Eine Judy Garland für das 21. Jahrhundert?
16.08.2004
Pro:
Eine hörenswerte CD mit Jazz Standards von einer Sängerin, die für ihr Alter bereits verdammt gut ist
Kontra:
Böse Zungen behaupten, für das fragliche Album habe man Renee Olsteads Gesang erheblich geschönt – ob bzw . inwieweit das stimmt, kann ich nicht beurteilen . Und was an der CD sonst "enhanced" sein soll, weiß ich auch nicht .
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 Gemeinwesen
Über sich:
"Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück" (Gottfried Benn) ciao-Merksatz 2006: "...
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Der Zufall wollte es, dass ich am Freitagabend der letzten Woche zu später Stunde in eine Wiederholung einer Ausgabe der Talkshow „3 nach 9“ des NDR-Fernsehens hineinschaltete, in der unter anderem das jüngst verstorbene Multitalent Sir Peter Ustinov und die italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli zu sehen waren. Da ich beide gleichermaßen schätze, blieb ich wach, und so kam es, dass ich mir auch die daran anschließende Sendung „3 nach 9 classics – Eine kleine Sommernachtsmusik“ noch ansah (die sich auf der Website radiobremen.de übrigens als „Eine keine Sommernachtsmusik“ findet, was natürlich nur ein Tippfehler sein kann).
Unter den Künstlern, die da auftraten, waren unter anderem Zucchero mit einer Coverversion von „Everybody’s Gotta Learn Sometime“ von den Korgis (sollte ich mir vielleicht endlich mal etwas von Zucchero zulegen?) und die unverwüstlichen „Rose Tattoo“ aus Australien (von denen ich mir jetzt endlich mal was zulegen werde). Mein persönliches Highlight im bunten Reigen von Liveauftritten diverser nationaler und internationaler Künstler aus Rock und Pop war aber Nana Mouskouri mit ihrer Version des Gershwin-Klassikers „Someone to watch over me“. Moment – Nana Mouskouri? Ist das nicht die mit den „weißen Rosen aus Athen“? Ja, genau das ist die. Die unvermeidliche Anspielung auf Kassenbrillengestelle will ich mir an dieser Stelle ebenso sparen wie jegliche Witzelei über Brillen, Eulen und Athen. Gewiss: Hierzulande verbindet man „die Callas des Unterhaltungsgesangs“ in erster Linie wohl mit Schlagern, die Titel wie „Weiße Rosen aus Athen“ oder auch „Guten Morgen, liebe Sonne“ tragen.
Ob das nun gerade auch die Art von Musik ist, mit der Nana Mouskouri in ihrer griechischen Heimat reüssiert, weiß ich nicht. Ich vermute aber, sie hält es vielleicht ähnlich wie Gitte Hænning, die für den Deutschen Michel „So ein Mann“ sang, während sie daheim in Dänemark längst ihrer heimlichen Liebe Jazz frönte. Womit wir beim Thema wären, und das lautet: Jazz. Jazz, besser gesagt Swing Jazz ist im Aufwind, und seitdem Robbie Williams mit seiner CD „Swing when you’re winning“ auch jüngere Hörer für Standards wie „Mack the Knife“ oder „Straighten up and fly right“ begeisterte, hat es eine Reihe von neuen oder neu aufgelegten Veröffentlichungen gegeben, die erkennbar auf der Swingwelle ritten: Vor der mit großem Tamtam angekündigten Trennung und einer Reihe von immer endgültiger werdenden Abschiedskonzerten trimmten die „No Angels“ mit Schützenhilfe von Trompeter Till Brönner noch rasch die Hits ihrer ersten beiden Alben auf Jazz und spielten mit dem 25-köpfigen RIAS-Tanzorchester eine CD ein. Die Warner Brothers stiegen ins Archiv hinab, entstaubten Aufnahmen, die schon in den 60er Jahren ein erfolgreiches Doppelalbum ergeben hatten und veröffentlichten „Hildegard Knef singt Cole Porter“ auf CD („Expanded & Remixed“, versteht sich). Im September 2003 dann wollte wohl auch Nana Mouskouri nicht zurückstehen und widmete sich ihrerseits Songs des „Great American Songbook“ und machte daraus eine CD mit dem schlichten Titel „Nana Swings“, auf das unter anderem eben auch „Someone to watch over me“ seinen Weg gefunden hat. Nun wäre es natürlich etwas unglücklich, schriebe man in den Booklets zu solchen CDs davon, man habe sich der Songs von Cole Porter, Irving Berlin und George Gershwin angenommen, weil Robbie Williams das sehr erfolgreich vorgemacht habe. Zum guten Ton gehört es vielmehr, Formulierungen wie die zu wählen, man habe schon als junger Mensch nichts lieber gewollt, als die Musik von Billie Holiday, Ella Fitzgerald oder Nat King Cole zu singen.
