Happiness in Magazines - Coxon, Graham

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Teasing Graham Coxon

5  26.07.2004

Pro:
Graham Coxon zum Fünften, als richtiger Solo - Künstler

Kontra:
Stetig kommende Blur - Vergleiche

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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bilip

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:26

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 101 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Letzten Monat meinte jemand zu mir, dass Graham Coxon jetzt all den Demons and Damons entflohen sei. Dabei sind die mir selbst doch auf seinem fünften und neuem Album HAPPINESS IN MAGAZINES so allgegenwärtig wie nichts anderes. Coxon, das ist schon gleich ganz einfach, nöllt zum Beipiel darauf - wie mit zugehaltener Nase - wie Damon Albarn ohne das Hilfsmittel Daumen und Zeigefinger. Singt sonst so wie nur ein gutgelaunter Damon zu seinem Publikum, bietet mir quasi die Fortsetzung seines ureigenen Songs COFFEE & TV und immer wieder Blur. Letztes Jahr meinte man, Graham Coxon habe nach der Trennung auf Blurs neuem Album THINK TANK nicht sonderlich gefehlt. Dabei unterlasse ich nun jede Art von Vergleich. Versuche es zu mindestens: Er war mir selbst Blurs Gitarre, setzte als zweite Stimme Band-Leader Damon Albarn immer etwas entgegen. Das fehlte, der fehlte - das richtig. Jetzt hat Graham Coxon mit HAPPINESS IN MAGAZINES ein neues Album und schafft damit etwas, was Blur zuletzt bei mir nicht geschafft haben: Richtig mitzureißen. Schon gleich am Anfang, da ist es so als würde man mit SPECTACULAR auf einen fahrenden Zug springen, als wäre es fast zu spät sich Graham Coxon anzuschließen. SPECTACULAR stampft wie eine Dampflokomotive. Die Noch-Jüngeren würden sicher meinen: "Auf geht's, Hogwarts!". Prägnanter ist jedoch die musikalische Größe, die man stets Damon Albarn zu geschrieben hat. Graham Coxon entzaubert sie mir auf HAPPINESS IN MAGAZINES - schiebt die Magie zu sich. Hat Rock, Pop, Alternative und Indie in seinem Programm - erweitert aber auch Blurs Repertoire.

Das Album ist somit Bestätigung für alle, die das schon immer gewusst haben.

Dafür hat er aber auch einiges unternommen. Hat hier nicht in der Garage aufgenommen, sondern in einem richtigen Studio, mit einem richtigen Produzenten, nämlich Stephen Street - der schon die ersten fünf Blur-Alben produziert hatte. Herausgekommen ist Musik von einem britischen Solokünstler, der offensichtlich Ahnung von Saiten und Songs hat. Typisch dabei: einprägsame - aber nicht einfache - Texte und Melodien, mit Starts, die nicht zum Heben der Nadel anregen oder bei der CD zum Skippen, vielmehr Grahams Output erwarten lassen - hinzu kommt seine Arbeit an der E-Gitarre. Dabei deutlichstes Merkmal Geschwindigkeit, ganz oft irre schnell, hin und wieder aber zum Stehen kommend. Als würde die Lok des ersten Titels für einen Zwischenstopp halten, um noch neue Fahrgäste aufzuladen, Freiwillige und Willige für Graham Coxon, denn es ist mir kaum für ihn zuspät, bevor man am Ende mit RIBBONS AND LEAVES in den Bahnhof rollt - bevor man nach Hause geht.

So ist es auch als ob es scheint, als würde er sein Album rückwärts abspielen. Eine Reise, welche irgendwo hektisch beginnt. Die schließlich zu einem versöhnlichem Ende führt - und nicht andersherum, eine Fahrt mit einem klarem Start und unbekanntem Ziel, eben genau die Tour von der man sonst stets hört.

Selbstverständlicher Weise, dass würde diesen Longplayer ganz einfach machen. So steht dann am Anfang mit RIBBONS AND LEAVES eine zufriedene und doch alles habende Ballade.

In an old house, in an old street / You found me and a TV / There was no bed, there were no chairs / There was no roof, there were no stairs / Ribbons and leaves and time in a tin / Behind the wall in the kitchen / Life, I love you.

So ist es aber nicht! Das Album lässt dies auch nicht zu - der Songtext beweist es auch, sonst passt es nicht richtig.

HAPPINESS IN MAGAZINES kommt mit RIBBONS AND LEAVES vielmehr an. Alles ist in Ordnung. Es geht einem gut. Und das allein ist schon schön. Klar, dieses Graham-Look-&-Feel ist doch aber schon am tatsächlichen Beginn, im überschwenglichen und im Text vortrefflichen SPECTACULAR irgendwie zu finden. Klar, der erste Song ist grandiös.

Saw y' on my compu-ah / Nev seen no one cu-ah / Posin with a shoo-ah / You got me in a stup-ah.

Er stellt mir totalgute Verausgabung schon am Start dar. Motor ist dieses eine, das Lied dominierende Riff. Es gibt auch kaum Zeit die Wörter auszusingen. Erlösung findet es nicht mal am Ende von Grahams Gitarren-Solo, vielmehr schiebt er den Song danach nochmals an, obwohl er kein Tempo verloren hat, macht's dann noch mal. Erst Ausrufe von Anstrengung schaffen SPECTACULAR ein Ende, machen Luft.

