Kaum ein anderer Künstler hat es geschafft, derart permanent zur Quelle meiner Inspiration und inneren Ruhe zu werden, wie es Yann Tiersen mit seinem Soundtrack zum Film „Good bye Lenin!“ zustande gebracht hat. Auch völlig losgelöst von dem genialen Film, der unter der Regie von Wolfgang Becker ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von AndreaK. über Goodbye Lenin - Various 11.06.2003
Produktbewertung des Autors:
Cover-Design:
gut
Klangqualität:
ausgezeichnet
Langzeithörspaß:
wird nie langweilig
Pro:
fulminantes Klangfeuerwerk voller Inspiration und Kraft
Kontra:
KEINE ! Die Musik ist einfach genial ! ! !
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Kaum ein anderer Künstler hat es geschafft, derart permanent zur Quelle meiner Inspiration und inneren Ruhe zu werden, wie es Yann Tiersen mit seinem Soundtrack zum Film „Good bye Lenin!“ zustande gebracht hat. Auch völlig losgelöst von dem genialen Film, der unter der Regie von Wolfgang Becker gedreht wurde, hat diese Musik absolutes Potential zum Ohrwurm.
Doch bevor ich jetzt weiter schwärme, hier eine kleine Inhaltsübersicht: 1. „Good bye Lenin!“ – der Hintergrund 2. Yann Tiersen – wer ist denn das? 3. Der Soundtrack zu „Good bye Lenin!“ 4. Meine Meinung 5. Daten zur CD
1. „Good bye Lenin!“ – der Hintergrund ---------------------------------------------------
Kurz vor dem Mauerfall und dem Zusammenschluss der Ost- und Westhälfte Deutschland bekommt die Mutter des 21jährigen Alex einen Herzinfarkt und fällt kurze Zeit darauf ins Koma. Die vordergründig (der Film enthüllt diese Tatsache erst später) sehr überzeugte Aktivistin und Lehrerin setzte sich für die Idee des Regimes auf ihre Weise ein, trotzte aber trotzdem sehr selbstbewusst und wortgewaltig dem Unbill und seltsamen Blüten der Honecker-Ära – für sich und ihre Mitmenschen. Eine heile Welt in der DDR-Ära ist es, in der sie ihre Augen schließt. Gerade steht das 40jährige Jubiläum des Hammer- und Sichel-Regimes an. Als sie ihre Augen wieder aufschlägt, hat sich die Welt völlig verändert. Nichts ist, wie es einmal war. Der Kapitalismus hat Einzug gehalten in die einstige „heile“ Welt der DDR und mit ihm kommen Coca Cola, Mc Donalds und Konsorten ins Land. Die Mauer gibt es nicht mehr. Man kann durch das Brandenburger Tor flanieren, ohne bei einem Grenzposten eine endlose Prozedur über sich ergehen lassen zu müssen. Der Kapitalismus bietet alles, was man für Geld kaufen kann. Vorausgesetzt, man hat es. Kein Stein liegt mehr auf dem anderen. Es ist der Anbruch einer neuen Zeit.
Doch davon darf sie nichts wissen. Ihr Gesundheitszustand ist derart labil, dass schon die kleinste Aufregung zu einem Herzinfarkt und damit zu ihrem Tod führen könnte. Da sind Kreativität und Einfallsreichtum gefragt. Um das Leben seiner Mutter zu schützen, lässt Alex für sie die DDR noch einmal auferstehen. Alle Mitglieder seiner Familie haben in diesem Stück eine Rolle zu spielen, nichts wird dem Zufall überlassen. Sogar Nachbarn und in der DDR ehemals hohe Persönlichkeiten werden gebrieft und bekommen ihren Auftritt in diesem „DDR reloaded“-Streifen. Sogar Fernsehsendungen und Nachrichten fälscht Alex, um seiner Mutter weiterhin jene heile Welt vorzugaukeln, die sie gewohnt war, ehe sie ins Koma fiel. Alle Register werden gezogen.
Schlussendlich stirbt Alex’ Mutter immer noch im Glauben, in einer heilen DDR verstorben zu sein, obwohl manche Szene in jenem Teil der Geschichte ihr sicher irgendwo eine Vorahnung beschieden hat. Ihre Asche wird mit einer Rakete zu Silvester in den Himmel geschossen.
