Die besten LPs Rock und Pop - 1977
29.07.2004 (05.10.2004)
Pro:
Eine der Top - Platten des Jahrhunderts, nicht nur des Jahrs 1977
Kontra:
Wurde in der Qualität vom Künstler nie wieder erreicht
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 mongerbino
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:64
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 62 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Meine Damen und Herren, hey Kompliment nach ganz oben. Mein Produktvorschlag wurde angenommen wie das Brezelbacken. Sehr schön. Vor allem, weil ich schon für 1978 am doktern war. Aber wir wollen natürlich 1977 nicht überspringen. Daher los jetzt!
Ich hoffe, Sie haben jetzt nicht mit den BeeGees gerechnet, die zu jener Zeit ihre Fönfrisuren nach hinten warfen. 1977 spalteten sich die Geister: Disco oder New Wave. Ich möchte in zweite Richtung hier ein bisschen gehen, obwohl Gruppo Sportivo sicher nicht zu den harten Kalibern jener Zeit gehörten wie „The Sex Pistols“ mit „Never mind The Bollocks“ oder die kongeniale Live-Platte der „Ramones“ vom Silvesterkonzert 1976-1977 „Gabba gabba hey!“ Nachtrag am 05.10.2004:
Ups, kleiner Fehler. Die Ramones spielten natürlich zum Jahreswechsel 1977-78 in London. Was war 1977 los? Die Glamrock-Ära war zuende. Sweet besannen sich auf bodenständigen Rock. Suzi Quattro tauschte die Lederkluft gegen Cordhosen. Ein paar spätere gute Rocker standen in der Wiege (Journey, Foreigner etc.). 1977 war das Jahr des Punk. Ich möchte hier eine leider fast vergessene Gruppe mit einer fast vergessenen Platte würdigen, die ich für die ganz großen des Jahrzehnts und ach ja immer noch halte:
Gruppo Sportivo mit „10 Mistakes“ Wie der Name kaum vermuten lässt handelt es sich um Niederlänger um Hans Vandenburg alias Van de Fruits. Eine lustige Truppe, die eine musikalische Mischung eingeht mit dem Tempo des Punk, weniger harten, dafür virtuos gespielten eher in Richtung Funk gehenden Gitarren, Keyboards, Bass, Drum, Bläsern und natürlich zwei Girls, die singen, kreischen, schreien, als ob ihr Leben davon abhinge. Musik, die in die Beine geht. Leadgesang von Herrn Vandenburg selbst, der als Kopf der Band die Stücke schrieb als „Van de Fruits“ und natürlich die Gitarre schwang, dass es eine Freunde war (und bis heute bleibt). Vandenburg selbst nennt sein musikalisches Werk „Retro-Kitsch für den intellektuellen Zuhörer“. Naja, wenn er meint, ganz falsch ist das ja nicht. Interessant auch wegen der Texte. Nicht immer nur witzig, auch oder durchaus ernst gemeint, provokativ nicht nur damals, wo war doch gleich die Gürtellinie? Dazu weiter unten. (Der Text in „Anführungszeichen“ ist Originalsongtext von der Platte.)
Personal: Eric Wehrmeyer – Bass Hans Vandenburg - Guitar, Vocals Max Mollinger - Drums, Vocals Josee Van Iersel – Vocals Peter Calicher - Piano, Organ,Vocals Meike Touw - Vocals
Schreiben Sie mir, wenn Sie die Gruppe überhaupt noch kennen oder je kannten. 1977 erschien das Erstlingswerk mit „10 Mistakes“ = 10 Fehler:
1. Fehler: Beep beep love Hier geht es gleich zur Sache. Wie beim Punk / New Wave ist die Musik sofort auf den Punkt gebracht und beschleunigt von null auf hundert, sofort auf upspeed. „All you need is - beep beep - love!“ Kennen wir das nicht? Ja ich habe nie gesagt, dass Gruppo Sportivo nicht zu den größten Klauern der Musikgeschichte gehören: „That’s right, that’s right, that’s right, make your future love tonight.“ Sehr schöne Klavierparts, immer in Konkurrenz zur Gitarre von Vandenburg.
2. Fehler: Superman Oh je, minutenlanger Klau von wem? Frank Zappa? Korrigieren Sie mich. Aber dann kommt wieder einmal alles ganz anders. Rock’n’Roll, New Wave, Funk, nennen Sie es wie Sie wollen. Mit Schubladen kommt man hier nicht weiter. Die erstklassige Komposition lässt auch nach fast 30 Jahren nichts zu wünschen übrig. Und die Melodien – wenn ich das schon sage – sind immer noch Ohrwürmer. Hier haben die Remaker riesiges Potential noch gar nicht entdeckt. Gut so. Woher kennen Sie das Keyboard-Solo? Del Shannon „Runaway“ von 1960. Oh je, die Lieblingsplatte meines Vaters. Graus.
