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Auf dem „Japanese Album“ findet sich beides: Texte, die zum Hinhören und zur etwas eingehenderen Beschäftigung mit dem Inhalt herausforden („Fighting Man“) und solche, die den Eindruck erwecken, dass man das vielleicht nicht unbedingt muss („Roller“). In jedem Fall ist Gillan ein kluges ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von Spassprediger über Japanese Album - Ian Gillan 19.03.2011
Produktbewertung des Autors:
Cover-Design:
gut
Klangqualität:
gut
Langzeithörspaß:
wird nie langweilig
Pro:
Hardrock vom Feinsten
Kontra:
Viele der Stücke finden sich auch auf anderen Alben
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
He, Sie da – weitergehen! Hier gibt es nichts für Sie! Sie da – ja, genau Sie da sind gemeint! Sie mit der Tonträgersammlung, in der die LPs von „PUR“ neben dem Live-Album von Marius Müller-Westernhagen und der „Kuschelrock“-CD stehen – gehen Sie ruhig weiter. Hier gibt es nichts zu sehen. Und schon gar nichts, das Sie hören möchten.
Geranie (Name von der Redaktion geändert) stammte ursprünglich aus dem Münsterland, arbeitete für eine Bank und war, so habe ich das damals empfunden, ein sehr braves Mädchen. Als solches kam für Geranie nur der Bezug einer Wohnung in einem der besseren Viertel der Stadt in Frage, und natürlich führte Geranie auch ihren Haushalt vorbildlich. Das alles weiß ich, weil ich damals mal zum Sonntagskaffee bei Geranie eingeladen gewesen bin. Bevor’s Kaffee und Kuchen gab, hatte ich Gelegenheit dazu, Geranies überschaubare Plattensammlung (für die Jüngeren unter Ihnen: Hiermit sind weder beschädigte Reifen noch glatzköpfige Verflossene der Dame gemeint, sondern Tonträger) näher in Augenschein zu nehmen.
Einen guten Eindruck von Umfang und Beschaffenheit haben Sie schon durch das Lesen der ersten Zeilen meines Beitrags gewonnen; und wahrscheinlich vermuten Sie jetzt, die Dame sei wohl auch eine typische Käuferin der unsäglichen so genannten Kompaktanlagen gewesen, von denen Spötter stets behaupteten, ihnen fehle einzig noch der Griff zum Wegschmeißen. Weit gefehlt: Geranie verfügte über eine durchaus vorzeigbare Stereoanlage, die mit zwei „Shogun“-Boxen der Marke „Quadral“ ausgestattet war – will sagen: Für jemanden, dessen Tonträgersammlung nicht unbedingt auf einen passionierten Musikhörer schließen lässt, war das Equipment durchaus ambitioniert.
Oder sollte ich Geranie etwa Unrecht getan haben?
Zwischen dem Westernhagen-Konzertmitschnitt (den Geranie „total fetzig“ fand) und dem Zeugs von PUR lugte doch tatsächlich ein mir wohlbekanntes Doppelalbum hervor. Mein Herz tat einen Hüpfer, ich atmete erleichtert auf: Für einen Haushalt, in dem „Made in Japan“ von Deep Purple steht, gibt es Hoffnung. Zumindest, bis der Haushaltsvorstand erklärt, das Album habe er sich nicht selbst zugelegt, sondern geschenkt bekommen. Und dass er ja eigentlich nur ein Stück auf dem Album haben wollte. Für alle, die’s interessiert und die nicht jetzt schon völlig tränenblind vor dem Monitor sitzen: Bei dem gewünschten Stück handelte es sich natürlich um „Smoke on the water“, und natürlich fand Geranie die Liveversion auf „Made in Japan“ doof. Gehört wurde die LP folglich nicht, abgestoßen werden konnte sie aber auch nicht, da’s sich ja, immerhin, um ein Geschenk gehandelt hatte – jaja, Geranie war eben wirklich ein braves Mädel; und als solches hätte sie auch mit dem zunächst nur in Japan, Australien und Neuseeland erhältlichen Album des Deep Purple Frontmannes Ian Gillan nichts anfangen können.
Mal unter uns: Ich finde, man muss nicht einmal unbedingt von Musik keine Ahnung haben, um die Veröffentlichungen von Marius Müller-Westernhagen mies und nervig zu finden – es reicht schon, wenn man sich nur die nach dem Prinzip „Reim-dich-oder-ich-fress’-dich“ zusammengeschraubten Texte durchliest.
Ja, werden Sie jetzt fragen – und was haben die jetzt mit Ian Gillan zu tun?
Nichts. Zum Glück.
Im Unterschied zu vielen anderen seines Fachs versteht sich Ian Gillan darauf, Texte zu verfassen, die beim Zuhörer nicht den unmittelbaren Wunsch danach auslösen, sich die Ohren umgehend mit Kartoffelbrei oder einer anderen hinreichend geeigneten Masse schalldicht zu versiegeln. Das fängt damit an, dass Gillan begriffen hat, dass Texte im Rock’n Roll zwar tiefschürfend sein können und dürfen, das aber keineswegs zwangsläufig sein müssen.
