... Trotz zwei wunderbaren Alben ("The power of failing" (1995) und dem hier vorgestellten "Endserenading" (1997)) und einem unverwechselbaren musikalischen Gespür für grossartige Melodien, haben sie es nie geschafft ein grosses Publikum zu erreichen. Teils weil sie wohl zur falschen Zeit am falschen ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von thursday über End Seranading - Mineral 28.09.2005
Produktbewertung des Autors:
Cover-Design:
gut
Klangqualität:
ausgezeichnet
Langzeithörspaß:
wird nicht schnell langweilig
Pro:
Schöne ausgewogene Songs und Lyrics
Kontra:
Braucht zum Teil Zeit und Interesse um sich reinzuhören
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Band: Mineral aus Austin, Texas, sind wohl nur eingefleischten Musikhörern, die sich im Emo- und Indie-Bereich gut auskennen, bekannt. Trotz zwei wunderbaren Alben ("The power of failing" (1995) und dem hier vorgestellten "Endserenading" (1997)) und einem unverwechselbaren musikalischen Gespür für grossartige Melodien, haben sie es nie geschafft ein grosses Publikum zu erreichen. Teils weil sie wohl zur falschen Zeit am falschen Ort waren (so haben sie sich schon lange bevor Emo in den USA richtig gross wurde, aufgelöst) oder einfach, weil viele Leute mit dieser Art von Musik wenig anzufangen wissen. Denn Mineral ist keine Band, die man einfach so nebenbei hört, im Stile von easy-listening oder Radio-Sound. Der Hörer sollte sich schon Zeit nehmen und sich mit den Texten und den Instrumentalparts auseinandersetzen. Auch die flehende und hohe Stimme von Sänger Chris Simpson dürfte nicht jedermans Sache sein. Dazu kommt, dass die Texte äusserst langsam gesungen werden - fast schon wie in Zeitlupe - , was am Anfang sicherlich gewöhnungsbedürftig ist. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran und man erkennt die wunderbaren Melodien. Durch ihre unglaublich intensive Musik haben Mineral, zusammen mit "Sunny day real estate" aus Seattle, Washington und "Texas is the reason" aus Kalifornien und ein paar anderen Bands, den Musikstil der heutzutage gemeinhin als Midwest-Emo bezeichnet wird, begründet.
Die CD: 1997 ist das zweite und letzte Album von Mineral, Endserenading, erschienen. Im Gegensatz zum Debüt ist diese Scheibe sehr ausgewogen und sorgfältig produziert. Die Instrumente kommen klar und schön zur Geltung und auch die Stimme ist nicht unnötig in den Vordergrund gestellt. Man merkt das mit Mark Trombino (der unter anderem auch schon das "Jimmy eat world"-Meisterwerk Clarity produziert hat) ein erfahrener Produzent hinter den Reglern sass. Das Artwork der CD ist recht minimalistisch: keine Lyrics, kein richtiges Booklet, keine Credits. Stattdessen 2 kleine Bildchen von einem Industriehafen und dem Meer auf einem schlichten grünen Hintergrund: das Hauptaugenmerk ist auf die Musik gelegt.
So sieht die Tracklist aus: 1. Loveletter typewriter 2. Palisade 3. Gjs 4. Unfinished 5. For Ivadell 6. Waking to winter 7. A letter 8. Sounds like Sunday 9. &Serenading 10 The last word is rejoice
Loveletter typewriter ist ein zaghafter Auftakt. Ein sehr minimalistisches und repetetives, aber melancholisches Gitarrenspiel und kein Bass, keine Drums, nur die Stimme, die langsam vor sich hin singt. Schön. (4/5)
Nahtlos geht es ins zweite Lied über, das gleich mit dem Einsatz von Drums, verzerrten Gitarren und Bass beginnt, dann aber wieder in einen leisen und ruhigen Teil abdriftet, bis dann der Ausbruch kommt. Es ist diese Laut-Leise-Dynamik, die Mineral so ausgezeichnet beherrscht, welche bei diesem Lied brillant zum Tragen kommt. Beendet wird der Song von einem herrlichen Instrumental-Part. Die Gitarren singen geradezu eine Melodie. Wie machen die das bloss? (5/5)
Gjs ist wieder ein runder und harmonischer Track, der am Anfang sehr beruhigend daherkommt und gegen Schluss in noisige Gitarrenwände übergeht. Perfekt arrangiert , aber nicht ganz die Höchstnote: 4/5.
