...Leben auf Raten ad acta legen...
29.05.2003 (31.05.2003)
Pro:
Songs, Klang
Kontra:
"Would", Layne Staley ist tot
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
Häufigkeit der Nutzung
Dieser Tonträger ist:
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 lasthardman
Über sich:
Sitze da und warte. Komme wieder. An einem anderen Tag.
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 66 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Es muss so im Jahr 1993 gewesen sein, als Alice In Chains mehr oder weniger auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen durch die großen Hallen Deutschlands tourten. Im Vorprogramm war damals eine Band, die mit einem sensationellen Debütalbum für Furore sorgten: Clawfinger stahlen Alice In Chains auf der erwähnten Tour Abend für Abend aufgrund der erschreckend dürftigen Performance des Hauptacts die Show. Nun, ich habe mir das Spektakel seinerzeit in München angesehen und das damals aktuelle Alice In Chains Album "Dirt" eigentlich nur deshalb gekauft, weil ich wissen wollte, wie die Band klingt, die an diesem Abend nach Clawfinger spielen wird. So kam ich also zur CD Alice In Chains - Dirt.
Diese CD war die zweite offizielle Veröffentlichung des Vierers aus Seattle. Das Debüt hörte auf den Namen "Facelift" und wurde noch nicht unter dem Schlagwort "Grunge" vermarktet. Weil Grunge anno 93 plötzlich angesagt war und weil Seattle die Hauptstadt des Grunges war, wurden Alice In Chains recht schnell auch in die Grunge Schublade gesteckt. Ziemlich zu Unrecht wie ich finde. Mit den Kings of Grunge - Nirvana - haben Alice In Chains von verzerrten Gitarren abgesehen nicht viel gemeinsam. Alice In Chains spielen schlichtweg Metal-verdächtige Gitarrenmusik für Menschen, die sich von einer Lebenskrise zur nächsten hangeln, für Menschen, die voller Schwermut ihr Leben auf Raten ad acta legen. Was auf "Dirt" geboten wird, gehört ohne Zweifel zu dem Traurigsten, was jemals auf CD gepresst wurde. Dafür beginnt die CD allerdings mit zwei erstaunlich krachigen Liedern, die erst beim genaueren Hinhören ihre wahre Finsterheit preisgeben. Doch spätestens ab der Hälfte von Song No. 4 "Sick Man" wird dem Hörer eindrucksvoll klar gemacht, wo der Hase lang läuft. Wie aus dem Nichts wird aus dem an sich sehr konfusen Song ein besinnliches, beinahe schon feierliches Trauerlied mit mehrstimmigen Gesang. Das darauf folgende "Rooster" setzt diesen musikalischen Eindruck fort. Vocalist Layne Staley singt hier über den Missbrauch von harten Drogen. Im letzten Jahr ist dieser junge Mann im Alter von 34 Jahren übrigens an den Langzeitfolgen seines unkontrollierten Umgangs mit Drogen aller Art gestorben. Die Tatsache, dass diese Platte ein äusserst trauriges Stück Musik ist, muss nicht bedeuten, dass sie leise und akustisch vor sich hinplätschert. Nach dem äusserst langsamen Intro von "Rooster" ist das Schlagzeug wieder laut, die Gitarren verzerrt. Vom Tempo her bleibt man aber eher langsam. Layne Staley's Gesangslinien sind allerdings durch die Bank finster, die Gitarren ballern dazu verminderte Harmonien und Melodieläufe in Moll. Eindeutiges Alice In Chains Merkmal sind dabei die immer wieder eingesetzten mehrstimmigen Vocals, die natürlich nur dem Zweck dienen, den Gesamtsound durch noch mehr verminderte Mollakkorde zu bereichern. Die lyrisch intensivste Auseinandersetzung mit seinem Drogenproblem betreibt Staley in "Junkhead". Er singt darüber, dass er sich jede Menge einwirft und dass dies dem scheinheiligen Volk sick vorkommt, weil es eh' jeder tut...etc. Ob er das heute nochmal so formulieren würde, wenn er überlebt hätte, wage ich zu bezweifeln. "Junkhead" ist übrigens auch musikalisch äusserst hörenswert. Die Gitarre beschränkt sich hier eher aufs Begleiten des Gesangs (sonst baut Gitarrist Jerry Cantrell stets kleine harmonische Gitarrenmelodien ein). In einer dramatischen Melodie schreit der gute Layne immer wieder ein Yeeeaaaaahhhhh hinaus.
