Es gibt kein zurück - Dieser Titel ist Programm
02.08.2001
Pro:
Juliane Werding - 30 Jahre im Musikbusiness
Kontra:
Juliane Werding kann an ihre alte Stärken nicht anknüpfen
Empfehlenswert:
Nein
Details:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
Dieser Tonträger ist:
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 sprocket
Über sich:
Mitglied seit:20.04.2001
Erfahrungsberichte:15
Vertrauende:3
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 18 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Künstler: Juliane Werding Album: Es gibt kein zurück Autor: Andreas Ruhland "Es gibt kein zurück". Dieser Titel ist Programm. Gleich beim ersten Hören gewinnt man den Eindruck, dass dieses Album anscheinend für die Charts gemacht sein soll, in die Juliane Werding auch wieder einmal einkehren möchte, nachdem sie nun schon mehrere Jahre fleissig um die Top-Positions herumgesegelt ist. Wir zeigen es allen noch einmal! "Nur einmal, es gibt nichts zu verliern, nur Sterben ist umsonst. Nur einmal, ich muss es jetzt riskiern. Das ist die letzte Chance..." ("Nur einmal").
Juliane Werding verkündete in vergangener Zeit, dass sie doch weg wolle vom Schlager und sich mit diesem doch sowieso noch nie identifizieren konnte. Weg vom Schlager? Diese Richtung hat sie bis vor ein paar Jahren zumindest gut gehalten. Sie bezeichnet ihre Musik als deutschen Pop. Tatsächlich ist dieses neue Album Pop der simpelsten Weise, hat aber nichts mit einem Songwriterdasein zu tun und schon gar nicht mit der Juliane Werding, die man noch aus den 80ern mit durchaus für die damalige Zeit anspruchsvollen Liedern und Hits wie "Stimmen im Wind", "Sehnsucht ist unheilbar", "Das Würfelspiel", "Vielleicht irgendwann" oder "Nebelmond" in guter Erinnerung hat. Damals hat Michael Kunze geschrieben und Harald Steinhauer komponiert und produziert. Das ist lange her und wir werden älter, weiser und entwickeln uns in unserer Persönlichkeit mit dem Wandel der Zeit. Somit schreibt die Werding ihre Texte heute selbst und lässt sich dabei von Dieter Falk und Andreas Bärtels unterstützen. Letzterer unterstützt schon seit Anfang der 90er seine Ex-Freundin und seitdem kann man auch die große Kehrtwende der Juliane Werding erkennen. Wer, so wie ich, die Werding für ihre melancholischen, hoffnungslosen und traurigen Lieder in den 80ern liebte und von da an den Weg dieser Frau aufmerksam verfolgte und versuchte, diesen auch nachzuvollziehen, muss seitdem in Kauf nehmen, dass sie uns seit dem Album "Sie weiß, was sie will" (1992) über die Belanglosigkeiten unseres Alltags in Kenntnis setzt. Die kleinen Geschichten der einfachen Leute mit ihren großen Gefühlen in ausweglosen Situationen sind nun leider fast vollständig aus dem Reportoire der in Essen geborenen Sängerin, die als 16jährige ihren ersten Hit "Am Tag, als Conny Kramer starb" im Jahr 1972 hatte und sich somit nun bald dem 30jährigen Jubiläum nähert, verschwunden. Juliane Werding und ihr neues Album. Auch zu der Plattenfirma, von der sie in den letzten 20 Jahren betreut wurde, gibt es kein zurück. Neues Glück also. Dabei ist einzig die Veröffentlichungsdebatte um dieses Album ein Desaster. Zum ersten mal angekündigt war dieses Album für das Ende des Jahres 2000. Auch der Termin im April und der im Juni 2001 sollten nicht gut genug sein, weil die Plattenfirma sich sicher ist, dass es um den Markt, den Juliane Werding bedient, zur Zeit sehr schlecht steht. Wir haben ja auch das alljährliche Sommerloch, wo sowieso keiner Platten kauft. Nun ist der VÖ-Termin auf den 27. August 2001 angesetzt. Da wird alles besser, bestimmt. Im Spätsommer und Herbst allein veröffentlichen so viele Top-Acts ihre Alben, dass zu befürchten ist, dass diese Platte ohnehin in der Veröffentlichungsflut untergehen wird. Aber es gibt als "Trostpflaster" schon mal seit April die Single "Es gibt kein zurück", aber nur für den Radioeinsatz und nicht für den Handel. Im Handel kann man jetzt dafür die zweite Single namens "Daisy" kaufen. "Daisy" ist die deutsche Version von Marque´s Sommerhit "One to make her happy" aus dem letzten Jahr. Ich will noch einmal feststellen, dass wir hier natürlich nicht über Geschmack debattieren wollen, aber dieser Song war mir schon im Original ein Dorn im Ohr und das Video ein Dorn im Auge. Und nun Juliane Werding, die sich nicht viel Mühe gemacht hat, der Komposition textlich einen tieferen Sinn zu geben als es das Original ohnehin schon nicht konnte. Es gibt bestimmt auch einige, denen es gefallen wird. Diese sollten jetzt aber aufhören, diese Kritik zu lesen.
