Erfahrungsbericht über

I Can't Get Started - Lennie Tristano

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Lennie.....wer????

5  13.07.2007

Pro:
Klassische Aufnahmen des Cooljazz

Kontra:
verlangt Hörer

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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roadster135

Über sich: Britische Roadster und gute Musik;was wäre das für ein Leben ohne diese "Nebensächlichkeiten&qu...

Mitglied seit:20.01.2006

Erfahrungsberichte:25

Vertrauende:15

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 85 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Konfrontiert man den durchschnittlichen Musikkonsumenten mit dem Namen "Lennie Tristano",wird man höchstwahrscheinlich verständnisloses Achselzucken ernten. Selbst eingefleischte Jazzliebhaber und -kenner (oder die,die sich halt so bezeichnen) können meist mit Tristano wenig bis gar nichts anfangen. Von den Wenigen,die ihn kennen,kommt in den allermeisten Fällen Unverständnis und Ablehnung,wenn es um seine Musik geht. Nur einige "Unbekehrbare" sehen seinen Beitrag zur Entwicklung des Jazz auf einer Stufe mit Größen wie Charlie Parker oder John Coltrane.Tristano war und ist der Prototyp des "musicians musician",der bei Musikern höchstes Ansehen genießt,beim breiten Publikum auf Desinteresse oder Ablehnung stößt.

Ich habe in einem vorangegangenem Bericht bereits versucht zu erklären, was die Gründe für das Desinteresse und die Ablehnung von Tristanos Musik sein könnte und werde mit diesem Bericht wieder versuchen mehr Musikliebhaber mit diesem Musiker bekannt zu machen.
Vielleicht hört man dann weniger oft die Frage:"Lennie.... wer???"

Ein Grund für die geringe "Publikumswirksamkeit" von Tristano war bestimmt seine Kompromisslosigkeit. Er kümmerte sich weder um den breiten Publikumsgeschmack,noch um die Vorgaben seiner Plattenfirmen,sondern setzte kompromisslos seine Ideen mit gleichgesinnten Musikern um.
Sein Ansatz unterschied sich grundlegend von den damaligen "Jazzidealen". Wer sich in einer Zeit wo Bebop mit seinen "heißen" Phrasierungen, ausdrucksstarkem Spiel und viel Bezug zum Blues zu klassisch-europäischer Musiktradition bekannte und von sich und seinen Mitmusikern forderte kühl, vibratolos und unemotional zu spielen,machte sich natürlich in der Jazzgemeinde wenig Freunde.
Während sich der Bebop (vor allem Charlie Parker und Dizzy Gillespie) vornehmlich der Entwicklung der Harmonik widmete, ging es Tristano um die Entwicklung der Melodie in bisher unbekannte Bereiche bis hin zur Atonalität in seinen ersten Free Jazzaufnahmen.
Ohne die Errungenschaften des Bebop ( erweiterte Harmonik, perfekte technische Beherrschung des Instrumentes, etc...) zu verleugnen, setzte Tristano mit seiner Auffassung einen Kontrapunkt,der für den durchschnittlichen Jazzkonsumenten (und dazu zählten auch die meisten Jazzkritiker) nur schwer verkraftbar war.

Die Aufnahmen dieser Cd entstanden in den Jahren 1946 bis 1949, also in der Hochblüte des Bebop, weshalb die Titel von 1946 auf Mercury original erschienen,sogar von einem Jazzkritiker,der sich für einen Experten hielt,als Bebop bezeichnet wurden.
Entweder hatte der Mann die Aufnahmen nie gehört oder keine Ahnung von Jazz, sonst hätte er mitbekommen,dass hier etwas komplett anderes geschaffen wurde.
Standards wie "I Can't Get Started" oder "I Surrender Dear" erhielten durch Tristano eine gänzlich neue Interpretation mit dem Schwergewicht auf der Entwicklung der Melodik.
Einem der wenigen Jazzkritiker mit Verständis für Tristanos Musik,Barry Ulanov, widmete der Pianist das Stück "Coolin' Off With Ulanov", das insofern bemerkenswert war,als dass sich darin in Triobestzung (Klavier, Bass, Gitarre) bereits alle Stilmerkmale des Cooljazz deutlich abzeichneten. Umso unverständlicher erscheint es,dass ein anderer Jazzkritiker diese Musik als Bebop bezeichnete, nur weil sie 1946 erschien.