Dieser Film wird zwar als Komödie kategorisiert, ist meiner Meinung nach aber viel tiefgehender. Witzig finde ich den Film nur bedingt, viel eher regt „Good bye Lenin“ sehr stark zum Nachdenken an. Ein sensibler Film mit feinen Untertönen – sehr sehenswert!
Das ist also die Geschichte, die von Yann Tiersen in sehr einfühlsamer und lautmalerischer Weise untermalt wird.
2. Yann Tiersen – wer ist denn das? ----------------------------------------------
Der Name lässt Nordisches oder Skandinavisches vermuten. Doch weit gefehlt! Yann Tiersen ist ein echter Franzose. Geboren wurde der Komponist am 23. Juni 1970 in Brest. Schon als Kind lernte er Violine und Klavier, später absolvierte er die Ausbildung als Dirigent. Sein Gebiet war – bis auf ein paar Ausflüge in die Rockmusik in den 80er Jahren – immer die Klassik.
Hier eine kleine Discographie: 2003: „C’etait ici“ 2002: „Tout est calme“ 2001: „L’Absente“ 1998: „Le Phare“ 1997: „Rue des Cascades“ 1995: „La Valse des Monstres“
Einigen von Euch ist Yann Tiersen sicher schon durch die Filmmusik zu „Die fabelhafte Welt der Amélie“ bekannt. Die Geschichte der schüchternen jungen Frau, die einen so exakten Blick für die kleinen Dinge im Leben besitzt, die magische Momente – so flüchtig wie der Flügelschlag eines Schmetterlings – auskosten kann und ihren Mitmenschen als zur Person gewordenen Schicksalsschlag günstig oder ungünstig (das kommt auf den Menschen an) dazwischenfunkt, hat Yann Tiersen sehr gelungen untermalt. Er fängt in seinen Melodien die typische Atmosphäre verstaubter und kopfsteinbepflasterter enger, verwinkelter Gassen der Seine-Metropole Paris ein. Er zaubert dem Zuhörer mit seinen Themen ein Schmunzeln auf die Lippen, wenn sich Amélie daran macht, den boshaften Menschen ihrer Umgebung böse Streiche zu spielen und lässt uns mit ihr leiden, wenn ihr der Mut fehlt, den ersten Schritt auf Nino zuzumachen, einem jungen Mann, der offensichtlich ihr Herz erobert hat….Doch das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.
Ein geniales Meisterstück ist Yann Tiersen mit dem Soundtrack zu „Good bye Lenin!“ gelungen. Bis in die letzte Note, bis in die kleinsten Vorzeichen seiner Partituren dringt die Geschichte von Alex und seiner Mutter, lässt beim bloßen Zuhören die Szenen vor unseren Augen neu entstehen.
3. Der Soundtrack zu „Good bye Lenin!“ ---------------------------------------------------
Das rote Cover mit dem Schwarz-weißen Schriftzug “Good bye Lenin! Musik von Yann Tiersen“ zeigt auf der Rückseite ein Foto, wie es für diesen Film nicht charakteristischer sein könnte: Alex mit einem Bild von Erich Honecker unter seinem Arm, wie er vor einer roten Anschlagetafel steht, die das 40jährige Jubiläum der DDR verkündet. Sein Blick ist unentschlossen, misstrauisch – sogar etwas ängstlich. Daneben reihen sich 23 Lieder. Um jenen unter Euch, die den Film nicht gesehen haben, von meiner Kritik aber so überzeugt sind, dass sie auch den Soundtrack kaufen wollen, einen Eindruck von der Musik zu geben, beschreibe ich die Titel einzeln.
1. Summer 78 (instrumental) Dieser Track wird am Anfang und beim Abspann des Films gespielt. Es ist die fröhliche Kaskade von Tönen, gespielt von einem ganzen Orchester. Angeführt wird die Musik vom Klavier, das – übrigens in allen Tracks – von Yann Tiersen gespielt wird. Eine leichtfüssige, beschwingte Melodie, die uns unweigerlich träumen lässt, den Traum von einer besseren Zeit. Der Sommer 78 war etwas Schönes, eine herrliche Zeit für Alex’ Familie. Der Film beginnt mit einer Retrospektive auf diese herrliche Zeit, die Alex und seine Geschwister gemeinsam mit der Mutter auf der eigenen Datscha verbrachten. Die Melodie trägt den Zuhörer in seine eigene beste Zeit zurück, sie erzeugt ein Glücksgefühl, bringt für einige Minuten Momente der Stille in den Alltagsstress, macht uns ruhig, bringt uns zum Durchatmen. „Summer 78“ endet sehr harmonisch mit einem schönen Schluß.
