Eric Prydz & "Call on me" - die ganze Wahrheit
17.01.2005
Pro:
"Prof . Dr . " Steve Winwood . . .
Kontra:
. . . vs . "Nachhilfeschüler" Eric Prydz
Empfehlenswert:
Nein
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
Häufigkeit der Nutzung
Dieser Tonträger ist:
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Über sich:
We walk blind and we try to see: falling behind in what could be (Steve Winwood).
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Salvete! 2004 – das war ein Jahr der Superlative. Von der „Superverarsche“ Hartz IV war da zu lesen und zu hören, leider eben auch von der Super- bzw. Jahrhundertflut (Moment! So traurig es ist – 2002 wurde das auch schon an Elbe und Oder gerufen. Und bedenkt – es sind auch erst vier Jahre und ein paar Tage vergangen. Kühler wird es nämlich nicht.) Nun denn: Im Oktober 2004 kam auch ein Musikvideo mit dezenter Klanguntermalung auf den Markt, daß vorwiegend jungen, ledigen Männern Begeisterungsbekundungen von „Supergeil“ über „Superscharf“ bis „Superkörper“ entlockte. Der dazu passende Song hieß „Call on me“ und kam von DJ Eric Prydz. Den entsprechenden Klingelton für das Mobiltelephon konnte man bei den einschlägig bekannten Firmen wohlfeil erwerben – mit etwas Glück gab es sogar ein Abo hinterher, daß man eigentlich gar nicht gewollt hatte. Auch in den Charts erreicht „Call on me“ ungeahnte Höhen. 8, 9 Wochen stand es an der Spitze der Charts und selbst Viva konnte schließlich nicht umhin, die Wirkung des Videos (nicht des Songs) süffisant grinsend kommentieren zu lassen. Inzwischen hat sich der Sturm wieder etwas gelegt – „Call on me“ ist in den Hitparaden leicht abgeglitten und wird wohl demnächst wieder vergessen werden, allenfalls noch auf den „Bravo Hits 76“ oder „The Dome 149“ auftauchen. Ein Kurzzeitphänomen also?
Nein. “Echte Kenner“ – die wußten es wieder viel besser. „Call on me“ – das war keine kurzlebige Entdeckung, kein Durchbruch zu neuen Ufern. Es war ein Cover der anderen Art. Und das Original findet so heute ab und an seine Würdigung – hier eben in spezieller Form. Die Vorlage stammt von Steve Winwood. Allein der Name ist schon Beweis dafür, daß die Neuauflage größeren Ansprüchen gerecht werden sollte. Ich weiß nicht, wie viele von euch auf die Musik der späten 60er stehen und also eine Affinität zu Nancy Sinatra & Co. haben: Jedenfalls gibt es in Halle eine Art Musikkneipe, die sich Flower Power nennt, an Wochenende gut frequentiert wird und unter Garantie jeden Abend KISS’ „I was made for lovin’ you“ und andere Knüller spielt. Ganz nett also. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann man an ebenjenem Ort auch die Spencer Davis Group mit ihrem größten Hit „Keep on running“ (…running fromm y arms, one fine day I’m gonna bet he one to make ya understand, oh yeah, I’m gonna be your man) hören.
Erinnert ihr euch. Das ist jener Song, jenes Video, das im Werbefernsehen bei „Sound of the 60s“ von einem blutjungen Lockenkopf mit großer Inbrunst gesungen wird. Der junge Mann ist damals um die 18 und heißt Steve Winwood. In den 80ern startete ebendieser Mensch noch einmal sehr erfolgreich durch (seit 1977 nämlich auf Solopfaden). 1986 wurde er für das Album „Back in the Highlife“ mit fünf Nominierungen und zwei Trophäen bei der Grammy – Verleihung (Bestes Album, bester männlicher Künstler) geehrt, zwei seiner größten Hits aus den 80ern sind das sagenumwobene, tiefgründige „Higher Love“ und „Valerie“. Aus dem Refrain von letzterem Song stammen die zwei Zeilen Text „Call on me“ (das sollte „Valerie“ tun), denn: „I’m the same boy I used to be“. Mehr hat der Schwede Eric Prydz – wohl, um nicht zu überfordern – in seine Neuauflage nicht eingebaut. Es lebe der inflationäre Gebrauch von Superlativen, es lebe die Simplifizierung. Wer Erfolg haben will, muß sich reißerisch äußern, möglichst knapp und leicht verständlich zudem. Schöne neue Welt! Fort also mit allem, was über primitiven Anspruch hinausgeht, fort mit allem, was sich realistisch und vorsichtig ausdrücken will?
