TORTOISE machen Filmmusik. In doppeltem Sinne:
Zum einen könnte ihre Musik auch dem Soundtrack zu einem unkommentierten Dokumentarfilm über den Lebenszyklus einer nordamerikanischen Steppe entspringen - so untermalend und evokativ ist sie.
Zum anderen ist ihre Musik dünn und glossiert wie ... Bericht lesen
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
Erfahrungsbericht von logan über Tnt - Tortoise 09.06.2004
Produktbewertung des Autors:
Cover-Design:
annehmbar
Klangqualität:
gut
Langzeithörspaß:
wird nicht schnell langweilig
Pro:
einfühlsam, unaufdringlich, verträumt
Kontra:
eintönig, langsam, ereignisarm
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
TORTOISE machen Filmmusik. In doppeltem Sinne: Zum einen könnte ihre Musik auch dem Soundtrack zu einem unkommentierten Dokumentarfilm über den Lebenszyklus einer nordamerikanischen Steppe entspringen - so untermalend und evokativ ist sie. Zum anderen ist ihre Musik dünn und glossiert wie ein Film - plan, flächig, zweidimensional. Eine gewisse, folkloristisch inspirierte, Akustikgitarrenharmonieseligkeit verbindet sich hier mit malerischen, pastellenen großen Melodiebögen. Unterschwellige Graswurzelloops, staubiger Gelbfilterlinsengesamtklang, himmlisch hellblaue Taktoffenheit, matt-orangen schimmernde, pschychedelisch-klingende Toffe-Tupfer, sowie weit-offen-gemütliche Percussionstrukturen und gemessen umher trabende Bass-Stapfer verbinden sich zu einem sehr dezenten, unaufdringlichen musikalisch verklärten Impressionsschleier. Ruhig ploppende Elektrobeats bahnen sich zwar auch schon mal als karg und zart hervorwachsende, wilde Heilkräuterfleckchen ihren Weg durch die annsonsten bisweilen etwas eintönige anmutende musikalische Dürrelandschaft, deren Schönheit und Charme gleichsam in ihrer unfassbar großen Weite verborgen liegt, die sich bei genauerem Hinhören jedoch gerade auch im mikroskopischsten Detail offenbart und entdecken lässt, in dem man völlig unfokussiert sich treiben lässt und nur den kleinen aber feinen Beziehungen ihrer Elemente Beachtung zukommen lässt, welche miskroskopisch klein und träge und mimikrygeborgen auf dem gleichmütigen, sich auf den ersten Blick völlig unbewegt bis zum Horizont erstreckenden Boden dahinkriechen; und während man sich noch milde über die soeben entdeckten elektrisch schimmernden Rhythmusglühwürmchen wundert, nachdem man kurz zuvor noch im Staub alleine die zwar zurückgezogene, doch nichtdestotrotz opulenten Streicherflächen vernommen hat, so ergibt alles wieder Sinn, als langsam verzwirbelte Gitarren sich langsam aus dem elektronischen Rhythmusgeflecht erheben, und wenn ätherische, zeitlupenpsychedelische Wellen von Weltengesang luftig und beruhigend in einer lauen Brise unter einem klaren, blauen, warmen, weitaufgespannten Himmel dahin reisen. Und auch als der leicht elektronische Beat sich wieder in einen organischen wandelt, ohne den zeitverlorenen, leicht trippigen Charakter abzustreifen, und als ein Cello hinzutritt, bleibt dieses Steppengefühl erhalten. Glucksende Xylophontöne lassen dann die sonnigen Harmonien zurücktreten, doch während diese untergehen, macht sich eine tief brummende Ruhe breit, deren Untermalung den kühlenden Xylophonrhythmus trägt, welcher gelassen vor sich hin plätschernd das nächtliche Käferwuseln im Gras zu spiegeln scheint, während eine entspannte Gitarrenmelodie sich unter romantischem Sternenhimmel dahintreiben lässt. Und während die Dämmerung wieder western-folklroristisch, bluegrass-mäßig, mangrovenduftend und calexicolike vor sich hindämmert, und man die am Lagerfeuer währenddessen längst gar gekocht habenden, imaginären Alufolienkartoffeln sich gerade virtuell gepellt hat und im geistigen Munde zergehen lassen will - da pellen sich dann auch TORTOISE langsam aus ihrer Retroflair-meets-modern-Songwriter-Schale, um mit einem einlullenden, waschechten Triphop-Reggae aufzuwarten, dessen zirpende Rhythmen nun endgültig sämtliche Sterne am mondlichten abgedämpften Tiefblau unseres Steppenhimmels aufgehen lassen.