3. Fehler: Lasting forever Balladen sind nicht wirklich das Ding von Gruppo Sportivo. Dafür anekdotischer Text: „I’m lying in the hospital. I’m trying to write you a letter. But I think, I’m dying.” Da wird noch mal gehustet und aus ist’s.
4. Fehler: Girls never now – what they wanna do “.. that’s why the start a family.” Bitte verzeihen Sie mir, dass dieses Stück aus dem Leben gegriffen ist. Achten auf das Gegeneinanderspiel von Gitarre und Keyboard. Erstklassig. Im Midtempo gehalten. „I’m lying onto girls, but I never go to far...” Schauen Sie einfach mal nicht so genau auf das Cover. Wahrscheinlich einer der Klassiker der Musikgeschichte überhaupt. Komposition, Produktion, Interpretation: alles perfekt. Ein Stück des Jahrhunderts. Ich übertreibe nicht.
5. Fehler: I shot my manager “G I B S O N – Guitars on my T-Shirt. I play the blues and I think I’ve got … the most expansive Firebird.” Tiefsinnige Texte. Ja so ist das hier bei Gruppo Sportivo. Achten Sie auf den Chorgesang der Mädels Meike Touw and Josee Van Iersel. Erstklassig. Später sang die eine bei Spliff. Ich glaube Meike. Und immer wieder diese Gitarrenriffs. Das ist vorbildlich! Den Refrain werden Sie wieder kennen: Bob Marley „... the sheriff“. Solche Lieder schreiben andere nur einmal im Leben. Diese Platte ist voll davon. Warum nur ist sie so unbekannt?
6. Fehler: Mission a Paris Ein Nato-Agent verliebt sich am Eiffelturm und fällt runter. Mid-Tempo mit 1 a Gitarrenriffs. Wer so spielt, ist auf immer mein Kumpel. Das sind Songs, die man nicht besser machen kann. Nein, ich sage doch: Nicht nachsingen! Ich will das Original!
7. Fehler: Dreamin ist eher schwächer. Ich gebe zu, dass ich den langsamen Titel früher eher übersprang. Gruppo Sportivo ist für die Ballade nicht gebaut. Aber in der Nachschau doch recht schön. In dieser Abfolge kann nicht jeder Titel Weltklasse haben.
8. Fehler: Henri Für diesen jungen Herrn gilt das gleiche. Schön, gut, aber jetzt zum Abschluss wieder Weltspitzenklasse in jeder Hinsicht:
9. Fehler: Armee Monika ist der einzige deutschsprachige Titel auf der LP. Herrlich der holländische Akzent: „Mein Körper ist für alle Männer da. Ich bin die Armee Monika. Alle Soldaten sagen ja. Ich liebe Männer wie meinen Hund. Ich bin gesund.“ Der deutsche Text verhalf der Platte seinerzeit auf den Index. Heute lachen wir drüber. Was als Ballade leise mit Piano anfängt, entwickelt sich zum Kracher. „Ich bin ein kleiner Unteroffizier. Du meine Frau. Sag doch bitte nicht nein. Wenn ich ich Dich in mein Lasso fang... Ein paar Soldaten küssen mich, auf meinen roten Mund...“. Diese Wahnsinns Gitarrenriffs. Wenn ich das könnte. Mann wär das geil.
10. Fehler: Rubber gun Mid- und Uptempo im Wechsel. Eigendlich das geislte Stück der Platte. Immer wenn’s am schönsten ist, hört man halt auf.
Die leichten Obszönitäten der Platte wirken heute eher komisch. Aber denken Sie mal an: das war 1977 schon skandalös. Ich war froh, dass ich die Scheibe hatte und meine Mutter sich nicht jede meiner Platten ansah, geschweige denn anhörte. Mit Gruppo Sportivo ging es danach leider nicht weiter aufwärts. Der Nachfolger „Back to ´78“ aus dem selben Jahr enthielt noch sehr gute Sachen, ebenso wie 1980 „Copy Copy“. Nach dem Ausstieg der Chorsängerinnen Meike und Josee merkte man deutlich, wie wichtig sie für das Gesamtprodukt waren. 1988 nahm die Combo das Stück „Mexican Radio“ als Coverversion auf und landete einen Achtungserfolg. War auch schön gemacht. Aber die Zeit der sportlichen Gruppe lag in den 70ern. Nach meinem Kenntnisstand gibt es die Kapelle sogar heute noch. Ich kann aber leider nichts über die aktuellen Sachen sagen.
Noch Fragen? Dann bis zum nächsten Jahr – 1978. Welche Platte wird es werden? (Ich weiß es schon.)
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15.05.2007 22:39
guter bericht. lg TOM
12.09.2005 21:07
Das war definitiv vor meiner Zeit - bzw. ist mir die Band gänzlich unbekannt. A mistake so it seems...
12.07.2005 18:35
Ein interessanter Bericht, ich muss zugeben, daß ich die Band nicht kannte, evtl. hab ich sie damals im Radio gehört. Was man durch Dich alles kennenlernt ! LG Thomas