Holmes, der Ghostbuster: Poltergeister plagen den Pfarrer
19.11.2011
Pro:
recht spannend, ungewöhnlicher Holmes - Fall, bissige Kritik, professionell inszeniert
Kontra:
keine Action
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Langzeithörspaß:
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 mima17
Über sich:
Mein jüngster Bericht: "Das Zeichen der Vier" (Hörbuch). +++ Bitte keine Leserunden-Angebo...
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Welcher Zeuge könnte glaubwürdiger sein als ein Reverend? Aber trifft sdies auch zu, wenn der kirchliche Würdenträger überzeugt davon ist, dass in seinem Garten eine geisterhafte Nonne in der Dämmerung erscheint? Holmes und Dr. Watson machen sich auf den Weg nach Essex, um Licht in das Geschehen in der düsteren viktorianischen Pfarrei von Borley zu bringen. (Verlagsinfo) Diese Fälle dieser neuen Holmes-Reihe wurden nicht von Sir Arthur Conan Doyle geschrieben, sondern alle von Marc Gruppe. Sie basieren natürlich auf den originalen Figuren, die mittlerweile Allgemeingut geworden sind.
Der Autor °°°°°°°°°°°° Marc Gruppe ist der Autor, Produzent und Regisseur der erfolgreichen Hörspielreihe GRUSELKABINETT, die von Titania Medien produziert und von Lübbe Audio vertrieben wird. Genau wird dort erscheinen auch "Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs" stets im Doppelpack.
Die Sprecher/Die Inszenierung °°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°° Die Rollen und ihre Sprecher
Sherlock Holmes: Joachim tennstedt (dt. Stimme von John Malkovich) Dr. John H. Watson: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney u.a.) Mrs. Hudson: Regina Lemnitz (dt. Stimme von Kathy Bates) Rev. Henry Bull: Lutz Riedel Harry Bull: Tobias Nath Mary Boreham: Eva Michaelis Caroline Bull: Marianne Gross Dodie Bull: Tanya Kahana Kitty Bull: Julia Stoepel Frieda Bull: Sarah Riedel Mabel Bull: Maria Koschny Katie: Schaukje Könning Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden in den Planet Earth Studios statt. Alle Illustrationen - im Booklet, auf der CD - trug Firuz Askin bei.
Handlung °°°°°°°°°°°°° Prolog
Es ist der 28. Juli, und ein wahrhaft heißer Juliabend in der Grafschaft Essex. Die Töchter des Reverend Henry Bull kehren zum ausgedehnten Pfarrhaus von Borley zurück. Mabel, Frieda und Kitty lachen, bis sie plötzlich stocken: Das Gespenst ist wieder aufgetaucht! Es ist die Nonne, und da steht sie am Bach, wie üblich. Frieda ist betrunken und merkt erst nichts, doch als sie dann auf die Erscheinung aufmerksam gemacht wird, bekommt sie es mit der Angst zu tun. Sie gehen zum Haus, wo ihre Schwester Dodie sie empfängt. Aber sie glaubt nicht an Gespenster, schon gar nicht am hellichten Tag, und wendet sich zur Nonne, um sie heftig zu tadeln. Die Nonne löst sich in Luft auf. Na, bitte! Doch plötzlich wird es kalt, und alle wollen ins Haus. Was wird wohl ihr Vater dazu sagen?
Der Auftrag Reverend Henry Bull schreibt Holmes einen Brief, um ihn zu bitten, dem Spuk in und um sein Pfarrhaus ein Ende zu bereiten oder wenigstens eine Erklärung zu finden. Da es auch in London sehr schwül ist, freut sich Holmes auf eine Landpartie an der frischen Luft. Er lädt Dr. Watson, der inzwischen wieder bei ihm eingezogen ist - sehr zum Vergnügen und der Beruhigung von Mrs. Hudson.
