Glücksquelle
02.09.2004
Pro:
Musikalisches Genie - voll entwickelt
Kontra:
Nicht ganz leicht zu bekommen
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
mehr
 dcbe
Über sich:
Unglaublich - 10 Jahre!
Mitglied seit:03.05.2000
Erfahrungsberichte:246
Vertrauende:52
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 34 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Musik ist Leben. Das gehört sich so. Die allermeisten Menschen können gar nichts dagegen tun, dass rhythmisch hinterlegte Tonkombinationen nach kurzer Verarbeitung im limbischen System Erregung hervorrufen. Gefühle, ja ja. Meist gute, einschließlich Ausschüttung positiv wirkender Substanzen. Und das hilft beim Leben. Von welcher Art Musik man sich so angesprochen fühlt – das ist Geschmackssache, von Kindheit an und sicher auch über die Jahre gelernt. Man entwickelt halt so Vorlieben im Laufe des Lebens. Ich auch. Schön, dass sich bei ciao jetzt etwas mehr darüber schreiben lässt... 1990
Ein unbekümmerter dcbe hört im Radio eine fröhlich blubbernde Nummer irgendwo zwischen fröhlichem Rap, technischem R&B und – Bigband-Jazz. Die zugrundeliegende Produktion ist typisch Denzil Foster und Thomas McElroy, die kurz darauf eine Mädelsband names EnVogue zu großen Erfolgen bringen werden – aber irgendwas ist anders, schlauer. „Oakland Stroke“ heißt das Teil, nichts Besonderes, und doch bleibt es in Erinnerung. Wohl auch wegen des Namens der Band: Tony! Toni! Toné!. Sehr seltsam, sehr einprägsam. Nur eine Woche später höre ich dann von derselben Band „Feels Good“ – und da nehme ich sie zum erstenmal nachhaltig wahr, die sicher erkennbare hohe Stimme von Raphael Wiggins. Der ist schon etliche Jahre zuvor als 18jähriger Bassist zusammen mit Prince auf Tournee gewesen. Mit seinem Bruder Dwayne und Vetter Tim hat Raphael dann in den späten 80ern die Tony-Band gegründet, der Durchbruch kommt mit dem zweiten Album („The Revival“) von dem 1990 fast sieben Millionen Einheiten verkauft werden. Beide von mir gehörten Nummern sind da drauf und in den USA recht ordentliche Hits, und noch ein paar dazu. Das Album wird den drei hoch aufgeschossenen Mittzwanzigern aus Oakland Starstatus verschaffen. Die 90er
Raphael ändert seinen Nachnamen in Saadiq (ist so eine schwarze Selbstbewußtseins-Sache), die Tonies veröffentlichen im Abstand von jeweils etwa zwei Jahren noch mehrere Alben, modern, handgemacht, traditionsbewusst, immer besser werdend – und alle millionenfach verkauft. Schon bald werden sie alles selbst produzieren, Raphael vorne dran (mehr dazu hier auf ciao). 1997 Streit im Hause Wiggins, die Wege trennen sich. Dwayne wird mal eben eine unbekannte texanische Mädchenband namens Destiny’s Child anschieben, Tim macht in privat – und Raphael schließt sich mit einer der Sängerinnen von EnVogue und dem Beatgehirn des Tribe Called Quest zu „Lucy Pearl“ zusammen (mehr dazu hier auf ciao). Ein legendäres Album später ist dieses Projekt leider wieder vorbei – und Raphael produziert und schreibt Hits für andere Leute (u.a. D’Angelos „Untitled“, Sachen für The Roots, Angie Stone, wie auch – Macy Gray und die BeeGees). 2002
Es ist soweit: Raphael Saadiq, 36, bringt sein Solodebüt heraus. Natürlich alles selbst geschrieben und produziert. Das Cover ist einprägsam. Vor dunklem Hintergrund sitzend, in einen seltsamen Kimono gekleidet, mit Kohlekreis ums linke Auge schaut er den Käufer an. Eigenartig, und "Instant Vintage" ist nun nicht gerade ein bescheidener Titel. Mal sehen, ob er verdient ist. Musik von ganz oben
