Sting auf der Suche nach Kreativität.
08.08.2010
Pro:
Sound
Kontra:
meist eher langweilige Umsetzung in orchestrale Popmusik
Empfehlenswert:
Nein
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
mehr
 manwah
Über sich:
Keine Lust mehr auf Ciao. Im Moment blogge ich lieber:
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- Wer Lus...
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 65 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich bin Sting Fan. Aber seit ungefähr fünf Jahren macht er es seinen Fans nicht leicht. Denn neuen Stoff gibt es nicht - nur noch Alben mit alten Songs und Coverversionen und eine Reunion mit The Police. Nun folgt eine (weitere, nach „Songs From The Labyrinth) Kollaboration mit der Deutschen Grammophon. Wieder nur alter Wein in neuen Schläuchen. Sting wird symphonisch und nennt das Ganze „Symphonicities“. Als Klangkörper hat Sting u.a. das Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Steven Mercurio ausgewählt. Die Klangfülle ist denn auch sensationell und die Produktion ist ohne wenn und aber klasse. Daneben liest sich die Besetzungsliste schon sehr gut. Diverse Kammerorchester, einige Solisten und ein Riesenaufgebot an Gastmusikern kommen in den Liner Notes vor. Das Cover ist ein stilisierter Mondrian. Überflüssig zu sagen, dass es das alles auch als Vinyl und als Limited Edition mit drei Extra Songs gibt.
Alles sehr stylisch und gediegen. Keine Frage, die Marketing Leute um Sting wussten genau, was sie da tun. Wenn man Stings und Polices Oeuvre im Geiste Revue passieren lässt und versucht daraus ein klassisches Werk zu kondensieren, würden mir ohne langes Nachdenken etwa 6-8 der Songs einfallen, die auch Sting eingefallen sind. Erstaunlich ist nur, dass nicht mehr Songs aus „Dream Of The Blue Turtles“ dabei sind – die brüllen sozusagen nach einer Umsetzung mit Orchester. Das wird vermutlich auf der Tour nachgeholt…
Es gab mal eine Zeit, die älteren werden sich erinnern, als das London Symphony Orchestra (LSO – Rock Symphonies z.B.) eine Reihe von Alben heraus brachte, die Rocksongs als klassische Stücke vertonten. Niemand, der Rockmusik mochte fand diese Machwerke auch nur im Mindesten originell, aber alle Klassenstreber und Musiklehrer fuhren voll darauf ab. Und genau dieses Gefühl stellt sich nun beim Anhören von „Symphonicities“ ein. Dabei startet das Album wirklich ungewöhnlich. Zur Musik ~~~~~~~~~* „Next To You“ ist ein alter Police Heuler und dieses Lied hätte ich nicht auf dem Zettel gehabt, um es in dieser Form aufzuführen – und wie bei einigen anderen Songs gelingt das Experiment. Das Orchester spielt entfesselt, Sting singt launig dazu und beide Teile, Gesang und Orchester stützen sich gegenseitig. Die beiden nächsten Songs „Englishman In New York“ und „Every Little Thing She Does Is Magic waren natürlich gesetzt. Das Ergebnis ist höchst unterschiedlich. Der Englishman gelingt prächtig, vor allem wegen der führenden Klarinette und der gezupften Sreicher. Der Song war aber schon im Original beinahe klassisch angelegt. Insofern ist die Orchesterfassung extrem nahe am Original. Eine Minute weniger wäre noch besser gewesen…
Dagegen stinkt Every Little Thing ziemlich ab. Das Lied ist toll, aber nicht sehr abwechslungsreich. Klasse als Drei-Minuten-Popsong, schwierig als Fünf-Minuten-Minioper. Es wird einfach langweilig, wenn das Thema gefühlte dreihundertmal wiederholt wird. Leider geht es so weiter.
„I Hung Head“ ist ein Langweiler auf hohem Niveau. Und hier schummelt Sting auch ein wenig. Das Orchester ist nur Hintergrundsound. Die Show gehört hier seinem etatmäßigen Gitarristen Dominic Miller. „You Will Be My Aim True Love“ macht die Sache noch schlimmer. Hier wird das Orchester in seiner ganzen Größe eingebunden und Sting hat es als Duett mit, der mir unbekannten, Jo Lawry angelegt. Klingt nach einem irischen Lament und ist einfach nur furchtbar. Die Stimmen passen nicht zusammen, das Orchester nervt. Grauslig.