Daß es nicht ganz so sein soll und darf, möchte ich euch in der Folge entwickeln. Ich will die Biographien der beiden Künstler Eric Prydz und Steve Winwood, ihr musikalisches Wirken an den beiden Textzeilen, die sie verbindet, gegenüberstellen und euch beweisen, daß „Call on me“ ein erfolgreicher Song des Jahres 2004 gewesen sein mag (der Jamba & Co., anderen Firmen aber auch, einige Euro in die Kassen spülte) – das der Song aber im Vergleich zum Original (und an dem sollte man sich immer messen) so schwach ist, daß er den Titel „Schlechtestes Cover seit Jahren“ verdient. Nun denn – viel Spaß. a) Für Erbsenzähler – The hard facts
Es geht formell heute auch um die Single „Call on me“ – und mich mit ihr auseinandersetzen ist das erste Gebot der Stunde. Wie es bei CDs so üblich ist, kommt die Single zum üblichen Preis von 4,99 Euro in einem Slim Case daher, das die Maße 14 x 12 x 0,6 cm offeriert und damit mit den produktionsüblichen Normen übereinstimmt. Saubere Arbeit.
Billig dagegen das Cover. Auf ihr sehen wir die sicher weithin bekannte blonde Dame mit rotem Stirnband aus dem Video, die neben ihrer Haarpracht auch ein schwarzes Top zur Schau stellt, das bei Interesse den Blick fast bis zum Herzen möglich macht. Links oben finden wir den Schriftzug „Eric Prydz – Call on me“, recht unten prangt (warum auch immer) das Logo von RTL II. Die Qualität des Ausdruckes läßt aber wehmütige Erinnerungen an Drucker aus dem letzten Jahrhundert wach werden. Wie nicht anders zu erwarten: Im Innern des Slimcase findet sich ein einseitiges Booklet und die CD, die mit hellblau ein niveautechnisch passende Farbe zur Coverqualität aufzuweisen hat. Ganz passend: 1/3 des „Booklets“ ist für die Werbung des „Ministry of Sound“ (Ministerium für Klangkultur – oder so) reserviert. Denn wer so blöd ist, die Single zu erwerben, hat sicher auch noch 1,99 Euro für den Klingelton auf Tasche.
Nebenbei liefert uns der Wisch Informationen zum Gehalt der CD: 1.) Radio Edit 2.) Eric Prydz vs Retarded (sic!) Funk Mix 3.) JJ Stockholm Club Mix 4.) Filterheadz Remix 5.) Red Kult Dub Pass 2 Mix 6.) Call on me Video (Dirty version). Zum Abschluß darf aber auch das Impressum nicht fehlen, damit der aufmerksame Leser zur Kenntnis nimmt, daß Eric Prydz bei der Neuauflage sich selbst neben Winwood / Jennings (den Verantwortlichen für „Valerie“) in die Urheberrechte verfrachten ließ. Sein Beitrag zu „Call on me“: Beats aus dem Rechner und zwei Töne auf dem Keyboard. Großartige Leistung.
Ich weiß, daß mancher auf solchen Schnickschnack nicht zu verzichten weiß, deshalb gestehe ich sofort: Nein, die CD wurde keinem Langzeittest unterzogen, ich habe sie lediglich fünf, sechs Mal gehört. Die Klangqualität des Produktes kann ich ebenso schwer beurteilen – klingt eben wie eine klassische (will heißen: normale) CD. Schallplattenrauschen o.ä. ist nicht. Und wie lange sich das Produkt wohl bewähren mag? Auch das weiß der Fuchs. Ich nehme an, daß die CD nicht gleich morgen auseinanderfallen wird. Obwohl dies kein großer Verlust für mich wäre. b) Eric Prydz – The Artist + „Call on me“ – der Song
Zum Künstler Eric Prydz gibt es außer beginnenden Legendenbildungen wenig zu vermelden. Spektakulär einzig: Er versuchte in früher Jugend (wird inzwischen etwa Mitte, Ende 20 sein), mit neun Jahren, ein Keyboard aus seiner Schule zu entwenden, was ihm prompt die Versetzung auf eine „reform school“ einbrachte. Musiker ist er dennoch geworden, bis 2004 mit überregionalem Erfolg in Schweden, heute eben auch darüber hinaus. Viel wichtiger aber: Was ist so besonders an „Call one me“? Nun ja: „Valerie“ war ein Hit in den 80ern, wird heute regelmäßig im Radio gespielt, ist für mich der zweitbeste Song von Steve Winwood. Und das Remake? Ihr kennt es ja sicher sämtlich selbst. Angenehme Beats, die ständige Wiederholung der Textzeile „Call on me“ (von Meister Winwood persönlich neu aufgenommen, der vom Remake begeistert sein soll) – an und an dann auch, freilich in anderer Stimmlage, „I’m the same boy I used to be“. Das war’s.
