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Ideal - Ideal

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Idealer Auftakt

4  19.12.2005

Pro:
Eine der besten Bands und eines der besten Alben der Neuen Deutschen Welle

Kontra:
Nur für Fans

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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Milsch

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:192

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 96 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Wenn man sich umfassend mit der Musik der 80er Jahre beschäftigt, kommt man an bestimmten Trends nicht vorbei. In bojorix' aktueller Aktion "80er reloaded" findet sich bislang erst ein Beitrag zur "Neuen Deutschen Welle", und das gilt es zu ändern, denn diese - wenn auch kurzlebige - Modebewegung war doch hierzulande ein prägendes Element zu Beginn jenes Jahrzehntes.

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Was war die "Neue Deutsche Welle"? Im britischen Musikmarkt war der Punkrock so schnell untergegangen, wie er gekommen war, und zügig füllte ein facettenreicher Stilwechsel unter dem Oberbegriff New Wave die entstandene Lücke. Bands wie Depeche Mode, Human League, Visage oder Ultravox verhalfen dem Synthesizer zum endgültigen Siegeszug in der Popmusik. Das alles ereignete sich im Übergang zwischen den 70er und den 80er Jahren.

In Deutschland, wo jahrelang der Schlager die Verkaufscharts dominiert hatte und daneben nur einige monströse Bands wie Grobschnitt oder Kraftwerk mit moderneren Sounds bestehen konnten (selbst Peter Maffay zählte zu der Zeit noch zum Schlagerbereich), dauerte es ein wenig, bis sich junge Musikanten dem britischen Trend anschlossen. Durch das fehlende Reservoir einer breiten Schicht junger Rockbands ergaben sich zwei Phänomene: erstens fielen Punk und New Wave in Deutschland stilbildend zusammen, zweitens gab es plötzlich zwar einen Haufen williger, aber nur eine handvoll fähiger Musiker.

So entstand in Deutschland Ende der 70er eine Art Untergrundbewegung musikalischer Dilettanten, die ein undefinierbares Gemisch verschiedener Stile zum Besten gaben. Zum Zeichen ihrer vollständigen Loslösung von allen Normen gaben sie sich höchst dubiose Bandnamen wie etwa "Erste weibliche Fleischergesellin seit 1945", "Mythen in Tüten" oder "Geile Tiere".

Ich muss dem ansonsten lesenswerten Artikel in der Wikipedia widersprechen, wenn er behauptet, dass die NDW "von der Musikindustrie zum kurzlebigen Modetrend degeneriert" wurde und die Untergrundbands aus Frustration über die "zunehmende Kommerzialisierung" zerfielen. Es war vielmehr so, dass 90% schlicht inkompetent waren und nach kurzer Zeit kaum noch jemand das Übel anhören mochte. Und die angebliche "Kommerzialisierung" war zunächst nichts anderes als die Förderung und Vermarktung jener Kombos, die musikalisch etwas drauf hatten und originell waren. Dazu zählten noch heute bekannte Namen wie Hubert Kah, Extrabreit, Trio, Markus oder eben Ideal.

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Ideal wurden 1980 gegründet von Sängerin und Keyboarderin Annette Humpe, die später noch mit dem Projekt DÖF und der Single "Codo" einen Riesenhit hatte, sowie Frank Jürgen Krüger - kurz "Eff Jott" genannt, der die Gitarre zupfte und hin und wieder auch den Leadgesang übernahm. Komplettiert wurde die Truppe von Bassist Ernst Ulrich Deuker und Drummer Hansi Behrendt. Letzterer war für mich einer der originellsten Schlagzeuger der NDW, der den Idealstücken sehr variable und typische Färbungen gab, während viele andere NDW-Bands auf monotone Beats oder gar Drumcomputer setzten.

