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Days of Open Hand - Suzanne Vega

Gesamtbewertung (1): Gesamtbewertung Days of Open Hand - Suzanne Vega

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Suzanne liest die Zukunft

4  01.02.2001 (15.05.2001)

Pro:
poetische Texte, exzellente Instrumentierung; Philip Glass !

Kontra:
erfordert genaues Hinhören, eine Entdeckungsreise

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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mima17

Über sich: Mein jüngster Bericht: "Der Fall Milverton" (Hörbuch). +++ Bitte keine Leserunden-Angebote...

Mitglied seit:12.11.1999

Erfahrungsberichte:3985

Vertrauende:325

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 13 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Wer erwartet hatte, in ihrem 3. Album würde Suzanne Vega, die Powerfrau mit der melancholischen Samtstimme, weiterhin druckvollen Folk machen wie auf "Solitude Standing", sah sich enttäuscht. Wie in ihren langsameren Stücken dort bietet sie auf "days of open Hand" - so lautet die korrekte Schreibweise des Titels - poetische Texte, die meist in filigrane Instrumentierung eingebettet sind. Es ist darum noch lange kein schlechtes Album. Es erfordert lediglich noch mehr Zeit und Mühe als sonst, seine verborgenen Qualitäten zu entdecken.

Denn die Produzentin dieses Albums selbst führt den Käufer an der Nase herum, und zwar mit dem extrem aufwendigen Artwork des Booklets. Natürlich geht es, wie die Großschreibung im Titel bereits andeutet, um die Hand. Und zwar in allen Variationen. Doch das Bild auf dem Cover weist den Betrachter überdeutlich auf die Funktion der Hand im besonderen hin, um die es vor allem geht: "FUTURE" steht da am Rahmen, in der sich die Künstlerin mit 3 Händen ablichten ließ. Es geht um das Vorhersagen der Zukunft mit Hilfe des Lesens aus der Hand, um Chiromantie. Unter anderem. Der Song "Predictions" dreht sich ausschließlich um das Thema der Voraussage. Dazu hätte natürlich ein Song über Kassandra gut gepasst - is aber nich.
Das Generalthema des Albums könnte man als Standortbestimmung eines Künstler-Bewusstseins bezeichnen. Und dazu gehören auch Träume, Handlesen, Memorabilien usw. als Belege.

1. "Tired of Sleeping" eröffnet das Album mit einem zunächst flotten und fröhlichen Folksound, der aber stets unterbrochen wird durch langsame, erzählende Passagen. Die Erzählerin wendet sich an ihre Mutter: "Ich hab genug vom Schlafen, ich will aufwachen, es gibt so viel zu tun". Und sie zählt die Alp-Traumbilder auf, die sie heimsuchen, von Geld, Herzen und Vögeln. Es ist höchste Zeit, in die Startlöcher zu kommen.

2. "Men in a War": Die Geschichte von zwei Menschen, ein Mann, eine Frau, beide liegen sie da, stumm und starrend, doch ihr Schmerz nach einer Verletzung, einer Amputation vielleicht, ist ein Phantomschmerz, wie ihn "Männer im Krieg" verspüren, wenn ihnen ein Körperteil abgenommen wurde. Sie glauben, es sei immer noch da und schmerze. Möglicherweise ist die Frau das traumatisierte Opfer einer Vergewaltigung, und der Krieg ist die ewige Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern.
Der Sound erinnert erstaunlich an "Luka": Drängende Akustikgitarren werden unterstützt von E-Gitarre, Bass und Synthi. Der Refrain ist sehr melodisch und harmonisch, ganz im Kontrast zum Text.

3. "Rusted Pipe": Einer der eindrucksvollsten Songs des Albums, geradezu hitverdächtig. Dabei beginnt er sehr langsam mit einem Orgelsound, der das Grundmotiv vorgibt. Daraus entwickeln sich weitere Harmonien, bis sogar eine Rockgitarre einstimmt. Sie wird relativiert durch swingende Marimbas (oder ein Xylophon).
Der Text greift das Thema von "Language" auf "Solitude Standing": die unzureichende Ausdrucksfähigkeit, die Sprache und Sprechen dem Individuum verleiht: "Genauso gut könnte Wasser in einem rostigen Rohr einen Sinn ergeben wie ich in diesem Moment." Nach einem langen Winter möchte bzw. soll das Ich wieder sprechen und sich bewegen - doch auch damit klappt es nicht. Endlich, ganz tief drinnen, beginnt eine Geschichte.