2. Coma Als Alex’ Mutter auf dem Weg zu einem wichtigen Empfang ihren Sohn im Getümmel einer Demonstration gegen das DDR-Regime entdeckt, bricht sie bewusstlos zusammen. Die Ärzte stellen einen schweren Herzinfarkt fest, aufgrund dessen sie ins Koma fällt. Langsam und schleppend wird hier das Hauptthema, die Melodie von „Summer 78“, variiert. Schwer wie Blei spielt Yann Tiersen das Klavier. In die Leere hallen nur Klaviertöne. Langsam gesellen sich nach dem einmaligen Durchspielen des Hauptthemas die Streicher dazu, die sehr zögernd und ebenso schleppend das Klavier begleiten. Dumpf dringen leise die Bläser durch, geben dem Lied noch mehr Schwere und erzählen von der Traurigkeit von Alex. Das Stück endet nach 1:18 Minuten sehr abrupt.
3. Childhood (1) Sehr sanft wird hier das Hauptthema wiederholt, allerdings etwas langsamer und behutsamer als „Summer 78“. Fröhlich quietschend und lachend kann man dabei kleine Kinder über das Gras hüpfen sehen. Es muss eine glückliche Kindheit sein, die hier beschrieben wird. Alex hatte so eine glückliche Kindheit. Alte Fotos und Videoaufnahmen geben dem Zuschauer im Film einen Eindruck von dieser herrlichen Zeit. Fast neidisch könnte man auf Alex werden. Wer denkt dabei nicht an seine eigene, glückliche Kindheit? Doch die findet nur allzu oft ein jähes Ende, genauso wie dieses Lied, das plötzlich mitten in der Melodie abbricht.
4. From prison to hospital Die Krawalle gegen das Honecker-Regime nehmen kein Ende. Auch Alex beteiligt sich an den Demonstrationen, hält sich jedoch von Gewalttätigkeiten der Demonstranten fern. Trotzdem wird er im Gewühl von Volkspolizisten niedergeschlagen und gefangen genommen Als er kurze Zeit darauf aus dem Gefängnis entlassen wird, bringt ihn die schlechte Nachricht vom Herzinfarkt seiner Mutter sofort ins Krankenhaus an ihr Bett. Wie ein Trauermarsch variiert hier Yann Tiersen das Hauptthema. Langsamer und schleppender als „Coma“, schwer wie schwarzer Samt, der alles erstickt, auch den leisesten der fröhlichen Töne. Das Thema wird nur mit den tiefsten Tönen des Klaviers gespielt, die Streicher halten sich leise im Hintergrund und wiederholen immer nur den wichtigsten Teil der Melodie wie ein einsames Echo.
5. Mother Erinnerungen an die Mutter in ihren besten Zeiten werden wach, egal ob als fürsorgliche Mama oder als DDR-Aktivistin, die einen Kinderchor leitet – Alex kennt all ihre Facetten. Heiter beschwingt, fast optimistisch klingt diese Melodie, die sich nur leicht an das Hauptthema anlehnt. Fast keimt die Hoffnung wieder auf, seine Mutter könnte genesen. Trotz Vorahnungen spielt der Optimismus leichtfüssig das Thema, versprüht Hoffnung, wo keine ist – doch diese endet genauso abrupt wie das Lied.
6. Watching Lara Lara, eine Hilfsschwester aus Moskau, arbeitet im Krankenhaus, in dem Alex’ Mutter eingeliefert wurde und kümmert sich rührend um sie. Alex trifft Lara stets bei seinen Krankenbesuchen an und verliebt sich in sie. Hier beobachtet er sie durch ein Fenster. Der Anfang dieses Tracks lässt sich sehr schwermütig und melancholisch an, kaum möchte man glauben, dass Yann Tiersen hier eine aufkeimende Liebe beschreiben will. Doch allmählich kommen höhere und fröhlichere Töne hinzu, die Note für Note das Thema aufnehmen und die Hauptmelodie bestimmen, während die tiefen Töne nur mehr als Begleitung dienen. Wird für Alex wenigstens in seiner Liebe zu Lara alles gut?
