Shine your light, Annie! (Update)
27.09.2007 (03.10.2007)
Pro:
Annie Lennox
Kontra:
?
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 Lilamond
Über sich:
Blue is the colour! Drogba is THE man. :-)
Mitglied seit:04.02.2007
Erfahrungsberichte:135
Vertrauende:63
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 111 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Annie, meine Liebe! Du bist wieder da - ich bin so froh! Wie hab ich dich vermisst, versucht, mich mit diversen anderen Interpretinnen anzufreunden… habe Tori Amos (mal wieder und wieder mal nur halb überzeugt) eine Chance gegeben, mich nostalgisch (flüchtig wie zuvor) von Suzanne Vega berühren lassen, mich auf eine bezaubernde, aber mir irgendwo doch wesensfremde Rebekka Bakken eingelassen…. Aber ich hab dich nie vergessen, keine sonst hat mich so berührt und mir so sehr das Gefühl gegeben, dass ich nicht alleine bin auf der Welt. Dass da eine ist, wie genauso tickt und fühlt und liebt und hasst und leidet und verzweifelt und stark und schwach ist wie ich. (Annie Lennox, Jahrgang 54, geboren in Schottland, ist bekannt geworden durch das Pop-Duo "Eurythmics", die in den 80ern sehr erfolgreich waren - etwa mit "Sweet Dreams", "Who's that Girl", "Here comes the Rain again". Als Solokünstlerin kennt man von ihr etwa "Why" oder "No more Iloveyous".)
Annie, du hast mir gefehlt. Und jetzt lässt du endlich wieder von dir hören.. und wie! Heute nach Schulschluss. Weltuntergangswetter, es hat sich eingeregnet, der Himmel ist verschlossen und die herbstlichen Gefühle erobern sich ihr Terrain. Ich fahre nach Hause, kaum weniger müde als ich Stunden zuvor in die Schule (zu meinen ebenfalls müden Schülern) gefahren bin - und suche einen nicht verrauschten Radiosender. Ich lande bei HR3 und dann höre ich plötzlich deine klare, reine Stimme. Unverwechselbar. Ein neuer Song, der mich sofort in Beschlag nimmt. Ich lausche, fahre etwas langsamer, hoffe, der Sender bleibt klar. Den kurzen Rest des Liedes bekomme ich noch mit. Es klingt, wie du immer klingst: echt und pur. Mit dieser feinen, genauen und überaus klaren Artikulation, die ich so liebe. (Ich mag es nicht, wenn Menschen unkonturiert und "verwaschen" singen oder gar sprechen, wenn sie klingen, als hätten sie eine halbe Kartoffel oder noch sonst was im Mund.) Dieses klar Konturierte habe ich an dir immer so sehr geschätzt. Kein Firlefanz, sondern Tiefe und Leidenschaft, durchaus auch mal Härte und absolute Klarheit. So verletzlich, so stark. Das Gefühl, wie sehr es auch schmerzt, zulassen, spüren, wie es wellengleich ansteigt - irgendwann bricht… und wieder verebbt. Das tust du in deinen Songs, in deinen Videos. Wieder und wieder setzt du einer Welt, die sich allzu gerne maskiert, dressiert und mit ihrer eigenen Bedeutung jongliert deine "Pureness" entgegen. Schockierend authentisch - wer daran zweifelt, möge deine Videos und Songs auf sich wirken lassen. Aber es wird nicht jeder sehen und hören wollen - denn deine Unmittelbarkeit und Konsequenz ist nicht jedermanns Geschmack. Muss es auch nicht sein. Aber es ist zufällig meiner, oh ja. Voller Freude, zuhause angekommen, hab ich im Netz recherchiert und gleich gefunden: Dein neues Album "SONGS OF MASS DESTRUCTION" erscheint am 28.09.2007 - das ist MORGEN. Es ist ihr viertes Solo-Album - und so gut wie gekauft. Nur - was mach ich bis dahin? So lange kann ich nicht warten. Ich finde zum Glück den Song, von dem ich ein Stück im Radio hören konnte, er heißt DARK ROAD und auf http://www.songsofmassdestruction.info/annie_lennox/en/ (hier gibt es übrigens alle Songs zum Anhören + Interviews mit Annie) kann ich mir auch gleich das Video dazu ansehen. Mein Gott, denke ich, Annie - du bist ja noch besser geworden! Ich bin geflasht von dem Song. Entschuldigt bitte den verdeutschten Anglizismus - ich finde gerade keinen besseren Begriff. Der Gesang, die Bilder, dein unglaubliches Gesicht (das seine sonderbare, ganz eigene Schönheit im Älterwerden eher stärker hervortreten lässt), deine Ausstrahlung, der Ausdruck in deinen Augen und deiner Stimme… Schaut es euch nur an! Das Video beginnt, indem sich ein Kleiderschrank öffnet. Die Kamera bewegt sich durch den Gang… ins Schlafzimmer und findet Annie, im schwarzen Kleid, blass und barfuß auf dem ungemachten Bett sitzen, wo sie zu singen beginnt. Und ich bin in ihrem Bann. Zwischendurch sieht man Annie unterwegs, im Taxi, an der Bushaltestelle - sowie Fotos von Menschengesichtern (in schwarz-weiß) und der amerikanischen Flagge (in Farbe).
