Waking up from the American Dream
13.04.2003
Pro:
tolles Album
Kontra:
deprimierend
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 logan
Über sich:
Home is where the heart aches.
Mitglied seit:21.02.2000
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Vertrauende:117
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 44 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Tom Waits erzählt Geschichten. Hier ist es die Geschichte von Frank, der als junger Mann die Wüstenei von Rainville verlässt, um in der großen Stadt New York sein Glück zu suchen und schließlich desillusioniert zurückkehrt an den Ort, der einmal seine Heimat war. Tom Waits erzählt seine Geschichten zu einer Musik, die einfach aber nicht eingängig ist. Mit sperrigen Rhythmen, rauer, herrlich bärbeißiger Stimme und erdiger Instrumentierung bedeckt er seine schönen, melancholischen Melodien unter einer staubigen bis klebrigen Dreckschicht, überzieht sie mit einer Patina und lässt dabei zwischen all der Müdigkeit und Resignation doch immer wieder auch Hoffnung oder doch zumindest Lebenshunger durchscheinen und verleugnet auch nie die Wurzeln seiner eigenbrötlerischen, schrägen doch bodenständigen Musik: den Folk, den Jazz und den Blues.
Es rappelt, scheppert und groovet, es klagt und stampft und tanzt bei Tom Waits. Der gute ist immer da, wo sich das derbe Leben abspielt - hart, verschwitzt und dreckig, traurig, verzweifelt und müde, kurz vorm Wahnsinn und dennoch hoffend, stets voller Sehnsucht und manchmal für einen kleinen, goldenen Moment leuchtend vor Glück oder Erwartung. "Franks Wild Years" hat Tom Waits gemeinsam mit seiner Frau Kathleen Brennan und Greg Cohen geschrieben; die Songs sind Bestandteil eines eigens inszenierten Musicals, ohne dass das etwas am typischen Tom Waits Stil ändern würde.
[ PROLOG: "Rainville. Hardly ever did though, rain that is. It was nowhere. Railroad tracks ran up the back of the state like stitches. Telephone lines slashed the orange dawns like a wrecked ship's rigging… And when it rained the whole town went mad. Dogs ran wild in the streets. Frank was squeezed between scrap iron places and radiator repair shops… Rainville, good place to dream yourself away from. When the trains thundered past the backyard fence, bound for Oxnard, Lompoc, Gila Bend, Stanfield and parts South where the wind blew big, Frank would count the cars and make a wish just like he did when he was a kid… At least something was getting out of town alive… One moonlit night Frank packed up his accordion and said blow wind blow wherever you may go… Cause I'm going straight to the top… Up where the air is fresh and clean." ] HANG ON ST. CHRISTOPHER groovet mit seinen kurzen Bläserstößen sehr rhythmuslastig, wirkt seltsam windschief und wiegt sich trunken in der Melodie; entsprechend klingt auch Toms verzerrter Gesang.
Im STRAIGHT TO THE TOP RHUMBA jault sich Waits mit verschleimter, kräftiger Stimme durch einen fiebrigen Trommelrhythmus und schräges Saxophongeheul: "I can't let sorrow pull ol' Frankie down Live for tomorrow I have found you I'm going straight to the top up where the air ist fresh and clean." Bissiger Optimismus ist der Tenor dieses Stücks. BLOW WIND BLOW dagegen hängt melancholisch in den Seilen. Windschiefe, traurige Bläser tragen den heiseren Gesang davon, der Rhythmus aus gezupftem Banjo und spärlichen Glöckchen kann da nur wenig aufmuntern.
TEMPTATION klingt fast schon unheimlich durch seinen mit halber Stimme vorgebrachten, hohen und geisterhaften Gesang, der ständig kurz vor dem Brechen zu stehen scheint. Untermalt wird er von einem knarrenden Bass, nervöser Percussion und erdig groovenden, leicht schiefen Bläsern. INNOCENT WHEN YOU DREAM scheint Tom Waits in einer schummrigen Bar in sein fünftes, sechstes oder auch siebtes Bier zu singen. In rauchiger, schunkelnder Stimme und sich selbst als Chor im Hintergrund schwankt er beharrlich durch die schlurigen Drehorgel- und Klimperkastenklänge, während irgendwo weiter hinten auch noch eine Geige mitfiedelt.
Mit I'LL BE GONE singt er sich dann zum wiederholten Hahnenschrei noch leicht verkatert Mut und Entschlossenheit an. Doch die Aufbruchstimmung ist in Abschiedsschmerz und vielleicht auch schon in erste Zweifel getränkt. YESTERDAY IS HERE ist eine traurige Country Ballade. Zu warmem Bass, trabendem Tamburinrhythmus und kühlen Gitarrenklängen ertönt ein brummelnder, sonorer Gesang voller Schwermut: "Today is grey skies and tomorrow's tears you'll have to wait till yesterday is here."