So lautet zumindest das Bekenntnis von Nana Mouskouri. Und es wäre, finde ich, wohl auch nichts dagegen zu sagen gewesen, wenn Nana Mouskouri mit 15 Jahren „Someone to watch over me“ gesungen hätte. Tatsächlich allerdings wird Frau Mouskouri am 13. Oktober dieses Jahres ihren 70. Geburtstag begehen. Nachdem ich sie am Freitag im Fernsehen gesehen habe, möchte ich meinen: Sie hat sich gut für ihr Alter gehalten. Allerdings weiß ich seit Freitag auch, welches Geschenk sie ihren Fans und sich zum Jubeltag machen könnte: Sie könnte geloben, nie wieder eine CD wie „Nana Swings“ einzuspielen und auch die Songs darauf nie wieder auf offener Bühne zum Vortrag zu bringen. Stattdessen könnte sie sich ein Beispiel an Ella Fitzgerald nehmen, die der Bühne ja auch irgendwann den Rücken kehrte und nur noch den Kindern anderer Leute vorsang, die im Supermarkt zufällig in der gleichen Warteschlange wie sie standen (was für mich gewissermaßen der Inbegriff von Dingen ist, die wirklich unbezahlbar sind: Ella Fitzgerald live im Supermarkt – wo war ich da eigentlich!?)
Ich weiß, das alles hier wirkt, als käme ich nie auf den Punkt: Ich bitte um Geduld. Es gibt einen Zusammenhang zwischen den Dingen, die ich schildere und es gibt einen Grund dafür, dass ich sie so schildere, wie ich sie schildere – versprochen! Ich halte fest: Ich habe zufällig am letzten Freitagabend Nana Mouskouri gesehen – und nachdem ich sie „Someone to watch over me“ singen gehört hatte, fragte ich mich, ob die Welt wirklich den x-ten Aufguss eines solchen Stückes braucht. Nana Mouskouris mit brüchigem, alterssprödem Stimmchen vorgetragene Version fand ich jedenfalls vor allem mitleiderregend. Etwas ähnlich Jammervolles habe ich zuletzt gehört, als ich mir die CD „Wild, Cool & Swingin’“ von Mrs. Miller zugelegt habe (Tipp: Mrs. Miller ist für den Pop das, was Florence Foster-Jenkins für die Klassik gewesen ist – auf ihre Weise waren beide einfach phänomenal). Der Unterschied zwischen den beiden Damen: Ich glaube, Nana Mouskouri war wirklich einmal sehr viel besser.
Irgendwann am Samstag, so gegen 1.00 in der Frühe, schoss mir dann folgende bange Überlegung durch den Kopf: Himmel – werde ich ab jetzt wohl jedes Mal, wenn ich „Someone to watch over me“ höre, an diese fürchterlich verunglückte Version von Nana Mouskouri denken müssen? (Mit „Me & Bobby McGee“, einem meiner Lieblingslieder, geht mir das nämlich so, seitdem ich Kris Kristoffersons Song in einer grässlichen Version einer Zwei-Mann-Countryband auf Kneipentingeltour gehört habe – immer wenn ich jetzt Kristoffersons oder Janis Joplins Versionen höre, muss ich an eine nicht mehr ganz junge Dame in einem rosafarbenen 80er Jahre Cowgirl-Outfit denken und … nein. Genug davon.)
Die Rettung kam dann am nächsten Tag – und zwar in Form eines Fingerzeiges in der TV-Programmzeitschrift meines Vertrauens. Zufall? Nein, natürlich nicht – schließlich kaufe ich die nämliche Zeitschrift jede Woche, und in jeder Woche stellt die Redaktion auf einer der bunten Seiten am Heftende eben auch ausgewählte CD-Neuerscheinungen vor. Und in der aktuellsten Ausgabe war das nun mal das Debütalbum einer gewissen Renee Olstead, anlässlich dessen Erscheinen man auch das in der aktuellen Ausgabe abgedruckte Interview geführt hat. Die, um die es geht, ist gerade mal 15 Jahre jung, stammt aus Houston, Texas und ist die neueste Entdeckung eines Produzenten, der unter anderem auch schon Houston, Whitney und Celine Dion zum großen Erfolg verholfen hat. Sie selbst sagt über sich unter anderem, sie habe sich in der örtlichen Leihbücherei schon immer gern CDs von Etta James, Billie Holiday, Louis Armstrong und Thelonious Monk ausgeliehen. Und die TV Spielfilm sagt von ihr, sie habe an der Seite von Arnold Schwarzenegger in „End of Days“ und an der Seite von anderen Leuten in einer Reihe von anderen Filmen gespielt. Aha. Und das alles, obwohl sie erst 15 ist? Sieh’ an, sieh’ an. Als Judy Garland die Hauptrolle in „The Wizard of Oz" spielte und damit endgültig zu Weltruhm gelangte , war das bereits ihr siebter Film und sie selbst ja schon 17.
