Roland Jupiter-6

Erfahrungsbericht über

Roland Jupiter-6

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Jupiter 6, besser als der große Bruder Jupiter 8!!

4  16.03.2000

Pro:
sehr gut durchdachtes Gerät, vielseitig und voller positiver Überraschungen

Kontra:
wird leider nicht mehr hergestellt

Empfehlenswert: Ja 

cyborg

Über sich: ..auch so alte Knochen wie ich finden bei CIAO ihren Platz. Tolle Idee so ein Forum einzurichten. Ic...

Mitglied seit:16.03.2000

Erfahrungsberichte:54

Vertrauende:7

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 9 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Einen neuen 6-stimmig polyphonen Synthesizer präsentierte die renommierte Firma Roland bei der diesjährigen (1984)
Musikmesse in Frankfurt. Der erste, unter Messebedingungen flüchtige Eindruck war nicht besonders gut. Es schien sich
lediglich um ein weiteres, leuchtdiodengespicktes Polykeyboard bereits bekannter Machart zu handeln. Abschreckend war
auch, daß das Instrument mit ca. 6000.- DM mehr kosten sollte als die scheinbar in der gleichen Klasse zu findenden Juno 60,
ebenfalls von Roland, der Polysix von Korg und der Poly 61, eine abgespeckte Version des Prophet 600 von Sequential
Cirquits. Mittlerweile ist der Jupiter 6 im Handel erhältlich und der Music-Market in Berlin stellte uns freundlicherweise
eines der Geräte zum Test zur Verfügung. Die Geräteserie der Firma Roland ist ja schon von den Modellen Jupiter-4 und
Jupiter-8 her bekannt. Es handelt sich in beiden Fällen um technologisch hochwertige und wohldurchdachte Synthesizer -
kommen wir zum Test:

Der Jupiter 6 besteht aus zwei wesentlichen Funktionsbereichen, einer umfangreichen Synthesizereinheit und einer
hochentwickelten Programmier- und Steuerlogik, die auch einen Arpeggiator beinhaltet. Diverse Funktionen beider Bereiche
können darüber hinaus mit Fußreglern und Fußschaltern beeinflußt werden. Natürlich fehlt auch der MIDI-Anschluß nicht, der
inzwischen zur Standardausstattung eines jeden großen Synthesizers gehört. Die Funktionen im einzelnen, zuerst der
Synthesebereich zu dem auch die neben der Tastatur plazierten Spielhilfen zu zählen sind:

