Erfahrungsbericht über

Live: and All That Could Have - Nine Inch Nails

Gesamtbewertung (3): Gesamtbewertung Live: and All That Could Have - Nine Inch Nails

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Left with a trace of all that was

4  14.06.2002 (27.07.2002)

Pro:
Still

Kontra:
AATCHB

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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basscadet

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:112

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 46 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Nine Inch Nails sind eine sehr persönliche Angelegenheit. Sie sind ein Zustand, eine Befindlichkeit. Nicht mal unbedingt eine konkrete Situation, eher eine Grundhaltung. Der Glaube an das Gute und Schöne. Das wahre Gute und Schöne, nicht die Masken und Verzierungen. Und das Wissen darum, dass das Gute und Schöne immer unbedeutender wird, nur für einen selbst nicht. Der Glaube wird einem nicht genommen, er ist immer noch da. Aber da sind diese Schatten. Viele Schatten. Schatten sind die Abwesenheit von Licht, verdecken die Schönheit, überlagern sie, rauben einem die Kraft. Aber nicht die Hoffnung.


just a glimpse. just a little reminder.

Trent Reznor wurde nicht gecastet oder in einem Cafe entdeckt, er machte und macht Musik, weil er es muss, weil es keinen anderen Weg gibt. Als Kind und Jugendlicher spielte er Klavier und Tenor Saxophon, machte in Jazzbands und Marschkapellen (sic) mit. Später war er Mitglied bei verschiedenen Bands, die Lieder aus den Charts nachspielten.

Sein persönlicher Musikgeschmack änderte sich mit der Zeit von Kiss über David Bowie zu Throbbing Gristle, bis dann Skinny Puppy und Ministry zu den grössten Einflüssen wurden. Ungefähr zu dieser Zeit fasste er den Entschluss, selbst professionell Musik zu machen. Er arbeitete in einem Aufnahmestudio, das ihm erlaubte, nachts seine eigene Sachen kostenlos aufzunehmen.

Sein erstes Demotape, auf dem Bootleg Purest Feeling dokumentiert, schickte er an ausgewählte Plattenfirmen. TVT nahm ihn unter Vertrag, und 1989 erschien das erste Album Pretty Hate Machine, das sich anständig verkaufte. Anschliessend ging es auf Tour, zunächst als Vorgruppe von Bands wie Jesus And Mary Chain oder Guns & Roses, bevor die Teilnahme an Lollapalooza 1991 den endgültigen Durchbruch brachte.

Danach ging es beständig bergauf. Querelen mit TVT, die in einem langwierigen Rechtsstreit gipfelten, legten NIN zwar vorübergehend lahm, doch nachdem Reznor seine Freiheit zurückgewonnen hatte, erschien das Mini-Album Broken, das ihn und Nine Inch Nails endgültig zu Stars machte. Top Ten-Platzierung, Grammy-Nominierung, Album of the Year in diversen Musikzeitschriften, es war alles vorhanden. Und das mit Klängen, die so aggressiv und unkommerziell waren, dass sie eigentlich nicht als Chartsmaterial taugten.

Der Erfolg des folgenden Albums The Downward Spiral war damit beschlossene Sache, und spätestens mit der Wiederauflage des Woodstock Festivals, bei der NIN einhellig als der Höhepunkt gefeiert wurden, war Reznor ein fester Bestandteil der Musikszene geworden, mit allen Vor- und Nachteilen.

Er bedankte sich mit einer mehrjährigen Pause, in der The Fragile eingespielt wurde, das perfekte NIN-Album, das alle bisherigen Veröffentlichungen nur angedeutet hatten. The Fragile landete in den US Billboard Charts gleich in der ersten Woche auf Platz eins, nur um in der Woche darauf gnadenlos abzustürzen. Reznor hatte wohl erreicht, was er wollte: Er hatte die Fans, die ihn aus den (hoffentlich) richtigen Gründen lieben, die bei jeder Veröffentlichung sofort die Plattenläden stürmten. Der Rest, der ihn ganz nett fand, war egal.

