Titanisches...
15.06.2003
Pro:
Spannende Komposition
Kontra:
- - -
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
mehr
 Slei
Über sich:
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Vertrauende:1
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Gustav Mahler Symphonie Nr. 1 D-Dur „Titan“ Zur Werkgeschichte: Trotz des beigeordneten Namens „Der Titan“, eine Anspielung auf den gleichnamigen Roman von Mahlers Lieblingsschriftsteller Jean Paul, handelt es sich bei der 1. Symphonie nicht um Programmmusik im klassischen Sinn. Der Titel dient nur als grobe Orientierung, sozusagen als Wegweiser in das Werk. Mahler unterschied sprach auch von einer äußeren und einer inneren Struktur der Symphonie. Die äußere Form erzählt – wenn man so will in groben Zügen Jean Pauls Roman nach – die innere Form stellt eine durchgehende Tondichtung da, die schon Ansätze zu einer „durchkomponierten“ Symphonie zeigt.
Gustav Mahler begann 1884 mit der Partitur und beendete die Arbeiten 1888. Bei der Uraufführung (noch ohne Titel) im ungarischen Pest (Buda und Pest waren noch zwei Städte) fiel das Werk jedoch im wahrsten Sinne mit Pauken und Trompeten durch. Die Kritiker zerrissen sich das Maul über das Riesenorchester das Katzenmusik produziere. Mahler war in die Falle getappt, dem Publikum ein Werk vorzulegen, das seiner Zeit und dem was man von der ersten Symphonie eines jungen Komponisten erwartete weit hinaus ging. Erst vor der Aufführung einer Hamburg überarbeitet Mahler die Orchestration und fügt den Titel hinzu. Es folgte eine Bearbeitung (1849, vor einer Aufführung in Weimar), der ein ganzer Satz zum Opfer fiel. Er stand ursprünglich an zweiter Stelle und war mit „Blumine“ überschrieben. Der Satz blieb bis 1967verschollen, wird heute aber hin und wieder als Zugabe gegeben. Man sollte sich die Mühe machen, eine CD zu finden, auf der auch dieser Satz zu finden ist um mit Hilfe der Programmiertaste, den ursprünglichen – fünfsätzigen – Zustand herstellen zu können. Der Höreindruck verändert sich doch erheblich.
Die einzelnen Sätze (hier in der ursprünglichen (Pester Abfolge) behandelt: Der erste [1.] Satz (Langsam, schleppend) Dieser Satz stellt ein langsam aus dem Nichts entstehendes „Walderwachen“ vor. In diesem nichts hört man plötzlich Vögel schlagen und den Kuckuck. Waldhörner zeichnen eine ruhige Stimmung. Aus dieser Stille entwickelt sich ein Reigen von schlagenden Vogelstimmen, die miteinander in Wettstreit zu treten scheinen. Dabei gewinnt der Satz an Dynamik um dann wieder in einem ruhigen Reigen zu verebben und so fort. Nach dem Ersten Teil setzt eine Flöte mit einer sehr feinen Imitation einer Vogelstimme ein. Die Streicher brummen in tiefen Regionen – es scheint, als zöge ein Gewitter auf. Ein Waldhorn Chor durchbricht die Spannung und auch die Vögel singen wieder, jedoch alles unter größerer Anspannung. Trotzdem steigert sich der Chor der Vogelstimmen immer wieder zu einem vollen Reigen, ohne die Dramatik zu zerstören, bis mit einer Bläserfanfare die drückende Schwüle des heraufziehenden Gewitters aufgelöst wird. Der Regen kühlt und die Natur kann wieder durchatmen und atmet auf.
