Fortuna beherrscht die Welt
08.07.2004
Pro:
ein faszinierendes vielseitiges Chorwerk
Kontra:
nichts
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 CHRISTOPH_BROERMANN
Über sich:
---- nahtloser Übergang in den Winterschlaf ---- wünsche allen eine besinnliche Adventszeit
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Da fiel mir doch neulich beim Stöbern in der Kategorie „Klassische Musik“ ein Bericht über Carl Orffs „Carmina Burana“ auf. Ich, der ich mich getrost als Liebhaber der klassischen Musik bezeichnen kann, halte mich ja eher im Belcanto – und Romantikbereich auf, aber die „Carmna Burana“ ist selbst als Werk der moderneren Epoche ein Meilenstein, um den ich – auch oder gerade als Chorsänger – nicht drum herum komme. Worin geht es in den „Carmina Burana“? Das Werk besteht aus drei großen Teilen, die einen Prolog und einen Epilog haben, und dauert etwa 70 Minuten.
Prolog: Fortuna Imperatrix Mundi Fortuna beherrscht die Welt; wer eben noch ganz oben war, der kann im nächsten Augenblick schon ganz unten sein – und umgekehrt. Mit diesem Gedanken beginnt das Werk, in dem hoffentlich nicht nur aus der Werbung bekannten Chor „O Fortuna“. Während dieses Stück eher einen huldigen Charakter hat, ist das nächste („Fortune plango vulnera“) aus der Sicht dessen, der soeben von ganz oben nach ganz unten gefallen ist. I Primo vere – Uf dem anger Nach diesem majestätischem Eingang folgt ein Sprung in naturverbundene, ländliche Bereiche. Chor und Solo-Bariton huldigen in „Veris leta facies“ und „Omnia Sol temperat“ dem Frühling und der Sonne. Das Thema wird in dem überschäumenden Chor „Ecce gratum“ vervollständigt. Ein Tanz leitet dann in über in das ländliche, wo man sich in den Chören „Floret silva“ „chramer gip die varwe mir“, dem dazwischen liegenden Reie und den abschließenden Chören „Swat hie gat umbe“, „Chume, chum, geselle min“ und „Were diu werlt alte min“ mit Natur und dem eher einfachen Flirten beschäftigt.
II In taberna Der Titel sagt alles aus: Hier herrscht eine ganz andere Stimmung und da wir uns in einer Kneipe befinden, darf hier nur der Männerchor singen. Zuerst besingt der Solo-Bariton seine emotionalen Schwankungen („Estuans interius“), dann wird in „Olim lacus colueram“ ein Schwan – gesungen vom Solo-Tenor – zur Freude des Chores gebraten, ein betrunkener Pseudo-Abt macht das Mönchstum lächerlich („Ego sum abbas“) und der Chor darf sich im fulminanten Chor „in taberna quando sumus“ genügend Gründe einfallen lassen, worauf man trinken kann. III Cours d’amour Dieser Bereich bestehend aus acht verschiedenen Stücken ist der Liebe und den damit verbundenen Problemen und Freuden gewidmet. Die Solo-Sopranistin und der Bariton schildern die geschlechter-verschiedenen Ansichten und Vorhaben, den Partner/die Partnerin zu erobern, und werden dabei immer wieder vom Chor unterstützt oder angefeuert., bis sich die Sporanistin schließlich in dem neunten Stück, dem „Dulcissime“ dem Mann hingibt.
Blanziflor et Helena Dieser Chor, der den schönsten der Frauen gewidmet ist (Blanziflor – mittelalterliche Heldin, Helena (siehe Troja) und Venus werden genannt) ist die Überleitung zum Epilog. Epilog: Fortuna Imperatrix Mundi Den Rahmen des Stückes schafft der Chor “O Fortuna”, der nach Trauer, Orgien und Liebe, deutlich macht, dass die launische Göttin Fortuna über dein Leben herrscht.