7. Dishes Ohne Mutter herrscht Chaos zu Hause. Das erlebt Alex am eigenen Leib. Hier muss er selbst zur Tat schreiten – und genau diesen Eindruck vermittelt uns auch die Musik. „Ärmel hoch gekrempelt und los geht’s“ könnte hier ein Untertitel lauten. Herrisch spielen sich die Streicher auf, geben ein Tempo vor, das ganz schön abfährt. Im Hintergrund dröhnen die Bläser und geben „Dishes“ mehr Gewicht. Das Piano spielt dazu im Stakkato und verstärkt damit den Eindruck von Stress und Hetzerei.
8. First Rendez-Vous Yann Tiersen hat das Theam von „Watching Lara“ aufgegriffen, das er nun weiterspinnt. „First Rendez-Vous“ wirkt lebendiger, es beginnt sofort mit hohen Tönen, klingt aber genauso zart, wie die Bande, die sich zwischen Alex und Lara entwickeln. Das Tempo ist allerdings gesteigert, denn „hier geht ja auch etwas weiter“. Und dieser positive Eindruck soll dem Zuhörer auch vermittelt werden. Doch die Harmonie bricht mitten in der Melodie ab und das absichtliche Nachhallen des letzten Tastenschlages im Klavier verstärkt den Eindruck noch mehr, dass Alex – obwohl sich die Sache mit Lara gut zu entwickeln scheint – sehr schnell von seiner Wolke 17 geholt wird.
9. The decant session Erste Turbulenzen bei der inszenierten Wiederauferstehung der DDR verkündet dieses Lied, das eine Variation des Hauptthemas darstellt, aber auf eine fast tollpatschige Weise gespielt wird. Den führenden Part übernehmen hier Flöten und eine Klarinette, dazwischen quäckt fast unbeholfen das Fagott hinein. Offensichtlich weiß Alex noch nicht so ganz, wie er das mit der Neuauflage der DDR anstellen soll. Schwierigkeiten kündigen sich an und mit seinem Latein ist er auch ziemlich schnell am Ende…
10. Lara’s castle Schwenk in die andere Ecke seines Lebens, zurück zu Lara. Sie zeigt ihm ihre eigenen vier Wände, ein einfaches, aber gemütliches Durcheinander in einer zurückgelassenen Altbauwohnung. Ihr Bett schlagen die beiden Turteltauben auf einem mit Efeu bewachsene Balkon auf und genießen die Zweisamkeit. Das Hauptthema haben in diesem Stück die Streicher übernommen, begleitet von Yann Tiersen am Piano, der diese Szene mit einem Fluß an hohen Tönen untermalt. Harmonisch mutet „Lara’s castle“ an, doch die Atmosphäre ändert sich gegen den Schluß hin, wo die Melodie etwas schwermütiger wird. Alex kann die entstehende Beziehung zu Lara nicht in vollen Zügen genießen. Zu sehr spukt ihm die Frage im Kopf herum, wo er all die Utensilien auftreiben könnte, die zur DDR einfach dazugehörten: Gläser für „Sprehe-Gurken“, Uniformen, etc. Das alles muss beschafft werden. Nur WIE?
11. The Deutsch Mark is coming Nach der Wiedervereinigung wird nun die Deutsche Mark auch im ehemaligen Osten eingeführt. Das führt zu Problemen. Auch die Musik spielt darauf an, indem das Grundthema von „The decant session“ übernommen, aber in diesem Track forciert wird. Forte wird hier zur obersten Maxime erklärt, die Streicher spielen sich die Finger wund, das Fagott dröhnt ordentlich dazwischen und die Bläser unterstreichen das Ganze mit tiefen Tönen.
12. I saw Daddy today Alex hat seit Kindesbeinen an keinen Kontakt mehr zu seinem Vater. Seine Mutter erzählte ihm immer, dass er nach einer Reise in den Westen nicht mehr zurückgekommen sei und sie seit dem nichts mehr von ihm gehört hätte. Der „böse“ Vater hatte also seine Familie im Stich gelassen. Mit dieser Geschichte wuchsen Alex und seine Schwester auf. Und ganz plötzlich sieht Alex seinen Vater eines Tages… Fast unbemerkt dringt das Hauptthema wieder in einer Variation dem Zuhörer entgegen, entfremdet durch die Beifügung mehrer anderer Melodieelemente. Viele hohe Töne bestimmen das Klangbild – wie ein Klage dringen uns die Töne entgegen, drücken Alex’ Hilflosigkeit aus, als er seinen Vater erkennt und nicht weiß, wie er reagieren soll. Was tun?