Das absolute Highlight der Platte ist allerdings der Titelsong, der eigentlich von zwei unterschiedlichen Melodien getragen wird: Die dramatische Gitarrenmelodie, die während des Songs mehr oder weniger permanent gespielt wird. Kleiner Textauszug, der recht viel über den Sound des Songs sagt: << I have never felt such frustration, or lack of self control; I want you to kill me, and dig me under, I wanna life no more...>>. Nie war es schöner, die Verzweiflung anderer vollends auszukosten. Dieser Song gehört zu meinen absoluten Alltime Favoriten. Hinzu kommt, dass er musikalisch gar nicht schwer zu spielen ist. Auf der Gitarre schaff ich grad so das Thema der Begleitung, der Rhythmus ist langsam und dazu simpel gehalten, und als ich mal Sänger werden wollte, habe ich diesen Song vorgesungen. Das Stimmvoloumen, dürfte im Umfang der Stimmbänder eines jeden jungen Mannes liegen (den Posten als Sänger hätte ich bekommen, nur ich wollte nicht so Toto-Zeug singen). Noch zwei Highlights dieser Platte: Das schaudrig-schöne und zugleich groovige "Angry Chair", das aufgrund seiner Eingängigkeit öfter mal auf Independent Radiostationen und in Discos gespielt wird. Fast ganz zum Schluss wird's nochmal recht feierlich. Das Wort Ballade vermeide ich, da schwülstige Kommerzrocker Balladen schreiben. Alice In Chains machen nichts anderes als traurige Musik. Mal härter, mal weniger härter. Mal schneller, mal langsamer. "Down In A Hole" ist der langsamste Song dieser Platte. Und ausgerechnet mit diesem Song haben Alice In Chains das Anfangs erwähnte Konzert eröffnet - das einzige Highlight des Abends. Layne hat sich hinter einem Vorhang an einem Netz hochgehangelt und hat den Song gesungen, bis zum etwas härteren Part. Dann fiel der Vorhang und das, was da bis eben so aussah wie eine Spinne mit nem Mikro in der Hand, entpuppte sich als der Vocalist, der bis zum Ende des Songs in seinem Netz hängenblieb. Leider war der Rest des 50 minüten Konzerts absolut übel: Die Band hatte keinen Bock, der Sound war eine Katastrophe, da viiieeeel zu laut. "Down In A Hole" könnte für Pärchen mit entsprechenden Musikgeschmack durchaus eine Kuschelnummer darstellen, sofern man nicht allzusehr auf den Text hört. Die Melodie der Strophe des Chrous als auch der Strophe bleibt im Ohr hängen und auch wenn die Gitarre verzerrt ist, kommt eine gewisse feierliche Stimmung auf.
Ganz zum Schluss, nach "Down In A Hole" kommt der einzige große Schwachpunkt dieser Platte: "Would" - zu meinem völligen Unverständnis war dieser absolut schwache und nichtssagende Song ein Hit, da er zu irgendeinem Filmsoundtrack beitrug. Obwohl die titellose nächste Platte von Alice In Chains von einem genauso sensationellen Kaliber wie "Dirt" war, hatten die vier Jungs aus Seattle damit nicht mehr so viel Erfolg wie mit "Dirt". Alice In Chain's Highlight kam allerdings im Anschluss an "Dirt" - die Akustik EP "Jar Of Flies". Wer gerade ein Filesharing Programm offen hat, der tippe doch bitte ein: Alice In Chains - Don't Follow. Ihr werdet auf die Knie fallen! Garantiert!!
Die Alice In Chains Musiker sind heute in alle Winde verstreut. Gitarrist Jerry Cantrell versucht sich an einem Soloprojekt, Bassist Michael Inez hat eine Zeit lang bei Ozzy Osbourne den Tieftöner bedient. Dennoch halten sich hartnäckig Gerüchte über eine Reunion von Alice In Chains. Dies ist naheliegend, da die Band nie offiziell aufgelöst wurde. Layne Staley's Stimme hat Charakter und Charisma. Rein technisch gäbe es sicher viele Sänger, die Alice In Chains Songs singen könnten. Das gewisse Etwas in der Stimme ist aber einzigartig. Und das hat Layne Staley mit ins Grab genommen. Wegen mir müssen sich Alice In Chains nicht wieder vereinen. Ihre Ergüsse auf CD gefallen mir gut genug. Ausserdem dürften die Herren mittlerweile gutsituierte Mitdreißiger sein, die niemals im Stande wären, auch nur ansatzweise so spezielle und so stimmungsbezogene Musik zu machen. Wer solche Musik macht, dem kann's nämlich gar nicht gut gehen. Dafür, dass die Platte 1993 produziert wurde, klingt sie auch für heutige Verhältnisse recht dick produziert. Die Plattenfirma wusste, dass Alice In Chains eine große Nummer werden. In den Staaten gab's zumindest für "Dirt" eine goldene Schallplatte.
Ich spreche hier meine volle Empfehlung aus, obwohl sich suizidgefährdete Menschen zweimal überlegen sollten, ob sie sich diese Platte zulegen. Eines steht aber fest: Sie werden die Platte mögen! -------------------------------
Natürlich sind auf dieser CD noch ein paar Songs mehr enthalten. Ich mach' aber keine Song-für-Song Reviews. Leute, das ist doch langweilig, verdammt! Ich habe die Highlights und den Tiefpunkt rausgepickt. Ein Urteil über den Gesamtsound ist mir - davon abgesehen - eh wichtiger.
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24.02.2004 21:27
... die CD ist für mich auch ein Klassiker und mit Grunge hat das nicht viel zu tun, das stimmt!
17.06.2003 16:25
Guter bericht Martin, nur "Would" ist nicht scheisse, alles klar !!! Info: Beim nächsten Gig werden wir ein "Concerto de Tribute for Layne Stayle R.I.P." miteinbauen. das soll heissen mindestens 2 Songs davon sind "No Excuses" und "Nutshell" Bis dann
02.06.2003 11:35
Jetzt flucht der Bayer schon in seinen Ergüssen. Tztz....