Der Glasnost-Udo
05.11.2005
Pro:
"Der Generalsekretär" als Zugabe zum "Sonderzug nach Pankow"
Kontra:
eigentlich sind nur 3 Lieder wirklich gut
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 LosGatos
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:253
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 94 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Udo ist nicht tot zu kriegen. Weder der eine noch der andere. Während der eine erst kürzlich seinen 70. Geburtstag feierte und sich dabei in alter Frische zeigte, nähert sich der andere immerhin auch schon der 60, wirkt dabei aber nicht immer ganz so frisch. Wer der einzig wahre Udo ist, ist eine Glaubensfrage, zu groß sind die Gegensätze zwischen beiden. Für mich haben beide ihre Daseinsberechtigung, ich bin kein ausgesprochener Fan weder des einen noch des anderen, ohne dabei zu verhehlen, dass beide zahlreiche gute Lieder geschrieben und gesungen haben. Da ich kürzlich im Rahmen einer Betrachtung des Themas Schlager Udo Jürgens durchaus positiv habe wegkommen lassen, bietet es sich an, auch mal dem anderen Udo etwas Gehör zu verschaffen. Auch wenn Udo Lindenberg Meer und Schiffe oft zu seinen Themen gemacht hat, ist er kein gebürtiges Nordlicht. Vielmehr kam er 1946 im westfälischen Gronau zur Welt. Doch von dort aus zog es ihn bereits in jungen Jahren in die weite Welt, bis er schließlich in Hamburg landete, wo er sich bei der Wahl zwischen Seefahrt und Musik für letztere entschied. Zunächst war er Drummer bei der Hamburger Folk-Band "City Preachers" mit Inga Rumpf als Sängerin. Dann hatte er die erste eigene Band. Vorübergehend wandte er sich auch dem Jazz bei Klaus Doldinger (u.a. "Passport") zu. 1972 erschien dann seine erste eigene Platte. Er hatte seinen Stil und Sound gefunden, und seit "Andrea Doria" verbreitete er mit seinem Orchester überall Panik. Inzwischen hat es Udo Lindenberg in ca. 35 Jahren auf nahezu 60 Alben gebracht.
Auch wenn seine Karriere in den 70ern begann, liegen einige seiner ganz großen Erfolge in den 80ern. Wenn man über die Frage streitet, wer die größten Verdienste um die deutsche Wiedervereinigung hat, mögen zu allererst die Namen Michail Gorbatschow und Helmut Kohl fallen. Vorangetrieben hat sie aber auch Udo Lindenberg! Als er sich zu einer Melodie von Glenn Miller im Sonderzug nach Pankow aufmachte, konnte sich sogar Erich Honecker nicht zugeknöpft und humorlos zeigen, schließlich hatte Udo ihn als lockeren Typ mit Lederjacke geoutet. Aber Udo Lindenberg ließ es nicht bei diesem einen Mal, sondern er setzte noch einen darauf. Damit sind wir bei dem Album "Feuerland" aus dem Jahre 1987, das insgesamt 10 Titel enthält und Musik für ca. 40 Minuten bietet.
Den absoluten Kracher liefert Udo gleich zum Auftakt. DER GENERALSEKRETÄR macht da weiter, wo der "Sonderzug nach Pankow" aufgehört hatte. Der Titel ist wieder voll und ganz Erich Honecker gewidmet. Was würde dabei besser zur Einstimmung passen als "Auferstanden aus Ruinen", die DDR-Hymne? Davon angetrieben hüpft Udo durchs Minenfeld, steigt dann in einen Trabbi ein und findet hinter den 7 Bergen nicht etwa Schneewittchen, sondern Erich mit der Lederjacke. Lobhudeleien auf den großen Vorsitzenden werden von Schalmeienlauten begleitet. "Es war einmal ein Generalsekretär, der liebte den Rock'n'Roll so sehr...." so der Refrain. Udo sah schon damals die Mauer fallen und knallte sich dafür ein paar Glasnost rein. Dieser Lindenberg-Song wurde zwar längst nicht so bekannt wie der "Sonderzug", ist aber mindestens genauso gut. Es folgt Udos vielleicht schönstes Lied, das Anti-Liebeslied ICH LIEB DICH ÜBERHAUPT NICHT MEHR, ein Abgesang auf eine Liebe, die doch noch nicht so erloschen scheint, wie er hier vorgibt. Der alte Rocker zeigt hier überzeugend, dass er auch sehr gefühlvolle Stücke drauf hat. Nicht von ungefähr wurde dieser Titel damals sehr erfolgreich.