Wie gesagt: Was bei oberflächlichem Zuhören ziemlich ereignislos anmutet, lädt andrerseits in seiner natürlich wirkenden, unverkrampften Neutralität und organisch-flirrigen Akustik zum gedankenverlorenen, szenischen Träumen ein - - und kann in seltenen Momenten durchaus Wirkung zeigen. Bloß eben keine explosive, sondern im Gegenteil eine ihre wärmende Energie ganz langsam nur abstrahlende. Irreleitender Titel, "TNT", aber so war man eben drauf, in den guten alten Neunzigern - insbesondere im gerade wieder erblühenden, minimalistischen, und verschroben alternativen Soundtüftlermilieu. TORTOISE aber waren wieder einmal doppelt verschroben, indem sie sich nämlich den nerdigen Trend quasi gegen den (/also mit dem) Strich streichelten - und sich gerade eben nicht verschroben & abstrakt-querdenkend, sondern geradezu harmoniesuchend & konkret-verträumt (so es so etwas überhaupt gibt) gaben. Und gerade das macht sie so zeitlos, denn sie hoben sich damit einerseits vom vorherrschenden Indie-Trend ab, und andererseits hatten sie genau inmitten dessen ihre kleine künstlerische Nische gefunden (, wo sie außer ein paar des Lobes vollen Kritikern niemand wahrnahm). So verhält es sich nun mal mit TORTOISE; man muss einfach die richtige Mischung aus kindlicher Wundergläubigkeit und forscherischem Auge mitbringen, um sie wirklich würdigen zu können.
Für mich war "TNT" deswegen auch lange Zeit bloß eine dieser zahlreichen, überbewerteten Kritikerscheiben, die sich allenfalls ein oder zwei Saisons im öffentlichen Bewusstsein der Musikfanatikerwelt halten, sofern sie nicht innerhalb dieser Zeit mit einer zweiten Miniatur nachlegen, die mindestens einen Dreischritt an Fortentwicklung und ein unverkrampftes Festhalten an ihnen mal einfach so aufgrund einer einzigen Scheibe (von Kritikerleitwölfen ebenso wie infolge dessen von den Käuferschafen) unterstellten "alten Werten" beweist. Doch irgendwie hatte "TNT" es trotz alledem immerhin auf eine Kassette in meinem Besitz gebracht, und so konnte ich kürzlich mal wieder durch die verlassene Soundsteppe schlendern und feststellen, dass sich darin doch immerhin mehr Lebensformen finden lassen, als ich nach meinen ersten, sporadischen Besuchen wohl etwas voreilig geschlussfolgert hatte. Vielleicht kann ja meine akustische Landkarte einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass das Habitat dieser eigentümlichen, musikalischen Schildkröten in Zukunft nicht gänzlich unbe(ob)achtet bleibt.
[Für Zora84]
weitere Erfahrungsberichte
Trinitrotoluol Bewertung für Tnt - Tortoisevon
BonsaiLover
Pro: müsst ihr schon lesen Kontra: weiß nich
...Wer eine Verbindung zwischen einer Schildkröte und dem Sprengstoff TNT herzustellen versucht, wird schon sehr gründlich vorgehen müssen, um schliesslich bei einer amerikanischen Kapelle namens Tortoise herauszukommen. Was man findet, ist eine, um den in E ...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich