Weil er nicht ist wie alle ander'n
19.04.2005
Pro:
Der beste deutsche Sänger
Kontra:
er macht sich etwas rar
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 LosGatos
Über sich:
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Erfahrungsberichte:253
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 95 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ach ja, Klaus Hoffmann, der geniale Liedermacher. Kürzlich wurde ich durch den Beitrag eines anderen Users über einen anderen deutschen Sänger wieder an ihn erinnert. Vor über 25 Jahren gehörte er zu denen, deren Platten ich rauf und runter hörte. Viele Texte kannte ich auswendig. Und manche Passage kommt mir auch heute noch in Erinnerung, wenn ein kleiner Anstoß erfolgt. Hoffmann wurde in den 70ern dadurch bekannt, dass er Chansons von Jacques Brel, dem großen belgischen Chansonnier, auf deutsch interpretierte. Er machte eine ganze Menge Platten, doch am besten war er live und vermutlich ist er das heute noch. Denn auch wenn er nicht mehr in aller Munde ist - das war er als einer, der gehobeneren Ansprüche genügte, ohnehin nie - so steht er auch heute noch auf der Bühne, vor allem in Berlin, wo er sich wieder auf Brel zurückbesonnen hat, mit dessen Hilfe er einst berühmt wurde.
Bereits vor etwa 3 Jahren habe ich das Live-Album "Ich will Gesang, will Spiel und Tanz" auf dieser Plattform vorgestellt. Jetzt krame ich ein zweites Live-Album heraus. Es heißt schlicht "Ein Konzert" und stammt ebenfalls noch aus den 70ern. Es ist aus der Phase, wo Hoffmann nur noch Hoffmann, aber nicht mehr Brel sein wollte. Klaus Hoffmann ist einfach zu gut, als nur den Interpreten eines großen Vorbilds geben zu können. Demzufolge hören wir hier, bis auf eine Ausnahme, keine Brel-Chansons mehr. Die 28 Titel befinden sich auf zwei großen schwarzen Scheiben oder 2 kleinen Silberlingen. Es ist ein Album zum Zurücklehnen und Genießen, am besten mit Kopfhörern und im Ohrensessel. Nur schade, dass man zwischendurch mindestens einmal die Platte wechseln muss.
Da ist nicht nur der Sänger Hoffmann, sondern auch eine Gruppe guter Musiker, die ihn begleiten und die er gleich während des ersten Titels PUPPEN der Reihe nach vorstellt. Hoffmann ist nicht der Liedermacher vom Schlage Reinhard Mey, dem eine Gitarre genügt. Zwischendurch lässt er immer wieder großen Sound entwickeln. Allerdings hat man auch den Eindruck, dass sich zu Beginn des Konzerts seine Artikulationsfähigkeit erst finden muss. Nach dem ersten Lied gibt es eine reine Rezitation, indem er den Text WAKAN TANKA UND ZEN-TEXT vorträgt, der nahtlos in die Ballade GERDA übergeht, das Lied von einem ländlichen Sommerfest. Bereits hier ist Hoffmann in Hochform. Seine klare und leidenschaftliche Stimme fesselt das Publikum. Hoffmann war immer wieder auch mal Schauspieler. Deshalb gibt es zwischendurch gesprochene Texte wie das nachdenkliche EIN MANN UND EINE FRAU, inszeniertes Spießer-Stillleben. Und dann das Lied der Lieder, zumindest auf diesem Album: WEIL DU NICHT BIST WIE ALLE ANDER'N. Wehmütig fällt mir ein, wie oft ich diese Platte verschenkt habe, an Frauen versteht sich. Und das sollte die Botschaft sein, von der ich immer wieder aufs Neue in dem Moment glaubte, dass sie zutrifft. Es ist hauptsächlich Sprechgesang, der instrumental perfekt begleitet wird. Erst langsam und leise, dann noch langsamer unter Violinenbegleitung, allmählich lauter und schneller. Einfach schön.