Mit "Daisy" haben wir zwar schon den Höhepunkt der Schwäche an diesem Album erreicht, aber wirklich überzeugender sind die restlichen 15 Songs auch nicht. Auf diesem Album tauchen erstaunlich viele Metaphern auf, z. Bsp. für Frauen, die ihren Mann kaltblütig ermordet haben ("Der Hahn ist tot"), aber auch für den Tod an sich selbst ("Wer hat Angst vorm schwarzen Mann"), für den Junkie, der vom Koks nicht loskommt und für seinen Stoff das Synonym "Snowwhite Baby" benutzt("Snowwhite Baby" wird dann auch als eine Frau metaphorisiert) und das geht immer so weiter... Auffallend auch die englischen Textelemente, die die Werding in ihre Weisheiten legt: "Das Leben ist schön - would you thrill me. Das Leben ist schön - would you kill me." Häää? Dabei gehört dieses Stück aber noch zu den 3 oder 4 Songs, mit denen ich mich ein wenig anfreunden kann. Zu denen kann man "Nur einmal", "Es gibt kein zurück" und ganz knapp noch "Magic" (noch mal Englisch!) zählen.
Positiv ist anzumerken, dass Juliane Werding durch die tiefe Lage ihrer Stimme in vielen Songs auffällt, was zu den etwas höheren Passagen einen gelungenen Gegensatz darstellt und auch einmal für angenehme Effekte und die einzigen Überraschungsmomente auf dieser Platte sorgt. Ansonsten bedient Juliane Werding den Hörer mit allerlei Kitschsongs und dementsprechenden Melodien und Klangwelten ("Komm zurück", "Irgendwie gut", "Der Engel neben mir"). Auch die Randgruppen werden weiterhin fleissig bedient in Songs wie "Heut nacht ist sie ein Mann" oder "Snowwhite Baby" (Englischer Titel!). Dieser Song allein ist so ein Hammer, dass mir die Worte fehlen. Was ist das, musikalisch gesehen? Soll hier der Ansatz unternommen werden, in den Gefilden der Dark- und Wavemusik zu tapsen? Rammstein? Wolfsheim? Joachim Witt? Ratlosigkeit! Aber vielleicht verstehe ich die Grundaussage dieses Albums auch überhaupt nicht. Gibt es eine Grundaussage? Vielleicht, dass es doch gar nicht so schlecht ist, sich dem allgemeinen deutschen Hitparadengut nicht zu versperren, also den Trends. Denen wird u. a. in dem Song "Wüstensohn" mit Hilfe von Latino-Pop-Elementen fleissig hinterhergerannt. Ein richtiges Hitalbum also. Gott hilf ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Ach ja, Gott kommt auch vor. Juliane Werding denkt an alles und versammelt alles, was uns in unserem Leben so begegnet. Was soll man denn auch singen, wenn man diesen Beruf nun mittlerweile schon fast 30 Jahre ausübt? Da ist doch auch schon jede Melodie besungen und jedes Thema durchgekaut und somit ist es möglich, dass Banalität nun zum Gegenstand solcher Platten wird und Songs wie "Wo bleibt mein Leben" entstehen (das fragt man sich mittlerweile wirklich): "ernten ohne zu säen und mit den Wolken ziehen". Hier ist sie wahrscheinlich: die zweite Grundaussage der Platte. "Soll das alles gewesen sein?", sang Juliane Werding in "Das große Warten" auf ihrer 1985 erschienen Platte "Ohne