Humpe und Eff Jott entstammten der Punk/Wave-Szene, was man vor allem ihrer ersten Single "Berlin" noch deutlich anhört, welche auch das Album eröffnet. Eine schrappende Gitarre schruppt gemeinsam mit Behrendts Schiessbude einen hektischen Rhythmus runter, zu dem ein nervöses Keyboard wie eine heulende Polizeisirene erklingt. In der Mitte des Songs ein wildes, wahrhaft punkiges Gitarrensolo, die atemlos vorgetragenen Strophen liefern Blitzlichter des Berliner Strassenbildes: "Graue Häuser, ein Junkie im Tran // Es riecht nach Oliven und Majoran // Zum Kanal an Ruinen vorbei // Da hinten das Büro der Partei." Bei aller Tristesse bleibt das Stück ein Liebesbekenntnis: "Ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin."

Die Single war schnell ausverkauft und wurde ein Charthit, und Ideal nahmen für ihr im November 1980 erschienenes Debütalbum mit dem schlichten Titel "Ideal" noch einige dieser wilderen Tracks auf. "Rote Liebe" zum Beispiel funktioniert musikalisch ganz ähnlich wie das hektische "Berlin", sogar das sirenenartig jaulende Keyboard finden wir hier wieder. In ähnlich forscher Manier kommen "Luxus", "Roter Rolls Royce" und "Irre" daher, diese sind allerdings mehr gitarrenbetont. Doch die wahren Highlights des Albums liegen woanders, denn Ideal haben auf ihrem Erstling eine für NDW-Bands erstaunliche Variabilität bewiesen.

Da ist zum Beispiel die zweite Single "Blaue Augen", wohl der erfolgreichste Song der Gruppe und vielleicht der gesamten NDW-Bewegung. Es ist ein grossartiger Spagat zwischen Schlager, Pop und Punk. Eine harmlos dudelnde Orgel, die auch einem Bata Illic-Titel alle Ehre gemacht hätte, begleitet die Strophen, Eff Jotts Gitarre lauert weit nach hinten gemischt. Doch so richtig schlagermässig wird das nicht, dafür ist die gelangweilte Null-Bock-Attitüde von Annette Humpe ein zu offensichtlicher Stilbruch: "Ideal und TV lässt mich völlig kalt // Und die ganze Szene hängt mir aus'm Hals // Da bleib ich kühl - kein Gefühl", singt sie so genervt, als wäre sie kurz vorm Einschlafen. Doch plötzlich schlägt die Nummer hart zu: das Schlagzeug und die Gitarre explodieren, und nun ist auch Frau Humpe wach und besingt, nein, beschreit jene blauen Augen, die sie so sentimental machen. Genauso plötzlich, wie der Titel aus dem Stand angesprungen ist, bremst er auch wieder ab, zurück zur dudelnden Orgel der Strophe. Nach dem zweiten Refrain aber nicht mehr, nun nimmt das Ganze erst richtig Fahrt auf, und Annette Humpe quietscht den Titel zu Eff Jotts heulender Gitarre bis zum Finale.

Irgendwie fanden "Blaue Augen" damals alle gut, weil jeder sich ein bisschen darin wiederfinden konnte. Jungs und Mädels, Kids und Eltern, manchmal hörte sogar die Oma zu. Für mich ist es noch immer der Geniestreich der NDW und ein zeitloser Klassiker.

Noch ein Stückchen eindeutiger kommerziell angehaucht ist "Telephon", ein simples Liedchen um eine Frau, die auf den Anruf ihres Freundes wartet. Das ist nun schon hart am modernden Schlager, ungewöhnlich allerdings die lange Einleitungssequenz, in der fast eine Minute lang nur Drums und Bass zu hören sind, wohl ein Versuch, der ansonsten etwas spröden Nummer noch ein wenig mehr Pep zu geben.

