Erfahrungsbericht über

Last Concert Vol.1 & 2 - Chet Baker

Gesamtbewertung (1): Gesamtbewertung Last Concert Vol.1 & 2 - Chet Baker

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Punished with his life

5  19.07.2006

Pro:
Die Essenz,was Jazz bedeutet

Kontra:
-

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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roadster135

Über sich: Britische Roadster und gute Musik;was wäre das für ein Leben ohne diese "Nebensächlichkeiten&qu...

Mitglied seit:20.01.2006

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 54 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Bei keinem mir bekannten Musiker waren Genie und Wahnsinn,Starkult und tiefer Absturz, Höhen und Tiefen so eng beieinander, wie bei Chet Baker. Sein Leben,sein Trompetenspiel und sein Gesang waren der Spiegel seiner Seele und seines zerbrechlichen Egos.

Ich habe lange überlegt einen Bericht über eine Cd Chet Bakers zu schreiben,da es über ihn zahlreiche sehr gute und kompetente Veröffentlichungen gibt. Die Liebe zur Musik Chet Bakers,seine kontroverse Persönlichkeit und vor allem "The last great concert" ließen mich trotz aller anfänglicher Bedenken zur Tastatur greifen. Diese Rezension ist neben den objektiven "facts" durchaus aus meiner subjektiven Sicht geschrieben und von der Liebe zur Musik dieses großen Künstlers geprägt.

Chet Baker wurde 1929 in Yale,Oklahoma in eine wohlbehütete Familie geboren. Sein Vater,ebenfalls Musiker, überraschte ihn zu seinem 13. Geburtstag mit einer Posaune,die Chet aber noch zu groß erschien und umgehend gegen eine Trompete eingetauscht wurde.

Nach dem Umzug seiner Familie nach Kalifornien spielte er bald in Highschoolbands und nach dem Eintritt als Freiwilliger in einer Armyband in Westberlin.
Nach der Entlassung begann er ernsthaft Musik zu studieren und verdiente sich das Geld dafür bei Auftritten in Jazzklubs.

Nach einem weiteren kurzen Zwischenspiel bei der Armee kehrte er nach Los Angeles zurück und spielte erstmals mit Stan Getz. Bald darauf wurde Charlie Parker auf ihn aufmerksam als er einen Trompeter für eine Kalifornientournee suchte. Durch das Engagement bei "Bird" wurde er schlagartig in Jazzkreisen bekannt und Richard Bock,der Besitzer von Pacific-Records vermittelte ihn Gerry Mulligan,der für sein pianoloses Quartett einen Trompeter suchte.
In dieser Zeit begann sich Chet Baker zum "Popstar" zu entwickeln. Sein gutes Aussehen, sein lyrischer,introvertierter Trompetenton und die geniale Vermarktung durch Dick Bock machten ihn zum "James Dean" der damaligen Jazzszene Kaliforniens.
Baker verkörperte wie kein anderer den Lebensstil der jungen "Hipsters" Kaliforniens durch sein Auftreten,seine Kleidung(seht euch einmal Originalcovers aus der Zeit auf Pacific LPs an)und natürlich durch die scheinbar schwerelose Leichtigkeit seines Trompetentons und der "lines",die er damals spielte.
Sein Ausstieg aus Mulligans Quartett war nur noch eine Frage der Zeit. Er gründete ein eigenes Quartett und begann immer mehr zu singen.
Sein Gesang war oftmals Anlass heftiger Kritik,wenn man ihn unter Betracht einer klassischen Gesangsausbildung sieht.
Seine Kritiker vergessen jedoch,dass die Stimme Chet Bakers die logische Weiterführung seines Trompetentones ist und umgekehrt. Stimme und Trompete werden bei Baker zu einer untrennbaren Einheit.

Leider war dieser frühe Starruhm bei Chet Baker von einem massiven Drogenproblem überschattet,das sich nach dem Tod (durch eine Überdosis) seines Pianisten Dick Twardzik noch intensivierte.

Die 60er und 70er Jahre waren ein ständiges Auf und Ab zwischen Gefängnisaufenthalten,Einreiseverboten in diverse Länder,Entziehungskuren und gelegentlichen Auftritten in kleinen Klubs.
Auch seine Heirat und die Geburt seiner Kinder konnte ihn nicht von den Drogen wegbringen,die ihn bis zu seinem Tod verfolgten.
Als ihm nach einer Schlägerei mehrere Zähne ausgeschlagen wurden,schien das Ende seiner Karriere gekommen zu sein. Einem Trompeter kann kaum etwas Schlimmeres passieren als ausgeschlagene Zähne oder geplatzte Lippen.
Doch mit Hilfe eines künstlichen Gebisses,eisernen Willens(den er bei den Drogen leider nicht hatte) und der Hilfe Dizzy Gillespies schaffte Chet Baker langsam ein Comeback.(Dabei musste er jedoch eine Anzahl von grässlichen Platten,darunter solche mit einer Mariachiband,einspielen.