Irgendwo bin ich beim Querlesen dann über über den Vergleich mit Billie Holiday und Ella Fitzgerald gestolpert. Hoppla? Wie bitte? Spätestens da war meine Neugier geweckt. Also nichts wie ’rein ins Internet – und ein wenig recherchiert. Angeblich sei Olstead mit einer Liste von Songs bei Produzent Foster aufgetaucht, die ihr selbst am Herzen liegen – darunter Evergreens wie „Summertime“, „Is you is or is you ain’t my baby“, „Sentimental Journey“ oder „What a Difference a Day Makes/Made“ (die wahrscheinlich bekannteste Version stammt von Dinah Washington, kürzlich hat das Stück aber auch der Brite Jamie Cullum für seine CD „Twentysomthing“ eingesungen). Der sei dank einer CD auf das Nachwuchstalent aufmerksam geworden, die eigentlich nur als Souvenir für die an den Aufnahmen Beteiligten gedacht und das Ergebnis von gemeinsamen Auftritten mit einer Band gewesen sei, die am Rande von Aufnahmen zu einem neuen Film (Olsteads „day time job“) entstanden seien. Dass sich das alles so zugetragen hat, mag man glauben oder nicht: die Version, die Initialzündung für ihre musikalischen Präferenzen habe mit einem Song zu tun, den sie Film „Pleasantville“ gehört habe (zu sehen und zu hören im Rahmen einer Sammlung von Filmausschnitten, die Interessierte unter http://www.warnerreprise.com/asx/reneeolstead_epk_300-v.asx finden), gefällt mir ebenfalls gut. Soviel steht fest: Die 12 Stücke auf Renee Olsteads Debütalbum sind sämtlich hörenswert – und durch die Bank gut gelungen.
Keine Frage: Man hört zwar, dass hier eine sehr, sehr junge Sängerin am Werk ist, ist aber gerade angesichts dessen immer wieder überrascht, wie gelungen das Ergebnis ist. Olstead bringt offensichtlich nicht nur den Schneid mit, den es braucht, wenn man sich an einem Klassiker wie „Summertime“ versucht (und zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade mal 14 und dazu noch weiß ist), sondern auch ein für ihr Alter erstaunlich gutes Empfinden dafür, worum’s in den Songs geht, die sie da singt. Man fragt sich unwillkürlich, was aus soviel Gespür und Musikalität erst werden mag, wenn Olstead noch ein bisschen an Erfahrung sowohl im Musikgeschäft als auch im Leben dazu gewonnen hat. Mit anderen Worten: Man darf gespannt sein, wie Olsteads Interpretationen von Jazz-Standards ausfallen, wenn sie noch ein bisschen besser nachempfinden kann, wovon sie da singt. Vielleicht darf sie dann einen Titel wie "Breaking up is hard to do" auch ganz allein singen (einstweilen leistet hier aber Duettpartner Peter Cincotti Schützenhilfe – dessen Name mir freilich nichts sagt und auf desssen Einsatz ich gut hätte verzichten können, den man aber vielleicht deshalb ins Rennen geworfen hat, damit wenigstens einer der beiden Beteiligten in einem Alter ist, in dem man gemeinhin weiß, wie schwer das mit diesen Trennungen ist).