4. "Book of Dreams" gewährt einen Blick in das Traumtagebuch der Erzählerin: "Ich nahm dein drängendes Flüstern, stahl den Bogen eines weißen Flügels, ritt wie Schaum auf dem Fluss aus Mitleid, wandelte seine Gezeiten in Stärke, heilte das Loch, das im Leben einriss." Bilder der Wandlung, Bilder der Stärke - ein ermutigendes Lied der Selbstbestätigung. Hier ist auch das Motiv der "Tage der offenen Hand" enthalten.
Der Sound ist "Men in a War" sehr ähnlich. Solche Ähnlichkeiten machen es schwer, von diesem Album einzelne Eindrücke mitzunehmen. Zurück bleibt ein verschwommenes Bild der Einheitlichkeit.
(Dieser Stück ist auf der Best-of"-CD zu finden.)

5. "Institution Green": Mit unheimlichen Synthiklängen öffnet dieser bedrückende Song einen Klangraum, in dem die Stimme der Sängerin klein wirkt. Ein Ticken begleitet die Basslinien und die hervorbrechenden Trommelwirbel. Offenbar geht es um eine Institution, in der die Erzählerin in einer wartenden Menschenschlange steht und angesehen wird. Doch sie wird nicht als Individuum wahrgenommen, sondern als Teil der Masse. Sie möchte ihre Stimme abgeben, über die Erde abstimmen, über Hunger usw., dabei hungert sie selbst nach Anerkennung und Beachtung. Ein Bild der Not des Einzelnen in den Getrieben der Demokratie - man erinnert sich an die Bilder von den Wahlräumen Floridas und den uralten Abstimmungsmaschinen.

6. "Those Whole Girls (Run in Grace)" observiert jene gesunden, selbstbewussten Mädchen, die zu schweben scheinen und keinen Mangel kennen. Offenbar gehören sie der weißen Oberschicht New Englands an, versammelt in einem Internat oder einer Business School. Doch sie stellen die dünne Schicht am Rande dar: "skim the cream and fill the brim". Sie kennen keine Gnade im Sinne von "mercy". Für den Fehlerbehafteten ist allein ihr Anblick eine Strafe, und so hofft er auf Gnade - "grace". Wobei "grace" in der Regel "Grazie" bedeutet.- Der Sound ist wieder mal absolut hypnotisch, mit einem verzögerten Rhythmus, der von der Akustikgitarre aufrechterhalten wird.

7. "Room off the Street": Ein Tanzrhythmus à la "Tom's Diner" doch weitaus graziler, unterlegt mit Cembalo und Händeklatschen, hüpft als Stütze dieser kurzen szenischen Erzählung. --In einem ruhigen Zimmer sitzt eine trinkende Frau in einem engen roten Kleid. Über ihr hängt an der Wand das Poster eines selbstbewussten Mannes mit seiner Faust in einer Hand. Und da ist noch ein Mann, der zu ihr von der gerechten Sache, von Wahrheit usw. redet. Vielleicht geht es um Krieg, Familie, Freundschaft oder eine schnelle Liebesaffäre. Eine alltägliche Szene irgendwo in Amerika - aber sehr gut beobachtet.

8. "Big Space": Eine Dichterin versucht die Bestimmung ihrer Position. Sie sucht lieber verschiedene Perspektiven, die Relativität, doch sie fürchtet, dass die Gefühle im "großen Raum" verloren gehen und nichts mehr bedeuten. Deshalb konzentriert sie sich auf den Vorgang des Schreibens. Da, zwischen Stift und Papier, zwischen Muskel und Gehirn, muss es Leidenschaft geben. Am Schluss ist sie gewiss, dass es Gefühl in den Leitungen dazwischen gibt. - Leider weicht die gesungene Version erheblich von den gedruckten Lyrics ab. Hier heißt es, die Ohren spitzen!--Der Song wird von einer kraftvollen akustischen Gitarre in einem weiten Klangraum bestimmt. Der drängende Rhythmus wird in der Mitte gebrochen, so dass sich Spannung für den Rest des Stücks aufbaut.

