Erfahrungsbericht über

Klavierkon.. / Sonatina / Toccata - Various

Gesamtbewertung (1): Gesamtbewertung Klavierkon.. / Sonatina / Toccata - Various

 

Alle Klavierkon.. / Sonatina / Toccata - Various Testberichte

 Eigenen Erfahrungsbericht schreiben


 


Mitreißend kaukasisch

5  23.04.2006

Pro:

Kontra:

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

mehr


Gurnemanz

Über sich: I see dumb people. - Nach dem Bonbonlutschen Zähneputzen nicht vergessen!

Mitglied seit:14.03.2006

Erfahrungsberichte:69

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 52 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Hätte Karl Marx im 20. und 21. Jahrhundert gelebt, dann hätte er bei seinen ökonomischen Untersuchungen sicherlich den Bereich der Musik ins Auge gefaßt. Dieter Bohlen, Casting-Shows und die Probleme mit Tauschbörsen zeigen: Musik ist eine Ware. Daß dieser Warencharakter dafür sorgt, daß nicht-rentable Musik mehr und mehr unter den Tisch fällt, ist eine normale Erscheinung, die identisch mit der zunehmenden Langeweile durch Monopolisierung in allen Teilen der Wirtschaft führt. Darunter muß auch die Musik des sowjetischen Komponisten Aram Chatschaturjan (1903-1978) leiden, der zwar in Armenien als "Nationalkomponist" verehrt wird, in Westeuropa aber trotz eines gewaltigen Werks an gut hörbaren und interessanten Stücken mehr oder weniger ignoriert wird, obwohl jedes Kind Chatschaturjans "Säbeltanz" aus dem Ballett "Gajaneh" kennt, der tausendfach in populärer Musik und in Filmen verarbeitet wurde. So verzichten die großen Notenverlage heute auf Neuauflagen der Werke Chatschaturjans. Mit Glück erhält man noch antiquarisch einige DDR-Ausgaben der Edition-Peters Leipzig oder Ausgaben des Hamburger Verlags Sikorski zu astronomischen Preisen. Ähnliches geschiet auf dem Tonträgermarkt. Meine Eltern besitzen noch eine ganze Reihe alter "ETERNA" und "MELODIJA"-Schallplatten mit sowjetischen Werken, heute ist der Markt, bzw. das Angebot, für diese Musik äußerst begrenzt.
Eine Ausnahme macht das Label "Santuary Classics" aus London, das eine ganze Reihe von CD's mit der Musik Chatschaturjans einspielte.

Vorliegende CD bietet die vielleicht drei bekanntesten Klavierwerke des Komponisten: Das Klavierkonzert von 1936, das Chatschaturjan zum weltweiten Durchbruch verhalf, die Sonatine von 1959, die er den Schülern der Jugendmusikschule in Prokopjewsk widmete und die energiegeladene Toccata von 1932, ein äußerst dankbares Stück, mit dem man auf Konzerten einigen Respekt gewinnen kann. Die Interpreten sind der Pianist Alberto Portugheis und für das Klavierkonzert das London Symphony Orchestra unter der Leitung des Iraners Loris Tjeknavorjan, sein Name deutet ebenfalls auf armenische Wurzeln hin. Beim Hören der CD wird sich herausstellen, daß alle Beteiligten ein Gespür für die Musik Chatschaturjans haben, die stark von armenischer Volksmusik beeinflußt ist und für das westeuropäische Ohr zuerst etwas ungewohnt klingt.

Angesichts des Preises für diese CD von unter 10 Euro, wird der Käufer wohl nicht allzu viel erwarten, er wird wie ich froh darüber sein, überhaupt eine Aufnahme mit diesen drei Werken gefunden zu haben. Das Ergebnis überrascht aber trotzdem. Das Orchester spielt im Klavierkonzert hervorragend zusammen. Vor allem im bedeutenden zweiten Satz leisten Orchester und Pianist Großes. Jene merkwürdige Stimmung, auf die Chatschaturjan nach eigenen Aussagen durch das Hören von Musik auf den Straßen von Tblisi gestoßen ist, wird wirkungsvoll erreicht, erinnert durch ihre Subtilität etwas an das dritte Klavierkonzert von Béla Bartók, das wiederum Elemente ungarischer Volksmusik verarbeitete. Das Klavier hat bei Chatschaturjan einen merkwürdigen Anschlag, der sich mit dem Klang jener Instrumente zusammenfügt, die ich noch nicht ganz als Flöten oder Balalajki definieren konnte. Auch in den anderen zwei Sätzen, die viel energischer mit größerem Anteil von Perkussion komponiert sind, gerät der Orchesterklang nie schwammig, sondern bleibt immer strukturiert und klar.