Diejenigen, die ihn liebten, konnten NIN nach einer halben Ewigkeit endlich wieder live sehen, als sie mit The Fragile auf Tour gingen.


in a dream i'm a different me

And All That Could Have Been bestätigt alle Vorurteile, die man gegenüber Live-Aufnahmen haben kann. Nichts kann das Erlebnis, ein Konzert zu besuchen, ersetzen, erst recht keine Live-CD. Sicherlich dient sie als Trostpflaster für diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht dabei sein konnten, als NIN in ihrer Stadt, oder einer Stadt in der Nähe, waren. Aber es ist nicht dasselbe. Es ist nicht wirklich live, es ist Leben aus der Konserve. Was die Sache noch langweiliger macht ist die Tatsache, dass die Lieder gegenüber der Studioversion kaum verändert sind und sich somit auch dadurch kein Reiz ergibt, sich das alles anzuhören.

Einzige Ausnahme ist La Mer, eines der schönsten Lieder von The Fragile (und aller Zeiten). Wenn man La Mer in der Live-Version gehört hat, kann man nicht mehr zurückgehen. Plötzlich merkt man, wie eingeengt es immer war, und wie sehr es anfängt zu leben, sobald es das Studio verlassen hat und sich frei entfalten kann.

Leider ist La Mer nur auf der parallel erschienenen DVD zu hören, die einem eine weitere, ungefähre Vorstellung davon vermittelt, wie es sein muss, NIN live zu sehen. Aber die Energie, die der sonst eher scheue und zurückhaltende Reznor und seine Mitstreiter auf der Bühne ausstrahlen, lässt sich so unzureichend auf Film bannen, dass man es mehr als Dokument einer Phase in der Geschichte von NIN sehen sollte, die möglicherweise abgeschlossen ist.


full of broken thoughts

Still ist der eigentliche Grund, sich AATCHB zu kaufen. Still ist eine Mischung aus alten und neuen Liedern, eingespielt in der NIN-Variante von Unplugged. Reznor sagt, dies könnte die Zukunft von NIN sein, denn den "typischen" NIN-Sound hat er soweit getrieben, wie es geht, es gibt keine neuen Herausforderungen mehr.

Still beginnt mit Something I Can Never Have, in einer noch viel tiefergehenden Version, die die Selbstzerfleischung in Höhen treibt, in denen ich das Lied fast nicht mehr hören kann, zumal ich es sowieso kaum noch ertrage. Da sind sie wieder, die Schatten, die sich über all das legen, was einem das Leben lebenswert macht, die Erinnerungen an bessere Zeiten, und diese Leere, jetzt, wo all das fehlt. Wie man es überleben kann, so ein Stück zu schreiben, werde ich vermutlich nie verstehen.

Wenn man sich davon erholt hat, wird man mit dem ersten neuen Stück belohnt. Adrift And At Peace könnte nicht besser betitelt sein. Getragen von einer Melancholie, in der man sich tatsächlich treiben lassen kann, vermittelt es trotzdem Frieden, das wieder zu sich finden nachdem man die Hoffnung aufgegeben hatte und dann merkt, dass es weitergehen wird weil es weitergehen muss.

The Fragile und The Becoming sind dann wieder altbekannte Lieder, die keine neuen Formen annehmen sondern nur anders instrumentiert sind. Im Gegensatz zu Something... bleiben Charakter und Tiefe erhalten. Bei The Becoming fehlt natürlich die Kakophonie gequälter Synthesizer, aber die manische Verzweiflung wird sowieso über Reznors Stimme transportiert und muss nicht unbedingt verstärkt werden.

Gone, Still ist das nächste neue Stück, ähnlich angelegt wie Adrift And At Peace, aber unruhiger, wie eine rastlose Seele auf der Suche nach Erlösung, der Gang über eine grüne Wiese bei strahlendem Sonnenschein mit diesem unbestimmten Gefühl, dass da etwas Böses lauert.

The Day The World Went Away kann man sich eigentlich gar nicht ohne dröhnende Gitarren vorstellen, bis man das Piano hört, das die Melodie zerbrechlich werden lässt. Wenn dann doch noch eine Gitarre und ein Sampler einsetzen versprühen sie eine so unglaubliche Wärme, dass man in diesen Klängen baden möchte.

