Learn to Hypnotize - Pothead

Erfahrungsbericht über

Learn to Hypnotize - Pothead

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Hypnotisierend gut...

5 28. Sep 2001

Pro:
Gesang, Abwechslung, kompakte Songs

Kontra:
"Weird Bird"

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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Artatius

Über sich:

Mitglied seit:03.07.2000

Erfahrungsberichte:90

Vertrauende:21

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 37 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Welche Musik mag man hinter einer Band vermuten, die sich selbst Pothead nennt ? Was mag man im weiteren von dieser Band denken, wenn sich dahinter u.a. ein Brüderpaar namens Dope, namentlich Brad und Jeff, verbirgt ? Und deren 1997 erschienenes Album den vielfach interpretierbaren Titel „Learn To Hypnotize“ trägt ? Kiffer-Hippie-Mucke vielleicht, gleichermaßen inspiriert von David Peel oder den Doors möglicherweise, zwischen Rebellion und der musikalischen Umsetzung des Drogenrausches an sich.

Aber nein, weit gefehlt, mögen die Indizien auch noch so irreführend sein, zum Hören dieser Platte sind einschlägige Drogenerfahrungen nicht vonnöten, um sich mit den 16 Titeln der Scheibe anzufreunden, auch wenn ein Joint nebenbei dem Hörgenuß sicher auch nicht schaden wird. Vielmehr sollte man sich auf ein auf seine ganz eigene Weise hypnotisierndes Werk einstellen, daß insbesondere auf die berühmt-berüchtigte Schublade verzichtet, immer wieder von rockig-alternativ zu Blues, von tieftraurig-melodramatisch zu „am Rad drehend“ und das ganz noch einmal von vorn springt, ohne aber daß die dadurch entstehenden Stimmungsschwankungen aber befremdlich oder unangenehm wirken. Denn nie überkommt mich das Gefühl, als schippere Pothead in fremden Gewässern, die Stilübergriffe bleiben authentisch und wirken nie aufgesetzt.

Daß Pothead ihre Wurzeln in Seattle hat, könnte nun für den ein oder anderen überraschend sein, denn das nördliche Seattle hat gemeinhin soviel mit Blues zu tun wie die Elfenbeinküste mit bayrischer Folklore. Erfährt man im weiteren, daß Pothead im Jahre 1991 (<-!) das heimische Seattle Richtung Berlin verlassen hat, mag man, da zu jener Zeit kaum einer anderen Stadt wie Seattle mehr Aufmerksamkeit musikalischer Natur entgegengebracht wurde, die Gebrüder Dope für vollkommen verrückt erklären. Dabei entsprang aber der Gedanke, sich in Berlin niederzulassen, der Erkenntnis, daß es in Europa um einiges leichter ist, von Ort zu Ort zu reisen und Konzerte zu geben, ohne hunderte von Kilometern zu überbrücken, sowie der hohen Dichte an Bars und Kneipen in Berlin selbst.

Mit „Learn To Hypnotize“ schließlich veröffentlichten die beiden Dopes, die sich mittlerweile die Dienste des Deutschen Sebastian Meyer am Schlagzeug gesichert hatten, ihr viertes Album, das zumindest für mich immer wieder wie eine große Rundreise durch die Siedlerzeit der USA anmutet, mal fühle ich mich in den heißen Süden, mal wie an die Grenzen zum bergigen Kanada, mal in einen Zug entführt, der unaufhaltsam gen Westen rattert.

So wird man auch zu Beginn mit den Ureinwohnern des großen Landes konfrontiert, wird man mit Indianergesang begrüßt, der sich aber gleich den tiefen, druckvoll kurzen Riffs („Across the sea, strange men came....“) beugen muß, die im knappen Refrain („Red Man, oh that warrior is a dead man“) stärker zur Geltung kommen dürfen. Dazu gesellt sich die helle, leicht heroische Stimme von Brad Dope, der sich, als würde der rote Mann sich ein letztes Mal bemühen gegen den Eindringling zur Wehr zu setzen, auf stimmliche indianische Unterstützung zum Ende hin verlassen darf.

Doch letztendlich müssen sich die Ureinwohner der weißen Macht beugen, und diese nimmt sich die Freiheit, sich einen ersten Überblick über die noch nahezu jungfräuliche Landschaft zu erlauben. „Magic Lantern“ wird von einem weiten Basslauf, der wohl nicht zufällig an die ruhigen Alice in Chains (Jar of Flies/Sap) erinnert (seine Wurzeln kann man eben dann doch nicht ganz verleugnen), getragen, der sich eine ergänzende, akustische Gitarrenmelodie und ein sanfter Gesang anfügt. Schöner Song zum Träumen und Sinnieren.

Nach dem gesanglich schrill-schrägen, rockig-rhythmischen „Twisted Tomato“ führt uns die nächste Etappe in die Südstaaten, dorthin, wo der Blues regiert. Erstmals darf man doch über die stimmliche Vielfalt von Brad Dope erstaunt sein, denn daß der Gesang des Titelsongs „Learn To Hypnotize“ von einem Weißen stammen soll, mag man zunächst gar nicht glauben. Erst zum Ende hin wandelt sich die schwarze Stimme zu der bereits vertrauten, höheren Tonlage, und auch das durchgehende Bluesthema bekommt sukzessive einen alternativen Anstrich.

Mit dem mit nicht einmal zweiminütigen „Saul“ wiederum verlassen wir fluchtartig den warmen Süden, es rumpelt recht rockig, die Stimme erreicht bisher nicht vermutete Aggressivität, kurzweiliger, eingängiger Song, allerdings ohne Höhepunkte.

