Der Eisen-Tripp
04.01.2003
Pro:
Teils geniale Momente
Kontra:
Teils monoton - langweilig Momente
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
mehr
 Dash_HB
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:218
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 61 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Wenn ich in meinem gedanklichen Wörterbuch unter der Redewendung „Glück im Unglück“ nachschlage, dann kommt mir so Einiges in den Sinn. Musikalisch steht aber ein Ereignis ziemlich weit oben, nämlich ein Livekonzert von SlipKnot im Jahre 2001. Seit diesem Abend weiß ich zweifelsfrei, dass ich die Musik von denen kacke finde. Aber: einer der Supportacts waren Static-X. Bis zu dem Zeitpunkt kannte ich von denen ein bis zwei Lieder vom Debutalbum, und da promoteten sie gerade den Nachfolger. Und die Mucke fand ich ziemlich genial. Zumal ich ein halbes Jahr vorher bereits die dazugehörige Snippet CD bei einem MM-Konzert in die hand gedrückt bekam, von der ich ebenfalls recht angetan war. Zugegeben, den Vollpreis für ein Album würd ich wohl kaum ausgeben, aber für gebraucht hab ich mir dann irgendwann mal das Zweiteisen „Machine“ gekauft. Wie der Name es schon erahnen lässt, ist das elektronische Moment in der gespielten Musik von Static-X relativ hoch. So versucht man, aggressiven Rap-Metal mit Elementen aus Industrial und Gothic zu vermengen, mit winzig kleinen Schüsschenchen Techno. Wer mag, kann das Ganze auch einfach unter dem hässlichen Begriff New Metal ablegen. So oder so bekommt man vor allem die elektrischen Gitarren um die Ohren gelöffelt, die meist mit voller Wucht und nicht selten auch sehr melodisch bedient werden. Die Keyboards tragen den Sound von Static-X zwar nicht, sind aber dennoch eine wichtige Säule. Ich würde sagen, das Verhältnis Gitarre zu Konserve ist etwa 2 zu 1. Bemerkenswert auf jeden Fall das Organ von Leadsänger Wayne Static. Der singt im Grunde die ganze Zeit, als müsste er jeden Ton einzeln vor lauter Wut unter größter Anstrengung aus dem Körper pressen, bis er dann irgendwann explodiert und alles kompromisslos herausschreit. Das ist weder Growlen noch Kreischen. Eher sowas wie zusammengefaltetes Kreischen, wenn Ihr mir folgen könnt. Auf jeden Fall passt es richtig geil zur Musik und ist bestimmt ein herausragendes Merkmal der Band. Das Rezept ging in jedem Fall auf, denn das Debutalbum „Wisconsin Death Trip“ erreichte in den USA Goldstatus und ließ die hiesige Szene aufhorchen. Vor allem die Single „Push it“ dürfte vielen ein Begriff sein. Und dann folgte im Jahre 2001 auch schon der Nachfolger, der eine ganze Ecke gereifter erklingt und den Kreis hiermit schließt.
Unter dem okayen Coverartwork verbergen sich exakt 11 Lieder plus Intro, was unterm Strich rund 43 Minuten potenziellen Hörgenuss verspricht. Nun muss ich sagen, dass ich nach dem ersten Hören spontan etwas enttäuscht war, was daran lag, dass die vier USAler die besten Stellen des ganzen Albums auf die Snippet CD packten, die ich ja schon kannte. Und wenn der Rest dagegen abfällt, dann hat man keine positiven Überraschungen mehr, was das Gesamtbild etwas verzerrt. Im Nachhinein ist mir aber klar, dass „Machine“ im Grunde ein mehrl als solides Album ist. Wenn man nur die besten Stellen nicht schon kennt. Aber auch so fehlt der Band noch ein Riesenstück Flexibilität, was sie in die Oberklasse katapultieren könnte. Denn das Grundgerüst eines Static-X Liedes bleibt meist gleich: Schnelle, harte abgehackte Strophen mit passendem Sprechgesang und im Chorus dann entweder ungezügelte Aggresssion oder eine ohrwürmige Hookline. Dadurch ist zwar ein Album aus einem Guss entstanden, aber es klingt auch eben ziemlich abgeschliffen und verliert relativ schnell an Reiz. Die Ausnahme machen eine Handvoll wirklich großartiger Songs, die man immer wieder hören kann. In solchen Momenten meint man zuweilen, es mit Genies zu tun zu haben, entweder weil da so eine fabelhafte Melodieführung vorliegt, oder weil ab und zu mal auch bestimmte Textpassagen die Musik überflügeln und einfach genial rüberkommen, was wiederum teilweise ein Verdienst der Intonierung der Leadvocals ist.
