Erfahrungsbericht über

Diamonds and Rust - Joan Baez

Gesamtbewertung (1): Gesamtbewertung Diamonds and Rust - Joan Baez

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Eigentlich mag ich Joan Baez ja gar nicht

4  29.09.2004

Pro:
Das Titelstück „Diamonds & Rust" ist eines meiner Lieblingslieder; auch der Rest der CD ist nicht schlecht

Kontra:
„Joan Baez" ist nicht unbedingt ein Name, der mir auf die Frage nach meinen Lieblingssängerinnen einfällt – dafür empfinde ich ihre Stimme immer als eine Spur zu grell

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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Gemeinwesen

Über sich: "Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück" (Gottfried Benn) ciao-Merksatz 2006: "...

Mitglied seit:13.10.2003

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“(…) we both know what memories can bring
They bring Diamonds and Rust”

„Wo soll’s denn hingehen?“
„In die Joan Baez-Straße.“
„Joan Baez-Straße … die ist in dieser Liedermacher-Siedlung, richtig?“
„Ich glaube, ja. Die müsste in der Nähe vom Arlo Guthrie-Weg sein.“
„Dann weiß ich, glaub’ ich, wo die ist. Die Joan Baez müsste eine Stichstraße
von der Bob Dylan-Allee sein, oder?“
„Äh … kann sein. Soweit ich weiß, müsste die irgendwo in der Nähe vom Paul Simon-Platz sein.“
„Jaja, dann weiß ich, wo das ist. Ansonsten müssen wir noch mal fragen.“


Der obige Dialog ist natürlich frei erfunden, vermittelt aber hoffentlich trotzdem eine Ahnung davon, wie es um meine Joan Baez-Kentnisse bestellt ist: Joan Baez ist zwar nicht unbedingt ein weißer Fleck auf meiner musikalischen Landkarte, aber ich kann sie eben wirklich nur ungefähr verorten. Wenn Herr Jauch mir eine Frage zu Joan Baez stellen würde, würde ich, wie immer die auch lautete, wahrscheinlich die Antwortoption „Grande Dame des Protestsongs“ wählen. Höchstwahrscheinlich würde ich das aber auch vorher durch einen Joker absichern.

Joan Baez gehört für mich zu den Musikerinnen, deren Verdienste ich anerkenne, ohne gleich ein erklärter Fan zu sein. Eigentlich bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich Joan Baez überhaupt mag. Ihre Stimme ist mir meist ein bisschen zu – ja, wie ließe sich das am besten beschreiben?

Joan Baez Stimme klingt für immer ein klitzekleines bisschen schrill. Für meinen Geschmack hat sie immer ein klitzekleines bisschen zuviel Vibrato in der Stimme. Eine komplette CD von Joan Baez vom Anfang bis zum Ende zu hören geht für mich deshalb mit ähnlichen Empfindungen einher wie eine Wanderung, an deren Beginn sich ein Steinchen in den Schuh verirrt hat: Zunächst empfindet man das als nicht weiter schlimm. Man ignoriert das. Empfindet es vielleicht als lästig. Versucht sich einzubilden, man empfände das nicht als störend. Meist aber ist es nur eine Frage der Zeit, bis man an nichts anderes mehr denken kann, als an den Störenfried – und man nichts sehnlicher herbeisehnt als eine Gelegenheit, sich den Schuh vom Fuß zu reißen und der Qual ein Ende zu bereiten.

Paradoxerweise stehen gleich zwei CDs von Joan Baez in meiner Sammlung. Beide habe ich nicht etwa, wie man jetzt vermuten könnte, geschenkt bekommen oder auf Verdacht gekauft, ohne Joan Baez zu kennen: Im Gegenteil. Auf einer von ihr befindet sich eines meiner absoluten Lieblingslieder,

Bilder von Diamonds and Rust - Joan Baez
Diamonds and Rust - Joan Baez Bild 81567 tb
Von sonnigerer Grundstimmung als das Titelstück: die Gestaltung
und auch die andere, eine famose Liveaufnahme mit dem Titel „Ring them Bells“ möchte ich nicht missen – schon allein wegen der Dutte mit hochkarätigen Kolleginnen wie Janis Ian, Mary Chapin Carpenter, Mary Black und Dar Williams, die in den Staaten ungleich bekannter als hier zu Lande zu sein scheint.

Lange Zeit stand außerdem eine LP in der Sammlung, die ich ebenfalls selten komplett von Anfang bis End gehört habe: zwei Stücke auf der Soundtrack-LP zum Film „Silent Running“ waren von Joan Baez, und eigentlich habe ich, wenn ich die Platte auflegte, immer nur diese beiden Stücke gehört (die meines Wissens leider bislang nicht auf CD veröffentlicht wurden – und die LP habe ich vor Jahren mal an jemanden verschenkt, der mit Joan Baez nichts anfangen konnte. Eigentlich.)