Im Gegensatz zu den meisten, eingangs erwähnten Modellen verfügt der Jupiter-6 über zwei völlig unabhängige
Oszillatoren, VCO's, deren jeweils vier Wellenformen auch gleichzeitig zur Erzeugung weiterer Basiswellenformen benutzt
werden können. Also nicht nur entweder Rechteck ODER Dreieck, sondern z.B. Rechteck UND Dreieck UND Sägezahn. Die
Stimmung der VCO's wird nicht wie üblich über einen Oktavschalter vorgewählt sondern mit einem sinnreichen,
quantiziertem Regler, der Vorteile von üblichen Schaltern und Grobreglern in einem vereinigt. Der VCO-2 kann in einen
beliebigen Intervall zum VCO-1 gesetzt werden. Der Frequenzbereich der Generatoren ist sehr weit ausgelegt, mit dem
VCO-2 sind sogar Frequenzen unterhalb bzw. oberhalb des Hörbereiches möglich, eine Einrichtung deren Sinn deutlich wird
wenn später die Modulationseinheit besprochen wird. Auf ein weißes Rauschen braucht man beim Jupiter 6 ebenfalls nicht zu
verzichten.
Zur klanglichen Bearbeitung der Signale wird nun an einem etwas spartanischem Mixer, genauer gesagt handelt es sich
nur um einen Balance-Regler die Signalmischung eingestellt, die dann im VCF landet: Dieser Filter ist eine der erfreulichsten
Neuerungen des Jupiter 6, denn erstmals hat man sich bei der Firma Roland durchgerungen, zusätzlich zu dem notwendigen
Tiefpaß auch einen spannungssteuerbaren Hochpaßfilter anzubieten, der obendrein äußerst präzise arbeitet. Diese beiden
Filter lassen sich dann auch zur Bandpaßfilterung einsetzen. Damit verfügt der "Jupi" als eines der wenigen Geräte in diesem,
sicher nicht spärlich besiedelten Marktsektor umfangreiche Filtermöglichkeiten auf die in höheren Preisgruppen leider zu oft
verzichtet werden muß. Die sehr feine digitale Abstufung der Reglerfunktionen macht sich besonders bei hoher Resonanz
auffällig gut. Nachteilig fiel auf, daß die Oszillatoren nicht abgeschaltet (beide Volumen = 0) werden können. Dies soll
wahrscheinlich überdecken, daß der Filter ohne Eingangssignal nicht zur Eigenschwingung in der Lage ist. Dieser Makel ist
zwar angesichts der hohen Qualität der anderen Funktionen entschuldbar aber dennoch unverständlich.
Als Steuerelemente stehen einem beim Jupiter 6 endlich einmal auch 2 Hüllkurvengeneratoren zur Verfügung, dazu noch
ein LFO inklusive einer Randomfunktion für Sample & Hold - Effekte. Eine erstaunliche, neue Idee wurde zu den normalen
ADSR - Funktionen hinzugefügt, das sogenannte Keyboard-Follow: Dieser voll regelbare Effekt verändert die Release-Zeit
in Abhängigkeit von der Keyboard-CV, d.h. Je höher diese CV wird, desto kürzer wird die Ausklingzeit der gesteuerten
ADSR's. Damit lassen sich leichter Klangverläufe realisieren wie man sie z.B. vom Klavier her kennt: Hohe Töne - kurze
Ausklingzeit und umgekehrt.
Der Spielhilfenbereich neben dem Keyboard bietet neben dem von anderen Rolandgeräten bekannten Bender. Getrennt
einstellbar können Filter und Oszillator auch mit einem 2. LFO moduliert werden. Wie beim Jupiter 8 wählt man per Schalter
ob diese Modulation auf VCF und/oder VCO wirken soll. Erfreulicherweise wird der Nachteil des Schalters (harter Einsatz
der Modulation) durch eine einstellbare Verzögerungsfunktion wettgemacht. Bleibt die Frage, ob ein zweites Handrad nicht
die einfachere und bessere Lösung gewesen wäre!? Es macht sich allerdings angenehm bemerkbar, daß zwei LFO's für
getrennte Dauermodulation und Spielexpressivität vorhanden sind. Diese Tatsache macht recht komplexe Klänge möglich die
weit über den normalen Arbeitsbereich eines Polysynthys hinausgehen.
Ungewöhnlich umfangreich für ein Gerät japanischer Herkunft sind auch die Modulationsvernetzungen beim Jupiter 6.
Die VCO - Synchronisation kann bidirektional vorgenommen werden, also entweder synchronisiert VCO1 den VCO2 oder
umgekehrt. Wie auch schon beim "großen Bruder " Jupiter 8, kann VCO1 von VCO2 moduliert werden, was glockenartige,
metallische, gläserne, sowie völlig chaotische Klangstrukturen ermöglicht. Bei dieser Art der Modulation wird der Eingangs
erwähnte große Frequenzbereich des VCO2, auch außerhalb des Hörbereichs, interessant. Die Frequenz der VCO's kann
getrennt von LFO-1 und einem Hüllkurvengenerator beeinflußt werden, die Pulsweite desgleichen, diese aber auch noch
zusätzlich manuell. Zur Steuerung der Filter dienen die Hüllkurven, normal und invertiert und der LFO. Genauso verhält sich
die Steuerung des VCA.

