Keimzeit-Konzerte - ein Fest der Sinne
02.12.2000
Pro:
mehr als man von einem live - Gig erwarten kann
Kontra:
nix
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
mehr
 kurti4-thereal
Über sich:
Mitglied seit:27.11.2000
Erfahrungsberichte:16
Vertrauende:1
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 5 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Wer einmal bei einem Keimzeit-Konzert war, wird zum Fan! Das behaupte ich einfach mal so kategorisch. Wie diese Band auch vor einem kleinen Publikum Stimmung machen kann und den Funken überspringen lässt, ist einzigartig. Aber der Reihe nach: Vor meinem ersten Keimzeit-Konzert kannte ich immerhin zwei CD’s der sechs Jungs. Die Musik fand ich nett, unbeschwert, poetisch - irgendwie schön. So’n richtiges Verhältnis zu der Band hatte ich allerdings nicht. Das war halt die Art Musik, die man immer mal hören kann, aber nicht unbedingt muß. Naja. Und dann, im Sommer 97, kam ich - halb gezwungen, halb achselzuckend - auf dem open-air in der Nähe von Schwerin an. Na, mal sehen. Gegen 20 Uhr kam die Vorgruppe auf die Bühne und machte schon erstaunlich Stimmung. Die Musik war okay, nix Spektakuläres - ‚ne Vorgruppe eben. Dann, es muß so was bei viertel nach neun gewesen sein, erschienen Keimzeit, und ich - immer noch abwartend - wunderte mich ziemlich über das Gejohle der vielleicht 800 Besucher. Ey, die haben doch noch gar nicht angefangen, und ihr jubelt schon??? Dann begann die Band zu spielen. Die ersten Stücke kannte ich nicht, aber so nach und nach wippten erst meine Zehen, dann meine Füße den Takt mit, bis ich mich nach erstaunlich kurzer Zeit bei rhythmischen Bewegungen ertappte, die den ganzen Körper erfasst hatten. Nicht nur bei so kultigen Stücken wie „Kling-Klang“ oder „Primeln und Elefanten“, sondern auch bei Liedern, die ich gar nicht kannte! War gut, die Musik! Was mich aber besonders beeindruckte, war die Band. Oder vielmehr, die einzelnen Bandmitglieder. Da war dieser Sänger mit seinem viel zu großen Mund, dem man, wenn man ihm beim Einkaufen begegnet, nicht im Geringsten zutraut, dass er jeden dritten Abend des Jahres auf ner Bühne verbringt, und mit diesen forschenden, fast stechenden Augen, die mich ständig zu fixieren schienen. Ich konnte diesem Blick nicht standhalten - und ich weiß, dass es nicht nur mir so geht. Da war der Keyboarder, den bei den richtig schwungvollen Liedern nichts auf seinem Sitz hielt, und der sogar ekstatisch hampelnd noch die richtigen Tasten traf. Da war der - ja, wie nennt man einen, der Saxophon, Querflöte, Fagott und so spielt? - Bläser, der die meiste Zeit regungslos und mit einem peinlich berührten Lächeln dastand, bei seinen immer häufiger werdenden Soli aber so richtig aus sich raus kam. Irgendwie spürte ich: den Jungs macht Spaß, was sie da tun! Bei 11 rum gab’s ne Zugabe, wie das nun mal so ist. Aber das Publikum wollte mehr. Also kamen Keimzeit ein drittes Mal auf die Bühne, verkündeten allerdings, dass sie nicht mehr allein spielen wollten. Kurzerhand baten sie ihre Vorgruppe zu sich, und - nunmehr mit elf Leuten - ging das Konzert erst so richtig los!!! Mal sang dieser, mal jener, mal stand diese Gitarre im Vordergrund, mal die andere. Beide Bands ergänzten sich hervorragend und intonierten praktisch alles was sich singen lässt. Stücke von Keimzeit, Stücke der Vorgruppe, Evergreens aus allen Ecken der Musikwelt - 800 Leute waren außer Rand und Band und erfreuten sich an einer Musik, die nicht mit mehr Lust hätte gespielt werden können. Die Zeit flog dahin, und da ich - inzwischen einigermaßen erschöpft - noch lockere 60 Kilometer Autofahrt vor mir hatte, verließ ich gegen halb zwei das Konzert. Als ich gegen zwei Uhr morgens mein Auto aufschloß und gen Heimat fuhr, spielten die beiden Gruppen immer noch! Ich habe keine Ahnung, wie lang das noch ging, aber eines bedaure ich besonders: dass ich den Namen der Vorgruppe nicht mehr weiß L ! Das waren etwa sechs (!!!) Stunden Musik für bummelig 25 Mark. Vor ein paar Wochen waren Keimzeit nun in meiner Stadt - also nix wie hin. Ich gebe zu, ich hatte noch dieses Riesenereignis von vor drei Jahren im Kopf und erwartete wahrscheinlich was Ähnliches. Ging im Rahmen einer Tour natürlich nicht, dass die Jungs wieder bis in die Puppen spielen, schließlich mussten sie am nächsten Tag schon wieder woanders sein. So blieb dieses Konz mit zwei Stunden 45 denn auch verhältnismäßig „kurz“. 300, maximal 400 Leute hatten sich versammelt, um der Ostband zu lauschen - für West-Verhältnisse nicht schlecht, bedenkt man, dass Keimzeit hier ziemlich unbekannt sind. Aber was die aus uns rausgeholt haben, übertrifft wahrscheinlich Bruce Springsteen im Olympia-Stadion und wird höchstens von hysterischen Teenies bei N’Sync oder so getoppt. Mal ruhig und andächtig, mal rockig und heftig, dann wieder melodisch, poetisch, fast symphonisch. Da war alles drin. Und wieder dieser Sänger, der jedem das Gefühl gibt, als sähen seine stechenden Augen nur ihn an. Wieder der Keyboarder, der den Eindruck erweckt, dass er mit einem tragbaren Piano viel besser bedient wäre, weil er sich ständig bewegen muß. Wieder der - wie war das Wort? - Bläser, der dasteht wie ein Konfirmand, sein Saxophon wie ein Klosterlicht haltend, peinlich berührt lächelnd, aber bei jedem Solo mit aller Kraft seine Lust an der Musik in die Welt hinaus pustend. Vor allem aber diese Band, der man bei jedem Ton, bei jeder Bewegung anmerkt, dass ihr einfach Spaß macht, was sie da tut.
Wenn du jemals Gelegenheit hast, ein Keimzeit-Konzert zu besuchen: TU ES !!! Es wird ein Erlebnis für die Sinne sein! (P.S.: Bring Zeit mit!)
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Primeln und Elefanten - Keimzeit
Ausgabedatum: 2009-04-10, Audio CD, Hansa K&P (Sony Music)
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10.01.2001 15:24
bin aus luebeck. warum dein interesse?
05.01.2001 00:01
Hat zwar nicht unbedingt mit der CD zu tun, ist aber gut geschrieben von Dir, daher SN. Würde mich aber doch mal interessieren aus welcher Ecke Deutschlands Du kommst. Vielleicht mailst Du? Gruß - CountryJoe