Fast genauso einfühlsam ist das märchenhafte Lied vom FEUERVOGEL, mit dem Hoffmann die Zuhörer mehr und mehr in seinen Bann zieht. Hoffmann ist stets ausdrucksstark, egal, ob er sanft und langsam oder mit inbrünstiger Stimme singt, wie auch in DIE FRAU AM FENSTER: Zwischendurch zeigt Hoffmann, dass er Berliner ist. Er wechselt in den Slang seiner Heimatstadt. Nicht nur im humorvollen Text AMÄRICÄN DRIEM, sondern auch im stimmungsvollen Lied KREUZBERGER WALZER. Wohlgemerkt stammt die Scheibe noch aus den Zeiten der geteilten Stadt mit Mauer und Checkpoint Charlie. WAS BLEIBT? gehört zu Hoffmanns schönsten Liedern, wo sich auch die Musiker voll einbringen können. Die nächsten Lieder sind zwei Frauen gewidmet, zunächst einer Witwe, die beim Erklingen der MELODIE stets wehmütig an ihren Mann zurückdenkt, der von der Gestapo verhaftet wurde, weil er Kommunist war, und dann HANNA, die in einer Irrenanstalt lebt und dort zur Königin der Staunenden ernannt wurde. Die Begleitmusik wechselt zwischen Barock und schwungvollen Rhythmen. ICH MÖCHTE NICHT STÖREN. Nein, Hoffmann stört nicht mit seinem skurrilen Text. Und schließlich das Lied, das mir über die Jahre manches Mal morgens im Bad in den Sinn kam: "Jeden Morgen das gleiche Ritual, jeden Morgen ein Gesicht mit gleicher Qual.....", das Lied von der MITTELMÄSSIGKEIT. Ich mag das Lied deshalb so sehr, weil es das Gegenteil von dem bewirkt, was es besingt. ESTAMINET ist ein Lied vom Aufbruch, teilweise mit Leierkasten-Feeling.
Die nächsten Stücke sind zur Abwechslung dem vermeintlich starken Geschlecht gewidmet. Zuerst denen "vom ander'n Ufer" (SIE NENNEN MICH TUNTE), dann der HERRENMARSCH und schließlich das tangodurchtränkte HERREN, das so schmeichelhaft wie Grönemeyers "Männer" ist. Eine klare Absage an vieles gibt Hoffmann mit NEIN. Richtig gut wird es jedoch erst wieder bei SALAMBO, Erinnerungen an eine Lokalität auf der Reeperbahn, denn Hoffmann hat auch mal eine Zeit lang in Hamburg gelebt. Ein sehr schwungvoller, flotter Titel. DER BOXER steht dem berühmten "The Boxer" von Simon&Garfunkel in nichts nach. Es ist eine ebenso einfühlsame Ballade, nur spielt sie in Berlin statt in New York. Akustische Gitarre und Geige verleihen diesem Titel einen großartigen akustischen Rahmen. Wieder eines der Lieder zum Zurücklehnen und Wohlfühlen, das Sehnsüchte weckt.
OHNE KETTEN und DIE EINSAMKEIT bieten zunächst noch ruhige Momente, bevor das große Finale beginnt, das mit BLINDE KATHARINA eingeleitet wird. "Ich bin doch der Blinde, darum führe mich, du kannst im Dunkeln gehen". Es ist eines der typischen Lieder von Klaus Hoffmann, in denen er sich permanent steigert, an Lautstärke und an Tempo. Klar, dass das Publikum da mitgeht. WENN ICH SING ist ein Lied mit einer sehr langen Eröffnung, bei der man eine regelrechte Gänsehaut bekommen kann. "Wenn ich sing, singt mein Kopf, mein Schwanz und mein Herz....". Hoffmann himself. Ein BRETT VORM KOPP schnell hingenagelt, zeigt Hoffmann nochmals mit Berliner Schnauze. Juhnke hätte es auch nicht besser machen können. Klaus Hoffmann weiß natürlich, was er seinem Publikum schuldig ist. Deshalb gibt es mit ADIEU EMILE schließlich doch noch einen Brel-Song, vielleicht Hoffmanns schönstes Lied überhaupt. Sterben kann doch nicht so schlimm sein. Und er weiß vor allem auch, was er seiner Heimatstadt schuldig ist. BERLIN ist eine einzige Liebeserklärung an die damals noch geteilte Stadt. Es ist keine Schönfärberei, im Gegenteil. Trotzdem.
Ein Konzert ist zu Ende. Der Abend hat sich gelohnt. Immer wieder, wenn man dieses Album auflegt. manwah sei Dank.
Copyright LosGatos Erstveröffentlichung 18.4.2005 Veröffentlicht außer bei Ciao derzeit nur noch bei Yopi
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16.07.2005 12:28
Seine Brel-Interpretationen mag ich nicht besonders. Hast du mal Dominique Horwitz mit seinen Brel-Chansons gehört? Grüße Klaus
18.05.2005 23:03
Nein, diese *BH* Bewertung ist KEINE Gegenwertung à la Ciao! Das wäre nicht mein Ding! Ich habe Klaus Hoffmann vor nahezu 20 Jahren einmal "gestreift", dann aber wieder aus den Augen (Ohren) verloren - Schade! Ein wunderbar intensiver und bildhafter Bericht, der vor meinen inneren Augen einen Film abspielte! Ciao, Bernd
02.05.2005 18:17
Schöner Bericht über richtig gute Musik! Hab leider keinen BH mehr übrig heute, sind alle in der Wäsche, weil ich so viel lese anstatt meinen hausfräulichen Pflichten nachzukommen....