Reiche Erbschaft
29.09.2011
Pro:
Es ist eine neue Welt für die Band, deren Erkundung hoffentlich recht lange andauern wird
Kontra:
Schade dass meinen Gesichtsausdruck nach dem 1 . Hören niemand fotografiert hat
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
mehr
 Das_Ky
Über sich:
Katastrophenwoche für den Fußball, es ist nicht anders auszudrücken.
Mitglied seit:26.02.2004
Erfahrungsberichte:157
Vertrauende:54
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 75 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als besonders hilfreich bewertet
Wenn man so lange Opeth-Fan ist wie ich (und der Band mit absolut hysterischer Hingabe verfällt), dann ist jede neue CD ein Segen und ein Fluch. Natürlich wartet man gespannt auf das nächste Meisterwerk, denn nichts anderes kann von dieser Gott-Band kommen. Dennoch beschleichen mich immer wenn es soweit ist klamme Zweifel. Nach 20 Jahren und 9 genialen Veröffentlichungen kann doch nicht wirklich noch was Dolleres erscheinen, oder? So geschehen diesen Sommer, als mich die neu entflammte Liebe für die fünf Schweden fest im Griff hatte und mich Fieber-Alpträume über das neue Opus schüttelten. Eine gesunde Anspannung ist angebracht! „Heritage“ ist eine echte Weiterentwicklung, eine große Veränderung und ein gewaltiger Schritt vorwärts für die Band. Aber sie ist nichts wovor man sich fürchten muss, wie ich in meinen dunkelsten Stunden. Die Neue …
Titel: Heritage Künstler: Opeth Genre: Hard 'n' Heavy; Progressive Rock; Heavy Metal Medium: CD + DVD Set-Inhalt: 2 Veröffentlichungsdatum: 16. September 2011 Label: Roadrunner Vertrieb: Warner Music EAN: 016861770556 Wie soll ich sie am besten beschreiben? Sie ist völlig anders als die bisherigen Opeth-Platten. Es gibt keine Death Metal Vocals mehr. Kaum Blastparts. Überhaupt nur noch wenige Metal Parts. Opeth 2011 sind vor allem Progressive Rock. Das, was mit den Jahren trotz seiner Einzigartigkeit so selbstverständlich wurde, der stetige Wechsel innerhalb eines Songs zwischen harsch und sanft, gibt es in dieser Form nicht mehr.
Dafür blieb aber ganz viel Vertrautes und Vertrauliches erhalten: Mikas (Klar-)Stimme, die ich unter Tausenden Stimmen auf der ganzen Welt heraus kennen würde; wunderschöne Gitarren die zu 90% auch wie Gitarren klingen (wenig Verzerrungen / Verfremdungen) – das gilt im Übrigen für alle Instrumente; in der Vergangenheit hatte ich schon manchmal befremdliche Gefühle, gerade bei den Drums, die klangen so maschinell obwohl ich wusste dass sie „von Hand“ eingespielt wurden; der progressive Anteil des Songwritings wurde erhöht, die Folk-Anleihen blieben erhalten; vielschichtige Untiefen und überraschende Wendungen gibt es mehr als genug; noch mehr Abwechslung bei den Gastmusikern (z. B. einen Kurzauftritt von Alex Acuna, einem weltbekannten Percussionist und Björn Lindh / Querflöte); Irgendwie leicht chaotisch dieser Bericht, aber genauso chaotisch fühlte sich die „Heritage“ beim 1. Hören auch an. Nicht wirklich fremd, denn wie oben beschrieben gibt es ganz viele bekannte Dinge zu entdecken. Es sind immer noch Opeth und ich denke, es werden immer Opeth bleiben, ganz egal wie die weitere
Bilder von Heritage - Opeth
Entwicklung der Band aussieht. Man braucht einfach ein bisschen um den Kulturschock zu überwinden. „Heritage“ ist ganz schön sperrig, das ist garantiert gewollt, obwohl Mastermind Mikael Akerfeldt immer betont, er mache nur die Musik die er selbst gerne hören möchte. In einem frühen Interview bekannte er jedoch was in dem Sinne, dass der Hörer sich irgendwann zu sicher fühlt mit der Musik – „and I don’t want the listener to feel safe“. Mit teuflischem Lächeln! ;)