Bilder von Spuk im Pfarrhaus - 2 - Sherlock Holmes
Allerdings glaubt sie an Geistererscheinungen, so dass ihr bei dem Gedanken, dass ihre zwei Schützlinge in eine Gefahrenzone fahren, gar nicht wohl.
In Borley Am Bahnhof von Sudbury werden Holmes und Watson von einem jungen Mann abgeholt, der sich als ältester Sohn des Pfarrers Bull erweist. Allerdings ist der junge Harry, der mal die Pfarrei übernehmen soll, denkbar übel gelaunt und die beiden Gäste fragen ihn geradeheraus, ob das an ihnen läge. Allerdings meint er, denn ihr Kommen schwäche die Position des Reverends. Obendrein sei der Geist eine Angelegenheit, die nur seine Familie angehe.
Im Dorf Borley herrscht wirklich tote Hose, und Holmes beschleicht der Verdacht, dass ein Geist hier für eine Menge Abwechslung sorgen würde. Das Pfarrhaus ist ein weitläufiger, herrschaftlicher Bau samt Turm und Portal, der aber von den Bäumen verschattet wird. Nachdem Bull sie freundlich willkommen geheißen hat, betreten sie einen Flur, der einfach nur saukalt ist. Ist das normal? Plötzlich fangen sämtliche Dienstbotenglocken zu läuten an, und Glasflaschen sowie Steine fallen zu Boden. Aber zu sehen ist niemand. Ein Poltergeist im Haus? Bull erzählt, dies sei einst ein Nonnenkloster gewesen und einst Schauplatz einer Tragödie. Nachdem eine Nonne mit einem Mönch ein Verhältnis eingegangen war, wurde sie nach dessen Entdeckung lebendig eingemauert, der Mensch jedoch enthauptet. Seitdem sehe man immer wieder die trauernde Nonne und einen Mann ohne Kopf in der Gegend. Seit dem Einzug 1873 gebe es schon diese Phänomene, doch erst seit drei, vier Monaten träten sie in gravierender Häufung auf.
Nachdem Bull das Ereignis vom 28. Juli berichtet hat und jeden Verdacht gegen seine zwölf Kinder von sich weist, nimmt er auch die beiden Hausmädchen Katie und Mary von jedem Verdacht aus. Nach einer Erkundung des Spukhauses und dem Abendessen führt Dodie die Herren durch den verwilderten garten über den "Nonnenpfad" zu einem Sommerpavillon am Ende des Gartens. Ein lauschiges Plätzchen, für Stelldicheins wie geschaffen. Dodie erzählt, dass ihr Bruder Harry Liebesromane geradezu verschlinge, was Holmes verblüfft. Ein Romantiker, unser mürrischer Harry, soso. Doch ihm vergeht das Schmunzeln, als sich in der Nacht der Spuk des Poltergeistes mit voller Macht bemerkbar macht…
Mein Eindruck °°°°°°°°°°°°°°°°°°°° Was hier so idyllisch und romantisch mit sachtem Grusel beginnt, wächst sich zu einer schaurigen Geschichte über klerikale Repression aus. Es geht um handfeste Interessen, die schließlich ein Todesopfer fordern. Ich muss es hier bei Andeutungen belassen, um nicht die Pointe preiszugeben. Man sollte aber stutzen werden, wenn wir erfahren, dass der Pfarrer nicht weniger als zwölf Kinder sein eigen nennt. Sind das alles seine eigenen?
Der ferne Spiegel In der Gegenwart wird eine Liebesgeschichte enthüllt, die ihre Widerspiegelung in der fernen Vergangenheit des Mittelalters findet. Damals, so erfahren wir ja frühzeitig, wurde die verbotene Liaison zwischen einer Nonne und einem Mönch drakonisch bestraft. Man köpfte den Mönch und mauerte die Nonne lebendig ein. Wie es sich für das Horror-genre gehört, sind die Geister der Vergangenheit noch lebendig und gemahnen die Zeitgenossen, sie endlich zu erlösen und das Verbrechen zu sühnen.
