You're my Ocean, you're my wave
07.12.2001
Pro:
Melodien, Texte, Farben - Leben
Kontra:
nada
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 Kyria
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:99
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 60 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Nebenprojekte sind selten von Belang. Sie dienen meist als Spielwiese, auf der sich die Betreiber des Projekts nach Herzenslust austoben können. Oft entsteht dabei Musik, die wenig oder gar nichts mit der Hauptband zu tun hat. Man könnte also sagen, Nebenprojekte sind oft Experimente, dabei fast nie kommerzieller Natur, sondern eher Just for fun. A Perfect Circle ist ein Nebenprojekt – und gleichzeitig die Ausnahme von der Regel. Die bis dato einzige Veröffentlichung „Mer de Noms“ enthält mehr Herzblut und Tiefgang als diverse Scheiben „echter“ Bands. Die Hauptverantwortlichen sind Maynard J. Keenan (Tool) und Billy Howerdel. Die Verwandtschaft zu Tool ist offensichtlich, doch sind die Songs auf dieser CD um einiges greifbarer, einfacher in ihrem Aufbau, was aber nicht bedeuten soll, dass sie oberflächlich oder simpel sind. Die Musik von A Perfect Circle ist leicht zugänglich, aber unglaublich seelenvoll. Sie stellt sich mir dar als dunkles Licht, das einzig aus Wärme besteht. Ich bin nicht besonders gut, was Stil-Definitionen angeht. Vor allem dann nicht, wenn es um eine Band geht die mich überwältigt. Vielleicht auch weil mir „Schubladendenken“ von Grund auf zuwider ist. Andererseits muß sich fairerweise für all die Leute eine Aussage treffen lassen, die mit den Namen A Perfect Circle und Tool nichts anfangen können. Alternative/Crossover bietet einen guten Anfang, es gibt Gitarren und einige nicht allzu aufdringliche Elektro-Effekte. Songweise werden Klavier, Streicher, Sitar, Glockenspiel und andere, exotischere Klänge eingesetzt. Das wichtigste „Instrument“ ist die prägnante Stimme von Maynard Keenan. Am leichtesten ist es zu sagen, was diese Musik nicht ist: Kein Heavy Metal, kein Grunge, kein New Metal, kein Industrial. Laßt mich sagen: A Perfect Circle hat wie der entfernte Verwandte Tool eine eigene Schublade. All diese Informationen sind im Grunde völlig überflüssig. Wozu sollte ich etwas einen Namen geben wollen, wenn ich es sehen und spüren kann? Wenn es einfach vorhanden ist und mich einhüllt wie sonnendurchwirkte Nebelschleier. In diesem Fall ist die Bezeichnung völlig nebensächlich.
„Run desire, run this sexual being, run him like a blade …” Der Opener “The Hollow” beginnt dynamisch und lädt zur Energiefreisetzung mittels kryptischer Bewegungen ein. Wen das wundert, hat den Song noch nie in einer Disco gehört. Spätestens beim ersten „Temporarily“ fallen alle Hemmungen. Schönes Stück um die CD zu eröffnen, es verfügt über eine überaus positive Ausstrahlung. „Magdalena“ beginnt langsam und entwickelt sich stetig. Es kriecht unter die Haut, bedrängt, bedroht („I’ve lost my self control“) um wieder abzuflachen und schließlich wieder anzusteigen: „I’d sell my soul, my self esteem a dollar at a time, for one chance, one kiss, one taste of you my Magdalena“. Dauert keine 3 Minuten, zählt aber zu dem Eindringlichsten, was die moderne Musik zu bieten hat. „Rose“ wird in einem recht gemäßigten Tempo dargeboten, zunächst sehr leicht und angenehm, im Mittelteil angestrengter, angespannter, in sehr konzentrierter Form. Dieser Song hat für mich etwas mit Befreiung zu tun, aber über ein vages Gefühl geht diese Empfindung nicht hinaus. Die Single „Judith“ perfektioniert den Wechsel zwischen samtweichen und harten Passagen: „You’re such an inspiration“ und dann „Fuck your God, your Lord, your Christ“. Faszinierend, wie vielschichtig dieses Lied ist. Ich kann mich daran nicht satthören. Über all dem thront „He did it all for you“ und die nachfolgenden ineinander verdrehten Melodien.