Neben solchen "Nieten" entstanden aber immer öfter großartige Aufnahmen in kleinen Besetzungen,die mit verschiedensten Musikern auf der ganzen Welt eingespielt wurden( Tokyo-Concerts, geniale Aufnahmen aus dem Montmartre in Kopenhagen, die Aufnahmen aus dem Cafe Dreher in Paris mit dem Wiener Gitarristen Karl Ratzer,usw...)
Bis zu seinem rätselhaften Tod 1988 in Amsterdam entstanden viele denkwürdige Einspielungen,aus denen das Konzert mit der NDR-Bigband und dem Radio-Orchester Hannover hervorsticht.

Diese ursprünglich aus 2 LPs bestehende Konzertaufnahme aus dem Jahr 1988 war für mich eine Schlüsselplatte (wie "My funny Valentine"mit Mulligan oder "Everytime we say goodbye" mit der ganz jungen Caterina Valente,die schon damals zeigte ,wie gut sie abseits vom Schlagerkitsch war)
Chet Baker war der Starsolist vor einer glänzend agierenden Bigband, stilvoll eingesetzten Streichern(dass Streicher als Begleitung im Jazzkontext nicht immer gelungen waren ,bewiesen die Aufnahmen von Charlie Parker mit Streichern) und einem großartigen Herb Geller als zweiten Solisten am Altsaxophon.
Die Arrangements unterstützten Chet Bakers immer introvertierteren Gesang und seinen zarten,fast schon gehauchten Trompetenton optimal.
Auch die Programmgestaltung,die zusammen mit Chet Baker festgelegt wurde ,war wesentlich am Gelingen dieses denkwürdigen Konzertes beteiligt.
Cd1 beginnt mit "All Blues" einem Thema von Miles Davis ,das bei vielen Sessions als "Aufwärmer" dient,weil man herrlich modal darüber improvisieren kann. Auch für Chet dürfte das ein optimaler Einstieg in das Konzert gewesen sein. Seine Trompete,klar und vibratolos gespielt, vorerst noch zart und zurückhaltend gespielt,verschmilzt im Laufe des Stückes mit dem Orchester und es entsteht ein wunderbarer Opener.

"My Funny Valentine" ist der erste Höhepunkt des Konzertes. Ein Titel,mit dem Chet berühmt geworden ist und den er sicher hunderte Male gesungen hat, wird vollkommen neu und mit unglaublicher Intensität interpretiert. Eine Trompete,die scheinbar aus dem Nichts einsetzt,so sanft und zerbrechlich,wie der Mensch Chet Baker, dann beim Einsatz des Vokalchorus ein Flüstern und Hauchen der "lyrics", das eine nahezu greifbare Spannung erzeugt. Man kann diese Spannung im Konzertsaal direkt fühlen. Je öfter ich diesen Titel höre, umso mehr bewundere ich Chet Baker,wie er mit leisesten Tönen und sparsamst eingesetzten Mitteln große Musik erzeugt. Dieser Titel sei allen Skeptikern ans Herz gelegt, die meinen Jazz sei bloß laut und schnell.
Darüberhinaus habe ich zu "Valentine" eine sentimentale Beziehung,da es der Standard war,an dem ich erstmals begriffen habe,worum es bei modaler Improvisation geht.

"Well, you needn't" ist ein abgedrehtes,typisches Monkthema mit einer "bridge",die in chromatischen Sequenzen zum Hauptthema(A-Teil) zurückführt. Neben Chets Solo ist hier vor allem Herb Gellers Altsolo hervorzuheben, das gänzlich den Geist der musikalischen Welt von Monk wiedergibt. Man meint einen Charlie Rouse(Monks langjähriger Tenorist) auf dem Altsax zu hören.

"Summertime" ist ebenfalls ein fast zu Tode gespieltes Thema, das von vielen "Mickey Mouse "Jazzbands verunstaltet wurde, bei Bakers Interpretation jedoch neue Bedeutung erlangt. Die Symbiose des Orchesters mit dem Solisten erzeugt eine wunderbare Stimmung. Ich würde diese Version auf eine Stufe mit der genialen Interpretation Hans Kollers stellen.