Angst". Das große Warten setzt nun ein. Es sei noch bemerkt, dass diese CD bis zum 27. August ausschließlich beim Bertelsmann-Club erhältlich ist. Warum alles so umständlich? Wer auf die offizielle VÖ nicht mehr warten kann, die Platte und den Bonustitel schon jetzt haben will, muss sich also dazu verpflichten, nun vierteljährlich Artikel zu kaufen, die er gar nicht haben will. Aber wenn ich einen Rat geben kann: wer die Platte haben will, sollte bis Ende August warten. Wegen dem Bonustitel "SMS" wird sich keiner die Finger abbeissen wollen. Das Lied unterliegt einer gewissen Peinlichkeit und nicht gerade einer Kreativphase eines Künstlers. Aber was muss, das muss. Juliane Werding schreibt im Grußwort der CD: "Es gibt CD´s, die man einfach machen muss. Ein Grund für so ein Muss wäre vielleicht, dass eine Plattenfirma auf Vertragserfüllung drängt, obwohl dem Musiker gar nichts einfällt oder er ganz einfach keine Lust hat." Sehr interessant, aber sicherheitshalber wird noch angehängt: "Es gibt aber auch CD´s, die man einfach machen muss, weil ein Übermaß an Ideen und Melodien in die Welt drängt; sie bestehen darauf verwirklicht zu werden." Ab dem 27. August darf sich jeder Hörer selbst ein Urteil bilden. Vielleicht wird auch das Booklet noch einmal neu gedruckt. Nicht wegen der mittelmäßigen Photos, sondern wegen der vielen Grammatik- und Orthographiefehler und den Abweichungen von gesungenem und gesprochenem Text.
2 Sterne für den Kultstatus der Juliane Werding und die manchmal gelungene schwebende Atmosphäre einzelner Songs.
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Bewertungen
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"sehr hilfreich" von (100%):
 Kyria
 DagSonja
 fhh
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14.10.2002 14:50
Nööööö ... das muss nun nicht gerade sein. Lass ma.
17.04.2002 20:05
Bewertung hab ich grad nachgeholt... :-) *zwinker*, danke für deinen Gästebucheintrag bei mir, freu. Gruss DagSonja
17.04.2002 12:58
Ich werde diesen Bericht nicht bewerten. Du bist der krassesten gegenteiligen Meinung zu meiner Einschätzung dieser CD und dieser Sängerin. Ich finde sie einfach genial und faszinierend, in der Musik und als Mensch. Sie hat sich in den 30 Jahren in dieser Branche ständig weiterentwickelt, sei es in der Stimme und auch in der Gestaltung ihrer Lieder. Ausserdem hat sie noch zwei andere Berufe, die sich in dieser Zeit "nebenbei" gelernt hat und genauso prima kann. Ich habe sie vorgestern live gesehen und bin immer noch gebannt nach dem Konzert von ihrer Ausstrahlung und auch Gestaltung und Stimmung im Saal. Zeig mir mal eine Sängerin, die sich soo lange in diesem Geschäft nicht nur behaupten kann/konnte und ein super Programm auf die Beine stellen kann!! Liebe Grüsse trotzdem und schöne Woche.... DagSonja PS: Ich höre auch andere Musik, vor allem Disco und so - aber diese Künstlerin ist für mich etwas ganz Besonderes.