Der zweite [-] Satz („Blumine“) Ein wunderschönes Trompetenstück. An sich fast in die Abteilung „Schmalz“ zu verweisen, doch bildet es zwischen dem ersten und dritten Satz einen Ruhepol. Immer wieder nehmen die Streicher Anlauf und schieben sich sanft in den Vordergrund, um dann wieder von den Bläsern verdrängt zu werden. Ursprünglich geschrieben wurde dieser Satz als Theatermusik für eine Aufführung des „Trompeter von Säckingen“ in Kassel. In der betreffenden Szene spielt der Trompeter seine Melodie bei Mondschein über den Rhein. Ich denke, dieses Bild passt auch am sehr gut zu der Musik. Wenngleich das ein Bruch im Programmablauf wäre, ist der Wald doch grade erwacht. Vielleicht sollte man diesen Teil als die Ruhe nach dem Sturm nehmen. Der dritte [2.] Satz (Kräftig bewegt, doch nicht zu schnell)
Ein derb klingender Satz mit Ländlercharakter. Die Fachliteratur verrät uns, dass das Motiv das wir hören aus dem zweiten von Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“ stammt. Dieser fahrende Geselle wird nun im Laufe des Satzes durch die Höhen und Tiefen des Seins getragen. Dem romantischen Lebensgefühl entsprechend mehr durch melancholische Tiefen, oder zumindest über Abhänge. Zum Schluss landet er jedoch wieder im brausenden Leben. Der vierte [3.] Satz (Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen)
Bei genauem Hinhören erkennt man das Motiv: In den Bässen liegt der Kanon „Frère Jaques“. Das Ganze hat den Anschein eines Trauermarsches. Die Melodik schwenkt um auf den Stil einer „jiddischen“ Dorfkapelle. Die zweite Hälfte bekommt plötzlich ein neues, sehnsüchtiges Motiv in den hohen Streichern und den Bläsern. Nur um dann wieder vom Trauermarsch abgelöst zu werden, der nun um so schwerer klingt. Auch die jiddische Kapelle spielt wieder zum Trauerzug auf. Unsere heißgeliebte Fachliteratur flüstert uns wieder ein, dass dieser Satz auf ein in Österreich bekanntes Kinderbild zurückgeht, in dem die Tiere des Waldes den Toten Jäger zu Grabe tragen. Der fünfte [4.] Satz (Stürmisch bewegt)
Dieser Satz bricht wie ein Gewitter los. Hier jagt nun wirklich ein Orkan durch den Wald. Pauken und Blechbläser sind die Hauptakteure die diesen Eindruck hervorrufen. Dazu kommen unruhige Streicher im Hintergrund, die das Gehör nicht zur Ruhe kommen lassen. Und immer wieder neue Anläufe nehmen, bis das Treiben schließlich in Haltetönen in den Holzbläsern verebbt. Nun übernehmen die hohen Streicher mit einem an den ersten Satz erinnernden Motiv die Führung. Es kehrt wieder Ruhe ein und die verschiedenen Stimmen vereinen sich um sich langsam zu immer höheren Spannungsstufen aufzuschwingen. Diese Spannung wird jedoch durch eine Bassbewegung und einsetzende Bläser abgefangen. Ein erneutes Unwetter zeigt sich. Dann brechen Blechbläser ordnend wie Sonnenstrahlen durch graue Wolken hervor. Doch der Kampf ist noch nicht beendet. Erst langsam erwacht die Natur wieder wie im ersten Satz. Nach einer letzten Anstrengung endet der Satz in einem furiosen hell sonnenstrahlendem Bild. Zur Interpretation der Sätze:
Ich habe mir die Freiheit genommen, mich von der „Äußeren Form“ zu lösen. Folglich beschreibt dieses Werk für mich nicht das „Heldenleben“, das der programmatische Fahrplan vorzuschreiben versucht. Für mich PERSÖNLICH – andere mögen das anders sehen – steht hier die Naturbeschreibung im Vordergrund. Somit entferne ich mich – bewusst – von den Interpretationen vieler Konzertführer oder Fachbücher. Der Grund ist einfach genannt: Musik sollte mit dem Herzen gehört werden – und meines entdeckt da eher den Wald und die Natur in diesem Werk als alles andere.
CD-Empfehlung: Wieder einmal nenne ich hier eine Billigproduktion. Das hat weniger etwas mit einem zu knappen Geldbeutel zu tun – zugegeben auch, denn die CD hab ich als armer Schüler angeschafft – als damit, dass ich nicht einsehe warum ich für vergleichsweise genauso gute oder schlechte Aufnahmen mindestens 20.- Euro mehr zahlen soll, nur weil ein goldenes Emblem einer großen Tonträgermarke drauf ist.
Also wieder mal Preis-Leistungs-Entscheidung: Gustav Mahler Symphony No.1 „Titan“ Polish National Radio Symphony Orchestra (Katowice) Leitung: Michael Halász Naxos 8.550552 Preis ca. 5.- €
Fazit: Ein schönes Stück romantischer Symphonik. Mehr als empfehlenswert, vor allem als Einstieg in die Welt der romantischen Tondichtung und Symphonien.
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05.09.2003 13:44
Ich denke, es wird in der Regel doch ein Unterschied sein, ob ich dieses Orchester oder - sagen wir mal - die Berliner Philharmoniker unter Rattle auf der Scheibe habe. Ob das die Differenz komplett rechtfertigt, will ich mal offen lassen, zumal ich deine CD nicht kenne. Gruß Klaus
22.06.2003 13:07
Hallo! Deine subjektive Empfindung hast du gut beschrieben. Da sie sich auf einer billigen Aufnahme stüzt, ist es kein Wunder, daß du die Symphonie anders wahrnimmst als der Rest der Welt. Nichts von den Erfahrungen eines jungen Menschen, der die große böse Welt kennenlernt, nichts vom "Titan" (außer Erwähnung), nichts zu dem Gesellen-Zyklus. Und am Ende diese blöde Argumentation zu den teuren und billigen Aufnahmen: wozu? Es gibt auch preiswerte ausgezeichnete Aufnahmen, wenn die Wahl durch den Geldbeutel beeinflusst wird - z.B. Bruno Walter, Mitropoulos, Kubelik, Barbirolli, Bernstein etc.
20.06.2003 13:52
Ich bin positiv erstaunt, daß auch die Jugend noch Klassik hört. Dabei muß ich gestehen, kenne ich Mahler kaum, dafür aber mehr Beethoven und Händel. gruß, carmen