INTRO: „Doing What I Can“. Schon beim ersten Hören der ersten Nummer der sehr sauber produzierten amerikanischen HD-CD haut es mich um. Ich muss mich hinsetzen, ein breites Grinsen wird zu lauten Ausrufen des Entzückens (so „boah“, „Wahnsinn“, und so). Kann das wahr sein? Doch doch, es ist. Restlose Begeisterung ist noch eine viel zu schwache Beschreibung meiner (hoch emotionalen) Reaktion. Warum ist die so? Pumpender Tiefbass, eine elegante Linie von der Bassgitarre dazu gelegt, und dann zum Himmel strebende Streicher, so etwa wie bei Barry Whites „Love’s Theme“. Dann gescratchte Breaks, ein paar biographische Details werden von professioneller Stimme erzählt. Schließlich setzt Raphael selbst ein: „I’m only trying to be the best that I can“ – und steigert es immer noch weiter. Irrsinn. Werter Herr Saadiq: Mit dieser Nummer, ja mit den ersten zwei Minuten haben Sie schon mal den Kaufpreis der ganzen CD gerechtfertigt. Der Rest (und es kommen noch weit über 70 Minuten) ist Zugabe. Aber was für eine! Selbst mit Abzug der zwei netten Skits zwischendrin sind hier fast 20 Songs drauf, nicht ein platter Hit-Kracher, aber auch kein einziger Ausfall. Sensationelle Gäste dürfen singen, u.a. D’Angelo, Angie Stone, T-Boz von TLC, Calvin Richardson und und und. Der Klang ist ungemein vielfältig, kräftige Bässe gibt es fast immer, milde Gitarre, herausragende Vokals, viele Streicher – aber auch eine Marching Band (amerikanische Blasmusik für Straßenparaden). Das gerne verwendete Etikett „Neosoul“ passt eigentlich gar nicht, klar läßt sich Raphael vom Southern Soul der 70er schon mal anregen, aber alles alles ist ganz anders, von heute, und unverkennbar von Raphael Saadiq. Da müssen keine Vorbilder mehr zitiert werden, er ist längst selbst eins.
Ja und, kennt man die Nummern? Viel Radioeinsatz hat dieses Album erlebt, aber keinen „richtigen“ Hit. Das hat einen ganz einfachen Grund. Die Plattenfirma fand Raphael kurz nach der Veröffentlichung zu anstrengend. Und löste den Vertrag. Ziemlich dumm, denn nur ein paar Wochen später gab es (mal wieder) einen Grammy für Raphael. Trotz völlig fehlender Vermarktungsbudgets und Vertriebsunterstützung erreichte das Album in den USA immer noch Goldstatus, ist allerdings hierzulande eher schwer aufzutreiben. Mittlerweile gibt es auf der anderen Atlantikseite auch ein im letzten Jahr aufgenommenes Livealbum mit fast allen Stücken von „Instant Vintage“, dazu ein paar guten alten Tony-Hits. Und im Oktober kommt Raphaels zweites Soloalbum heraus, Ray Ray. Aber erstmal wieder zum diesem hier.
Was wird geboten? Gerne würde ich der ciao-Mode widerstehen, jeden Track einzeln zu besprechen. Wie gesagt rechtfertigt ja eigentlich schon die erste Nummer den gesamten Kaufpreis. Aber aber, gleich nach dem umwerfenden Start geht es einfach auf höchsten Level weiter. Und ich kann eigentlich kaum etwas weglassen, so vielfältig sind die Angebote. Und so vergebe ich dann doch mal persönliche Punkte für fast jede Nummer.
Mit „Body Parts“ ist an Position 2 ein trocken melodischer Song von hoher Intensität am Start– wird nach häufigem Hören immer besser. 9 von 10. Danach gleich ein Überhammer: Raphael im Duett mit D’Angelo: „Be Here“ ist einfach und großartig. War auch ein Single-Hit – aber nicht allzu groß (s.o.). Zitiert ein wenig die Bläsersätze aus Blaxploitation-Soundtracks der frühen 70er, mit mächtig schüttelndem Bass darunter. Dann legen die beiden Sangeshelden sich ins Zeug. D’Angelo klingt großartig, und Raphaels warmer Tenor umschmeichelt dessen Energie noch einmal bestens. Zum Schluss kommen gar Anklänge an Marvin Gaye daher. 10 von 10 – und noch 5 drauf!