Grund für den Hype, der um „Call on me“ entwickelt wurde, ist das aufreizende und überraschende Video. So nämlich stellt sich der Mann von heute den Besuch im Bauch – Beine – Po – Kurs vor. Nein, dort sind keine Hausfrauen, die vom fürsorglichen Ehemann zu Weihnachten ein Jahresabo geschenkt bekamen („Schatz, ich finde Dich aber auch so schön.“) und sich nach der Trennung ein wenig vom Frust zu lösen suchen. Nein, im Videostudio gibt es leckere „Schnittchen“ Anfang 20. Die Dame auf dem Cover und ähnlich ansehnliche Geschlechtsgenossinnen, die ähnliche Körbchengrößchen und knappe Höschen haben, aber sich in Haut- und Haarfarbe leicht unterscheiden. Wichtiger aber: Bei der 150-Sekundenübung macht auch ein junger Mann mit ansehnlicher Mähne (der junge Steve Winwood?) und Achselshirt mit. Während der Übung also bewegen die Damen ihre Hüften und Hinterteile eindeutig, aber kaum sportlich ambitioniert, reiben sich mit dem Handtuch zwischen den Beinen entlang und treiben allerhand anderen Schabernack. Der Hahn im Korb erduldet es tapfer, macht grinsend mit – und darf als Lohn für seine Mühen gegen Ende die blonde Frau vom Cover abschleppen. Kein Wunder, da? Feministinnen aus aller Welt gegen das Video Sturm liefen. Die Eindeutigkeit der Botschaft ist nämlich frappierende „Ruf / Mach mich an – in bin ein cooler Typ.“ Angebliche Botschaft ist jedoch, dass sich Eric Prydz im Video über den Aerobickult der 80er amüsiert und zu diesem Zweck einen Song wählt, der wie Michael Semballos „Maniac“ exzellent für Übungen geeignet ist – „Valerie“. Wie aber steht es um die 4 Variationen der Radioversion der Single? Die sind z.T. recht abwechslungsreich, mit elektronischen Spielereien durchsetzt (gerade der Red Kult Dub Pass 2 Mix erinnert ein wenig an Daft Punk), verlassen sich aber durchweg auf die Ohrwurmwirkung des „Call on me“ aus dem markanten Organ Steve Winwoods. Langzeitwirkung: Nerventod.
Die Leistung Eric Prydz' ist demnach, dass er es vollbracht hat, einen grandiosen Song aus den 80er seines Inhaltes, seiner Botschaft zu berauben, um ihn für den heutigen Markt tauglich zu machen. Heraus kommt dabei eine Überbetonung des sexuellen Faktors, eine Entkleidung von Anspruch und Inhalt. Bedenklich stimmt zudem, dass Eric Prydz sich nicht zu schade war, ein Cover nochmals zu covern: http://www.coverinfo.de/main.php , bei Interpret dann bitte „Winwood“ eingeben. c) Steve Winwood – Anspruch und Wirken
Wie bereits erwähnt: Der 1948 geborene Steve Winwood wirkt inzwischen seit fast 40 Jahren im Business mit. Seine Stationen bis heute: Spencer Davis Group, Traffic, Blind Faith. Fast ausnahmslos mittelmäßig erfolgreiche und ambitionierte Bands, die durchaus einen oder mehrere Hits vorzuweisen hatten, den endgültigen Durchbruch zu weltweitem Bekanntheitsgrad aber verfehlten. Dann ging Winwood auf Solopfade. 1977 betitelte er ein Album nach sich, wusch 1980 („Arc of a diver“) und 1982 („Talking back to the night“, u.a. mit „Valerie“) und setzte sich 1986 selbst ein Denkmal: „Back in the Highlife“, wofür er wie angesprochen zweimal den Grammy einheimst. Was folgt, ist das übliche Schema, das sich nach dem Durchbruch beliebig beobachten lässt: Liveacts, ein Best of (1987, „Chronicles“, Remix von „Valerie“ schlägt erneut in den Charts ein), und dann weitere Alben und durchaus erfolgreiche Zusammenarbeit mit anderen Künstlern bis zum heutigen Tage. Da es nur am Rande um Steve Winwood selbst gehen soll, hier ein Link für alle tiefgründig Interessierten: http://stevewinwoodfan.de
Ein Vergleich steht noch aus. Wir suchen nach der Wahrheit hinter der Textzeile „Call on me“. Leicht könnt ihr euch die Lyrics zum Original besorgen, google macht das möglich. Mir jedenfalls geht es weiterhin um das Wesentliche. In „Valerie“ würdigt Steve Winwood eine wohl vergangene Jugendliebe gleichen Namens, die ihm in früheren Tagen viel bedeutet haben muß: „So cool, she was like Jazz on a summer day“. Daß der Zustand nicht mehr derselbe wie in glücklichen Tagen ist, wird wenig später klar: „ ...music, high and sweet, then she just blew away. No she can’t be that warm, with the wind in her arms... Valerie, Call on me, call on me, Valerie. Come and see me – I’m the same boy I used to be.”