Auf dem „Japanese Album“ findet sich beides: Texte, die zum Hinhören und zur etwas eingehenderen Beschäftigung mit dem Inhalt herausforden („Fighting Man“) und solche, die den Eindruck erwecken, dass man das vielleicht nicht unbedingt muss („Roller“). In jedem Fall ist Gillan ein kluges Köpfchen, und ein sprachverliebter Mensch ist der Mann mit dem Faible für Doppelsinn und Zweideutigkeit obendrein.
Die Zusammenstellung von Songs, die sich auf der bei RPM erschienenen CD-Version des „Japanese Album“ finden, ist insofern eine etwas eigenartige Mixtur, als man sich für sie zweier Alben bedient hat. Da wäre zum einen das in aller Schlichtheit „Gillan“ betitelte Debüt der Band aus dem Jahre 1978, das lediglich in Japan, Australien und Neuseeland veröffentlicht wurde und zehn Songs umfasste; zum anderen ist da der famose, ein Jahr später veröffentlichte Nachfolger „Mr. Universe“ und von dem, je nachdem, zwei bis drei Songs stammen. Je nachdem? Ja, genau, denn auch „Mr. Universe“ gibt’s in unterschiedlichen Versionen; und eine davon bietet nicht nur „Secret of the Dance“ und „Roller“, sondern außerdem „Sleeping on the Job“ – je nach Veröffentlichungsdatum umfasst die CD-Version des Albums 10, 11 oder sogar 16 Stücke.
Finden Sie das verwirrend? Ich auch, also lassen wir das Thema auch ganz schnell wieder – ich wollt’s nur kurz am Rande erwähnt haben.
Viel bedeutsamer ist ohnehin die Feststellung, dass das Songmaterial auf dem „Japanese Album“ durch die Bank hochkarätig ist. „Dead of the Night“ und „Vengeance“ sind astreine Rock’n Roll-Stücke, die deutlich zeigen, wo man Gillans Wurzeln und Vorbilder suchen muss – besonders „Dead of the Night“ hätte sicher auch dem jungen Elvis gut angestanden. Das sowohl musikalisch wie textlich eigentümliche „Abbey of Thelema“ hingegen hätte sich auch auf der 1983 veröffentlichten Black Sabbath-LP „Born again“ gut gemacht – der einzigen LP übrigens, welche die legendäre Band zusammen mit Sänger Gillan aufgenommen hat. „Sleeping on the Job“ und „Roller“ hingegen sind zwei echte Hochgeschwindkeits-Kracher, und das epische „Fighting Man“ ist für mich ein absolutes Glanzlicht im Werk von Gillan. Das allerdings ist ebenfalls ursprünglich mal auf „Mr. Universe“ erschienen, und zwar genau in der hier vorliegenden Fassung.
Genau hier liegt auch der sprichwörtliche Hase im Pfeffer: Wer Gillans „Mr. Universe“ bereits im Schrank stehen hat und nicht gerade ein Fan mit unbedingtem Komplettheitsanspruch an die eigene Sammlung ist, den wird die hohe Dichte von Doubletten gegebenenfalls irritieren. Wem der Kopf der Band bislang nur als Frontmann des legendären Hardrock-Flaggschiffs Deep Purple ein Begriff ist, kann jedoch sicherlich Verkehrteres tun, als sich zum Einstieg ins Solo-Werk von Ian Gillan das „Japanese Album“ zuzulegen. Wirklich schwach ist m. E. keiner der Songs, dafür werden aber sogar einige echte Perlen geboten, die „Best of“-Potenzial mitbringen. Mit einer Gesamtspieldauer von knapp einer Stunde reizt die CD die technisch mögliche Laufzeit zwar nicht annähernd aus, dafür ist das beigelegte Booklet aber recht informativ.
1. "Street Theatre"(Instrumental) — 2:40 * 2. "Secret Of The Dance" — 2:51 3. "I'm Your Man" — 4:25 4. "Dead Of Night" — 4:11 5. "Fighting Man" — 7:37 6. "Message In A Bottle" — 3:11 7. "Not Weird Enough" — 3:51 8. "Bringing Joanna Back" — 3:41 9. "Abbey Of Thelema" — 4:57 10. "Back In The Game" — 5:28 11. "Vengeance" — 3:30 ** 12. "Move With The Times" — 5:02 * 13. "Sleeping On The Job" — 3:12 ** 14. "Roller" — 4:06 **
Spieldauer: 58:43
** von der für Japan/Australien/Neuseeland aufgelegten Version der LP „Mr Universe“ *** zuvor unveröffentlichte Version eines Songs der UK-Version von „Mr. Universe“