What it is now
07.07.2002
Pro:
Knopfler
Kontra:
~ ~ ~
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 Peripathetiker
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:46
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 36 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
im Juli
Mein Liebes,
ich weiß: eigentlich sollte ich arbeiten wie ein Blöder, weil die Unterlagen die nächsten Tage raus müssen. Ich habe es auch versucht. Ehrlich. Aber eben kam eine SMS von Dir. Da habe ich mir die Zeit genommen und eine von den CDs herausgesucht, die ich Christian verdanke. Die Musik darauf ist ganz so wie er (und wie Du): unendlich großzügig, geradezu verschwenderisch, und erst indem ich alles nehme, was ich bekommen kann, mit allen Sinnen nehme und nehme und nehme („trinkt ihr Augen, was die Wimper hält / vom goldnen Überfluß der Welt“), erkenne ich, was für eine bezaubernde und vielschichtige und immer, immer liebenswertere Persönlichkeit ich da kennenlerne. Da höre ich dann einfach für eine kleine Weile auf zu arbeiten und schreibe ein paar Zeilen an Dich. (Aber die Unterlagen gehen trotzdem noch rechtzeitig raus. In den nächsten Tagen, wann immer das sein mag...) Ich habe nicht wirklich darüber nachgedacht bisher, warum ich immer wieder an Dich schreibe, wenn ich eigentlich über Musik reden will (oder will ich eigentlich über Musik reden, wenn ich an Dich schreibe: es schlingt sich doch alles umeinander): vielleicht ist es die kaum entwirrbare Einheit von Freude und von sinnlicher Erfahrung, die ich so sehr mit Dir verbinde – Du weißt, warum! –, so daß mir schließlich gar nichts anderes übrig bleibt. Es sind natürlich nicht immer die gleichen Bilder und Gedanken und Gefühle; es ist ja auch nicht immer die gleiche Musik: unwandelbar ist etwas anderes. Das reicht.
Er stürmt gleich los, mit vollen Segeln, unbekümmert um jede Gefahr von Mastbruch und Schieflage: die Gitarre traktierend auf seine unverwechselbare Art, während die Band aus der ziemlich eingängigen Melodie einen geisterhaften Nebel aus Schlagzeug– und Streicherklängen („stringed things“ nennt er das nett) wabern und sich verbreiten läßt, und irgendwo und irgendwie schmuggelt sich auch noch Aubrey Haynie mit einer zauberhaft süßen Geige hinein: Wie soll ich meine Seele halten, daß sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen? Ach gerne möchte ich sie bei irgendwas Verlorenen im Dunkel unterbringen an einer fremden stillen Stelle, die nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht. Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Geiger hat uns in der Hand? O süßes Lied. Er stürmt gleich los, mit vollen Segeln, in das kalte Wetter hinein, mit seiner unglaublichen Stimme. Ein zärtlicher Skeptiker, hast Du einmal gesagt (aber nicht über ihn, und doch trifft es das ganz genau): die Nächte sind kalt und einsam und, wie wir bald hören werden, ein wenig unheimlich und sonderbar: Everybody’s looking for Somebody’s arms to fall into And it’s what it is It‘s what it is now ... God knows what I could do with you... And it’s what it is It’s what it is now What it is It’s what it is now ... Dies ist eine Nacht, in der alles geschehen kann, weil aus den Mauern und den Flüssen Erinnerungen aufsteigen an all‘ die Geheimnisse und Geschichten, mit denen wir groß geworden sind, Du und ich: diese ungeheure Vergangenheit hat uns hierhergeweht und ausgespuckt (die Geige fiedelt, als könnte sie den Tag herbeibringen, und in diesem Augenblick wird alles still, bis auf den Wind zwischen den Mauern und bis auf die seltsamen Geräusche irgendwo da drüben und die einsame Geige: wir stehen da unter der Laterne und wagen einen Augenblick lang nicht zu atmen –: was ist aus der ungeheuren Vergangenheit geworden, die uns hierhergeweht und ausgespuckt hat? Solche Einsamkeit? Solch ein frohes und wehes Zittern irgendwo zwischen Herz und Bauch. Was regt sich da?) Es ist, was es ist. Das kennen wir. Das kennen wir gut. Ist das schlimm? Nein, das ist nicht schlimm. Was es jetzt ist. Was es einmal sein wird. Wenn die Zukunft so wird, wie er am Ende spielt, wieder unter vollen Segeln und unbekümmert um alle Riffe und Winde, dieser zärtliche Skeptiker, nein, nicht unbekümmert, sondern Winden und Strömungen vertrauend, daß sie ihn dorthin bringen, ihn und Dich und mich, wohin wir gehören und wohin es kommen soll mit uns... wenn die Zukunft so wird, dann hätte ich mir niemals Sorgen machen müssen über irgendetwas. Viel härter und bestimmter klingt „sailing to philadelphia“, dem James Taylor mit seiner klaren Stimme etwas von einem country song verleiht und einen leichten Anklang an die besten Tage von Simon & Garfunkel. Kein schlechtes Lied und sicherlich eines, das unsereins immer und immer wieder hören kann, weil es bei jedem Mal besser wird, weil sich so viel darin begibt. Es ist ein Lied über Charles Mason, der damals zusammen mit einem anderen Briten, Jeremiah Dixon, eine wahnwitzige Reise in die äußerste Dunkelheit unternahm, in das Amerika vor der Revolution, segelnd vom Kap der Guten Hoffnung nach Philadelphia, einem ungewissen Ruhm entgegen, von dem er noch nichts ahnte, A stargazer am I It seems that I was born To chart the evening sky... und um quer durch die Vereinigten Staaten die Mason–Dixon–Linie zu ziehen. Ein kleines Lied nur für ein großes und absonderliches Leben, das der unfaßbare Thomas Pynchon einmal auf gut 1.000 Seiten so gewaltig beschrieben hat: eine kühne Expedition, heißt es dort, in die Wüsteneien der Idiotie, die Mr. Swivett nun proportioniert... Es ist diese Sprache, mein Liebes, deren Echo so genau wiederhallt in dem kleinen Song, den ein gewisser Mark Knopfler etwa zur gleichen Zeit geschrieben hat wie Thomas Pynchon seinen monströsen und doch unendlich unterhaltsamen Roman: Sterngucker sind wir, Du und ich, nicht nur geboren, um den Nachthimmel zu karthographieren, sondern uns selbst, miteinander, wenn auch oft getrennt...
Das war es im großen und ganzen, Liebste. Ich sollte wieder arbeiten. Die anderen Lieder sind ja auch nicht schlechter und weniger Worte wert, fürchte ich, und wie lang soll das denn noch werden hier? Schließlich ist diese CD insgesamt eine verrückte Expedition ins Herz der Finsternis, in das Selbstverständnis des modernen Amerika. Er leiht sich alles aus, um Atmosphäre zu schaffen, selbst eine Mundharmonika und ein Flügelhorn und die Stimme von Van Morrison. Und ist klug und besonnen genug, all‘ das sparsam zu verwenden: es ist wirklich nur eine Andeutung einer Stimmung, ein Erinnern an etwas, das wir schon immer gewußt haben, weshalb ja überhaupt die Assoziationen die unmittelbarsten und intensivsten sind, die sich unserer eigenen Erinnerung bedienen und der Bilder, die dort schon lange verschollen schienen. Und doch gibt es noch ein paar Lieder, bei denen ich noch aufmerksamer zuhöre. „silvertown blues“ ist eines davon. Es kommt so trügerisch unspektakulär daher und ist doch in Wirklichkeit ein überaus sorgfältig auskomponiertes Crescendo, das durch die Begleitung von Glenn Tilbrook und Chris Difford, unerwartet an Farbe gewinnt. Hier, zum ersten und zum letzten Mal auf dieser CD, wird Knopflers Stimme selbst zu reiner Klangfarbe, die dem ganzen Lied etwas bezaubernd Rauhes verleiht. Danach „el macho“, hörenswert allein schon wegen des