Diese allerdings hat „Stop“ vom ersten bis zum letzten Ton. Der Hörer mag sich in einen gleichmäßig daherschnaufenden Zug versetzt fühlen, die druckvoll unaufdringlichen Riffs in 311-Manier verbunden mit einer fließenden, gleitenden Gesangsmelodie werden durch ein eingestreutes Gitarrensolo garniert, welches richtig schön viel Seele hat und nur mit zu gekniffenen Augen vorgetragen werden kann.

Stop.

Wozu diese plötzliche Flucht, fühlte man sich doch in Alabama, vielleicht auch in Mississippi gar nicht mal so unwohl. „You Should Talk“ ist die Rückkehr zum Blues, wieder möchte man meinen, B.B.King oder ein anderer Held des Blues würde sich die Ehre geben, so tiefschwarz erklingt die Stimme. Und wie schon bei „Learn To Hypnotize“ mischen sich auch hier nach und nach rockigere Elemente (bratende Gitarre, hellere Stimme) in das weitergeführte Bluesthema ein.

Mit „Kite“ aber verlassen wir nun endlich die Südstaaten, begeben uns in bergigere Gefilde, waldige und seengeprägte Landschaften, irgendwo im Niemandsland an der Grenze zu Kanada, vielleicht gar schon in Kanada selbst. „Kite“ greift wieder auf träumerische, balladeske Töne zurück, kann neben einem zweistimmigen Gesang und größtenteils akustischer Instrumentierung mehr als überzeugen.

Und nachdem wir uns von der tragischen Liebesgeschichte von „Henry und Mabel“ von einer fast schon schmalzigen Stimme neben ruhigen Gitarrenklängen (und sehr ergreifendem Basszwischenspiel) haben erzählen lassen, geht´s wieder auf die Gleise, diesmal ein wenig zielstrebiger, mit tiefen gefährlichen Gitarrenriffs, die aber nach knapp 3 Minuten abrupt beendet werden....

Was mag passiert sein ? „All Those Memories“ gibt eine depressive Antwort. Die ruhigen Gitarrenklänge nebst harmonischem Klavier (im Übrigen das einzige Mal, das neben Gitarre, Schlagzeug und Bass ein anderes Instrument zu Wort kommt) und der nachdenkliche Gesang rühren zu Tränen, die in Ankündigung des Refrains leicht aufdrehenden Saiteninstrumente vermitteln ein Gänsehautfeeling. Starker, mit etwas über 5 Minuten längster Song des Albums, mit ganz besonderem Tiefgang.

Dagegen ruft „Life To Death“ den Psychopathen in uns wach, unvermittelt schreit man uns „Life, it keeps bruning, it goes up and down, round and round, you to me and everyone...“ entgegen. Durch die direkte, unvermittelte Instrumentierung und den aggressiv anklagenden Gesang der energischste Song des Albums.

„Little Magnus“ hingegen stimmt den Hörer wieder nachdenklich, ein leiser Aufruf gegen arrogantes Wertedenken und für menschliche Akzeptanz und ein menschliches Miteinander und der Erkenntnis: „We´re all just the same....“

Nach dem einzigen Aussetzer des Albums „Weird Bird“, welcher, gerade im Gegensatz zu den anderen Songs, nie wirklich auf den Punkt gebracht wird, und ziemlich wenig aufregend vor sich her plätschert, erinnert „Y-Road“ ziemlich stark an die Rock-Götter von Black Sabbath, mit seinen dreckig-düsteren Riffs erreichen Pothead nicht nur mit ihren Instrumenten den Klang dieser, sondern auch gesanglich erinnert Brad Dope mehr als einmal an den guten alten Ozzy Osbourne... Schön schön.

Mit „Miracle“ findet man schließlich ein entspanntes, verträumtes Ende, kann man sich also genüßlich zu der wieder ziemlich dunklen Stimme zurücklehnen, ohne daß man große Überraschungen erwarten darf oder muß.

Fazit: Ich bin gemeinhin kein Freund von Blues, geschweige denn von Balladen. Und wer es dann schafft, diese Stile so unaufdringlich zwischen rockig-alternative Songs zu packen, so daß sie nicht nur geduldet werden, sondern gar willkommen sind, hat meinen Respekt und somit natürlich auch die volle Punktzahl verdient.
„Learn To Hypnotize“ ist ein vom ersten bis zum letzten Ton überraschendes, abwechslungsreiches, gesanglich beeindruckendes, mitunter ergreifendes Album, das, bis auf „Weird Bird“, wirklich jeden Song auf den Punkt bringt, ohne sich in allzu große Schnörkeleien oder langweiliges Breittreten eines Themas zu verfangen.

Für weitere Bandinfos ist die Webseite www.pothead.de zu empfehlen.... 


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Lemmy

Lemmy

26.01.2002 22:58

Grandioser Bericht! Ich bin mit der neuesten, "Grass Roots" auf Pothead gestoßen. Jetzt weiß ich, was als nächstes den Weg in meinen Einkaufskorb finden wird. Gruß

doeter

doeter

08.10.2001 15:30

doppelt gute Plattenkritik *vbg*

Kyria

Kyria

05.10.2001 14:38

Genialer Bericht, liest sich super. Pothead kenn ich nicht. Oder besser gesagt, kannte ich nicht, denn kennenlernen werd ich sie nach dieser Huldigung ganz sicher. Ich kann mit Blues auch nicht allzuviel anfangen. Aber ich glaub diese Scheibe muß man einfach gehört haben, ob man jetzt Blues mag oder nicht. Haben! Liebe Grüße Kyria.

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