Während die Mercurytakes (1946 und 1947) in Triobesetzung aufgenommen wurden,erweiterte Tristano in der 1949 bei Capitol eingespielten Session die Band um zwei Saxophonisten (Lee Konitz am Alt und Warne Marsh am Tenor) und um ein Schlagzeug.
Auch in diesen aus heutiger Sicht stilprägenden,damals jedoch unbeachteten oder "verrissenen" Aufnahmen zeigen sich deutlich die stilprägenden Elemente des Cooljazz wie Schwerpunktsetzung auf das melodische Geschehen, kühler,vibratoloser Klang der Bläser, höchste technische Ansprüche an die Musiker, das Besinnen auf klassische europäische Musik in formaler und melodischer Hinsicht und die Kompromisslosigkeit in der Umsetzung dieser Ideen.
Lennie Tristano wollte Eines niemals sein und war es auch nie:mainstream.
Die Verkaufserfolge von "Crosscurrents" hielten sich in engen Grenzen und wer heute noch ein Original ergattern kann oder eines besitzt,hat eine der großen Jazzraritäten in seinem Besitz.

"Subconscious Lee" und " Sax of a Kind" featuren natürlich Lee Konitz und Warne Marsh, die mit ihrem glasklaren Ton und der coolen Phrasierung neue Standards für ihre Instrumente setzen.
Oft sind die beiden nur schwer voneinander zu unterscheiden,da Warne Marsh gerne in den hohen Lagen seines Instrumentes spielt.

Besondere Beachtung verdienen "Intuition" und "Disgression",da hier Tristano das Prinzip der erweiterten Melodik bis zum Äußersten ausdehnt und somit die ersten Free Jazzaufnahmen etwa zehn Jahre vor der "offiziellen" Gebuurt dieses Stils schafft.
Dass dieses freie Spiel um 1949 den durchschnittlichen Jazzkonsumenten,der entweder auf New Orleans Revivalbands wie die von George Lewis und Bunk Johnson, Bigbands im Ellington oder Basie-Stil und vielleicht sogar auf Bebop stand, zum Großteil überforderte,war vorhersehbar, kümmerte jedoch Tristano überhaupt nicht. (Welches Glück für Tristanofans,dass sich Capitol entschließen konnte diese Titel aufzunehmen,obwohl vorhersehbar war,dass damit nicht die "große Kohle" gemacht werden kann).

Für mich persönlich hat "Wow" eine besondere Bedeutung,da ich damit erkannte,wieviel an Übungszeit es beansprucht dieses Thema spielen zu lernen. Selten war ein Titel treffender,da ich mir beim ersten Anhören wirklich "wow" dachte und mir die Kinnlade weit herunter klappte.

Mit dem Kauf dieser Cd erwirbt man auf einem Tonträger die stilbildenden Aufnahmen des Cooljazz und Tristanos wichtigste Aufnahmen neben den beiden Atlantic-Einspielungen.
Ich hoffe,ich konnte mit diesem Bericht etwas Licht ins Dunkel über die unbeachtete Legende Lennie Tristano bringen.


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Dr.WeissViel

Dr.WeissViel

08.01.2009 09:52

erleuchtete und schönegrüße. ;O)

narcotik

narcotik

27.10.2008 13:53

super bericht, auch wenn die musik nicht mein geschmack, aber immerhin kann ich jetzt auf die frage Lennie....wer? antworten :D

KruegerChristine

KruegerChristine

19.08.2008 09:05

... muss leider gestehen, der fehlt auch in meiner Sammlung! BH Günter

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Ausgabedatum: 2006-08-18, Audio CD, Original Jazz Standards (ZYX)

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