Dem die Zeit hinterher läuft
07.07.2006
Pro:
grandioser Jazz
Kontra:
-
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 roadster135
Über sich:
Britische Roadster und gute Musik;was wäre das für ein Leben ohne diese "Nebensächlichkeiten&qu...
Mitglied seit:20.01.2006
Erfahrungsberichte:25
Vertrauende:15
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 61 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Noch bevor ich irgend etwas mit der Musik Lennie Tristanos anfangen konnte,fiel mir dieses coole Cover seiner schlicht "Lennie Tristano" benannten Lp ins Auge. Es erinnerte mich irgendwie an die monochromen Cover von Francis Wolf ,die für mich neben der Musik auf vielen Blue Note Lps eigene Kunstwerke darstellen. Eine Plattenhülle,die so "coooool" aussieht,muss doch coole Musik enthalten. Zuerst war ich jedoch als Einer mit dieser Art Musik nicht Vertrauter irritiert.Ich hatte wohl Bebop im Geiste Bud Powells oder die abgedrehte Musik von Monk erwartet.Was ich zu hören bekam,war etwas ganz Anderes.
Wer meinen Bericht über Lee Konitz gelesen hat,wird in diesem Zusammenhang auf den Namen Lennie Tristano gestoßen sein,deshalb möchte ich vor der Rezension etwas die musikalische Laufbahn dieses leider viel zu unbekannten Pianisten und Revolutionär des Jazz beleuchten. Tristano wurde 1919 in Chicago fast blind wegen der damals verbreiteten "Spanischen Grippe" geboren.Bis zu seinem, zehnten Lebensjahr erblindete er komplett.Bereits mit 4 Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterricht,der später durch das Erlernen von Saxophon ,Klarinette und Cello ergänzt wurde. 1943 schloss er sein Klavierstudium am Konservatorium von Chicago ab und gründete 8 Jahre danach eine eigene Schule,aus der Musiker wie Lee Konitz,Warne Marsh oder Billy Bauer hervorgingen. Dazwischen lag jedoch die Veröffentlichung von "Disgression" und "Intuition",das als erstes Beispiel für Free Jazz 10 Jahre vor der allgemein bekannten Entstehung dieses Stiles gilt. Sein Stil war von langen, komplizierten Legatolinien geprägt,die sehr "bläsernah" konzipiert waren.(Vielleicht deshalb,weil er auch hervorragend das Saxophon beherrschte). Diese "eiskalte" Phrasierung stand im Kontrast zu den angesagten Spielweisen der damaligen "Pianogötter" wie Bud Powell oder Art Tatum. Am ehesten kann man Tristano in seiner Radikalität noch mit Monk vergleichen, jedoch konnte Monk nie die technische Perfektion Tristanos erreichen.
Nach der Veröffentlichung von "Intuition" zog sich der scheue Pianist vorerst wieder zurück und widmete sich ganz der Unterrichtstätigkeit und sehr seltenen Auftritten in kleinen Clubs. 1956 wurde schließlich die zu besprechende Lp mit diesem "ultracoolen" Cover von Atlantic veröffentlicht. Dass Atlantic bereit war Risiken einzugehen und Innovatives auf den Markt zu bringen, war man von der R&B-Abteilung der Firma gewohnt, die bislang unbekannte Künstler wie Ray Charles oder Ruth Brown förderte und zu Stars machte.
Auf dem Jazzsektor promotete man Jimmy Giuffre,Shorty Rogers oder Tony Fruscella,die ebenfalls nicht sofort die großen "Publikumsmagneten" waren ,aber mit Qualität punkten konnten und durch geschickte Promo einem weiteren Publikum bekanntgemacht werden konnten. Die Lp ist grob in zwei Abschnitte zu gliedern:ein im Studio in Triobesetzung mit Art Taylor(Schlagzeug) und Gene Ramey(Bass) aufgenommener Teil und eine Liveperformance,bei der Lee Konitz (Altsax) dazukommt.