Solcherlei Spielereien haben die drei von Eff Jott gesungenen Lieder nicht nötig. Jedes für sich ist eine ganz eigene Kreation, und Eff Jotts liebenswerte Unfähigkeit, die Töne zu treffen oder den Text klar zu artikulieren, verleiht diesen Titeln einen besonderen Reiz. "Da leg ich mich doch lieber hin" ist in der Strophe eine Art schneller Reggae, sogar Steel Drums werden hier eingesetzt. Es geht um einen Leichtfuss, der nichts auf die Reihe kriegt und ständig von anderen etwas erwartet. Eff Jotts nuschelig gelangweilter Gesang spiegelt diesen Hallodri perfekt wieder: "Der Kaffee macht mir keinen Spass // Hoffentlich passiert bald was // Mal wieder nix passiert // Kein Job, kein Geld - frustiert". Im Refrain ist dann aber Schluss mit dem fröhlichen Sound, es dominieren schräge Disharmonien, und die Wahrheit kommt zum Vorschein: "Da leg ich mich doch lieber hin // Denn so hat alles keinen Sinn // Ich wart, dass alles besser wird // Dass endlich was passiert..."

Völlig anders dagegen das düstere, beklemmende "Telepathie". Hier wird über eine finstere Basslinie, bedrohlich züngelnde Cymbals und schräge Gitarrensequenzen eine äusserst geheimnisvolle Stimmung aufgebaut, die Eff Jott durch seinen dunklen, immer eine Spur zu langsamen Sprechgesang grossartig ausfüllt: "Kein Entrinnen, wie von Sinnen // Unsichtbar bin ich Dir nah // Telepathie." Ganz am Schluss beendet eine gehetzte, mit Schreien durchzogene Fluchtsequenz das Stück.

Fehlt uns noch das kurze, witzige "Hundsgemein". Völlig verquer arrangiert prustet eine Trompete die Melodie zu einer wabbernden Orgel, und Eff Jott beschwert sich schreiend bei seiner besseren Hälfte: "Hast in den Safe gefasst mein letztes Geld verprasst - alles ohne mich // Das ist gemein, so gemein, hundsgemein!". Ein niedlicher Lückenfüller, den man zwischendrin immer wieder gerne anhört.

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Ich habe noch die Vinylscheibe von Ideals Debütalbum: die musste man tatsächlich mit 45 Umdrehungen abspielen wie eine Single. An Ideal war damals eben alles erfrischend anders. Meiner Ansicht nach konnte der Nachfolger "Ernst des Lebens" den Standard des Erstlings noch einigermassen halten, während "Bi Nuu" unter kreativen Aspekten schon deutlich zurückfiel.

Wie auch die gesamte NDW, war die Geschichte von Ideal recht kurzlebig. Bereits 1983 löste sich die Band auf, da war die "Neue Deutsche Welle" auch schon weitgehend abgeklungen. Immerhin kann die Truppe für sich in Anspruch nehmen, einige hörenswerte Stücke deutscher Popmusik und mit "Blaue Augen" den ultimativen NDW-Hit schlechthin hinterlassen zu haben.


(03'09") Berlin
(03'54") Irre
(05'27") Telepathie
(03'09") Blaue Augen
(02'14") Hundsgemein
(04'03") Luxus
(02'36") Rote Liebe
(04'28") Da leg ich mich doch lieber hin
(03'24") Telephon
(03'15") Roter Rolls Royce
-----------
(36'19")

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
mongerbino

mongerbino

22.03.2006 14:55

Die guten Scheiben der Neuen Deutschen Welle waren nämlich gar keine Neue Deutsche Welle oder sie wussten es zu dem Zeitpunkt selber nicht. Die Welle driftete doch sehr schnell in Richtung Schlager ab. Dann konnten sie auch bei Dieter Thomas Heck gespielt werden. Die Anfänge von Ideal und Extrabreit waren natürlich klasse. Hat Peter Maffay jemals was anderes als Schlager gemacht? Wusste ich gar nicht.

himmelssurfer

himmelssurfer

11.03.2006 10:13

Überall, wo Humpe draufsteht, wird es zumindest interessant. :-)

bockwoldt

bockwoldt

04.02.2006 02:16

..............

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