"In your own sweet way" ist eine Komposition von Dave Brubeck, die von Chet in fast allen Livekonzerten gespielt wurde.Hier gibt es Raum für die Solisten um dem Publikum die Kunst der Improvisation zu demonstrieren.

"Django" ist eine einfühlsam gespielte "hommage" an den großen Jazzgitarristen Django Reinhardt, der von Chet Baker entsprechend gewürdigt wird.

"I fall in love too easily" ist für mich der Höhepunkt des Konzertes, da es Chet Baker hier schafft , eine Stimmung zu erzeugen, die nur wirklich ganz großen Musikern in seltenen Momenten gelingt.Gesang und Trompetenton gehen ineinander über und scheinen über dem Orchester schwerelos zu schweben. Chet haucht den Text dieses Standards, sein Tropetensolo ist in seiner Klarheit von fast überirdischer Schönheit. Je öfter ich mir diesen Titel angehört habe( und es waren bestimmt einige Dutzend Male), desto mehr kam ich zur Überzeugung,dass Chet sein nahes Ende geahnt haben muss.
So abgehoben schön zu spielen kann man, so glaube ich, nur wenn man von allem Irdischen losgelöst ist,und nur noch Musik existiert. Ich glaube,er wollte mit diesem Titel sein musikalisches Testament hinterlassen.

Die zweite Cd beginnt mit "Look for the silver lining", ein Titel,der vom Text her ganz dem Leben Chets entspricht und den er seit den glorreichen Tagen in den 50ern immer wieder spielte.

"I get along without you very well" ist wieder Gänsehautmusik pur. Baker macht in seiner Interpretation deutlich klar, dass er es ohne "you" eigentlich nicht schafft . Es ist irgendwie der leise, verzweifelte Hilferuf eines einsamen Genies.

In "Conception" zeigt Chet Baker seine technische Brillanz, die ihm oft abgesprochen wurde ganz deutlich.

"There's a small hotel" ist wieder ein Standard,den Chet seit vielen Jahren immer wieder spielte und dem er immer wieder neue Seiten abgewinnen konnte,

Mit "Sippin' at bells" zeigt Chet Baker,dass er auch im Bebop mehr als zu Hause ist. Eine wunderbare,technisch perfekte Interpretation mit dem typischen Chet Baker-Ton wird geboten.

Dass Chet Baker ein ganz großer Meister der Balladen war,beweist er nicht zuletzt an "Tenderly", einer zu Tode gespielten und oft missinterpretierten Ballade. Chets Trompete erzählt die Geschichte von "Tenderly" wirklich "tenderly" und schafft damit eine Stimmung,die diesem wunderschönen Thema gerecht wird.

Als Abschluss intoniert Chet nochmals seinen größten "hit" "Valentine" als Dankeschön für das begeisterte Publikum.

Was soll man zu so einem Werk als Verkaufsempfehlung schreiben? "Gäbe es 20 Sterne,ich würde sie bedenkenlos vergeben?" oder "Wenn sie diese Cd nicht besitzen sind Sie selbst schuld daran"
Ich habe mich für Folgendes entschieden:
"Wenn Sie Jazz lieben und nur im Entferntesten fühlen können,was Jazz bedeutet,werden Sie Chet Baker lieben und noch mehr dieses unvergleichliche Konzert, in dem Mensch und Musik zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen und man das Genie Chet Baker in seiner gesamten Tragik so deutlich wie nie erspüren konnte."

Im Covertext meiner alten,abgespielten LP heißt es: "The gods loved Chet Baker; they gave him so much talent-and punished him with his life."


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Ciaobock

Ciaobock

14.11.2009 01:31

...und weil der Bericht so gut ist, bewerte ich ihn noch einmal! ;o)) Wie das geht? Mein Geheimnis... ;o))

MOa1111

MOa1111

30.11.2007 11:34

außergewöhnlich guter und BESONDERS HILFREICHER Bericht über Chat Baker, der Berichts-Titel passt perfekt (und würde auch bei anderen Künstlern passen).

Empoyerment

Empoyerment

17.11.2007 14:01

Der Name sagte mir jetzt erst mal nichts, aber ich kann mir auch schlecht Namen merken. Bei einzelnen Titeln blitzte due Erinnerung auf. Danke für diesen super Tipp, dieses Werk werde ich mir sicher zulegen

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