Und von was singt Annie? Ich versuche mal einen Teil der lyrics hier zu übersetzen:
"Es ist eine dunkle Straße Und ein dunkler Weg, der zu meinem Haus führt Und man sagt Dass du mich dort niemals finden wirst, oh, nein Ich habe eine offene Tür die kommt nicht von alleine dorthin… Es gibt ein Gefühl Aber du fühlst es in keinster Weise Es gibt einen Sinn Aber du hörst gar nicht mehr hin Ich sehe die offene Straße Ich werde dort für mich alleine gehen.
Und wenn du mich einfängst, könnte ich versuchen wegzulaufen Du weißt, ich kann dort nicht zu lange bleiben Und wenn du mich lässt, könnte ich versuchen, dich zum Bleiben zu bewegen Es scheint, dass man etwas Gutes immer erst erkennt, wenn es vergangen ist Vielleicht bin ich immer noch auf der Suche aber ich weiß nicht, was es soll All die Feuer der Zerstörung brennen noch immer in meinen Träumen Es gibt nicht Wasser genug um diese Sehnsucht nach Klarheit wegzuwaschen…" Das ist jetzt keine wirklich supergute (sondern eher eine schnell improvisierte) Übersetzung - aber es möge für einen Eindruck reichen. Dieser Song "Dark Road" ist der erste auf dem Album und überaus gelungen. Soweit ich in die anderen Songs reingehört habe, erreichen diese seine Qualität m.M.n. nicht ganz. Ohne wirklich eingängig zu sein ist er sehr melodisch, wunderbar kontrastreich durchkomponiert, alles andere als seicht. Keine Kopie von irgendwas. Ein absolut eigenständiger Song, ob er massengefällig ist und in den Charts nach oben klettert, wage ich eher zu bezweifeln, aber das ("top" in den "Toplisten") ist ja nun wahrlich kein Qualitätsmerkmal. Es ist ein Song, der es verdient, gehört zu werden. Auch gefühlt zu werden - von jenen, die dazu bereit und in der Lage sind. Für alle anderen bleibt unauffällige Klavierbegleitung, ein richtig gut komponiertes Stück Musik mit einem sich steigernden Aufbau - und Annies klare Stimme, die Leidenschaft und Verzweiflung und eine einzigartige Würde vermittelt. Keine andere Interpretin könnte diesen Song so hinbekommen. Das lange "huuuuuu", das sie mit halbgeschlossenen Augen zwischen den Strophen erklingen lässt, trifft den Ton echter Traurigkeit so sehr, dass man wirklich nicht von Attitüde sprechen kann. Ich persönlich würde allerdings auch nicht davon sprechen, dass der Song irgendwie "depri" oder "frustig" wäre. Er ist sicherlich nicht unpassend zur Jahreszeit, aber mich bringt er nicht schlecht drauf, mich bringt er mehr in meine Mitte - in Kontakt mit mir selbst. Ich empfinde das als wohltuend. Der Luxus der Gefühle! Ich finde es nicht schlimm, wenn meine Augen mal feucht werden und mein Herz sich öffnet. Annie singt von einer offenen Tür. Bei mir findet sie diese ganz von selbst - wann immer ich ihr zuhöre. Und die Straße ist nicht mehr ganz so dunkel… (Ich kann mir aber vorstellen, dass manche es ganz anders empfinden werden.)
In jedem Fall - morgen besorg ich mir das Album. Auf die anderen Songs, in die ich mal reingehört habe, möchte ich hier nur ganz kurz eingehen. Es sind durchaus nicht alle so emotional wie das ausführlichst beschriebene "Dark Road". Track 2 - "Love Is Blind" etwa ist ein rhythmischer, etwas stampfender Blues; Song 4 "Ghosts In My Machine" ist sehr lebendig (Gospel meets Pop). Nr. 6 "Through The Glass Darkly" und Nr. 7 "Lost" sind wiederum sehr still, ernst und berührend - letzteres wirkt sphärisch wie ein nächtlicher Ruf in die Dunkelheit mit unzähligen Echos - Nr. 8 "Coloured Bedspread" ist poppig, klingt fast ein wenig nach Madonna. Nr. 10 "Big Sky" und 11 "Fingernail Moon" sind einfach wunderbar gemachte Songs zum Relaxen.
