Lieder von Ehre, Blut und Verschwiegenheit...
Ich gebe zu: Noch war ich nie in Italien, auch ist mein Italienisch eher dürftig... Aufgrund meines Ciao-Berichtes (*grins*... ich hörte schon öfter "Ciao Bella", als Begrüßung, das hat nichts damit zu tun, dass ICH "Ciao" immer nur als Verabschiedung ... Bericht lesen
eigene Regeln, eine eigene Kultur und meist auch eigene Lieder hat, so auch die Mafia. Dieses Album stellt die erste offizielle Veröffentlichung der Lieder der kal...
Erfahrungsbericht von MalaNdrina über Il Canto Di Malavita - La Musica Della Mafia 24. April 2005
Produktbewertung des Autors:
Cover-Design:
gut
Klangqualität:
ausgezeichnet
Langzeithörspaß:
wird nicht schnell langweilig
Pro:
die Musik . . .
Kontra:
die Textinhalte machen ggf . Bauchschmerzen
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Lieder von Ehre, Blut und Verschwiegenheit... Ich gebe zu: Noch war ich nie in Italien, auch ist mein Italienisch eher dürftig... Aufgrund meines Ciao-Berichtes (*grins*... ich hörte schon öfter "Ciao Bella", als Begrüßung, das hat nichts damit zu tun, dass ICH "Ciao" immer nur als Verabschiedung nutze) über "Ciao"-http sowie mit meinen Erkenntnissen angesichts meines HIER-Namens (den nur geborene oder eingefleischte Italos zu deuten wissen) werde ich mir hier antun zweierlei zu leisten (hoffentlich)... Erstens: Woher kommt mein Nick? Zweitens: Was treibt mich?
Doch nun erst mal zur CD: Bei Deutschlandradio Berlin (jetzt Deutschlandradio Kultur), gibt es nachmittags eine Sendung zu Weltmusik, die ich immer höre, sofern ich das einrichten kann, leider zu selten. Eine der Sendungen ließ mich aufhören. Es ging um Kalabrien und die - nennen wir es mal Volksmusik - von dort. Eigentlich ist es Volksmusik. Hier handelt es sich jedoch nicht um die folkloristischen Tarantellen, die auf Dorffesten auch gespielt werden, sondern um die Musik der 'Ndrangheta - der kalabrischen Mafia.
Wer jetzt zusammenzuckt, dem sei gesagt: Mir wurde auch bissel komisch. Noch komischer wurde mir, als ich bemerken und mir auch noch eingestehen musste, dass mir die Musik gefällt. Schreck lass nach! Das mir, wo ich doch gegen jegliche Gewalt bin und das, was die Mafia so treibt nun mal einfach nicht so mein Ding ist. Ich stehe ja nicht mal auf Mafia-Filme...
Übrigens ist die Musik dort verboten und wird nur unter dem Ladentisch gehandelt, dies allerdings - wie mir doch scheint - sehr erfolgreich. Kritiker meinen, dass es unanständig ist, mit Musik die Gewalt verherrlicht zu handeln. Dies ist ein gewiss berechtigter Einspruch. Nun halte ich mir zugute (eigentlich nicht, denn ich würde gern italienisch lernen, hab aber noch nicht), dass ich die Textinhalte zunächst nicht verstehe und somit nur die Musik mir irgendwo durch den Kopf in den Bauch geht. Kurzum: Nach der Sendung im Radio war ja erst mal Ruhe damit.
Im Kopf hatte ich es aber dennoch und eines Tages erhielt ich mal wieder das berühmte Zweitausendeins-Heftchen. Und was seh ich: IL CANTO DI MALAVITA... Genau die Musik! Hier scheint sie also nicht verboten und so hatte die Mala nichts eiligeres zu tun, als die CD mitzunehmen.
Fiebrig hab ich gewartet (Zweitausendeins liefert schnell, dauert meist nur so drei Tage)... und dann hatte ich das zellophanverschweißte Dings in der Hand. Leider erkennt man hier das Cover-Bild nicht, ist sehr dunkel geraten. Passt aber absolut. Es zeigt einen Leichenzug. Im Vordergrund sieht man Milizionäre, die das ganze begleiten, im Mittelpunkt einen von Männern in Zivil getragenen Sarg. Sehr passend.
