Erfahrungsbericht über

Fear of Fours - Lamb

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zerrissen

3  14.02.2004

Pro:
ein paar wundervolle Ideen und Fragmente; teilweise herrlich abgedrehte und (selbst für ein Triphopalbum) unkonventionelle Instrumentierung

Kontra:
innerliche Zerrissenheit; etliche Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck wesentlich trüben

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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TFaust99

Über sich: why should you need any other when you're a world within a world

Mitglied seit:31.01.2001

Erfahrungsberichte:155

Vertrauende:63

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 71 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Die Zahl vier gilt in asiatischen Gefilden als ausgesprochen unglücksverheißend. Acht ist gut, vier überhaupt nicht. Ob Andy Barlow und Louise Rhodes, besser bekannt unter dem Pseudonym Lamb, wohl diese Überlegungen – die mir ehrlich gesagt auch nur ob des heutigen Datums wieder ins Gedächtnis gekommen sind – hatten, darf bezweifelt werden. Das, was sich in ihrem zweiten Album manifestiert, ist etwas gänzlich anderes, ist einfacher. Ein beinahe instinktives Zurückschrecken vor Konventionen. Die Angst vor der vier. Die Angst vor dem Viervierteltakt. Fear of Fours.

Was lässt sich über Lamb sagen? Triphop, gelegentlich etwas verschroben. Andy Barlow, der eine klassische Musikausbildung hinter sich hat – was man auch oft und gern hört. Und schließlich Louise Rhodes, die das alles zusammenhält mit ihrer an und für sich gar nicht einmal angenehmen, aber doch irgendwie einnehmenden Stimme. Bislang vier Alben; das selbstbetitelte Debüt, „Fear of Fours“, „What Sound“ und „Between Darkness and Wonder“ von denen mir letzteres gänzlich unbekannt und die drei ersteren fast schon gute alte Bekannte zu sein scheinen. Soviel dazu. Mehr gibt es bei Interesse in den unendlichen WWWeiten. Es gibt Suchmaschinen. Nutzt sie.

Fear of Fours en detail:

Mit SOFT MISTAKE wabert und schwappt es aus den Boxen. Ein repetativer Bassriff, sphärisches Hintergrundgewaber, anschwellende Drums, ein Hauch von Jazz. Trippy Ambientstuff, macht jedoch nicht annähernd satt.
LITTLE THINGS. Dreckiger kleiner Bastard. Der Bass macht wah wah, die Breakbeats rasen um die Wette, Louise Rhodes sinniert selbstvergessen über die heutzutage vorherrschende Gedankenlosigkeit ob der vielen kleinen Dinge, die uns ablenken. We forget to live. Lamb haben den Refrain vergessen. So schnell geht das.
B LINE wechselt die Register wie andere Leute die Unterwäsche. Aus dem leicht verspielt-lasziven Strophen explodiert ein jazzy Samplegewitter mit Scatgesang. Das Solo ist abgefahren as hell, die Breaks merkwürdig wie sonst nichts. Gewöhnungsbedürftig und gut.
ALL IN YOUR HANDS wäre wohl eines der schönsten Liebeslieder, wäre die Begleitung nicht so verschroben. Der Refrain geht kräftig nach vorn, verleiht dem Ganzen Dynamik, Kraft. Schade, dass die Strophen so schwach daherkommen. Gut, aber irgendwie nicht überzeugend. Gleich darauf, quasi als stilles Postscriptum: LESS THAN TWO, eigentlich aber drei. Drei Zeilen, wieder und wieder, aufeinander aufgetürmt. Und Schluss. Nanu?
BONFIRE beginnt herrlich theatralisch, mit Streichquartett und Piano. Die Beats schleichen dezent im Hintergrund, irgendwo im Dunkeln entlang und ausnahmsweise hat man nicht das Gefühl, sie würden jederzeit aus ihrem Versteck hervorbrechen und Chaos ins Stück bringen. Gerade das hätte dem Stück allerdings nicht geschadet, denn so leiert es etwas unspektakulär vor sich hin.
Das verrückte EAR PARCEL reißt uns aus unserer Lethargie. Beinahe acht Minuten steigert sich dieses Instrumental vom loungy Basssolo in eine hektische Bläserkakophonie mit sich selbst überschlagenden Breakbeats. Dann: Pause. Einfach so, beinahe schon unverschämt. Danach alles noch einmal von vorn, nur zuerst entspannter und dann noch wilder. Interessant. Aber kann mir mal jemand erklären, wie man diesen Wahnsinn mit Vergnügen hören kann?
SOFTLY ist ein netter, dynamischer Track, wieder einmal mit diesem markanten Bass, der sich nicht wie ein Bass benimmt, sondern wie ein Hüpfball auf Ecstasy. Mag sein, dass das Stück gegen den vorangegangenen Wahnsinn etwas verblasst – besonders bemerkenswert finde ich es jedenfalls nicht.
Ein beinahe lateinamerikanischer Beat unterliegt HERE, im Refrain kommen noch herrlich wummernde Drums dazu. Der Hüpfball tut auch seinen Job, und er tut ihn gut. Rhythmisch höchst interessant und abwechslungsreich. Beinahe ein Fußwipper... wenn man nachher mit Krämpfen im Fuß leben kann...
FLY beginnt herrlich offensiv, mit einem straight nach vorn gehenden Beat. Rhodes’ Gesang bremst das Ganze etwas und geht erst im Refrain mit dem Rhythmus konform. Wunderbar leicht und fluffig, trotz des schweren Beats, allerdings etwas melodiearm – und mit fünf Minuten zu lang.
ALIEN verstört beinahe ein wenig. Wummerbass, sägender Gesang, offensive Loops. Bedrohlich. Massive Attacks kleine Geschwister. Nur keine Hookline weit und breit.
Mit FIVE hat sich ein weiteres Instrumental auf das Album geschlichen, das anfangs nur sehr langsam in Fahrt kommt und sich immer weiter in ein im Grunde nicht vorhandenes Thema hineinsteigert. Soll heißen: die Begleitung ist da, das Thema fehlt. Wie dem auch sei, gute Hintergrundmusik. Welch Beleidigung.
Lamb entlassen uns mit einem schrägen LULLABY, das hauptsächlich von Louises Gesang getragen wird. Die sakralen Streicher, die sich gemächlich dazugesellen, bilden einen harmonischen Kontrapunkt zur schwankenden, verwundbaren Stimme. Leider viel, viel zu kurz. Unendlich gut.

Das Problem mit „Fear of Fours“ ist folgendes: so ziemlich jeder Track hat sowohl Stärken als auch markante Schwächen. Unglücklicherweise überwiegen letztere das ein oder andere Mal, worunter der Gesamteindruck irgendwie leidet. Dennoch: einen Hördurchlauf sollte man sich gönnen. „Fear of Fours“ ist verschrobene, verkopfte Musik, die gelegentlich etwas berührt, das rational nicht unbedingt erklärbar ist. Wie gute Musik das halt tun sollte. Letztendlich ist das Album innerlich zerrissen, und das merkt man auch.
Wer Lamb harmonischer hören will, greift zu „What Sound“, wer Lamb noch abgefahrener (und wohl auch irgendwie besser) hören will, hört „Lamb“. Und wer beide schon kennt, hört „Fear of Fours“.
Manchmal.


Fear of Fours in vier Versen:
verschrobene Breakbeats
jazzy Hexenkessel
ultimativ untanzbar
nicht ganz überzeugend


6 von 10 Punkten, und trotzdem eine klare Empfehlung


Thomas Faust, Freitag, den 13.[sic!]02.2004
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Leabest

Leabest

25.09.2004 22:36

kenn nur ein lied von lamb das ich sehr schön finde, aber sonst...

Devilmaster

Devilmaster

17.05.2004 15:02

Hi Thomas! Netter Artikel, wenn ich mich aber auch nicht in das Album einfinden kann. Keiner der Tracks will in mein Ohr gehen, gerade nicht das beschriebene Ear parcel. Für mich etwas zu abgefahren, ich stehe da eher auf beständigere Musik ala Massive Attack, Morcheeba, Air oder andere Trip Hop Kollegen. MfG Hauke

TheFrail

TheFrail

03.03.2004 22:28

Leider fühlte ich mich gezwungen, deinen Bericht auf "BESONDERS hilfreich" umzuwerten! Was man vom neuen Ciao-Layout nicht sagen kann...

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