13. Birthday Preparations Seine Mutter ist inzwischen aus dem Koma erwacht, die Schwierigkeiten haben damit aber gerade begonnen. Mama’s Geburtstag steht an, eine kleine Feier soll organisiert werden. Alex hat alle Hände voll zu tun, eine nach DDR-Maßstäben ordentliche Geburtstagsfeier zu inszenieren. Eine Gesandtschaft der SED-Jugend darf dabei nicht fehlen. Zwei kleinen Buben bezahlt Alex Geld dafür, dass sie sich noch einmal in die ehemaligen DDR-Uniformen werfen und seiner Mutter zum Geburtstag eine Lobeshymne auf die DDR, die sie damals als Lehrerin mit ihnen einstudiert hat, als Ständchen bringen. Den Freund seiner Schwester stellt er als ein führendes Organ im behäbigen Parteiapparat der ehemaligen SED vor – und natürlich wird er dafür auch ordentlich gebrieft. Auch den ehemaligen Direktor jener Schule, an der seine Mutter als Lehrerin gearbeitet hat, organisiert Alex und bringt ihn dazu, auf der Geburtstagsfeier seiner Mutter eine Ansprache zu halten. Die Melodie greift das Thema von „The Deutsch Mark is coming“ auf, lässt hier aber eindeutigen den Bläsern den Vortritt. Fagott und Klarinette, später unter Teilnahme der Tuba, geben sich ein Stelldichein, beschreiben das Thema um einiges langsamer als in Track 11, aber genauso deutlich, um auszudrücken, welche Rennereien Alex auf sich nehmen muss, um die DDR für seine Mutter noch einmal aufleben zu lassen. Auch hier tutet das Fagott wieder recht holprig und tollpatschig dazwischen, denn einem Clown gleich tapst auch Alex bei seiner Organisation von einer Schwierigkeit in die nächste. Beendet wird dieses Lied ganz überraschend von den zaghaften Versuchen einer Mundharmonika, das Thema am Schluß fortzuführen. Hier geht es wirklich um die Geburtstagsvorbereitungen, wo offensichtlich jemand für das Geburtstagsständchen übt…
14. Good bye Lenin Das meiner Meinung nach genialste Stück der CD und zugleich auch beste Szene im ganzen Film findet sich unter Nummer 14 auf dieser CD. Nach und nach verschwinden auch die letzten Relikte der DDR auf den deutschlandweiten Müllhalden. Gedenksteine, Büsten, Figuren und ganze Denkmäler werden demontiert, vergraben, eingeschmolzen oder weggesperrt – nichts soll mehr an diese Zeit erinnern. Alex’ Mutter hat derweil vom ewigen im Bett Liegen genug und versucht sich an ihren ersten Schritten. Zuerst noch wackelig auf den Beinen schafft sie es dann aber doch, das Zimmer zu verlassen, wirft sich einen Mantel über und tritt aus der düsteren Atmosphäre des Mietshauses hinaus in helle Licht der untergehenden Sonne. Draußen vor dem Haus lagert Sperrmüll, die alten DDR-Möbel müssen weg. Sie wundert sich etwas darüber, setzt dann aber den Weg über die Straße fort und…. Ein zuerst leises Geräusch lenkt ihre Aufmerksamkeit auf sich, und als sie sich zu einem Hochhaus umdreht, stockt nicht nur ihr, sondern auch dem Zuschauer der Atem: noch hört man den Schlag der Rotorblätter eines herannahenden Hubschraubers nur langsam, aber dann wird er lauter, bis schließlich der Helikopter hinter dem Hochhaus in die Strahlen der Sonne fliegt. Das Fluggerät scheint an einem langen Stahlseil eine schwere Last zu transportieren, aber noch sieht man nichts. Alex’ Mutter legt eine Hand abschirmend gegen die blendenden Sonnenstrahlen über ihre Augen, um besser sehen zu können – und irgendwie tut es ihr der Zuschauer gleich. Langsam kommt der Helikopter näher und nun wird sichtbar, was an dem Stahlseil hängt: der Rumpf einer Lenin-Statue, die aus schwarzem Erz gegossen ist. Der linke Arm presst ein Buch an seinen Oberkörper, während der rechte Arm mit einer offenen Handbewegung auf jene Frau weist, die einsam in einem grauen Mantel auf der Straße steht und ihren Augen nicht traut. Die Statue taucht aus dem gleißenden Sonnenlicht auf, wird immer größer, bis sie fast majestätisch ganz nahe am Betrachter vorbeischwebt.