lakonischen Flügelhorns, und dann, im nächsten Lied, wieder seine grandiose Gitarre, auf deren großzügigen Klang sich seine rätselhafte Stimme so ruhig treiben läßt wie der Mond durch die Wolken (denn tatsächlich, Liebes, stehen die Wolken still und der Mond treibt durch sie dahin und wir mit ihm, die ganze Welt, Du und ich, wie damals nächtlings in einer lauen Mainacht), in dem unendlich sehnsuchtsvollen „prairie wedding“, das endet wie eine große, machtvolle Dünung, die alles überrollt, den treibenden Mond und die Welt und uns: We only knew each other by letter I went to meet her off the train When the smoke had cleared and the dust was still She was standing there and speaking my name I guarantee she looked like an angel I couldn’t think of what I should say But when Adam saw Eve in the garden I believe he felt the selfsame way... Ist das nicht bezaubernd schön? Und dieser Augenblick, in „wanderlust“, in dem die Musik plötzlich einen kleinen Schlenker macht, wie uns das zuweilen passiert, wenn Du auf meinen Knien sitzt und sich mit einem Mal das Tempo und der Rhythmus vollkommen ändert: ...Me and the wanderlust... singt er dann, und das hat eine so innige Intensität wie dieser Moment bei uns, dieser Augenaufschlag besonderer Aufmerksamkeit... ... Und dann, aus der Tiefe, mit dem Aplomb eines großen Orchesters, das gar nicht eingesetzt wird, und doch immer präsent zu sein scheint, „sands of nevada“. Er singt hier über das Wesen des Glücks und darüber, daß er – And I’m still a fool For a one–way romance... Selten in seinen Liedern hat er sich so viel Zeit gelassen und ist sich selbst so fremd geworden. Hör hin, Liebes, wenn Du magst: es klingt nicht mehr nach Nevada. Es klingt, als strichen die Winde des Mars über uns hin und wir säßen unter einem vollkommen fremden Himmel, unter dem wir nicht anders fühlen können als so: And in a wasteland of cut glass My dreams have all crumbled And I’ve paid whatever I had left for a soul... Was für eine unglaublich schön zelebrierte Einsamkeit. Ohne Ironie. Es ist einfach nur schön. Es wäre nicht so schön, wenn wir nicht wüßten, was das alles bedeutet und daß es die weite Ebene auf dem Mars wirklich gibt. Und dann, zum Abschluß, noch ein sehr intimes Lied. „one more matinee“ bereitet uns alle, auch Dich und mich, auf den Tag vor, an dem wir uns inmitten unseres eigenen Lebens wieder einsam fühlen werden. Dann werden wir uns wieder an das lakonische Knurren des Flügelhorns erinnern und an das triumphierende Blasen der schönen Trompeten: And something’s going to happen To make your whole life better Your whole life better one day Something’s going zo happen To make your whole life better Your whole life better one day... Hier ist es, fürchte ich, eine besondere Form der Verzweiflung, ein Lachen unter Tränen, wie Horaz einmal gesagt hat. Aber erinnere Dich daran, meine Allerliebste, wie hier die Trompete geblasen hat, wenn Du merkst, wie wenig Einsamkeit zu schaffen hat mit unseren Umständen, so behaglich und sicher sie auch immer sein mögen; You want to smile those tears away Now don’t you cry You want to know what I say I say never say die...
Es ist, Liebe, was es ist. Und währenddessen arbeiten wir beide. On fait cultiver son jardin. Mark Knopfler: sailing to philadelphia released 2000
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Sailing to Philadelphia - Mark Knopfler
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13.12.2002 07:43
ich kann den klang beim lesen hören !
08.10.2002 18:37
Feststellung: Man (ich) muß Dich viel öfter lesen. Wunderbare Beiträge. LG, Achim
10.07.2002 23:00
Er is ein Poet. Mark Knopfler ist auch einer.