich, "was lief denn da eigentlich die ganze letzte Stunde für schöne Musik im Hintergrund? Diese Stimme ... kenne ich doch irgendwie ...?" Karl greift ins Regal und drückt mir "The Best of Chet Baker Sings" die Hand: "Bring' die die Tage mal wieder zurück."
In memoriam Chet Baker und meine alte Stammkneipe ... ;-)
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15.05.2006 13:46
Ein netter Text, für mich zu wenig wirkliche "facts", vielleicht weil ich Chet Baker als "Gesamtkunstwerk "sehe und der Vergleich mit Tom Waits, sowohl was die Phrasierung und Intonation als auch den musikalische Horizont betrifft,etwas hinkt.
11.05.2002 12:20
Ein sehr schöner, poetischer Text. Vielleicht eine Spur zuviel Tom Waits. Ich bleibe lieber bei Chet Baker.
21.02.2002 23:43
Ohhhh ....