Danach ein Udo-Titel in typischer Andrea-Doria-Manier. Sein Weltmeer ist sinnigerweise der LINDISCHE OZEAN. Dieser mittelmäßige Rock-Song ist eher unspektakulär. Eher besinnlich wirkt dann WIE'N ALTER FREUND. Das Orchester hält sich hier zunächst stark zurück, so dass sich Udo vorerst mit Sprechgesang begnügen kann, bevor er erst zum Schluss versucht, sich gegen den stärker aufkommenden Sound durchzusetzen. Die Vielseitigkeit dieser Scheibe zeigt sich einmal mehr bei EINE STADT (BILLIE'S BOUNCE). Es beginnt wie ein Swing-Titel, der sich jedoch in recht schrillen Sound ergießt und von den Folgen des Krieges berichtet. Gewiss kein Feel-Good-Song. EIN KOMMEN UND GEHEN vergleicht das (Liebes-)Leben mit einem Bahnhof, wo die Frauen wie Züge ein- und ausfahren. Die meisten bleiben nicht lange, und das ist auch gut so. Aber da ist ja noch ein Funke Hoffnung auf die Richtige. Bei AUGEN IN DER GROSSSTADT hat Udo einen Text von Kurt Tucholsky musikalisch umgesetzt. Im folgenden- der Titel 98 LUFTBALLONS lässt es erahnen - nimmt er sogar bei Kollegin Nena Anleihe. Allerdings hat er aus dem Original einen neuen Text zum Thema Aids gemacht. Die Luftballons sind Pariser und werden zu Lustballons. RHYTHM-A-NING (RAUBTIER) kann weder musikalisch noch textlich viel bieten. So fühlt man sich gleich wesentlich besser, wenn Udo seine Swing-Version von GOODBYE JOHNNY darbietet. Damit schließt sich der Kreis ein bisschen. Denn Kreuders altbekannter Song hat indirekt wieder etwas mit der DDR zu tun. Schließlich ist der Anfang von "Auferstanden aus Ruinen" dem von Goodbye Johnny zum Verwechseln ähnlich. Als der Komponist Peter Kreuder in den 70er Jahren einmal ein Konzert in der DDR gab, erhoben sich die DDR-Bürger, als er "Goodbye Johnny" anstimmte. Eines Tages, eines Tages sind wir wieder vereint"... Udo war 1987 Hellseher. Und die DDR vielleicht sein Feuerland.
"Feuerland" ist alles in allem kein überragendes Album von Udo Lindenberg. Die Top-Titel sind zweifellos "Der Generalsekretär", "Ich lieb dich überhaupt nicht mehr" und "Goodbye Johnny". Der Rest ist schlicht Füllwerk. Dennoch ist die Scheibe im Nachhinein gesehen im Vorfeld der politischen Wende, die ja nur 2 Jahre später endgültig erfolgte, vielleicht ein wichtiger Meilenstein. Und ich bin mir sicher, dass "Der Generalsekretär" damals in der DDR populärer war als im Westen. Dieser Beitrag steht unter dem Motto "80er reloaded", das von Ciao-User bojorix ins Leben gerufen wurde. Näheres für die, die mitmachen wollen, in seiner Visitenkarte.
Copyright LosGatos Erstveröffentlichung 5.11.2005 Veröffentlicht außer bei Ciao derzeit nur noch bei Yopi
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14.01.2006 16:02
Ein höchst interessanter Bericht, zumal ich Lindenberg super finde. ABER... auch ich kann dieser CD relativ wenig abgewinnen. Ich mag "Ich lieb dich überhaupt nicht mehr" indes gern. In die CD konnte ich damals reinhören, habe sie aber dann nicht gekauft. Trotzdem: ich finde Lindenberg gut :-)
04.01.2006 15:02
Der gute Udo...........prima rübergemacht, oh pardon gebracht. Mein Lieblingssong: Ich lieb dich überhaupt nicht mehr.. aus.. vorbei.. lange her. Einsame Spitze.
20.12.2005 20:37
Diese Scheibe ist bisher meiner Aufmerksamkeit entgangen. Einige Titel würden mich schon reizen. VLG - Olaf