Anklage Wie schon in meinen berichten zu "Hautnah - Die Methode Hill" angemerkt, haben die Engländer eindeutig ein problem mit Religion, nicht nur dann, wenn es die falsche ist (namentlich "Papismus", also Katholizismus), sondern besonders dann, wenn sich die klerikalen Vertreter dieser Religion des Machtmissbrauchs schuldig machen. Das ist absolut gerechtfertigt, wie nicht zuletzt die letzten Jahren in Deutschland gezeigt haben. Aber der Missbrauch von Schutzbefohlenen ist ja nicht auf Kirchenvertreter beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf andere Organisationen wie etwa Schulen und Landschulheime etc.
Grusel Aber ist die Geschichte wenigstens gruselig, fragt sich sicherlich so mancher Leser. O ja, das ist sie, wie schon die ersten unerklärlichen Phänomene andeuten. Aber Holmes ist viel zu sehr Rationalist, als dass er sich dadurch ins Bockshorn jagen lassen würde. Nein, er nimmt seine Ermittlung todernst auf und schließt keine Möglichkeit aus. Die erste leiche geht keineswegs auf übernatürliche Ursachen zurück, sondern einen sehr weiblichen Grund…
Die Sprecher/Die Inszenierung °°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°° Die Sprecher
Die Hauptfigur ist natürlich der Titelgeber himself. Joachim Tennstedt verleiht Sherlock Holmes eine flexible Janusköpfigkeit. Die erste Seite bekommen wir zu sehen, wenn Holmes recht abweisend zu Mrs. Hudson, der treuen Seele des Haushalts, ist. Das hält sie aber nicht davon ab, die Vorhänge aufzureißen und frische Luft in die Detektivsgruft zu lassen. Die andere Seite Holmes' ist die des energischen Ermittlers, der sich auch verkleidet. Die dritte ist die des freundlichen Verführers und Gentleman - sie bekommen wir erst in späteren Folgen zu Gesicht, insbesondere im Tussaud-Fall. Wie bei John Malkovich können wir uns auf einen Facettenreichtum an Darstellungsformen freuen.
Dr. Watson Die Figur des Dr. Watson ist in vielen Verfilmungen misrepräsentiert worden. Neben Basil Rathbone und Peter Cushing musste er den vetrottelten Stichwortgeber mimen. Er war der selbstgefällige Körper neben dem rastlosen, aber kranken Geist des Detektivs. Nicht so in dieser neuen Serie.
Detlef Bierstedts Stimme ist uns von George Clooney vertraut, daher kann er mit einer gewissen geliehenen Autorität auftreten, ganz besonders in allen medizinischen Belangen. Dennoch kommt er häufig über die Rolle des Stichwortgebers nicht hinaus. Holmes hat stets die Initiative. In Folge 3 wird er sogar als Aktenträger missbraucht. Doch auch Watson verfügt über einen Revolver und die Kenntnisse, diesen zu gebrauchen, besonders aus seiner Zeit in Afghanistan. Mrs. Hudson
Regina Lemnitz als Mrs. Hudson zeigt sich stets hilfreich, mal energisch, mal als fühlende Seele, etwa dann, als sie um Dr. Watson bangt, der in Whitechapel wohnt. Außerdem ist sie das moralische Zentrum jeder Folge. Alles, was Holmes & Watson tun, müssen sie nicht nur gegenüber Inspektor rechtfertigen, sondern vor allem vor ihrer Haushälterin. Sie würde sie sonst hochkant hinauswerfen. The Ladies
Gut gefielen mir die jungen Damen im Stück. Sie sind meist lebhaft und im Ausdruck flexibel. Da sie fast alle gleich klingen, ist jedoch extrem schwer, sie auseinanderzuhalten. Wer war noch gleich Frieda? Oder war's Mabel? Geräusche
Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut, meist aber reichen Andeutungen aus. Der Hintergrund in Essex, das den Schauplatz für den Gegenwartsplot abgibt, ist einerseits von Vogelstimmen geprägt, andererseits von der lebensfeindlichen, abweisenden Innenwelt der Pfarrei - ein reizvoller Kontrast, der den grundlegenden Konflikt widerspiegelt. Den komischen Kontrast dazu liefert Dr. Watsons Schnarchen. Musik
Die Musik entspricht der eines Scores für ein klassischen Spielfilm, also nicht zwangsläufig für einen Horrorstreifen. Klassische Instrumente wie Violine, Cello und Kontrabass werden manchmal von elektronisch erzeugten Effekten ergänzt. Beginnt die Hintergrundmusik noch sehr idyllisch, so kommen schon bald ein paar Misstöne hinzu. Das Ganze steigert sich mit zunehmender Vorahnung zu bassbetonten Akkorden. Ein vorläufiger Höhepunkt des Ungemütlichen ist das letzte Abendmahl vor dem großen Krach: Gewitterstimmung. Das Finale ist durch dramatische Kadenzen und Akkorde charakterisiert, während die Figuren sich in extremen Emotionen ergehen. Erst das Outro greift das flotte Leitmotiv wieder auf. Nach vollbrachter Arbeit feiert ein flotter Marschrhythmus den Erfolg des Titelhelden.
Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt. Das Booklet
Im Booklet sind die Titel des GRUSELKABINETTS verzeichnet sowie Werbung für Firu Askin zu finden. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf. Ein zweites Booklet listet sämtliche Titel von Titania Medien auf, und zwar auch alle Neuerscheinungen bis Mai 2012. Hinweise auf die nächsten Hörspiele:
Nr. 58: Lovecraft: Pickmans Modell (November 2011) Nr. 59: Edith Nesbit: Das violette Automobil (November 2011) Nr. 60: Robert E. Howard: Der Grabhügel (ab März 2012) Nr. 61: Arthur Conan Doyle: Der Ring des Thot (ab März) Nr. 62: Nathaniel Hawthorne: Rappaccinis Tochter (April) Nr. 63: Robert E. Howard: Besessen (April) Nr. 64: Francis Marion Crawford: Der schreiende Schädel (Mai) Nr. 65: Mary Elizabeth Braddon: Gesellschafterin gesucht (Mai) Unterm Strich °°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Diese dramatische Geschichte ist nichts weniger als ein Exorzismus unter umgekehrten Vorzeichen. Nicht der Widersacher hat Besitz vom Pfarrhaus ergriffen, sondern vielmehr der hausherr selbst. Das ebenso heikle wie aktuelle Thema des klerikalen Missbrauchs ist in der Geistererscheinung der Nonne widergespiegelt: Sie ist ebenfalls ein Opfer klerikaler Repression. Es darf keine Liebe außerhalb der kirchlichen Sanktion geben. Perfiderweise gilt dieses Verbot aber nicht für den Missbrauch, den die Kirchenvertreter selbst ausüben. Erst durch die Aufdeckung der wahren Verhältnisse im Pfarrhaus ist es möglich, Erlösung zu finden - sowohl für die gegenwärtigen Opfer als auch für den mahnenden Geist. Die Wahrheit macht euch frei, heißt es schon in der Bibel (in einem der Apostelbriefe). Dummerweise schmerzt die Wahrheit noch mehr als die Lüge.
Das Hörbuch Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Die Sprecherriege für diese neue Reihe ist höchst kompetent zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars wie John Malkovich, George Clooney und Kathy Bates.
Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Wer jedoch mit Dramatik und Romantik absolut nichts am Hut hat, sich aber trotzdem zünftig gruseln will, der sollte zu härterer Kost greifen. Die Hörbücher der „Necroscope“-Reihe von Brian Lumley dürften dem Hörer eine ausreichend starke Dosis verabreichen.
Fazit: volle Punktzahl. Michael Matzer © 2011ff
Info: Titania Medien/Lübbe Audio 10/2011, Köln; 1 CD, 76 Minuten, EU 8,99, ISBN 978-3-7857-4525-0 :
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