Einstweilen bleibt für mich das Fazit:
Nachdem ich vor einiger Zeit bereits meiner Begeisterung für Newcomerin Katie Melua Ausdruck verliehen habe, bin ich heute froh, dass ich Meluas Debütalbum „Call off the Search“ „nur“ vier von fünf möglichen Sternen zuerkannt habe: Wenn Katie Melua die neue Norah Jones ist – dann ist Renee Olstead die neue Jane Monheit (die mit ihren gerade mal 26 Lenzen natürlich auch noch ziemlich neu ist). Renee Olstead ist in mehr als nur einem Sinne die jüngste Neuentdeckung im Bereich neuer junger Jazztalente – und für mich dank ihres gelungenen Debütalbums, an dem mir nicht nur ihre Interpretation, sondern auch die Auswahl der Stücke gut gefällt, jemand, dessen Namen ich, wie es bei ebay wohl heißen würde, „auf ‚Beobachten’ setzen“ werde: Von mir gibt’s jedenfalls die Bestnote für Renee Olsteads Debüt (warum sich die CD mit dem Zusatz "enhanced" schmückt, ist mir allerdings schleierhaft: Ich hätte erwartet, auf der CD fände sich vielleicht ein Videoclip o.ä. Dass dem nicht so ist, stört mich zwar nicht besonders, aber trotzdem bleibt's natürlich ein kleiner Etikettenschwindel, wenn da mit dem Schlagwort "enhanced" geworben wird).
Abschließen möchte ich mit einem Zitat. Entnommen habe ich es der aktuellen Online-Ausgabe einer Zeitschrift, die ebenfalls lobende, nahezu überschwengliche Worte gefunden hat: „’Someone to watch over me’ schluchzt sie so hinreißend, leicht und leise, so lässig perfekt und unforciert, dass man begreift: Hier ist eine Könnerin am Werk.“
Das hat jüngst der „Spiegel“ geschrieben. Und gemeint war damit nicht Nana Mouskouri.
T i t e l a u f „ R e n e e _ O l s t e a d“: 1.Summertime 2.Taking A Chance On Love 3.Is You Is Or Is You Ain't My Baby 4.Someone To Watch Over Me 5.Breaking Up Is Hard To Do 6.A Love That Will Last (1) 7.Meet Me, Midnight 8.Sunday Kind Of Love 9.On A Slow Boat To China 10.What A Difference A Day Makes 11.Midnight At The Oasis 12.Sentimental Journey
(1): „Jede zweite Note klingt synthethisch getuned - wohl durch einen maßlos übertriebenen Einsatz von Tonhöhen-Korrektur-Software (Autotune / Melodyne o.Ä.)" schreibt ein Rezensent bei amazon.de – ich kenne zwar die beschriebene Software nicht, ahne aber bei, was der, der da schreibt, meinen könnte: die Textzeile "Don't kiss and hug me" (ca. 0.40) hört sich für mich in der Tat so an, als sei da ordentlich Technik zum Einsatz gekommen. Wenn sich unter den ciaoisti zufällig jemand mit Ahnung von Tontechnik befindet, wäre ich für nähere Infos sehr verbunden: Hat der oben genannte Kritiker Recht, wenn er von „unsensibler Bearbeitung der Vocal Tracks" spricht und gar einen "Cher-Effekt" moniert? B e s t e l l a n g a b e n :
Erscheinungsdatum: 26. Juli 2004 Label: Reprise (Warner Music) ASIN: B00020HEL6 A u d i o :
http://www.fye.com http://www.warnermusic.de/ V i d e o : (Ausschnitte aus „Summertime“ und das komplette Stück „Someone to watch over me“):
http://www.warnerreprise.com/asx/reneeolstead_epk_300-v.asx
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24.07.2005 12:49
Ich erlaube mir, die Unterstellung, ich würde nur positiv bewerten, weil der Bericht eine gewisse Länge überschreite, als ausgesprochene Unbverschämtheit zu verstehen.
23.07.2005 16:21
@ Duvie: "fast nichts über die Künstlerin und ihr Album" - es ist richtig, dass ich nicht der hier inzwischen weit verbreiteten Praxis gefolgt bin, vor den INfromationen zu Künstlerin und Album noch ein mit Versalien becshriftetes Schild aufzustellen. Trotzdem wird ein aufmersamer Leser, der den Beitrag bis zu Ende liest, sicherlich hinterher einen Eindruck davon haben, was ihn erwartet - und ob die CD etwas für ihn ist. Selbstverständlich bleibt es Dir unbenommen, das anders zu sehen. Beste Grüße vom Gemeinwesen.
23.07.2005 13:02
Du weist zwar in deinem Bericht darauf hin, dass das lange "Vorspiel" seinen Grund hat. Das finde ich aber leider nicht einsichtig. Der Bericht wurde dadurch herrlich lange, was vielen Bewertern hier für ein sh ausreichend erscheint, erzählt aber fast nichts über die Künstlerin und ihr Album. Schade!