An den zwei Werken für Solo-Klavier, der Sonatine und der Toccata, fällt auf, daß der Pianist ein ziemlich hohes Tempo an den Tag legt. Diese Raserei empfinde ich im Bereich der klassischen oder romantischen Musik meistens als störend, eine Unsitte, die sich allerdings in den letzten Jahren aufgelöst hat. Bei den zwei Werken auf dieser CD ist "Raserei" allerdings durchaus angebracht. Sonatine wie Toccata sind stark von Rhythmus und Energie bestimmt, weniger von Melos, abgesehen vom zweiten Satz der Sonatine. Der Eindruck, der Interpret wolle mit einem hohen Tempo die moderaten Anforderungen der Sonatine ausgleichen und eigene Virtuosität zur Schau stellen, erweckt sich nicht. Vielmehr wirkt der erste Satz der Sonatine, der mit "allegro giocoso" überschrieben ist, erst durch die Spielzeit von gerade einmal knapp zwei Minuten wirklich "fröhlich verpielt". Im zweiten Satz, "andante con anima, rubato" schafft Alberto Portugheis eine gänzlich andere Stimmung: nachdenkliche langsame Töne, mit gekonnter Betonung der Dissonanzen der kleinen Sekunden, die dem Satz wieder den Eindruck eines kaukasischen "Volkstons" geben. Der letzte Satz mit seinen Kreisbewegungen und tarantellahaften Figuren gibt einen ersten Eindruck auf die folgende Toccata. Der Pianist schafft es auch hier trotz der vielen auf Rhythmus betonten Figuren eine Melodie hören zu lassen, die von ihrer Tonalität, ähnlich wie die Toccata, etwas an Debussy erinnert. Wenn man bedenkt, daß im Jahr der Entstehung der Sonatine, 1959, in Westeuropa nur noch unhörbare kopfgesteuerte Rechnereien eines Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen entstanden, können wir uns über die Existenz von sowjetischen Komponisten wie Aram Chatschaturjan nur freuen, die Musik des 20. Jahrhunderts wäre ärmer ohne sie.
Im letzten Stück, der berühmten "Toccata", fällt wieder das hohe Tempo der Interpretation auf. Alberto Portugheis benötigt gerade einmal vier Minuten und 33 Sekunden für das Werk, bei mir dauert es mehr als eine Minute länger. Diese Schnelligkeit liegt vor allem an relativ schnellen Spiel des lyrischen Mittelteils (Andante espressivo), der sich auf dieser CD mehr auf die schillernde beinahe tremolierende Schlußfigur konzentriert, als auf die melodiösen Linien. Der Rest des Stückes ist natürlich rasend und brilliant gespielt, anders geht es auch gar nicht. Dennoch entsteht in den Figuren und Läufen nie eine Schwammigkeit.

Fazit: Aufnahmen der Komponisten der Sowjetunion sind rar, allein schon deswegen ist diese CD empfehlenswert. Sie kann zu einem ziemlich niedrigen Preis drei bedeutende Klavierwerke Chatschaturjans versammeln und so ein breites Publikum eventuell, hoffentlich, für die interessante Musik des armenischen Komponisten begeistern. Die Interpretation gibt keinen Anlaß zur Beschwerde, anders als es normalerweise bei CDs in diesem Preisbereich der Fall ist, bei denen man sich hinterher noch über die ausgegebenen fünf Euro ärgert.

Das Booklet ist leider nur in Englisch, bietet aber ausreichende Basisinformationen zu den Werken. Positiv sei zu nennen, daß das Label bei dieser CD auf die Imitation kyrillischer Buchstaben verzichtete, wie sie es auf dem Cover der Aufnahme der ersten und zweiten Sinfonie tat, auf dem wir nun "Kndsndtzridn" statt Chatschaturjan lesen müssen.
Spielzeit: 49,41
Qualität: DDD

Insgesamt sehr empfehlenswert.

Hörbeispiele bei amazon: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B0002ZUIGY/028-3370364-6182113

Bilder von Klavierkon.. / Sonatina / Toccata - Various
Klavierkon.. / Sonatina / Toccata - Various Bild 11164774 tb
Chatschaturjan auf einem armenischen Geldschein


Diese Seite zu den Lesezeichen hinzufügen delicious.com www.mister-wong.de www.google.com

Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
IlkaSehnert

IlkaSehnert

08.06.2006 22:47

Okay, ich muß mir Deine Berichte einteilen, ich befürchte zu viele bhs für einen einzigen Tag, wenn ich weitermache. Du schreibst toll und sachkundig! LG! Ilka

mama-von-paul

mama-von-paul

24.05.2006 22:44

Ich hätte auch kyrillische Buchstaben lesen können. Von der Musik habe ich - zugegebenermaßen - keine Ahnung.

sparkle-fairy

sparkle-fairy

05.05.2006 22:12

Klasse Bericht. LG Katja

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 1333 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (12%):
  1. IlkaSehnert
  2. Milsch
  3. Tinetatz
und weiteren 3 Mitgliedern

"sehr hilfreich" von (88%):
  1. mblu223
  2. schwetje8
  3. mama-von-paul
und weiteren 43 Mitgliedern

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.
Das könnte Sie interessieren
Matthäus - Passion (Ga) - Various Matthäus - Passion (Ga) - Various
Johann Sebastian Bach (Komponist) - 2 - CD - Decca - Universal - 5. März 2010 - 028947821946
Zu diesem Produkt wurde noch kein Erfahrungsbericht geschrieben. Jetzt bewerten
Zum Angebot für € 14,70
Jascha Heifetz Plays Great Violin Concertos (Box-Set) - Jascha Heifetz Jascha Heifetz Plays Great Violin Concertos (Box-Set) - Jascha Heifetz
Various (Komponist) - 6 - CD - Rca Red Se - bmg Deutschland - 5. November 2010 - 886977613821
Zu diesem Produkt wurde noch kein Erfahrungsbericht geschrieben. Jetzt bewerten
Zum Angebot für € 12,55
Chilling Cello - Various Chilling Cello - Various
. (Komponist) - 2 - CD - Sony Classics - bmg Deutschland - 19. Februar 2010 - 886975710423
Zu diesem Produkt wurde noch kein Erfahrungsbericht geschrieben. Jetzt bewerten
Zum Angebot für € 13,97