Genial an „Heritage“ finde ich, dass der Bass so im Vordergrund steht. Ich mochte den Klang dieses Instruments schon immer, leider wird der ja generell ziemlich unterbewertet und die meisten Bands machen eher langweiliges Zeug damit. Opeth natürlich nicht! Mit Martin Mendez hat man einen echten Künstler an Bord, der den Platz der ihm geboten wird weitest möglich nutzt. Einfach mal drauf achten beim entspannten Zuhören (bzw. es führt sowieso kein Weg daran vorbei, aber dieses Spotlight über der Birne hat er sich redlich verdient :) Viele der Bass- und Drumparts auf „Heritage“ wurden „am Stück“ und gleichzeitig eingespielt (also fast eine Live-Situation, trotz Studio). Vielleicht kommt daher der erdige, charmant-antiquierte Sound. Die Gitarren sind wie immer bei Opeth ein Kapitel für sich – legendär! Absolut. Fredrik Akesson fügt sich besser ein denn je und über Mika muss ich nichts sagen, Gitarrengott schlechthin. Keyboard, Mellotron und/oder Piano sind zwar fast allgegenwärtig, für mich persönlich jedoch nicht aufdringlich / überlagernd, sondern genau richtig dosiert.
Nun bin ich leider kein Prog-Rock-Experte. Tatsächlich bin ich ziemlicher Anfänger auf diesem Gebiet und kann nicht sagen, welchen Stellenwert die „Heritage“ für das ganze Genre haben wird. Ich kann nur über ihre Bedeutung für mich schreiben. Schauen wir doch mal auf die Lieder, respektive meine Favoriten:
Umschlossen werden die Songs von zwei Instrumentals, dem Titeltrack (reines Piano) und „Marrow of the earth“ (hier sind zunächst nur zwei Gitarren zu hören, zum Schluss kommen noch Bass und Schlagzeug hinzu). Bei dem Titeltrack durfte sich gleich der neue Tastateur Joakim Svalberg verewigen und er macht einen Klassejob, sehr gefühlvoll intoniert. Generell betrachtet sind Instrumentalstücke oft genug Füllmaterial oder ein halbwegs brauchbares Intro / Outro, je nachdem zur Einstimmung oder zum sanften Ausfaden. Bei Opeth und vergleichbaren Monumentalbands (wie u. a. Porcupine Tree) sind Instrumentals dagegen vollwertige Songs. Das kommt aber auch daher, dass die Instrumente bei Opeth eine eigene Stimme und wirklich was zu sagen haben. „Devil’s Orchard“ fand ich erstmal sehr schwer verdaulich: Überfallartige Drums, sehr weirde Eigendynamik, haarsträubende Rhythmen, Stimmverzerrung, dazwischen zwar sehr nett groovende Gitarren, dennoch alles ein bisschen viel auf einmal, wie so oft bei Opeth. Jedoch (wie so oft bei Opeth! :) sind es genau die Songs die zunächst etwas widerborstig vor dem Ohr herumtrotzen und nicht hineinwollen, die man später nicht mehr herausbekommt.
“I Feel the Dark” war mir von Beginn an sympathisch. Nach dem Magendrücker „Devil’s Orchard“ kam mir die entspannte, hippieske Stimmung dieses Songs gerade recht. Allerdings lauert in der Mitte ein gähnender Schlund, umwölkt von düsteren Keyboards. Vorsicht ist geboten. Der Anfang von “Nepenthe” ist eine Winterlandschaft. Das leise Schlagzeuggestreichel im Hintergrund könnte man glatt für Schneegrieseln auf Dachfensterscheiben halten. Irgendwas klingt wie ein Herzschlag. Dann wird’s allerdings kurzzeitig etwas hektisch und schrill – auf so was muss man bei Opeth halt gefasst sein. Sogar für ein kleines Gitarren-Gefrickel ist Platz. Der Schluss puckert wieder ruhig vor sich hin.