Ich gebe zu, dass ich das überaus umfangreiche und bebilderte Booklet nicht sofort las. Ich wollte erst noch mal die Musik hören und schauen, was mit mir passiert. Mit einer Art schlechtem Gewissen, kühleren Schauern, die mir den Rücken rauf- und runterkrochen, habe ich sie dann gleich zweimal hintereinander angehört.
Schlechtes Gewissen ist ein guter Ausdruck für meine Gefühle beim Hören, auch jetzt oder jetzt sogar noch ein Stück mehr. Denn inzwischen habe ich das alles ja gelesen. Es gibt eine aussagekräftige Einführung in das Thema. Ein Satz beruhigt mich: "Auch die unbescholtene Bevölkerung hatte diese Musik offen angenommen und bei der Arbeit auf dem Feld, der Olivenernte, oder auf Festen gesungen."
Basta: Wenn mich das nicht rehabilitiert!
Goffredo Plastino, der den Einführungstext verfasste schreibt u.a.: "Abgesehen von den Irritationen, die einige der Texte beim Hörer hervorrufen mögen, vermittelt die vorliegende CD erstmalig einen umfassenden Einblick in die Geschichte der Mafialieder. Noch nie zuvor sind diese Musikstücke regulär veröffentlicht worden."
Die CD eröffnet mit einer Art Zwiegespräch, auch wenn man nicht versteht... eines versteht man immer "morte" und "omertà"... Für die, die es nicht verstehen "Mord" und "DAS Gesetz des Schweigens", das Gesetz der Mafia...
Es geht um Blutrache, um Gesänge von Verurteilten, die sich nicht eingestehen, dass sie Unrecht taten, weil sie mordeten. Sie sind sich sicher, dass sie unschuldig verurteilt wurden. Sie haben doch nur für die Ehre der Familie oder des Clans gekämpft und da ist eine Leiche mehr oder weniger... Es geht um Verrat an der Sache... ein Verräter darf damit rechnen, dass er nie mehr ruhig leben wird, seine Familie desgleichen. Und es gibt solche Aussagen wie: "Ich bin lieber im Gefängnis als ein Verräter". Die "ehrenhafte Gesellschaft" nennt man sich gerne. Und natürlich werden die "Märtyrer" vergöttert...
Die Musik an sich ist relativ schlicht, meist vor allem mit Gitarre und Akkordeon begleitet. Sie beinhaltet das Pathos der Volksmusik des Mittelmeerraumes, beeinflusst von unterschiedlichsten folkloristischen Musiktraditionen. Es überwiegt der (männliche!) Gesang, teils auch eine Art Sprechgesang. Die Inhalte sind oftmals zweideutig, man darf sie auslegen, wie man will. Ich entscheide mich da jedoch nicht.
Im Booklet ist jeder Titel wörtlich übersetzt (mehrsprachig und natürlich auch deutsch), was ich in dem Fall auch für sehr wichtig halte. Es möge sich jeder sein Urteil bilden.
Dies ist wohl der für mich schwierigste Bericht, den ich je schrieb und es fällt mir unglaublich schwer, jemandem einerseits die Empfehlung zu geben, sich das anzuhören und ich kämpfe seit ich die CD habe jedesmal beim Hören mit mir. Muss ich das nicht ablehnen? Darf man das hören, soll man? Darf man die Musik sogar noch gut finden?
Ich höre sie relativ selten, aber manchmal ist mir doch danach, zumeist in Situationen, wo ich selbst wütend auf irgendetwas bin, Ungerechtigkeit und irgendwie ohnmächtig...
Am liebsten würde ich alle Texte hier hineinschreiben, das wäre aber dann doch zuviel... nur einen Textteil, ein Stückchen:
"Lebewohl, 'Ndrangheta, ich werde dorthin gehen/Wo man nicht Tag und Nacht spazierengehen kann/Die Gesetze habe ich alle im Kopf/Ich bleibe verschlossen, und mein Herz ist stark/Die Kälte kriecht mir bis in die Knochen/Und ich denke an Zuhause und die Kinder/Eines Tages werde ich ein Loch reißen/Um die alten Dinge zu begraben und Neues anzufangen."
Das soll mal genügen, ich nehme nicht an, dass diese CD so viele "geneigte" Hörer finden wird. Aber wer sich darauf einlässt, der wird einiges erfahren. Unter anderem auch, wo mein Ciao-Name herkommt *g*...
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