PLEASE WAKE ME UP ist herzzerreißend schief und traurig und klingt dabei so dünn und abgetragen wie ein durchgewetztes letztes Hemd. Ähnlich traurig, aber doch etwas eingängiger ertönt FRANKS THEME mit seiner schleifenden Drehorgelmelodie und dem kratzigen Gesang: "Dream away the tears in your eyes dream away your sorrows dream away all your goodbyes dream away tomorrow."
MORE THAN RAIN aber dürfte der deprimierendste Tango sein, der je gehört wurde. "There are no dead presidents we can fold, nothing is going our way, and it's more than goodbye I have to say to you. It's more than woe-be-gotten grey skies now." WAY DOWN IN THE HOLE bleibt nur noch der Glauben. Gegen schluchzende Saxophontöne und eine weinende Bluesgitarre singen Tom Waits und einige Hintergrundsängerinnen mit einen tristen Gospel an.
STRAIGHT TO THE TOP erhält nun in seiner VEGAS Version einen zweiten, elegeanteren Auftritt zu gefälligem Cocktailpiano, ordentlichem Schlagzeug und Bass, vergoldet mit jazzigem Saxophonspiel. Tom Waits' Gesang sticht Frank Sinatra spielend aus. I'LL TAKE NEW YORK zeigt eine ganz andere Seite des Großstadttraums. Zum typischen Broadway Sound ertönt gleich zu Anfang schon die Drehorgel. Der anfangs noch glamouröse Gesang klingt immer gewollter, aufgesetzter, verkrampfter und verzweifelter. Das strahlende Frankie Boy Grinsen wird zur hässlichen Fratze. Das Stück verkommt nun zum Zerrspiegel seiner selbst, zur kranken, bitter hustenden Parodie. Das Saxophon zieht gequält weinend und verwahrlost durch die Straßen, und auch Waits heult mit erbärmlicher Trinkerstimme, und das abgerissene Stück versinkt in der Gosse.
TELEPHONE CALL FROM ISTANBUL lässt die Saiteninstrumente verstohlen neben dem stampfenden Grooverhythmus hertrippeln, während Tom seinen rauchigen Sprechgesang grölt. Zum Ausklang gibt's noch etwas Straßenmusik. Mittelamerikanische tiefe Melancholie und spielfreudige Leichtigkeit zugleich steuert der hochtalentierte Akkordeonspieler David Hidalgo von den Los Lobos (siehe mein Bericht zu "KIKO") zu COLD COLD GROUND bei, einer traurigen, erdverbundenen Ballade mit herrlich warmem Gesang. "There's a ribbon in the willow and a tire swing rope and a briar patch of of berries taking over the slope The cat'll sleep in the mailbox and we'll never go to town till we bury every dream in the cold cold ground Gimme a Winchester rifle and a whole box of shells Blow the roof off the goat barn Let it roll down the hill The piano is firewood Times Square is a dream I find we'll lay together in the cold cold ground."
Eine sehr rührende Ballade ist auch der TRAIN SONG, dessen harmonische Instrumentierung (Piano, Drehorgel, Akkordeon, Bass und Althorn) so schrecklich verloren klingt, dass es mich trotz der wunderschönen Melodie jedes Mal schmerzt, ihn zu hören. "What made my dreams so hollow was standing at the depot with a steeple full of swallows that could never ring the bell And I come ten thousand miles away with not one thing to show Well it was a train that took me away from here but a train can't take me home." Nun ist er also wieder in Rainville, der Frank, um ein paar Erfahrungen reicher aber seiner Träume beraubt. Fazit: Eines der besten Tom Waits Alben, und die sind alle gut. Künstlerisch wertvoll, schön, aber auch mächtig deprimierend.
Videoclips (Macromedia Flash): http://www.youtube.com/?v=Yn9tZ20MLLg ('Blow Wind Blow')
http://www.youtube.com/?v=vZLXY8eKwqU ('More Than Rain')
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27.01.2004 12:23
Mein absolutes Lieblings-Album von Tom Waits. Ein sehr schöner Bericht. Jetzt trau ich mich gar nicht mehr, selber zu schreiben...Manno. :-)
02.05.2003 11:46
Na du machst einem ja wirklich immer mehr Hunger darauf muss ich sagen, ich glaub so langsam werd ich richtiger Fan. :)
13.04.2003 16:05
Ich verehre Tom Waits Musik... Zwar nicht fürs Nebenbeihören geeignet... Aber egal... Und gerade "Innocent when you dream" war mein Eintrittstor in die Waits-Welt... War total begeistert von dem Abschlusssong in "Smoke" und musste einfach mehr von dem Interpreten kennen lernen... carpe diem - JENS