Nach dem witzigen Intro wird zwecks Kontrastierung erstmal alles auf volle Pulle hochgefahren. Ultraschnelle Stakkatoriffs und ein infernalisches Gebrüll lassen mich erstmal denken, dass „GET TO THE GONE“ der Brecher überhaupt ist. Aber allzu schnell driftet das Stück in den Mittelmaß ab, weil einfach keine sinnvollen Pointen gesetzt werden. Einzig der C-Part holt nochmal was raus. Schon ein ziemlich durchschnittlicher Opener.
Aber sofort folgt nun wirklich ein Knaller. „PERMANENCE“ fesselt auf Anhieb, weil allein in den ersten 40 Sekunden drei verschiedene Riffwände aufgebaut werden, von denen jede einzelne begeistern kann und viel zu schnell vorbei ist. Anschließend machen die Saiten Platz für die Drums. Dieselben sind übrigens meistens nicht ausschließlich handwerklich hergestellt, sodnern werden von einer Drum Machine unterstützt. Kann in Maßen aber sinnvoll sein und ist es hier auch. Rastlos, voll hinterhältiger Bosheit wird ein Teppich ausgelegt für den hier brillanten Gesang. „Everything is as / cold as ice Everything is as / dead as life...“ Ebenso wie das Schlagzeug nicht mit offener Wut interpretiert, sondern brodelnd unter der Oberfläche. Hier singt kein Nullachtfuffzig Bösewicht wie meinetwegen der Joker oder Morgoth, nein, das ist ein ganz hinterfotziger und verkappter Haderlump, dem man auf den ersten Blick zwar seine dunkle Gesinnung anhört, aber ihm nie zutraut, mal eine offensive Handlung auszuführen. Geil. Vor allem dann, wenn man immer kurz mal die ganze Wut aufflackern hört und er plötzlich aufschreit, nur um danach wieder hintenrum zu mümmeln. Der Chorus fährt gegen den flachgespielten Strophenball dann mit allem Bombast auf, den der Industrial zu bieten hat, mit einer hundertprzentig überzeugenden Tonfolge. Auch darauf folgend wird mit Abwechslung beim Riffing und beim Gesang nicht gegeizt, so dass PERMANENCE ein früher Glanzpunkt der CD ist. Vor allem der Anfang, sage ich Euch... Nach diesem Feuerwerk wird erstmal auf Mid-Tempo runtergefahren. Aus „BLACK AND WHITE“ hätte man aber eindeutig mehr machen können. Die Hookline im Chorus zeigt echtes Ohrwurrmpotenzial, aber immer, wenn ich den höre kommt es mir so vor, als würde da so das letzte Crescendo fehlen, als hätte man dem Salamander den Kopf abgehackt. Der Rest klingt tonartig nicht sehr originell, allein die Lyrics können in den Strophen ob ihrer Simpelhaftigkeit noch überzeugen. Hier versuchen Static-X wiederholt, ein Kartenhaus aufzubauen, das jedes Mal wieder umfällt. Schade, aber auch so einer der besseren Songs von „Machine“.
Es folgt das Paradestück der ungebändigten Aggression. Wuchtig wird in die Riffs gehauen, die sofort ein monotones, aber kraftvolles Gitarrengewitter aufziehen lassen. In den Strophen werden einfach ein paar Licks weggelassen und allmählich wieder Stück für Stück hinzugefügt, dann wieder weggenommen usw. So entsteht die Illusion eines variablen Gitarrenspiels, aber in der Gesamtheit betrachtet doch etwas einfallslos. Nichtsdestotrotz (oder gerade deswegen) entwickelte sich dieses Stück zu einem Favoriten in der Anhängerschaft, allein wegen des genialen Refrains; „THIS IS NOT my life / This is not m home / This is not me / I hate this...“ Eigentlich seltsam, dass so ein simples Lied so hervorragend funkioniert. Sämtliche Ansprüche an komplexe Strukturen sind vergessen, man brüllt wie selbstverständlich mit. Cooles Lied. Wir überspringen ein Lied und lauschen mal direkt in „COLD“ rein. Wer einen bestimmten Vampirfilm im gesehen hat wird das Teil kennen und wahrscheinlich auch lieben. Ziemlich langsam gehalten, wieder mit monotonen Gitarren, aber mit megagenialen Vocals. Beinahe mit einem Flüstern wird eine morbie Stimmung aufgebaut und auch gehalten, und vor allem würdig zum Abschluss geführt im Refrain. „COLD“ kommt (ohne Repeats des Chorus) mit niedlichen 40 Wörtern aus, wirkt wegen der langsamen Vortragsweise aber nicht zu kurz. Und endlich gibt es mal ein nennenswertes Solo zu hören. Zwar ohne großartige Spielkunst, aber der Song ist in sich einfach kohärent, will sagen stimmig, dass er mit einer der besten der Platte ist, wenn auch der untypischste. Die Monotonie wird hier in Perfektion zelebriert. Saugeil.