„Still Ray“ beginnt mit ziemlich simplem Klaviergeklimper, darunter ein verlangsamter Hiphop-Beat. Und nachher spielt dann noch eine Tuba auf. Typisch Saadiq, das. Ansonsten ist der Song gemütvoll, humorvoll, schön persönlich gesungen: 7 aus 10. „You’re The One That I Like“ ist noch entspannter, sommerlich, mit noch fetterem Bass drunter. Könnte exakt so auch auf einem Album der Tonies erschienen sein, irgendwann Mitte der 90er. Das ist keine Abwertung. Und wie schon bei den Tonies gibt es gegen Ende des Songs kurze Ausflüge in die Improvisation. Gut so. 7 aus 10. „Excuse Me“ bringt Angie Stone ins Spiel. Der Song ist schlicht und einfach brilliant. Sagenhafte Energie, SO muss Rhythm & Blues heute klingen. Genau so. Je öfter ich die Nummer höre, desto stärker wird meine Zuneigung: 9 aus 10.
Kurzes Durchatmen erlaubt „Charlie Ray“. Fängt an wie eine Gitarrenübung (Tonleitern), danach kommt eine Art Kindersingsang. Spielt auch in der Kinderzeit, deswegen die „kindlichen“ Elemente darin. Leider aber doch nur 5 aus 10, trotz der netten Geschichte, die Raphael hier erzählt. Denn eigentlich ist es nur ein Zwischenspiel, muss hier nicht wirklich drauf. Sehr viel aufwendiger gearbeitet ist „Different Times“, und es versöhnt gleich wieder. Der Song übernimmt wohldosiert Stilelemente von TLC und ist besser als fast alles, was TLC je veröffentlicht haben. Was ist eigentlich aus T-Boz geworden? Hier zeigt sie noch mal, was aus so einer scheinbar netten Singmaus so alles rauskommen kann. Dazu klug gesetzte Rhythmen, Klavier und die TLC-typische Elektronik. Groß, episch und persönlich: 8 von 10.
„Tick Tock“ ist auf den ersten Blick so was von traditionell, dass es schon weh tut. Hätten die Leute um Al Green vor 30 Jahren schon moderne Studiotechnik gehabt, würden sie nicht genauso klingen? Beim zweiten Hören wird dann der Scherz deutlich. Statt einen auch nur irgendwie gebrochenen Rhythmus zu verwenden (wie sich das gehören würde), läßt Raphael alles schnurgerade durchlaufen. So kommt wohl auch der Titel zustande. Nettes Experiment – und guter Song: 7 von 10. Ha ha, gefuzzte Gitarre. Dann cooler Rhythmus, Raphael singt sich die Kehle aus dem Leib – „People“ ist ein Protestsong im Stil der frühen 70er, erinnert ein wenig an die politische Phase der Temptations (ja doch, die gab es!). 7 aus 10-
„Faithful“ haut mich dann wieder völlig aus der Bahn. In der Einleitung erzählt der Herr Sänger noch ein wenig, begleitet von einer – Querflöte. Doch dann, dann – uuuuuuh. Festlich fröhlicher Rhythmus, melodisch treibende Gitarre, bunt kräftige Streichersätze. Raphael singt so liebenswürdig und lausbübisch wie auf den besten Nummern von Lucy Pearl, und besser. Tatsächlich hätte „Faithful“ auch das Lucy Pearl-Album auf das Schönste geschmückt. Wundervoll frohe 10 aus 10. Stark an Al Green erinnert „Blind Man“. Nicht im Gesang, sondern in der Produktion. Gleich muss das geläuterte Sexsymbol doch mal um die Ecke biegen, „Love And Happiness“ schmettern. Tut er nicht. Dafür ist dann auch der Text ganz ganz anders, sehr nachdenklich. Toll – und mindestens mal 9 aus 10.