Als nächstes kommt mit Unfinished, sowas von einem Übersong. Es ist wohl mein derzeitiger Lieblingssong und eines der besten Lieder, das ich je gehört habe. Am Anfang steht ein langsames und sich in schönen Sanftmut wiegendes Intro, bis dann der Gesang einsetzt. Simpson singt die simplen Zeilen: "I wish you could put your ear up to my heart to hear how much I love you." so eindringlich, dass man meint, das sei nicht von dieser Welt. Was folgt, ist eine wunderbar traurig schöne Akkordfolge (was für eine Stimmung haben die Jungs hier bloss verwendet?!), wie man sie wohl noch nie auch nur ansatzweise gehört hat (so geht es zumindest mir). Dann gipfelt das Interlude mit dem einsetzendem Gesang wieder in einer tollen Melodie, die den Abschluss bildet. Alles andere als die Höchstnote, wäre Gotteslästerung: 5/5
For Ivadell überzeugt durch den nostalgischen Text und eindringliche Tonartwechsel. Ausserdem ist der Song etwas schneller und weniger getragen als die übrigen Lieder auf der CD und mit 3:36 einer der kürzesten Tracks. Trotzdem toll. (5/5)
Waking to winter beginnt disharmonisch und krud, geht dann aber nach einiger Zeit über in einen sehr harmonischen und unglaublich intensiven Mittel- und Schlussteil, wo wieder alle Stärken der Band zum Tragen kommen (5/5).
Lied 7 beginnt mit sehr warmen Gitarren und rundem, ebenfalls warmem Bassspiel. Auch hier geht es im Text um Kindheitserinnerungen und eine geliebte Person ("and you looked like a sailor with the tatto of an anchor on your arm"). Die noisigen Gitarren zwischendrin passen imho aber nicht so ganz zum Gesang und zerstören den Song ein wenig. Deshalb 3/5.
Sounds like sunday tönt wirklich wie Sonntag. Wie ein entspannter sonniger Sonntag im September, wenn die Sonne noch warm ist, aber nicht mehr so hoch und heiss wie im Sommer. "Time doesn't always heal. It just breeds and swallows memories." Diese memories ist unendlich lang gezogen, fast wie ein Sonntag. Und dann: "Like the seasons change, sending showers, beating flowers into the mud." Die Vergänglichkeit der Natur so eindrücklich kurz und prägnant dargestellt, dass es einem wundert, wieso man nicht selber schon darauf gekommen ist. Gegen Schluss wird das Stück richtig wuchtig, bleibt aber melancholisch. Eines der besten Lieder des Albums (zusammen mit Unfinished, Waking to winter und The last word is rejoice): 5/5
&Serenading empfinde ich als den schwächsten Track der Scheibe. Die Stimmung weiss mich einfach nicht so recht zu packen. Knappe 3/5.
Zum Schluss gibt's mit The last word is rejoice eine traurig-optimistisch-melancholische Ballade, die mit meditativen Instrumentalparts und einem genial einfachen, aber effektivem Gesang, die Scheibe perfekt abrundet: "How will i drink from that stream, how will my heart sing your praise, how will I lay down in green grass fields, when my soul is so afrad to... rejoice?" Was für ein beeindruckendes Schlusswort. (5/5)
Fazit: Endserenading ist eine perfekt produzierte und mit grossartigen Songs nur so gespickte, Genre-Standard setzende Platte, die zwar recht lang braucht bis einem die Lieder anspringen, die einem danach aber umso länger und intensiver begleiten wird. Manche Songs sind zeitlose Klassiker im Midwest-Emo, aber auch Hörer die sich mit dieser Musikrichtung nicht auskennen sollten ein Ohr riskieren, denn die Melodien suchen, wie schon gesagt, ihres gleichen.