Der wirklich verstörende und viele zum Teil unsachliche Kritiken hervorrufende Teil war die Studioproduktion,die mit "Line Up" beginnt. Ein pulsierender Bass und ein treibendes Schlagzeug beginnen,bevor ein eiskalt in kurzen Phrasen gespieltes Klavier einsetzt.Erstaunen,Verwunderung,Verstörtheit? Ich weiß heute nicht mehr genau,was meine ersten Eindrücke von dieser Musik waren.Meine heutigen sind jedenfalls Bewunderung und die Freude darüber,dass es Lennie Tristano gegeben hat. Tristano spielte damals den Pianopart im Playbackverfahren ein und beschleunigte im Mix das Tempo des Stückes,was ihm viel Kritik der damaligen "Jazzmafia" eintrug. "Vorspiegelung falscher Tatsachen", Vortäuschen technischer Perfektion" und das damals unübliche (jedoch nicht unbekannte)Playbackaufnahmeverfahren erbosten zahlreiche "Jazzfans",die mit einem erstaunlichen Scharfblick für das Unwesentliche ausgestattet waren. In Wahrheit ging es Tristano nicht um die Präsentation seiner Technik (das hatte der anerkannt technisch beste Pianist seiner Zeit nicht nötig) Das Faszinierende dieser Aufnahme ist der fast unmerkliche Übergang von "Beat" zu "Puls",von Form zu Freiheit und von Tonalität zur Atonalität. Alles beginnt zu verschwimmen,die Musik scheint förmlich zu fließen und sich irgendwo in der Unendlichkeit zu verlieren.Dieser Eindruck wird noch durch das "Fadeout" am Ende des Stückes verstärkt. Auch das rief wieder musikalische Kleingeister auf den Plan,die meinten ein Jazzstück habe einen Anfang und ein Ende zu haben. Sie vergaßen dabei,dass sich Tristanos Musik nicht mit herkömmlichen Maßstäben beutreilen ließ. Ein wunderbares Beispiel für die tiefe Emotionalität in Tristanos Musik ist "Requiem",eine Komposition zu Ehren Charlie Parkers,in der in Triobesetzung bewegende musikalische Statements abgegeben werden.
"Turkish Mambo" ist wieder ein im Playbackverfahren aufgenommenes Stück,das neben technischer Perfektion auch die hohe Musikalität Tristanos,was den Aufbau und das Hinspielen auf einen emotionalen Höhepunkt anbelangt, deutlich zeigt. "East Thirty-Second" ist das letzte Triostück und atmet den Geist der vorangehenden Kompositionen. Glasklare "Singlenote-lines" wechseln mit Blockakkorden, das einzig Vorhersehbare dieses Stückes ist das Unvorhersehbare. Vielleicht stieß deshalb diese Musik damals wie heute auf so viele taube Ohren. J.E.Behrendt bemerkte einmal völlig richtig,dass Musikhören in hohem Maße auch Charaktersache sei. Wir alle hören meist 3 bis 4 Takte "voraus"(das ähnelt übrigens dem Lesen) und kommt dann das Erwartete, fühlt man sich bestätigt.(wie das ja bei der Schlagermusik,etc. meist der Fall ist.) Wirklich zu "hören" bedeutet jedoch erhöhte Frustrationstoleranz und das sich "Einlassen und Akzeptieren von nicht Erwartetem". Hat man diesen Schritt bewältigt,wird man mit vielen unvergesslichen Erfahrungen belohnt.
Der zweite Teil bedarf keiner tiefergehenden Rezension,da hier ein typisches Livekonzert in einem kleinen Club geboten wird. Herausragend^ist neben Tristano natürlich Lee Konitz, der beinahe zu Tode gespielten Standards wie "If I Had You" oder"All The Things You Are" immer etwas Überraschendes und musikalisch Wertvolles abringen kann. Die Cd (oder Schallplatte) lebt jedoch von den genialen Trioaufnahmen im ersten Teil.
Tristano veröffentlichte danach noch eine Lp auf Atlantic mit dem großartigen "C Minor Complex" und zog sich dann vollständig zurück,nur unterbrochen von sporadischen Auftritten mit seinen Schülern,um sich ganz seiner Lehrtätigkeit zu widmen. Diese "Verweigerung" brachte ihm bei den"cool cats" von New York einen gewissen Kultstatus ein,ohne jedoch eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Dazu war seine Musik zu kompliziert und ihrer Zeit zu weit voraus. Es schien als wolle die Zeit Tristano hinterher laufen.
Lennie Tristano verstarb schließlich 1978 ohne jemals in breiterer Öffentlichkeit wahrgenommen worden zu sein,obwohl er als Neuerer mit Charlie Parker,John Coltrane,Jimmy Giuffre oder Ornette Coleman auf eine Stufe zu stellen ist. Was bleibt sind seine wenigen Platten und die Erinnerung an sporadische Auftritte für Diejenigen,die das Glück hatten Tristano "live " zu erleben, sowie eine Unzahl von Musikern,die direkt oder indirekt von ihm beeinflusst wurden.
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13.07.2007 17:38
Danke für den Tip und die gründliche Einführung. If I only had time...
23.11.2006 21:12
Von Tristano kenne ich nicht allzuviel. Hab mir mal vor 2-3 Jahren die Capitol Sessions von 1949 gekauft, mit Warne Marsh und Lee Konitz. Da ich sie lange nicht mehr gehört habe, werde ich sie mal wieder 'aktivieren'. Gruß Bernd
05.09.2006 11:26
Das Cover erinnert an Mephisto! Da hab ich doch wieder etwas gelernt..LG D.