Klar, „Roxanne“ ist ein Pflichtpunkt. Ich kenne Myriaden von Versionen. Sting solo in diversen Konzerten, mit The Police, als Zugabe mit Karamazov usw. Hier nun eine Orchesterversion. Hübsch, aber nicht zwingend. Es wird einfach der übliche Orchesterschmalz drüber gewischt. Das ist genau so eine Rock Symphonies Version wie ich eingangs abfällig bemerkt habe. Das könnte man auch auf NDR 1 – Das Schlagerradio spielen. Das setzt sich bei „When We Dance“ exakt so weiter fort. Langweilig bis nichtssagend und es fügt dem langweiligen Song mit dem tollen Text keine neue Facette hinzu. Lieber das Original hören. „The End Of The Game“ klingt nun wie ein Soundtracksong. Dramatisch – bis Sting singt. Er nimmt dem Song die aufgebaute Dramatik und zersingt ihn. Schrecklich. „I Burn For You“ kenne ich nur in einer Version. Auf dem Livealbum „Bring On The Night“ gibt es eine geniale Aufnahme dieses Liedes und es wie gemalt für eine Klassikversion. Daran gemessen ist das hier ein furchtbares Vergehen. Es ist einfach nur langweilig wo man einen wirklichen Kracher erwarten könnte. Was hätte man daraus machen können, wenn man ein wenig mehr Mut zu einem ausgefallenen Arrangement gefasst hätte.
Zum Schluss bekommt Sting nochmal die Kurve. „We Work The Black Seam“ leidet noch darunter, dass ein Saxophon einfach schneller ist als eine ausgewachsene Bläsersektion. Andererseits bekommt der exzellente Text dadurch eine angemessene Wucht. Das ist überraschend gut gelungen. Und wenn die Zeile „the dark satanic mills“ mit dräuenden Tiefschlägen untermalt wird macht das wirklich Spaß. Ein Kontrast dagegen das im Original etwas anstrengende „She Too Good For Me“. Hier leicht arabisch angehaucht und mit einer unglaublichen Verve vorgetragen. Das Orchester swingt und vor allem der Bassist macht Rock’n’Roll. Klasse Idee und sehr gelungen. Auch „The Pirate’s Bride“ gewinnt. Kammermusikalisch untermalt ist es ein lyrisches Lied geworden und Sting hat auch den richtigen Sinn für’s „Drama“. Hier stimmt auch das Duett mit Jo Lawdry. Großes Kino! Fazit ~~~~* Wären alle Lieder so überraschend oder wenigstens so gut ausgefallen wie die letzten drei und die ersten beiden Songs würde ich die Konzerthalle belagern und um Einlass betteln. So ringt mir das Album ein müdes Lächeln ab. Es ist nicht wirklich in die Hose gegangen – aber glücklich macht es auch nicht. Das ist ein Sting Album für alle, die keine Rockmusik mögen aber wenigstens ganz modern was von Sting im Regal (oder auf der Festplatte) brauchen. Sonst fällt mir kaum eine Zielgruppe ein. Vielleicht noch alternde Stingfans, die es mittlerweile etwas ruhiger mögen. Denn mit diesem Album fällt man auch im gediegenen Reihenendhaus nicht auf. Das ist wahlweise nette Easy Listening Musik oder was für den Sektempfang am Abend, wenn Papa mal zeigen will, dass er a) anspruchsvolle Musik hat und b) die Muckis seiner Anlage vorführen will. Früher hätte man dafür „Time“ Von Pink Floyd genommen. Im Ganzen ist das sehr geschraubter Orchesterpop mit all seinen gräßlichen Untiefen. Und da reissen es eben auch die schöneren Songs nicht raus.
Da höre ich lieber noch zwanzigmal „Certifiable“ von The Police oder das Original „The Dream Of The Blue Turtles“. Beides rockt – Symphonicities rockt nicht und ist über weite Strecken weder cool noch interessant. Wer übrigens das Album nur als MP3 runtergeladen hat, findet auf der Seite http://www.sting.com ausführliche Liner Notes und weitere Informationen zu diesem und allen anderen Sting Alben, inklusive Lyrics und beteiligten Musikern.
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Symphonicities - Sting
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20.10.2010 12:10
das sind ansatzweise auch die gedanken, die ich beim hören hatte .... ich werds nicht wiederholen ... :-) lg detlef
04.09.2010 21:35
Ehrlich, mutig und zutreffend... - da muss sich die Kritik wahrlich nicht mehr hinter dem kritisierten Sujet verstecken! Klasse geschrieben und allein dafür schon ein BH wert. Das ich Sting eigentlich auch sehr verehre, das ist Dir ja sicher noch bekannt, trotzdem stimme ich Dir in Deiner Kritik ohne Vorbehalt zu. Vielen Dank für diese Wortmeldung! Beste Grüße, Bernd
01.09.2010 11:15
Herrjeh, gut dass ich das gelesen habe, bevor ich den nächsten amazon-Besuch in Angriff genommen habe.....