Wir skippen wieder das nächste Lied und kommen zu „...IN A BAG“. Durch rasendschnelle und etwas höhere als normale Stakkatoriffs wird zu Beginn eine gute Spannung erzeugt, die mit einer famosen Hookline im Chorus gekrönt wird. Permanent kitzelt der Sound in hohen Tonlagen die Sinne, weswegen vereinzelte Aussetzer sehr intensiv und wie eine Atempause wirken. Ein guter Song, dem lediglich ein richtig pompöser Höhepunkt an Intensität fehlt. Das letzte reguläre Lied (nach einem erneuten Skip) ist dann der Titeltrack. „MACHINE“ lebt von Gegensätzen. Einmal reduzierte Strophen, was Sound und Vocals angeht, nämlich Bass und dezente Drums einerseits und stiller Gesang andererseits. Der Chorus dann bricht wie der Monsun über den Hörer herein. Starker Kontrast zwischen reltiv cleanen Backgroundvocals und gescreamten Leads, sowie gesteigerte Gitarren, und eine absolut famose Hookline. Hätte man den stampfenden Rhythmus etwas amtlicher rausproduziert hätte das der Headbangking der Silberschnitte werden können. So bleibt ein unheimlich atmosphärischer Song, der den Rundling ideal abkantet. Nee, -rundet. Haha.
Es folgt dann noch ein total bedeutungsloses Instrumentaloutro, was zu allem Überfluss auch noch mehr als fünf Minuten dauert. Grausig. Das hätte man echt streichen können.
Insgesamt bleibt ein knapp „gutes“ Album, welches von einzelnen, magischen Momenten lebt. Dazwischen hat man bisweilen den Eindruck, Füllstoff zu konsumieren. Teilweise wirkllich belanglose Passagen, auf welche dann wieder richtige Brecher folgen. Hier ist so einiges an Mittelmaß zu finden, aber stellenweise hört man in der Tat songwriterisches Talent raus, wenn absolute Ohrwürmer kredenzt werden. Vielleicht bin ich auch nicht so der Typ für dieses monotone Industrialriffing, aber Vieles klingt mir einfach zu einfallslos. Trotzdem noch knappe vier Sterne. Vielleicht hätte man das erste und das zweite Album zusammenlegen sollen, denn auch auf „Wisconsin Death Trip“ mampft man viel Einheitsbrei, durchsetzt von leckeren Schokostückchen. Ejaal, „Machine“ kann man zu einem reduzierten Preis immer mal mitnehmen, aber 15,- € würde ich nicht investieren. Reinhören ist auch gefährlich, weil man von den superben Stellen geblendet werden könnte.
Danke für’s Lesen (und Kommentieren).
PS: Einen Sonderpunkt verdient auf jeden Fall der Gitarrist. Wer sich als Mettler den Künstlernamen „Tripp Eisen“ gibt, ist entweder ein kompletter Idiot oder ein Genie...
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10.02.2003 23:32
Danke! endlich find ich jemanden, der mir hier bei dieser Band mal weiterhiflt:) kannte erst mal nur "cold", natürlich;), dachte mir sind doch eigtl ganz cool, hab dann irgendein anderen Song gehört, war nicht so ganz mein Fall, aber naja... von Freunden auch nur: Static X sind doch nicht so besonders" und ich hab mich immer gefragt warum, cold war doch ganz gut?!:/ jetzt weiss ichs nach diesem Bericht und stimme dir da auch so weit ich kann zu, denn die paar mp3s, die ich hatte, waren nicht so der "abwechslungsreiche" Brüller;) vielleicht find ich se ja mal für 8¬ im Angebot...:) LG, Dalela
07.02.2003 21:00
Super Bericht!!! Static-X kommt schon ganz gut!!! Bis auf weiteres, flatman36
15.01.2003 01:45
Hmmm, sagt mir jetzt ehrlich gesagt gar nix, würd meinen Geschmack wohl aber auch nich zu 100% treffen...