9. "Predictions": "Lass uns die Zukunft voraussagen, lass mal sehn, wie das gemacht worden ist", und dann werden die unterschiedlichen Methoden der Vorhersage aufgezählt, als wär's eine Litanei. Diese Methoden sind durchaus verblüffend, wie etwa das Tröpfeln heißen Wachses in Wasser. Okay, aber so wurde das früher gemacht. Und heute? Auch heute zählen noch Träume und Zahlen usw. in mystischen Zirkeln, wie sie wieder in Mode sind. -- Der tröpfelnde, hypnotische Rhythmus erinnert stark an das Stück "Calypso" auf "Solitude Standing". Ein 2. Motiv konterkariert diese mystische Stimmung durch eine schnellere Passage. Interessant ist hier der Einsatz der Percussion, die indische Untertöne beisteuert - ebenso wie im Ausklang die E-Gitarre. Hier reicht der Sound an den von Peter Gabriel auf "Us" heran, ein Album, das nur ein Jahr später erschien.

10. "Fifty-Fifty Chance" - das sind die Überlebenschancen nach einem Herzanfall. SIE liegt im Bett des Krankenhauses, möglicherweise die Mutter oder Großmutter der Erzählerin. Sie bringt ihre Liebe zum Ausdruck. Doch der Schluss des Textes hält einen Schockeffekt parat: "Morgen um 10 wird sie nach Hause entlassen. Die Frage ist: Wird sie es wieder versuchen?" War es also ein Selbstmordversuch?
Die Kammermusikinstrumentation passt zu der bedrückenden Atmosphäre des Krankenzimmers - sie wurde von keinem Geringeren als Philip Glass arrangiert! Cello, Viola, Violine - alle arbeiten Hand in Hand (!), um eine Spannung in den Harmonien aufzubauen, die erstaunlich ist. Nach dem Ende ist man froh, dieser Spannung entronnen zu sein.

11. "Pilgrimage" meint die private Pilgerfahrt zu einem ersehnten DU, zu einer Quelle. Die Fahrt ist dringend notwendig, denn die Zeilen auf dem Papier ver-brennen ebenso wie das Leben und das Land auf der Landkarte zu Asche, sinnlose Bewegungen und Markierungen in einer Welt ohne Orientierung. Am Ende steht ein Versprechen an das DU: "Ich werde rechtzeitig da sein." (Auch hier sind die gedruckten Lyrics nicht vollständig oder deckungsgleich mit der gesungenen Version!) - Die wiegende-wogende Bewegung, die auf dem Synthi von Anton Sanko programmiert wurde (angegeben als "sequential circuits", also Kreisläufe in Abfolge), passt haargenau zu dem Motiv der unaufhaltsamen, doch langen Fahrt auf ein Ziel hin.

Das vorletzte Bild des Booklets (Innenseite) ist ziemlich witzig, wenn man sich die Mühe macht, es genau zu betrachten - am besten mit einer Lupe. Vier Finger vor einer aufgeschlagenen Sternenhimmeldarstellung sind offenbar mit astrologischen Zeichen versehen und mit den zugehörigen Planetennamen versehen. Nur, dass einer der Planeten "Apollo" heißt. Und der aufgeschlagene Sternenatlas trägt eine deutsche Bildunterschrift. Und der Cent auf dem Himmel bedeutet - gemäß den Regeln eines Rebus - "heaven-c/sent", vom Himmel gesandt. Ein ironischer Kommentar?

Fazit

Ein klanglich und textlich sehr schönes Album, das Lust auf die nähere Beschäftigung damit macht. Leider fehlt ein Hit, doch mehrere Stücke ("Men in a war") sind recht flott. Am eindrucksvollsten ist sicherlich das von Philip Glass arangierte Stück "Fifty-fifty chance", ein richtiger Hitchcock-Thriller mit hohem Spannungsfaktor.

Michael Matzer (c) 2001ff


Erscheinungsdatum der LP: 1990
Erscheinungsdatum der CD: 26. Oktober 1995
Label: A & M Reco (Universal Vertrieb) Nr. 395 293-2
ASIN: B000026H09



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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
melody

melody

17.07.2002 00:31

Heute bekam ich ein Geschenk - diese CD. Dadurch habe ich Deinen Bericht gelesen und nun werde ich öfter bei Dir lesen. Hat mir nämlich sehr gut gefallen. Liebe Grüße von melody

sarahmb

sarahmb

01.02.2001 13:15

Hi mima17. Das ist eine sehr gute Beschreibung. Danke Tschaui.

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