Ich finde, daß sich in jenen Zeilen die geistige Erhabenheit Steve Winwoods offenbart. Wer „Higher Love“ im Ohr hat, wird das guten Gewissens bestätigen können. Der Mann sucht keine billige Anmache, keinen fixen Austausch von Körperflüssigkeiten – er ist nur ein wenig in der Vergangenheit gefangen, erinnert sich an das Schöne, verdrängt das Schlechte. Er agiert überaus menschlich, macht sich Gedanken, zeichnet wunderschöne Metaphern („Jazz an einem Sommertag bei untergehender Sonne“) – genial. Daher mein Alternativvorschlag zu: “Ruf mich an – ich bin supergeil.“ – „Valerie, erinnere Dich meiner! Ich bin doch immer noch der verspielte, naive Junge, der ich früher war.“ Mag sein, dass ich Steve Winwood ein wenig überhöhe. Aber das sich in unserem Fall Niveauunterschiede großen Ausmaßes feststellen lassen, wird hoffentlich niemand bestreiten.
d) Weggetreten! Das war’s also fast. Ihr habt es geschafft. Kurz einige Fakten zur Single eingeholt, dann noch einen kurzen Künstlervergleich zur Kenntnis genommen – ich glaube, es gibt Tage, die weniger bringen.
Mein Fazit lautet: Eric Prydz lieferte uns Ende 2004 eine nette, medientechnisch solide, aber fragwürdig untermauerte Single für den Discogängermarkt, die durch werbetechnische Maßnahmen und ein Ohrwurmthema zu höheren Weihen gelangte. Das große Ziel aber verfehlte der schwedische DJ: Einen Remix zu schaffen, der dem großartigen Original „Valerie“ seines überragenden Vorbildes Steve Winwood gerecht werden konnte. Ohne dieses übermächtige Bild, dem man nachzueifern hat, wären es für Eric Pryz drei, mit Glück sogar vier Sterne geworden. So können es nur zwei sein. „Nachhilfeschüler“ Eric Prydz, räumen Sie bitte die Bühne! „Prof. Dr.“ Steve Winwood zeigt Ihnen, wie es klappt...
Laßt mich mit einem Zitat schließen: „Things look so bad everywhere, in this the whole world, what is fair? We walk blind and we try to see, falling behind in what could be. Bring me a higher love! Bring me a higher lo-o-ove! Bring me a higher love – where’s hat higher love I keep thinking of?” (Higher Love, 1986) Und nun fort mit euch – Danke für Reinschauen!
Nützliche Links: http://www.stevewinwoodfan.de/ http://www.stevewinwood.com/ http://www.coverinfo.de/main.php http://www.amazon.com/exec/obidos/tg/detail/-/B000001FKA/qid=1105963234/sr=8-1/ref=pd_csp_1/002-7285893-9652004?v=glance&s=music&n=507846
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15.12.2007 17:53
Auch wenn ich mit der Bewertung nicht ganz einverstanden bin. Natürlich ist der Song nicht anspruchsvoll, aber etwas hat er (vom Video mal abgesehen). Als Werbemelodie taugt er aber wunderbar! Wußtest Du übrigens, dass das der am schlechtesten verkaufte Chartsong war... Der sich dann auch noch mal in dieser Hinsicht toppte!
27.01.2007 20:28
Mal wieder ein toller Bericht von dir, dafür gibts wieder BH // mfg patjes
14.03.2006 18:19
Hier stellt sich die Frage, wieso kaufst Du das Teil ? Dann doch lieber nach Halle und zu "Keep On Running" abtanzen (meinetwegen auch zu "Maniac" von Michael Sambello, fragt sich, wann das von Eric Prydz oder irgendwem anders dran ist) ... Irgendwie kann ich auf der Seite das neue Cover nicht finden, aber bei U2 bekomme ich dort Schweißausbrüche, wenn es durchaus gute Coverversionen von U2-Songs gibt (die aber alle zu listen wäre auch eine längere Sache) ...