Ein paar Worte zum Werk: Im Gegensatz zu vielen anderen Chorwerken besteht „Carmina Burana“ harmonisch aus Musik und Bildern und macht so eine szenische Aufführung möglich. Weltliche Gesänge nannte Carl Orff sein Werk, das auf die „Lieder aus Benediktbeuren“ (das bedeutet Carmina Burana) zurückgeht. Die entstanden um 1230, eine Epoche, in der Kultur und Politik ihren Aufschwung fanden. Das drückt sich sowohl in der Mischung der verschiedenen Sprachen Latein und Althochdeutsch aus als auch in der Liberalität der Themen, die Weltoffenheit und auch zynische Kritik an geistlichen Obrigkeiten beinhaltet. Diese Liberalität wird auch in der Musik Orffs ausgedrückt, die Elemente der Gregorianik, des Volksliedes, des Tanzes und des großen Chorgesangs enthalten. Ein Experte könnte an dieser Stelle wohl noch etliche Stilmittel mehr aufzählen. Ich habe dieses Werk schon öfters im Chor mitgesungen und bin von den so unterschiedlichen Stücken immer mitgerissen worden. Das Werk fordert aber auch eine immense Disziplin, nicht die Zügel zu sehr schleifen zu lassen, sondern immer das Gefühl für Orffs deutliche Rhythmik und die teilweise sehr schwierige Artikulation (In taberna quandus summus!) zu behalten, denn nur so kann dem Zuhörer dieses Werk in seiner Vollkommenheit vermittelt werden. Neben dem sehr enthusiastischen Stücken wie z.B. „Ecce gratum“, „Tempus est iocundum“ und der Hommage an Verdi „Estuans interior“ werden durch die fast (!) romantischen Melodien in den Cour d’amour perfekte Gegensätze in den Stimmungen geschaffen, die der Zuhörer auch so erfahren soll.
Aufnahme-Empfehlungen: Von der „Carmina Burana“ stehen in meinem Schrank diverse Aufnahmen: 1. Erschienen bei Phillips Dir.: Seiji Ozawa, mit Gruberova, Aler, Hampson
2. Erschienen bei Decca Dir.: Herbert Blomstedt, mit Dawson, Daniecki, McMillan 3. Erschienen bei Teldec Dir.: Zubin Metha, mit Jo, Kowalski, Skovhus
4. Erschienen bei EMI Dir.: Michel Plasson, mit Dessay, Lesne, Hampson Obwohl alle Einspielungen ihre positven Seiten haben, möchte ich hier ganz ausdrücklich letztgenannte unter Michel Plasson empfehlen, auf die sich am Ende auch meine Bewertung bezieht. Diese Einspielung bietet genau das, was ich oben für eine gelungene Interpretation gefordert habe. Obwohl Plasson sehr zügige Tempi schlägt, was bei einigen Chören einige Zungenbrecher mit sich bringt, die der Chor, der sich „Orféon Donostiarra“ nennt, hervorragend meistert, wirkt seine Interpretation nie oberflächlich, sondern durchdacht und lädt zum Genießen und Mitsingen ein. Dazu kommen drei erstklassige Solisten, die das Konzept des Komponisten und das des Dirigenten mittragen und die jeweiligen Situationen hervorragend verkörpern: Die höhensichere Sopranistin Natalie Dessay, der schön – traurig singende Tenor Gérard Lesne und der charismatische Bariton Thomas Hampson. Die Abmischung der Stimmen durch das Label EMI, was bei einer Live-Aufnahme nur bedingt möglich ist, und das geschmeidige „Orchestre du Capitole de Toulouse“ tuen ihr übriges, um das sehr gute Hörerlebnis zu vervollständigen.
Als Einleitung für mein Fazit wähle ich ein Zitat von Carl Orff, das der Komponist 1937 an seinem Verleger Strecker schrieb: „Alles, was ich bisher geschrieben und Sie leider gedruckt haben, können sie nun einstampfen! Mit den „Carmina Burana“ beginnen meine „gesammelten Werke“.“ Nicht nur wegen des eindrucksvollen Chores „O fortuna“ ist dieses Werk absolut hörenswert, wie die oben empfohlene Einspielung deutlich macht.
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18.10.2004 13:07
Klasse Bericht weiter so. Gruß Plaetzchenteig
12.07.2004 17:36
Das ist "Volksmusik" im besten Wortsinn (und ich kann es ebenfalls aus Chorsänger-Sicht beurteilen!). Kennst Du die Fassung für 2 Klaviere? Immer noch "gewaltig", aber auf diese Weise auch für nicht ganz so finanzkräftige Chöre machbar. Gruß Melanie
08.07.2004 19:53
abwechslungsreich & gelungen, oder zerfahren & konfus? ich emfinde die carmina burana als ziemlich anstrengend, aber sie haben durchaus ihre momente. vielleicht folgt irgendwann mein bericht...