Der zweite, größere Bereich beinhaltet die Programmierlogik, Split-Keyboard-Auswahl, einen Arpeggiator sowie
die Portamento/Glissando - Effekte.
Die Portamento / Glissando - Einheit ist eine weitere nette Idee der Roland-Techniker, die den Jupiter 6 sogar über den
großen Bruder erhebt. Die musikalische Unterscheidung zwischen dem Portamento, einem stufenlosen Tonhöhenübergang,
wie etwas bei einer Posaune möglich, und dem Glissando, einer Tonhöhenänderung in Halbtonschritten, gut zu hören beim
Klarinettenintro der "Rhapsody In Blue" von George Gershwin, wurde hier konsequent für den Synthesizer realisiert. Die
Anstiegsverzögerung beider Effekte ist ausreichend regelbar.
Der Arpeggiator braucht wohl an dieser Stelle nicht näher beschrieben zu werden, derartige Spielereien sind ja selbst
von Kleinstsynthesizern her bekannt. Vermerkt werden muß dazu nur, daß der Laufumfang "UP" und/oder "DOWN" zwischen
einer und vier Oktaven gewählt werden kann, und das zur Temporegelung eine separate Clock zur Verfügung steht was die
LFO's entlastet.
Die Tastaturlogik ermöglicht insgesamt 5 Keyboard-Modes. Darüber hinaus lassen sich die sechs Stimmen in 2
Aufteilungen auf den oberen und unteren Tastaturbereich legen. Der Split-Punkt ist allerdings festgelegt. Es ist etwas schwer
zu erklären, im Einzelnen sieht das wie folgt aus: Die Tastatur soll vorerst nicht geteilt sein und wir wählen Keyboardmode
POLY-1 oder POLY-2: Für jede gedrückte Taste wird jetzt eine der Synthesizerstimmen aktiviert. POLY-2 eignet sich dabei
besser für Klänge mit längerer Ausklingzeit. Schalten wir jetzt auf UNISON um werden alle 6 Stimmen beim Drücken einer
Taste in Gang gesetzt, bei 2 gedrückten Tasten wird in 3 und 3 Stimmen aufgeteilt usw. Man kann so von "voller Power" für
Solis bis zum sechsstimmigen Akkord alles in einer Betriebsart verwirklichen. Im Modus SOLO arbeitet das Instrument mit
einer Stimme wie ein monophoner Synthesizer mit "last-note-priority". Desgleichen wenn SOLO und UNISON zusammen
eingesetzt werden, nur daß dann alle 6 Stimmen zusammen den Klang bilden. Sehr gut ist dabei der Umstand, daß sofern
UNISON allein oder mit SOLO in Betrieb ist, die einzelnen Stimmen gegeneinander verstimmbar sind. Damit wird ein
Choruseffekt nicht nur überflüssig sondern haushoch übertrumpft. Sämtliche Keyboard - Modes behalten auch dann ihre
Wirkung wenn die Tastatur gesplittet wird. Das ist in zwei wegen möglich: Entweder werden die 6 Stimmen im Verhältnis
4:2 aufgeteilt oder umgekehrt, eine 3:3-Teilung wäre allerdings auch nicht "falsch" gewesen. Nützlich ist die Möglichkeit auf
einer Tastatur 2 Klänge spielen zu können allemal zumal der 5 - Oktaven Umfang einen nicht allzusehr einschränkt. Das
Lautstärkenverhältnis beider Kanäle kann beliebig ausbalanciert werden.
Last, but not least - dieProgrammiersektion des Jupiter 6: Außer dem Speicherinhalt der zur Ablage von 48
Klangprogrammen dient, existiert noch die Möglichkeit 4 Bänke mit jeweils 8 sogenannten Preset-Patches zu programmieren.
Im Rahmen der Preset-Patches können nicht nur die üblichen Klangeinstellungen, sondern auch alle Einstellungen in
Verbindung mit der Keyboardmode, Betriebsart, Arpeggiatoreinstellungen und Portamento/Glissando abgespeichert werden.
Da die Register einer Bank mittels Fußschalter weitergeschaltet werden können, ist es ohne Probleme möglich sehr komplexe
Musikstücke bei Liveauftritten vorzubereiten ohne später hektisch Programme und anderes umschalten zu müssen.
Soundprogramme und/oder Patch-Presets können auf Kassette abgelegt werden.

Fazit:
Das anfängliche Mißtrauen gegenüber den vielen Leuchtdioden erwies sich im Laufe des Tests ebenfalls als unbegründet.
Es gibt keine überflüssigen Showeffekte und dank der gelungenen Programmierung ist es ohne Schwierigkeiten möglich
während des Spiels in die Sounds einzugreifen. Alles in Allem stellt der Jupiter 6 ein leistungsfähiges Instrument dar, das in
manchen Einzelheiten sogar dem Jupiter 8 überlegen ist. Die Bedienelemente sind, wie bei Roland üblich, sehr übersichtlich,
die Spielmöglichkeiten, wie zu erfahren war sehr umfangreich. Die klangliche Bandbreite schließt volle orchestrale Sounds
ebenso ein, wie Klänge die man sonst eher von Computersystemen erwarten würde. Der Gesamteindruck war, von
rolandtypischen, gelegentlichen Baßschwächen abgesehen so gut, daß man außer einer Hall / Echobearbeitung eigentlich
nichts weiter braucht.
Nach soviel Lob und einem prima Preis-Leistungsverhältnis soll der absolut unmögliche Netzstecker nicht unerwähnt
bleiben. Dieser ist irgendwie jenseits jeder Norm hergestellt worden und beim Verlust desselben wird man auf seinen Jupi
verzichten müssen bis ein neuer Stecker aus Japan eintrifft !

Ladenpreis 1984 ca. 6350 .- DM


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MOa1111

MOa1111

07.11.2007 11:06

ich habe den Bericht mit Interesse gelesen, ich habe ein ähnliches Gerät, den MKS-80. Allerdings ist mir noch nie aufgefallen, dass das Teil Bassschwächen hat. SH für den Bericht .. LG

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