Den günstigsten Preis - nämlich 13,95 Euro - für die CD fand ich bei amazon.de; (Es gibt auch die CD + DVD ab ca 20,- Euro), Label: Sony BMG, RCA. Das Cover ist übrigens sehr nett gemacht. Eine bildschöne Annie (natürlich auch jünger aussehend) mit tief ausgeschnittenem Abendkleid, Zylinder und Stock in der Hand richtet den Blick nach oben. Dunkle Rot- und Brauntöne sind die dominierenden Farben - und der sichtbare Nebel sieht weniger natürlich aus sondern erinnert an Rauch und Qualm. Annie selbst sagte in einem Interview zu diesem Album, dass sie sich nie zuvor so sehr auf ihrer persönlichen Höhe gefühlt habe. Ich kann das gut verstehen. ___________________________________________________
Update: Nachdem ich die CD nun seit einigen Tagen besitze und komplett gehört habe, möchte ich euch ein paar weitere Highlights nicht vorenthalten. Man möge mir verzeihen, wenn ich dabei nicht mehr auf jeden einzelnen der insgesamt 11 Songs eingehe :-) (Es sind fast Lieder toll!) Und zu "Dark Road" hab ich ja schon alles gesagt.
Sehr gut gefällt mir die über weite Strecken fast narrative Darbietung der "Smitherereens". (Song Nr. 3) Lange Zeit bleibt der Song ruhig, auch er startet mit nur ein wenig Piano und Annie singt und erzählt so schön. Eine einfache, zu Herzen gehende Melodie und wie sie singt "everybody has a tender heart". Man merkt kaum, wie sich die Lautstärke steigert und das gesamte Songkonzept am Ende fast in Klagelauten untergeht. Smithereens bedeutet übrigens so viel wie "tausend kleine Stücke", bzw. das Verb "to smithereen": in tausend kleine Stücke schlagen. Bei "Ghosts in my Machine" (Nr. 4) geht einfach die Post ab. Obwohl es nicht meine Lieblingszutaten sind, so ist die Mischung doch sehr mitreißend: Schneller Rhythmus (zum Mitwippen/Mitstapfen wie gemacht), ein heftig unterstützendes Akkordeon, ein bluesiges Gospelecho im Hintergrund und natürlich eine bestens aufgelegte Annie. Macht Spaß.
"Lost" (Nr. 7) ist sehr getragen und sehr traurig. In einem ersten Anlauf habe ich den Song "sphärisch" genannt - und diesen Eindruck habe ich noch immer. Wenn ich ihn visualisieren sollte, so müsste er in einer sternklaren, kalten Nacht erklingen. Er vermittelt Einsamkeit und Verlorenheit - allerdings mehr als unviverselle (weniger als privat-individuelle) Gefühle. Dazu passen die vielen herumgeisternden Echos. Interessanterweise habe ich das wiederholt vielstimmig klagende "We're lost" phonetisch zunächst als "real Love" aufgefasst. Absicht? Sie singt ja normalerweise immer sehr klar - aber in diesem Fall bilde ich mir nach wie vor ein, eine Verschmelzung zwischen "we're lost" und "real love" zu hören. Ein ganz besonderer Titel schließlich ist "Sing" (Nr. 9), eine absolute Frauen-Power-Hymne, die an "Sisters are doing it for themselves" (wenn auch etwas weniger heftig) erinnert. Und wer macht nicht alles mit? Insgesamt 23 Künstlerinnen! Madonna (singt die 2. Strophe), Joss Stone, Shakira, Anastasia, Pink, Dido, die Sugarbabes, Fergie und und und... Entsprechend geil klingt der Chor/Refrain! Dieses Lied behandelt das Thema HIV/Aids - Annies unterstützt damit die Forderung nach einem internationalen Programm, das die HIV-Übertragung von Müttern auf ihre Babys verhindert. Und mit einem kleinen Textauszug - besonders für die Mädels hier - möchte ich schließen:
"Women are the mothers of the world my friend I tell you womenkind is strong take your beautiful self up to the heights again back to the place where you belong." (c) Lilamond, 03.10.2007 Vielen Dank fürs Lesen - ich freue mich über Kommentare!
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Der Albumtitel klingt zwar bedrohlich, doch ihrer wunderbaren Stimme, der Annie ...
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13.10.2007 10:08
Ganz toll beschrieben! Man wird mitgerissen von deiner Begeisterung, die dann auch noch detailliert erläuter wird. Herrlich! Mehr davon!
09.10.2007 23:33
Wow, was für ein toller und mitreißender Bericht! Er macht neugierig, bringt Deine Begeisterung absolut rüber ( "Sing" läuft bei mir gerade) - und ist mit Sicherheit eine der besten Rezensionen, die ich bisher gelesen habe. (Erst kürzlich habe ich eine Empfehlung zu dieser CD im Fersehen gesehen und den Titel sofort auf einen Zeitungsrand gekritzelt. Den brauche ich aber jetzt nicht mehr, denn dieser Bericht hat ab sofort einen Platz in meinen Favoriten.)
04.10.2007 18:00
Sehr netter Bericht. Wer HR3 mag wird Annie lieben, klaro. (Betr. Musiklehrerin habe ich jetzt aber lieber nichts gesehen...)