mein abend mit cesaria
30.03.2004
Pro:
melancholisch und schwermütig
Kontra:
-
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 steven_cuba
Über sich:
Mitglied seit:05.08.2002
Erfahrungsberichte:60
Vertrauende:9
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 29 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
jetzt wirds poetisch . . . lol es ist Ende Juli 2003. Ich komme abends um 22.30 von meinem Job in einer sehr unseriösen videothek zurück und bin erschöpft. 6 stunden bei knappen 40 Grad Videos zu verleihen ist anstrengender als man sich vorstellt. ich will nur noch meine ruhe und tot umfallen. als ich mich aufs bett setze und nur noch fernsehen will fällt mein blick auf mein cd-regal und irgendwas drängt mich dazu, eine bestimmte CD herauszusuchen. Irgendwas tief in mir verlangt nach der tiefen einmaligen Stimme mit dem kapverdischen Akzent. Ich hole die CD von der grande dame der Kapverden Cesaria Evora und lege sie in den CD-Player. Eine innere Ruhe überkommt mich als sie das erste Lied <Flor di nha esperanza> (Traum meiner Hoffung) anstimmt. Ich setzte mich wieder un mache das Licht aus. Mein Rücken ist noch schweißnaß, daran ändert auch das offene Fenster nichts. Ich sitze nur da und höre zu.
Inzwischen ist Cesaria bei< vaquinha mansa> angelangt und singt das traditionelle brasilianische Lied über eine "kleine nette Kuh". Ich sizte noch immer unbewegt da und höre der tiefen, gefühlvollen, aber dabei merkwürdigen Stimme der alten Dame zu. Ich sehe sie fast vor mir wie sie alt, übergewichtig und barfüß auf der Bühne sitzt und dennoch auf ihre Weise schön wirkt. Bei <amor di mundi> angekommen setzen sich die cubanischen Musiker durch und geben dem Lied einen klassisch-cubanischen Sound, der von Cesarias kapverdischen Portugiesisch getragen wird. Nun kann ich mich doch durchringen aufzustehen und mit dem Lied im Ohr gehe ich zum Kühlschrank und hole eiskalten cubanischen Kaffee in einem halben-liter-glas aus dem Kühlschrank, der so süß ist, dass jeder normale Mensch einen Zuckerschock bekommen würde.
Zurück in meinem stickigen, heißen Zimmer liege ich auf dem Bett. Der Mond scheint durchs Fenster, ein Zweig meiner Palmen fällt ständig in mein Glas, Barbarito Diez und Haila Mompié beobachten mich von der Wand aus und Che Guevara wird auf seinem 5-Peso-Schein von Mondlicht wie eine Madonna angestrahlt.Cesaria ist inzwischen bei <paraiso di atlantico> und <sorte> angelangt, wobei mir deutlicher als je zuvor das afrikanische an ihrer unglaublicher Musik auffällt, kein Wunder - sind doch die Kapverden die afrikanische Variante von Cuba. Sie singt nun <carnaval de São Vicente> und auch wenn das Lied keineswegs traurig ist, frage ich mich warum kapverdische Musik diese unglaubliche melancholie bei mir auslöst. Es fährt einem durch alle Knochen und man wird ruhig, traurig und melancholisch - so als vermisse man die Kapverden auch wenn man nie dort war.
Bei <desilusao dum amdjer> hat mein Geist meinen Körper schon wieder verlassen ;-), und sehe vor mir Cesarias Heimatinsel São Vicente, die Sonne geht unter, es riecht nach Meer, alles ganz friedlich auf "den vergessenen Insel" und ganz wirklich scheint es oft so als hätte die Welt die Kapverden vergessen... Während meiner kurzen "Trance" singt sich Cesaria von <nho antone escaderode" über <bejo de longe> hin zu <roma criola>, die sich alle musikalisch ähneln - ruhig, magisch, kapverdisch - wobei <bejo de longe> cubansicher klingt als die anderen beiden, die eher brasilianisch inspiriert sind.
Erst bei <persequida> komme ich wieder zu mir, da mich das Lied seltsamerweise immer an den cubanischen Oldie "drume negrita" erinnert, auch wenn beide weder musikalisch noch inhaltlich viel gemeinsam haben..... Mein Kaffee ist leer, mir ist heiß und mein t-shirt kleppt - ich gehe samt CD ins Bad und höre dort den Klassiker <Maria Elena> während ich unter der Dusche stehe und mich frage, welche Drogen ich zur Hölle konsumiert habe, aber alles nur wegen Cesaria. . . Noch während ich mich abtrockne beginnt mi mulata mit <cabo verde mandá manténha>, was nach meinem portugiesisch soviel heisst wie die Kapverden schicken Grüße und klingt wie cubanische Musik aus den 40er Jahren, als der Chachacha noch jung war und die ganze lateinamericanische Welt Pérez Prado für seinen Mambo anhimmelte.
Als ich mit der Zahnbürste zurück in mein Zimmer gehe beendet Cesaria gerade das Schlußlied terenzinha und ich bin noch immer hin und weg. sie klingt richtig weinerlich und schwermütig und für mich steht fest: jetzt kommt meine andere Cesaria Evora CD "cabo verde" in den CD-Player das war meine Liebeserklärung an Cesaria Evora. Noch etwas zur CD: Sie enthält 14 Titel - alle auf portugiesisch gesungen und meist Klassiker aus alter Zeit. Wer ruhe afrocubanische Musik, Faro oder Bossa Nova mag, der wird "café atlántico" lieben.
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13.05.2004 16:51
Unglaublich, Du hörtst wirklich die gleiche Musik wie ich. Ich bin auf Cesaria gestoßen, als sie mit einer polnischen Sängerin (Kayah) gesungen hat und dadurch in Polen bekannt war. Ich mag die Musik, ich mag Cesaria und ich mag die Art und Weise wie Du darüber schreibst. Sehr poetisch! Vielen Dank!!! Liebe Grüße, Gosita
31.03.2004 00:29
Von der Sängerin habe ich bis zu Deinem Bericht noch nie was gehört. LG von Joachim
31.03.2004 00:03
so wie du die Musik beschreibst, glaube ich das Evora nix für mich wäre. Vielleicht zehn Minuten, aber dann wirds eng,-)) --- dennoch, ein toller Bericht ----- Gruss vom Sepp-dem-Hörer