Noch mehr Sofort-Klassiker gefällig? Na klar, „Uptown“ ist noch so eine Nummer für alle Zeiten. Eingeleitet von einem das Thema setzenden Skit, wird die Musik fast schon zu Gospel – auf einem träge fließenden und doch unwiderstehtlich fortziehenden Rhythmus-Fundament. Herrliche Melodie, zwingt zum Mitsingen. Und wenn dann erst ein kraftvoller alter Soulsänger dazu kommt, und die Geschichte würzt, da geht bei mir gar nichts mehr ohne Tränen. Immer noch, nach bestimmt 100 Hördurchläufen. Verdammt, ich LIEBE diese Nummer! 10 aus 10. Und 10 dazu... Kann denn der Raphael mit seiner Genialität nicht mal eine Pause machen? „What’s Life Like“ ist nur ein kleines Zwischenstückchen, kommt ganz harmlos flockig daher, fast als Acapella, nur ein wenig Gitarre und E-Orgel dazu. Aber der Text, oha, der ist todernst. Hammer (8 von 10).
Wie endet so ein Album? Schon wieder mit einer Überraschung. Die laut Linernotes letzte Nummer, „Skyy, Can You Feel Me“ besteht nämlich aus drei Tracks, davon zwei „versteckt, zusammen eine knappe Viertelstunde Musik. Deren Titel kann ich leider nicht sagen, sie stehen nirgendwo. Es beginnt mit einer mild jazzigen und ungeheuer melodischen Nummer von 6 Minuten. Wieder singt Raphael ein wirksames Duett, diesmal mit einer überaus angenehmen weiblichen Stimme. Herrlich. Danach gute 2 Minuten elektrischer Soul, eine Variante des „Gospeldelic“-Themas. Zum Schluß dann sauschmutziger Funk der geilsten Sorte, bewußt „unsauber“ produziert, mitunter an Sly Stone gemahnend, aber eben doch auch wieder ganz ganz ganz klar der Ausdruck eines Herren: Raphael Saadiq. Muss ich noch was sagen? Vielleicht sogar Punkte zählen? Och nöö...
Zum Schluß Klar sollte geworden sein: Ich halte dieses Album für eins der besten Stücke Musik der letzten fünf Jahre. Seit zwei Jahren besitze ich es, höre immer wieder mit großem Genuss hinein, es hat sich in meine ganz persönlichen Top 20 aller Zeiten vorgearbeitet. Ein reifer Ausnahmekönner hat seine ganze überbordende Kreativität in dieses Album gepackt – und das Ergebnis ist äußerst beeindruckend. Allein der Abstand zu all den aktuellen Chart-R&B-Produktionen ist derartig groß, da müssten eigentlich sechs Sterne her. Sicher, die Stimmlage ist gewöhnungsbedürftig, und mit modernen Mitteln handgemachte schwarze Musik sollte der geneigte Leser schon ein wenig mögen. „Instant Vintage“ ist wohl ganz besonders ein Album für Fans, auch für Fans mit hohen Erwartungen. Und die werden nicht enttäuscht. Aber auch für Leute, die den Herren bisher noch nicht so auf dem Radarschirm hatten, empfehle ich den Kauf mit Nachdruck. Schließlich ist jeder Mensch lernfähig. In der Zwischenzeit wird „Instant Vintage“ mit den Jahren immer besser. Wie sich das gehört.
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12.09.2004 19:38
kannt ich noch nicht muß ich mir besorgen
10.09.2004 13:29
In Tokyo bei hmv habe ich das Album zum ersten Mal in Natura gesehen (und in der hand gehalten, hach!), hatte aber ungefähr den gleichen PREis wie bei amazon und deshalb hab ichs leise wieder zurückgestellt. Nicht zurückgestellt habe ich allerdings JUSLISEN von Musiq - endlich und dann auch noch billiger als in Deutschland je gesehen. GOtt seis gedankt!
02.09.2004 17:35
hm, das könnte sogar mir gefallen...