Zur CD „Diamonds & Rust“ bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kinde oder, um im oben gewählten Bild zu bleiben: auf Umwegen – und die führen über eine LP der britischen Heavy Metal-Rocker „Judas Priest“. Auf deren Konzertmitschnitt „Unleashed in the East“ nämlich befindet sich ein Stück, das genauso heißt wie die CD von Joan Baez. Nämliches Stück hatte es mir, als ich seinerzeit die LP kaufte, besonders angetan. Und da ich ein begeisterter Leser von Klappentexten, Film-Abspännen, „Liner Notes“ und anderen Mauerblümchen-Texten bin, musste ich zu meiner Verwunderung feststellen: „Diamonds & Rust“ stammte offenbar gar nicht aus der Feder der Herren Halford, Tipton und Co. Sondern von „J. Baez“.

Momendemol. J. Baez.

Etwa „J.” wie in Joan?

Doch wohl kaum, oder? Judas Priest covern ein Stück von der Ex vom Bob Dylan?

Jawoll, tun sie.

Wie mag sich das im Original anhören … ?

In der Fassung von Judas Priest war „Diamonds & Rust“ ein wahrer Kracher gewesen – ein Stück, das dem Sänger Rob Halford mit seinem Faible für große Gesten und thatralisches Gehabe wie auf den Leib geschrieben schien. Und zum Original verhielt es sich wie eine Harley Davidson zu einem Hollandrad.


“I’ll be damned
Here comes your ghost again
But that’s not unusual
It’s just that the moon is full
And you happened to call”


Im Original von Joan Baez ist “Diamonds & Rust” eine ungemein atmosphärische Ballade, in der es um einen Telefonanruf geht, der in einer Vollmondnacht halbvergessene Erinnerungen heraufbeschwört.

Die Melodie ist einfach, die Instrumentierung sparsam, der Text streckenweise kryptisch – und jedes Mal schlägt mich “Diamonds & Rust“, so muss man das wohl nennen, erneut in seinen Bann. Da klingt leise Wehmut an, aber auch der Vorsatz, dem Sog der Vergangenheit zu widerstehen: Was gewesen ist, ist gewesen, nicht alles war auch gut, und die, die hier erzählt, hat mit der gemeinsamen Vergangenheit abgeschlossen. So verstehe ich jedenfalls den abgeklärt klingenden Schluss, zu dem die Angerufene offenbar längst gelangt ist.

„If you're offering me diamonds and rust
I've already paid.“


“Diamonds & Rust“ ist eines dieser Stücke, die ich in Ermangelung eines treffenderen deutschen Ausdrucks zuweilen gern als “haunting“ bezeichne, will sagen: in gewisser Weise verhext “Diamonds & Rust“ mich jedes Mal aufs Neue. Wenn ich das Stück höre, dann ertappe ich mich meist dabei, dass ich plötzlich mit offenen Augen zu träumen beginne.


”As I remember your eyes were bluer than robin's eggs
My poetry was lousy you said
Where are you calling from
A booth in the Midwest”


In meiner Erinnerung sind deine Augen blauer als Rotkehlchens Ei –
Meine Gedichte seien mies, hast du gesagt
Von wo rufst du an
Aus einer Telefonzelle irgendwo im mittleren Westen.


Mir scheint: Da bemüht sich jemand darum, unbefangen zu wirken und eine Konversation in Gang zu halten, während gleichzeitig Erinnerungen auf ihn einstürmen. Wie das eben so ist, wenn einen unvermittelt jemand anruft, dem man zehn Jahre zuvor mal recht nahe gestanden hat – nahe genug, als dass man ihm Manschettenknöpfe geschenkt hat und von dem man sich anhören durfte, die eigenen Gedichte seien mies. Kein Wunder, wenn da die eigenen Gefühle in Widerstreit geraten. Ein bisschen Ärger wallt da wohl auch mit auf.


“Now you're telling me you're not nostalgic
Then give me another word for it
You were so good with words
And at keeping things vague.”


Jetzt erzähl’ mir bloß noch, du hingest nicht der Vergangenheit nach –
Wie nennst du das denn sonst?
Du, der du immer so gut mit Worten warst,
Und darin, die Dinge im Ungewissen zu lassen?