„Orestes“ kommt sehr verträumt daher. Ich weiß, dass der Vergleich zu Meer und Wasser bereits überstrapaziert wurde, aber ich kann mich auch nicht dagegen wehren, ihn ebenfalls zu ziehen. Merkwürdig, wie dieser Band mit einfachsten Mitteln großes Kopfkino gelingt. Inmitten ungefährlicher Strudel und sanfter Wogen erklingt „Pull me into your perfect circle“, sehnsuchtsschwer wie Möwenkreischen. Und da sage noch einer, Musik malt keine Bilder ... Vertrautheit und Nähe werden in „3 Libras“ noch gesteigert. Hier ist die Assoziation nicht Wasser sondern Sonne, Licht, Wärme. Wundervoll begonnen und dann in einen Reigen aus Strahlen und Düften gesteigert. Sommer im Kurzformat. „Sleeping Beauty“ und „Thomas“ zählen nicht zu meinen erklärten Favoriten. Kein Mensch vermag zu erklären, warum das so ist, am wenigsten ich. Beide Lieder sind ebenfalls sehr harmonisch, aber deutlich einfacher gestrickt. Ich höre sie mir an, aber sie versetzen mich nicht in nachhaltiges Entzücken. „Renholder“ ist ein Instrumental mit - wie ich finde - indischem Einschlag. Nettes Zwischenstück, aber für mich nicht weiter von Belang.
Nach dieser kurzen Atempause bringt die Band jedoch wieder die Höchstleistung. „Thinking of you“ beginnt mit sehr verschachtelten elektronischen Spielereien, der Gesang wirkt bruchstückhaft, abgehackt, gerade das macht dieses Lied so eindrucksvoll. Es ist die Spirale, die sich nach oben windet, dazwischen aber auf gerader Ebene verläuft: „Sweet Revelation, sweet surrender“ lockert die Spannung. Bis zum Ende, bei dem die Zeile „Thinking of you“ sich wiederholt und mit jedem Mal fordernder wird, „lauter“, ohne an der tatsächlichen Lautstärke viel zu ändern. Schließlich füllt diese eine Zeile allen Raum aus. Und lässt mich schwerelos zurück. „Brena“ ist wiederum sehr gefühlvoll. Ein Fleckchen blauer Himmel inmitten grauer Wolkenberge. Dieses Stück bereitet auf den unvermeidlichen Abschied vor und erleichtert ihn durch seine Entspanntheit. Der definitiv letzte Track „Over“ hat es noch einmal in sich. Er bietet musikalisch gesehen nicht viel, ein paar Ton-Schläge auf einem Xylophon oder etwas Ähnlichem, eine leise Klaviermelodie, sehr wenig Text („Been over this before“). Und doch birgt er so vieles in sich. Er ist das Versprechen einer sternenklaren Nacht. So rätselhaft wie ein hastig zugeflüstertes Geheimnis in absoluter Dunkelheit. „Mein Herz ist bang und ahnet ein Verhängnis“.
Und dann verklingt auch der letzte Ton und ich bleibe zurück. Ein bisschen mitgenommen von der Bilderflut. Ein bisschen überrascht, dass es vorbei ist. Aber dennoch sehr zufrieden. Sehr erfüllt. So wie vom Leben selbst. Das ist Musik in der man ertrinken kann, ohne dabei zu sterben. Wirklich erstaunlich, wie viel Frieden sie in sich birgt.
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31.07.2007 17:46
die platte ist einfach genial.. schon allein der gesang von "hollow".. das erzeugt gänsehaut. vielen dank für deinen bericht - hat spaß gemach tund mich dazu gebracht, gleich die cd einzulegen.. ;D grüße, till
13.04.2005 20:30
das ist absolut der treffenste und gleichzeitig informativste bericht zu dieser scheibe. Der Bericht wiederspiegelt komplett meine Meinung zu dem Album, gerade was das verhältnis von apc und tool von der verständlichkeit angeht. Du hast einfach eine schöne art schöne sachen zu be und umschreiben. Sehr gut
18.09.2003 22:31
Erste Hälfte großartig. Zweite Hälfte (mit Ausnahme von "Thinking Of You") nur gut. Stimme also insgesamt mit dem Text überein, würde aber nur 4 Sterne geben. Wobei ich die CD auch schon lange nicht mehr gehört hab... MfG I...Loaded_Raft