And All That Could Have Been fällt schon alleine deshalb aus dem Rahmen, weil es gleich mit einer Gitarre anfängt und das Piano eher zurückhaltend ist. Von den neuen Liedern ist es wohl das einzige, das man als "klassisch" für NIN bezeichnen könnte, und es hätte gut auf The Fragile gepasst.

Irgendwie bekomme ich immer einen Schreck, wenn ich den Titel The Persistance Of Loss lese, weil er so etwas Endgültiges hat. Dabei vertont das Stück nicht die letzten Minuten vor dem freiwilligen Ableben ob all dieser Sinnlosigkeit des Daseins, sondern tänzelt vielmehr vor sich hin und ist eher naiv und solch trübsinniger Gedanken nicht fähig.

Dafür wird man bei Leaving Hope auf das vorbereitet, was einen erwartet. Das Stück ist nicht so selbstzerstörerisch wie es Hurt war, sondern schliesst an Gone, Still an. Man hat seine Bestimmung und Erfüllung gefunden, auch wenn sie nicht so ist, wie man sie sich vorgestellt hat. Ernüchterung und gleichzeitiger Seelenfrieden, wenn man denn in der Lage ist, sich damit abzufinden. Die Hoffnung aufgeben und sein Schicksal akzeptieren. Vielleicht verströmt das Stück deshalb auch nur eine trügerische Ruhe, unter der immer etwas anderes lauert, das an einem nagt und die Geborgenheit nimmt. Die Ruhe vor dem Sturm, die besinnlichen Momente vor dem nächsten Kampf. Wenn man noch kämpfen kann.


closure

Still gehört zu dem Besten, was Trent Reznor je veröffentlicht hat. Dafür kann man auch das etwas zweifelhafte Vergnügen, auf der anderen CD NIN live präsentiert zu bekommen, in Kauf nehmen. Wenn man ein Konzert von ihnen gesehen hat, ist es eine schöne Erinnerung, aber es kann das Erlebnis eben nicht wirklich ersetzen.

Reznor sagt, dass Still die Richtung ist, in die NIN zukünftig gehen wird, und dass And All That Could Have Been der Schlussstrich unter den bisherigen Veröffentlichungen ist. Wenn, dann steht uns irgendwann, wenn Reznor mal wieder ins Studio geht, ein weiteres Meisterwerk ins Haus. Aber auch wenn es anders kommt werden wir uns freuen können. Denn Reznor kann eine verwandte Seele sein, wenn man keine Masken und Verzierungen mag.


And All That Could Have Been (CD)

Terrible Lie
Sin
March Of The Pigs
Piggy
The Frail
The Wretched
Gave Up
The Great Below
The Mark Has Been Made
Wish
Suck
Closer
Head Like A Hole
The Day The World Went Away
Starfuckers, Inc.
Hurt


Still

Something I Can Never Have
Adrift And At Peace
The Fragile
The Becoming
Gone, Still
The Day The World Went Away
And All That Could Have Been
The Persistance Of Loss
Leaving Hope


And All That Could Have Been (DVD)

Terrible Lie
Sin
March Of The Pigs
Piggy
The Frail
The Wretched
Gave Up
La Mer
The Great Below
The Mark Has Been Made
Wish
Complication
Suck
Closer
Head Like A Hole
Just Like You Imagined
Starfuckers, Inc.
Hurt

copyright basscadet 14062002 wer hier klaut hat alle hoffnung aufgegeben


after all i've died
after all i've tried
you are still inside

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
FragileHalo

FragileHalo

08.12.2002 23:30

...und wieder hast du mich überrascht, hätte gar nicht erwartet, NIN hier bei dir zu entdecken, auch wenn mir dein Bericht sehr sehr bekannt vorkommt, den habe ich glaube ich schonmal gelesen... Ja, und was bleibt mir noch anderes zu sagen, als dass gleich wieder Still rotiert.

annonymus

annonymus

16.10.2002 00:02

Von deinem Bericht bin ich überzeugt, von NIN noch nicht so ganz... :D ...so ist das mit dem Geschmack. Liebe Grüße, anno

Mias-Brz

Mias-Brz

31.08.2002 21:05

Echt guter Bericht. Nur kann ich dir leider bei deiner Meinung über die "And All That..." nicht ganz beipflichten, bin aber mit den NIN noch nicht ganz so vertraut.

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  1. FragileHalo
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