Götterdämmerung – der letzte der DDR-Götter hat das Leben der Menschen verlassen. Es ist Zeit zu gehen – Good bye Lenin. Ein letztes Mal reicht er der ehemaligen DDR-Genossin die Hand, bevor er für immer in einem Schmelzofen oder einer Müllhalde verschwindet.
Die Musik wird dieser zum Bild gewordenen Götterdämmerung mehr als nur gerecht. Ganz zaghaft schlägt Yann Tiersen am Klavier Tasten an, so als könne er sich nicht entscheiden, die Melodie anzustimmen, die diese Szene begleitet. Genauso zaghaft sind auch die ersten Schritte, die Alex’ Mutter nach der langen Zeit im Bett macht. Die Musik wird entschlossener und kräftiger, das Klavier spielt nun einzelne Passagen des Hauptthemas mit Dreiklängen – auch die Schritte der Mutter gewinnen an Kraft. Dann beginnt das Thema zu laufen, das Klavier setzt selbstbewusst ein, genauso tun es die Streicher – ein fulminanter Auftakt für diese so selbstredende Szene setzt ein. Langsam übernehmen die Streicher in voller Kraft das Kommando, während das Klavier zurückfällt und zur Begleitung in Dreiklangsmanier auf die Tasten hämmert. Ein „Fortissimo“ der Streicher bringt die Szene fast zur Explosion und den Zuhörer zur Extase. Jeder kann es fühlen: hier passiert etwas Bedeutendes! Als das „Fortissimo“ noch kräftiger und vor allem lauter wird, erscheint im Film auch die Lenin-Statue in der untergehenden Sonne. Je lauter die Musik, umso näher kommt die Figur der Frau, die verwirrt am Straßenrand steht. Langsam entfernt sich der Helikopter mit seiner schweren Last, immer leiser wird der Rotorlärm und mit ihm ebbt auch die herrliche Musik ab, die den Zuhörer so viel Kraft verspüren ließ.
15. Childhood (2) Das Hauptthema wird hier weitergespielt, nur ohne Zuhilfenahme von anderen Instrumenten. Nur das Piano gibt hier einen zweiten Rückblick auf Alex’ Kindheit.
16. Letters Auf der Suche nach dem Sparbuch seiner Mutter, das sie irgendwo in der Wohnung versteckt haben muss, findet Alex durch Zufall Briefe seines Vaters an die Mutter. Die Wahrheit kommt ans Tageslicht: nachdem der Vater im Westen eine Bleibe gefunden hatte, versuchte er, seine Familie zum Nachkommen zu bewegen und beschwor seine Frau, gemeinsam mit den Kindern aus der DDR zu fliehen. Doch vergeblich. Alex’ Mutter bekommt es aufgrund der hohen Strafen und Unannehmlichkeiten bei Republikflucht mit der Angst zu tun und beschließt, die Briefe unbeantwortet zu lassen. Dementsprechend ist die Melodie – wieder eine Variation des Hauptthemas – von tiefer Traurigkeit geprägt. Wieder hat das Klavier bei dieser Variation die Führung übernommen, von den Streichern zutiefst betrübt begleitet.
17. Mother’s journey Mutter hat den Wunsch, noch einmal zur geliebten Datscha hinauszufahren. Diesen Wunsch erfüllt ihr Alex gerne. Und so verfrachtet er Mutter und Geschwister ins Auto und fährt mit ihnen aufs Land. Heiter und optimistisch klingt das Klavier, beschreibt die Freude und gute Stimmung, die sich nicht nur bei Alex’ Mutter sondern auch bei ihm selbst breit macht. Keine Frage, auch er liebt diesen Ort.
18. Preparations fort he last tv fake Die Fälschungen sämtlicher ehemaliger DDR-Dokumente und Sendungen nehmen immer größere Ausmaße an. Alex muss sich immer mehr einfallen lassen, um bei der Mutter keinen Verdacht zu erwecken. Als sie spürt, dass es in der „neuen“ DDR plötzlich um Welten mehr Freiheiten gibt, wird sie stutzig. Alex bereitet nun zur „Erklärung“ dieses Phänomens und vor allem zur „Begründung“ des Mauerfalls seinen letzten großen Coup vor: eine Fernsehansprache des ehemaligen DDR-Astronauten, der nun als Staatschef der DDR gewählt wurde und das Land nun in die Freiheit führen soll. Fulminante Passagen, eindringliche Streicher und leise, tiefe Bläser verdichten die Stimmung, die diese Szene umgibt. Alex fühlt sich zerrissen zwischen all den Plänen und Ideen, weiß nicht mehr, was er wie tun soll – und das bringt dieses Stück sehr gut herüber.