Soll heißen:

Graham Coxon ist unheimlich schwierig - bei ihm ist es wie mit Apple Betriebsystemen. Wer noch nie etwas mit ihm zu tun hatte, hat es wohl am Einfachsten - so wie jemand, der noch nie etwas mit Personal Computern zu tun hatte.

Ansonsten dominiert noch ständig der Vergleich mit Blur. Unweigerlich kommt er immer wieder. Ich wollte es hier vermeiden. HAPPINESS IN MAGAZINES gibt einem aber auch keine Anlässe für anderes.

So ist GIRL DONE GONE für mich einerseits Blues, ein Lied mit Hintergrund - jammernd und schleppend. Andererseits Parodie auf Damon Albarns Mitleids-Pop aus dem letzten Jahr: Uns geht es allen schlecht - aber irgendjemanden geht es irgendwo noch schlechter. BITTERSWEET BUNDLE OF MISERY - in Gitarren-Spiel, Schlagzeug und Gesang - sorgt für weitere Arbeit, indem es die Frage nach COFFEE & TV offen lässt. So wie GIRL DONE GONE, die nach dem Grund von Coxons verstellter Stimme. In BITTERSWEET BUNDLE OF MISERY erscheint nun mal unweigerlich COFFEE & TV, samt Milchtüte. Der Charakter ist darin unterwegs, fast am Ende angekommen sitzt nur halt nicht Albarn an der Orgel, wenn man durch das Fenster blickt, sondern steht Graham an der E-Gitarre, bevor aber doch das Tasteninstrument einsetzt, entweder automatisch oder gespielt von einem Unbekannten, und bevor der Solo-Künstler das Geschehen zunächst mit Clap-Hands kommentiert. Dabei ist das doch für mich eigentlich nur Zustimmung für das mir (bisher) schönste Liebeslied 2004.

Coxon macht es einem aber wieder schwerer in dem er in ALL OVER ME mit Streichern weitere Blur-Anleihen gibt. Die erste Single FREAKIN' OUT motiviert mit dem sich seinem Ende anschließenden "La, la, la, lay" - das alles haben auch Blur gemacht, hat Gemeinsamkeit, Zusammengehörigkeit geschafft. Mensch, Graham Coxon macht es einem unheimlich schwer. Treibt es in FREAKIN' OUT auch noch, wie Damon Albarn in CRAZY BEAT letztes Jahr.

So bleibt einem nur ein Neustart in der passenden Kategorie - und TEASING GRAHAM COXON soll helfen von Blur richtig loszukommen.

Im Moment kann ich aber auch nicht anders als diesen Versuch. Blur hat mal meinen Tag bestimmt. Obwohl es jetzt viel freudiger zuhören und zusehen ist, wie gut es Coxon zugehen scheint, das man es in seiner Musik glaubt, nach all dem was war, das HAPPINESS IN MAGAZINES einfach nur Freude bereitet. Ein bisschen hat man aber Angst, dass Grahams Positiviness gestellt ist. Es heißt schließlich HAPPINESS IN MAGAZINES. Nicht, dass schon bald nur Spaßsalven bleiben und sich der Longplayer zum Gegenteil wandelt.

PEOPLE OF THE EARTH und HOPELESS FRIEND machen es mir schon so. Abgesang auf den Pop. Zum Teufel mit seinen Innovationsgebern und großen Ideen. Das soll dann durch Wiederholung nach meinem Empfinden noch mehr schmerzen.

Dagegen stehen aber die Songs eines Geschundenen, der sich selber an die Nase fast, daraus lehren zieht. Schon am Anfang ist es NO GOOD TIME. In dem er all die Partygirls und Szenetypen zum Anlass nimmt, mit denen er früher abgehangen haben soll. Am Ende folgt mit ARE YOU READY?, BOTTOM BUNK, mir ein ganzer Block. Aber fast am Schluss in DON'T BE A STRANGER mir nochmals die Aufforderung sich dem britischen Künstler anzuschließen. Bevor Graham Coxon mit RIBBONS AND LEAVES eben irgendwie Zuhause ankommt: Alles hinter sich lässt. Da ist das Ende des Weges, da schnappt die Tür zu, da geht die Gestalt rein, so wie man es auf dem Platten-Cover sieht - gezeichnet von Graham Coxon.

---

12 Songs:

A1 - Spectacular
A2 - No good time
A3 - Girl done gone
A4 - Bittersweet bundle of misery
A5 - All over me
A6 - Freakin' out
B1 - People of the earth
B2 - Hopeless friend
B3 - Are you ready?
B4 - Bottom bunk
B5 - Don't be a stranger
B6 - Ribbons and leaves


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
meteohh

meteohh

19.05.2005 00:36

^sh... so gut hab ich das nicht hinbekommen. aber vor allem: ja irgendwie dachte man immer albarn sei der musikalisch große mastermind bei Blur. Aber ich denke mal es war die künstlerische konkurrenz die blur so gut machte!

bender16

bender16

18.08.2004 17:30

Ein wirklich sehr schöner Bericht mit vielen Infos. mfg bender

500386

500386

10.08.2004 18:57

Ganz hervorragender Stil.

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