“haunt“ – das kann „verfolgen“ oder „quälen“ heißen, es kann aber auch „spuken“ bedeuten. In “Diamonds & Rust“ scheint eine gemeinsame Vergangenheit nur noch ein Spuk in einer Vollmondnacht zu sein: Verdammt will ich sein – hier geht er wieder um, dein Geist. Und alles, was es brauchte, um ihn zu wecken, war ein nächtlicher Anruf.

Neben dem Titelstück finden sich auf Joan Baez’ ursprünglich bereits im Jahre 1975 veröffentlichter Liedersammlung noch zehn weitere Songs, und wiewohl mir “Diamonds & Rust“ das liebste von ihnen ist, gefallen mir die anderen auch nicht schlecht.

Wenn ich etwas mehr über Joan Baez wüsste, könnte ich aus “Simple Twist of Fate“ bestimmt eine Menge herauslesen, so kann ich nur ein wenig hineinlesen und vermute, dass Baez in dem Zeitraum, in dem die Aufnahmen zu „Diamonds & Rust“ entstanden sind, Dylan eher gram als grün gewesen sein muss: Die Zeilen des Stücks, in denen sie unverkennbar den Gesangsstil von Bob Dylan imitiert, wirken auf mich jedenfalls so, als äffe sie ihren Lover nach und mache sich so über ihn lustig. “Winds of the Old Days“, das entnehme ich den informativen “Liner Notes“ des Booklets, habe Baez gar als eine Art musikalische Presse-Info konzipiert, nachdem zu erwarten gewesen sei, dass man sie mit Fragen nach Dylan und seiner damaligen neuen Tour bestürmen könnte.

Dem zwar nicht besonders umfangreichen, dafür aber mit Verstand konzipierten Booklet (eigentlich ist es nicht einmal ein Büchlein, sondern lediglich ein 6-sechsseitiger Wickelfalz) ist überhaupt eine ganze Menge an Wissenswertem über die Aufnahmen auf “Diamonds & Rust“ und ihre Entstehung zu entnehmen (wie z.B., dass es sich bei “Never Dreamed you’d Leave in Summer“ um die Coverversion eines alten Stevie Wonder-Songs handelt); unter anderem finden sich bei den Angaben zu den einzelnen Stücken auch die Namen der Gastmusiker, die auf “Diamonds & Rust“ mittun dürfen (unter anderem Jazz-Pianist Joe Sample und “Toto“-Mitglied David Paich).

Für “Dida“, die unbeschwerteste und heiterste Nummer eines Albums, dessen Tenor eher nachdenklich ist, hat Joan Baez sich Joni Mitchell eingeladen und singt mit ihr im Duett einen der einfachsten, am schnellsten auswendig zu lernenden Songtexte, die ich kenne – das ist Musik, die man hört, wenn man im Sommer im Cabrio ganz gemächlich Landstraßen entlang fährt.


R e s ü m e e :

Dafür, dass ich Joan Baez eigentlich nicht mag, gefällt mir ihr Album “Diamonds & Rust“ ziemlich gut. Ehre, wem Ehre gebührt: ein wirklich schlechter Song findet sich auf “Diamonds & Rust“ nicht, die Co-Musiker, die Baez sich eingeladen hat, sind hochkarätig, und auch die Produktion des mittlerweile fast 30 Jahre alten Albums wirkt auf mich erstaunlich frisch. Wer sich ab und an im Singer/Songwriter-Viertel herumtreibt und sich vorstellen kann, sich beizeiten eine CD von Joan Baez in die heimische Sammlung zu stellen, sollte sich näher mit “Diamonds & Rust“ befassen – das ist zwar keine “Best of Baez“, aber m.E. auch so eine sehr gut, hörenswerte CD von Joan Baez.


D i e _ S t ü c k e /
m e i n e _ A n s p i e l t i p p s :

[>] 1.Diamonds And Rust
… 2.Fountain Of Sorrow
… 3.Never Dreamed You'd Leave In Summer
… 4.Children And All That Jazz
[>] 5.Simple Twist Of Fate
… 6.Blue Sky
… 7.Hello In There
[>] 8.Jesse
… 9.Winds Of The Old Days
[>] 10.Dida
… 11.I Dream Of Jeannie / Danny Boy (Medley)



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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
cpietropaoli

cpietropaoli

07.10.2004 19:51

ich wohne auch in der musikersiedlung, aber die heißen hier alle anders...goethe, liszt etc....tztztz

diva68

diva68

04.10.2004 17:36

bei track 10 hast du dich verschrieben...;-)

Catblue22

Catblue22

30.09.2004 20:14

Ich stimme dir zwar zu, dass sie etwas grell klingt, aber ihre Lieder und ihre warme Art und Weise, sie vorzutragen, haben mich schon immer beeindruckt.

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