19. Mother will die Es ist endgültig. Seine Mutter hat nicht mehr lange zu leben.
Fast eigenständig könnte man diese Melodie bezeichnen, die sich nur mehr in entferntesten Nuancen an das Hauptthema lehnt. Im Vordergrund ist nun ein Vibraphon zu hören, das ebenfalls von Yann Tiersen gespielt wird. Ganz leise gesellt sich das Klavier dazu, das die Melodie des Vibraphons unterstützt. Sachte hört man auch ein Xylophon aus dem Hintergrund, alle anderen Instrumente schweigen. Eine lähmende Musik wird hier dem Zuhörer präsentiert, die die Momente vor dem Tod am besten beschreibt.
20. Father is late Kurz vor dem Tod seiner Mutter schafft es Alex, seinen Vater aufzuspüren und bringt ihn dazu, die Kranke zu besuchen. Doch der Vater verspätet sich, und dementsprechend nervös sind Alex und seine Kinder. Von der Art der Melodieführung – besonders was die Streicher angeht – erkenne ich Ähnlichkeiten zur Musik von Michael Nyman zum Film „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“. Diese Parallelen finden sich allerdings nur bei diesem Stück und bleiben eher unaufdringlich.
21. Father and Mother Alex’ Vater hat es geschafft. Er sitzt am Bett seiner ehemaligen Frau. Die beiden sprechen sich aus. Verhalten harmonisch entwickelt sich eine dem Hauptthema ähnliche, aber sehr leise Melodie. Unausgesprochenes wird ausgesprochen, Ungeklärtes geklärt. Eindringlich erinnern jedoch sehr bewusst angeschlagene hohe Töne und ein sanft gespieltes Xylophon an den nahenden Tod der Mutter.
22. Finding the money Die fieberhafte Suche nach dem Geld geht weiter. Wo kann Mutter ihre Reichtümer nur versteckt haben? Als Alex dahinter kommt, dass die Kommode, in deren Lade das Geld gelagert hatte, ausgerechnet auf dem Sperrmüll gelandet ist, muss er der Müllhalde einen Besuch abstatten. Fast schadenfroh quäckt wieder das Fagott in die Melodie, die sich in ihrem Verlauf an ähnlichen Szenen orientiert und eine Weiterführung der Tracks 9, 11 und 18 ist.
23. Summer 78 Bei dieser Darbietung des Hauptthemas singt Claire Pichet, eine mir unbekannte Sängerin einen sehr passenden Text in leiser Stimme:
„Where are you now Can’t you see me Where are you now Can’t you hear me
Falling, trying Searching, losing
Where is the land We’ve built for us Where are these streets We’ve built for us
When I am laid In Earth Can’t you be here Near me
Please.”
4. Meine Meinung ---------------------------- Genial, genial, genial! Ich kannte zuerst die Musik, erst dann den Film. Von der Melodie war ich sofort begeistert. Aus den Melodien von Yann Tiersen kommt eine Kraft und Inspiration, wie ich sie nur von wenigen Interpreten kenne. Es vergeht kein Tag, an dem ich diese CD nicht höre. Besonders gerne lasse ich die Musik laufen, wenn ich kreativ sein muss oder einfach nur ein wenig Ruhe sammeln möchte. Egal, wie aufgelöst oder aufgeregt ich gerade bin, diese Musik bringt mich meinem inneren Ruhepol sehr nahe.
Sowohl den Film als auch die Musik kann ich nur wärmstens empfehlen!
5. Daten zur CD ----------------- Erschienen ist der Soundtrack zu „Good bye Lenin!“ bei EMI Music France.
Für alle, die gerne CDs brennen, eine schlechte Nachricht: diese CD ist voll und ganz kopiergeschützt, sodass sie nicht gebrannt werden kann.
Zu kaufen gibt es den genialen Soundtrack in jedem gut sortierten Musikgeschäft. Ich bekam sie als Geschenk, kann also über den Preis leider keine Auskunft geben.
Copyright Andrea Koppel, Juni 2003, Linz / Österreich