„Häxprocess“ ist die Blume die im Verborgenen blüht. Oder in der Abgeschiedenheit, Dunkelheit. Zwar betört ihr Duft auf Anhieb, aber ihre wahre Schönheit kommt erst durch intensive Betrachtung zum Vorschein. Nach dem wunderbar ruhigen und melancholischen Beginn wird es in der Mitte munterer und abwechslungsreicher. Dennoch überwiegen die gedeckten Farben: Ein tiefes Dunkelblau, durchädert von Violett und einem Rot das so gesättigt ist, dass es fast schwarz erscheint. Für den Schluss gibt es keine Worte – so düster & dramatisch und dennoch mit jeder Note so hoffnungsvoll. Das sind Opeth! Die niemals zerstören, immer aufbauen. „Famine“ ist echt abgefahren. Selbst wenn man durch Band und Platte von nix mehr geschockt sein dürfte, „Famine“ schafft das locker. Vor allem der doomige Teil in der Mitte, bei dem der Flötist sich vollkommen austoben darf (und seinem Instrument zuweilen Geräusche entlockt, die man für so ziemlich alles halten könnte, aber nicht für Flötentöne). Aber was laufe ich schon wieder so kopflos los, fangen wir doch von Anfang an: der bringt nämlich erstmal den coolen Percussion-Auftritt von Alex Acuna, von dem ich mir definitiv weiteres Material zulegen werde, so gut hat er mir gefallen (leider ist sein Beitrag viel zu kurz geraten). Ich glaube nicht dass ich jemals zuvor einen derart monumentalen Song gehört habe; das ist „Ben Hur“ auf der Public-Viewing-Leinwand. Unfassbar … und woher all diese seltsamen Einfälle kommen (die wunderbarerweise aufs innigste harmonieren) will ich gar nicht wissen. Die Band muss mindestens kollektiv an Fröschen geleckt, Tapetenkleister gesoffen oder Düngestäbchen gegessen haben, anders ist das nicht zu erklären.
„The lines in my hand“ gefiel mir auf Anhieb. Wahrscheinlich war ich einfach glücklich, in all dieser überbordenden Vertracktheit wenigstens ein relativ normales Lied zu finden! Solider Rocksong mit wiederum feinsten Bass- und Gitarrenlinien. Die Limited Edition beinhaltet die folgenden Special Features:
## Das Album im 5.1 Mix. Ich habe leider keinen Surround-Sound oder ähnliches technisches Wunderwerk. Daher muss ich einfach glauben dass ein Unterschied bemerkbar ist bei entsprechender Ausstattung. Mir persönlich ist das echt nicht wichtig, „Heritage“ rockt mich vollkommen auf meiner ganz normalen Stereoanlage :) ## Zwei Bonustracks:
„Pyre“, geschrieben von Mika und Fredrik Akesson. Dieses Stück ist zu Recht nicht auf dem Album und „nur“ Bonusmaterial: Nice-to-have und bestimmt kein schlechter Song, schöne Gitarren in der Mitte, guter Refrain. Aber zu blumig und zu wenig Ecken & Kanten um zwischen den obigen Granaten bestehen zu können. „Face in the Snow“ ist etwas düsterer und ergreifender ausgefallen, ohne wirklich zu verdunkeln. Gefällt mir besser als „Pyre“, hätte aber ebenfalls nicht auf den Hauptteil von „Heritage“ gepasst.
Ergo: Beide Songs sind gut genug um gehört und gemocht zu werden und sie sind perfekte Bonustracks; ein Kann, kein Muss. ## Doku: „The Making of Heritage”
Die Doku dauert ca. 60 Minuten und ist wie immer bei Opeth unterhaltsam, kurzweilig und bis zum Rand gefüllt mit Informationen. Leider mit einem etwas gedämpften Unterton, da unmittelbar nach den Aufnahmen Keyboarder Per Wiberg die Band verließ. Natürlich nicht direkt im Streit, das betonen alle Seiten; aber Rosenblätter hat’s garantiert nicht geregnet, das merkt man Mika und Fredrik deutlich an. Wie auch immer: Die verbliebenen Bandmitglieder kommen ausführlich zu Wort über das Wichtigste, nämlich die Musik; den Entstehungsprozess des Albums; die Produktion und das schöne alte Studio; Gastmusiker und der Produzent dürfen ebenfalls ins Bild winken. Und der Großteil der Doku ist in schwedischer Sprache gehalten (mit englischen Untertiteln), was für mich persönlich ein Highlight darstellt, weil ich schwedisch so schön finde. Ich kann nur empfehlen, zuerst die Doku zu schauen und danach das Album zu hören. Die Band redet auch über ihre Lieblingssongs und macht auf Feinheiten aufmerksam. Außerdem wäre explizit diese Scheibe ohne sanfte Einführung zuviel für mich gewesen. Ich wusste dass was Großes auf mich zukommt, Intuition tobte durch meinen Körper wie ein Rudel tollwütiger Marder und meine Hände waren schweißnass als ich sie vom DHL-Mann in Empfang nahm! ;) bestimmt hatte ich auch noch hektische rote Flecken im Gesicht oder sonst was, der schaute ganz befremdet.
Fazit:
Ich habe noch keine CD, weder von Opeth noch von einer anderen Band, in so kurzer Zeit so oft und so intensiv gehört wie diese. Als wäre die Entwicklung der letzten Monate nur auf sie zugelaufen. Als hätte ich mein ganzes Leben auf sie gewartet. Natürlich bin ich ein echter Freak wenn es um Opeth geht, zum Glück bin ich überhaupt in der Lage andere Bands wahrzunehmen. Da muss man ja froh sein dass es nicht noch seltsamere Blüten treibt! Trotzdem fasziniert und begeistert mich „Heritage“ über alle Maßen und das möchte ich nicht missen. Diese Scheibe macht mich einfach glücklich, neben allen anderen Dingen die in meinem Leben gerade gut laufen, dafür bin ich sehr dankbar. Wem auch immer … dem Gott von Opeth wahrscheinlich :)
Bandbesetzung 2011: Mikael Akerfeldt (Vocals, Gitarre, Hauptsongwriter) Fredrik Akesson (Gitarren) Martin Mendez (Bass) Martin Axenrot (Drums) Joakim Svalberg (Keyboards, Piano, Mellotron) Tracklist CD 1. Heritage 2. The Devil's Orchard 3. I Feel the Dark 4. Slither 5. Nepenthe 6. Häxprocess 7. Famine 8. The Lines in My Hand 9. Folklore 10. Marrow of the Earth
Tracklist DVD 1. Heritage (5.1 Mix) 2. The Devil's Orchard (5.1 Mix) 3. I Feel the Dark (5.1 Mix) 4. Slither (5.1 Mix) 5. Nepenthe (5.1 Mix) 6. Häxprocess (5.1 Mix) 7. Famine 8. The Lines in My Hand (5.1 Mix) 9. Folklore (5.1 Mix) 10. Marrow of the Earth (5.1 Mix) Bonustracks: 11. Pyre 12. Face in the Snow
Documentary: The Making of Heritage
Das prächtige Cover gibt es hier in groß zu bestaunen: http://a5.sphotos.ak.fbcdn.net/hphotos-ak-snc6/248860_10150260186353410_7496603409_9002103_5549670_n.jpg
Preisvergleich
sortiert nach Preis
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Das könnte Sie interessieren
|
|
28.06.2012 09:36
BH auch wenn die Band mir nichts sagt.
13.12.2011 19:03
ich bin sooo froh, das die wieder Steven Wilson dazu geholt haben. Dieser 70er ProgRock ist einfach unglaublich geil. Natürlich dürfte das so ziemlich alle eingefleischten Watershed und Blackwater Park Fans vergraulen, aber ich mag diesen Stil lieber. Das liegt wahrscheinlich, wie auch bei Damnation, nur an Steven Wilson. Er ist ein Gott, ein lyrischer Gott. Er sollte vielleicht als dauerhaftes Mitglied bei Opeth einsteigen und sich noch mehr beteiligen. Er hat ja so viele Sideprojects, da würde ein Beitritt zu/bei Opeth auch nix mehr ausmachen ^^ ach übrigens: das aktuelle Soloalbum von Steven Wilson ist....boah!
30.11.2011 02:02
Vor dem Bericht ziehe ich den Hut, ich hätte nicht ein Zehntel der Worte für das Album verlieren können. Aber ich war enttäuscht. Mir sind sie da einen Schritt zu weit gegangen. Es ist für sich ein kein so schlechtes Album, aber es ist nicht das was ich von Opeth hören mag.