Dear Mr. President…
20.09.2007
Pro:
ganze 14 Songs ! politisch unkorrekt, Genremix, nachdenklich . ein Original !
Kontra:
nix
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 dahia
Über sich:
Mitglied seit:30.01.2007
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 127 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Dixie Chicks - Taking the long way Dear Mr. President…
So, nun endlich wieder, nach getaner Arbeit, ein Bericht. Diesmal geht es um die Dixie Chicks. Die Dixie Chicks, das sind 3 amerikanische Damen, die Countrymusic machen und schreiben. Aber sie sind keinesfalls die All-American Girls, wie man leicht denken könnte - dem Namen der Band nach. Sie sind nicht "typisch amerikanisch" und auch keine Hühner.
Typisch amerikanisch, was heißt das für den Normal Sterblichen? Ich würde eine typisch amerikanische Version der Frau als solche beschreiben: groß, blond, nett und nichts sagend, freundlich und immer patriotisch gestimmt auf den jew. Präsidenten. Dabei fängt der Konflikt schon an: die "Dixie Chicks" können aus letzterem schon nicht typisch gestimmt sein, da sie gegen den Präsidenten sind. Nicht gegen die Geschichte der Präsidenten, nein, gegen George W. (gesprochen: Double You!) Bush. Gegen das konservative. Gegen Ausbeutung. Gegen fanatischen, politischen Wahn. Gegen die "Axis of evil", gegen den Irak-Krieg!
Jetzt mag ich es eigentlich nicht so sehr, mich politisch zu äußern. Es widerstrebt mir einfach. Und meine politische Gesinnung kennen nur wenige… außer es gibt wirklich etwas, das meinen Zorn entfacht… sei es die nordkoreanische Regierung, die ihr Volk schikaniert und ausbeutet; sei es Hartz 4 in unserem Land, welches Arbeitslose zu den Verlierern der Gesellschaft macht, zu Bettlern, könnte man fast sagen!; oder sei es, dass ein politisches Regime andere Menschen, Länder, Völker, zugunsten des eigenen Prestige ausbeutet - und dafür lügt, stielt, mordet. Kurz: Über Leichen geht. Der Irak-Krieg hat vielen unschuldigen Menschen, Zivilisten, aber auch Soldaten, unnötig das Leben gekostet. Statt sich im eigenen Land stark zu machen, die Wirtschaft zu fördern, oder auch mal was für den Umweltschutz zu tun, wird in einem fernen Land ein ungewisser Krieg geführt. Ging es wirklich nur um den Sturz des Saddam Hussein oder ging es um etwas anderes… Öl zum Beispiel…
OK lassen wir das mal weg und kommen zurück zum eigentlichen Thema dieses Berichts. Den Dixie Chicks. Diese haben vor längerer Zeit mal ein Konzert in London gegeben, welches ihr Leben für immer verändern sollte… da ist ganz einfach und salopp der Satz entstanden: "Wir schämen uns, dass der Präsident der vereinigten Staaten aus Texas kommt!" Jetzt würden viele sagen: ist doch kein Problem. Es herrscht Meinungsfreiheit in den USA. Jeder kann sich frei äußern. Anscheinend ist dem aber nicht so. Zurück in den USA mussten sich die drei Frauen Spott, Hohn, sogar Morddrohungen aussetzen. Radio-Stationen forderten zum Boykott der Band auf. Man forderte zu öffentlichen CD-Verbrennungsaktionen auf. Konservative starteten Hetz-Kampagnen.
USA - Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Darüber könnte man streiten. Nun wurde genug Hintergrundwissen geliefert. Jetzt gehen wir zur CD-Kritik über… Im Grunde, was für manchen vielleicht paradox erscheinen würde, bin ich nicht durch diese Geschichte auf die Band aufmerksam geworden. Wie man vielleicht schon lesen konnte, mag ich nostalgische Musik. So z.B. im Moment auch 40er Revival CDs, z.B. von den Puppini Sisters.
Im Internet suchte ich also nach anderen Nostalgie
Bilder von Taking the Long Way - Dixie Chicks
Bands, und stieß dabei auf die Dixie Chicks, die aber anscheinend doch keine nostalgische Band waren. Ich lud also das erstbeste Album runter, das ich finden konnte. Es hieß "Taking the long way". Hm, guter Titel dachte ich. Auf CD hörte ich mir dann das gesamte Album an und fand es sehr gut. Musikalisch gut gemacht, soweit ich die Texte verstand fand ich sie auch gut. Ich hätte nie an einen politischen Hintergrund gedacht. Ich meine, von der Geschichte her. Die Texte zeigten sozialkritische Aspekte, ja. Aber ansonsten… fand ich einfach, dass es gute Musik war.Die CD hörte ich mir gerne an. Die Mischung aus Country, Rock und Pop fand ich sehr gelungen, sehr melodisch, angenehm zu hören. Auf normaler Lautstärke, aber auch laut. Die musikalische Darbietung hat einfach gepasst.
Und dann, eines Freitag Abends kam über die "erfolgreichste Frauenband der Welt - mit über 30 Millionen verkauften Platten" ein Bericht. Und siehe da - es waren die Dixie Chicks! Was für ein Zufall. Der Bericht hatte mich daraufhin schon geschockt. Anscheinend war die Band also doch sehr bekannt. Und eigentlich widersetze ich mich, Mainstream zu hören und mich der Masse unterzuordnen, deswegen war ich auch etwas enttäuscht. Aber egal. Ich höre die Musik im Grunde ohne politischen Hintergrund. Einfach nur, weil ich genießen will.
Kommen wir nun zu den Liedern auf der Platte. Das Album heißt "Taking the Long way" und erschien erstmals 2006 in den Plattenläden. Erhältlich ist es für 11,45€ auf amazon.de
14 Lieder finden sich auf der Platte, die ich jetzt einzeln vorstellen werde. 1. The long way around:
Der erste Song, der gleichzeitig das Leben der Dixie Chicks zusammenfasst. Sie ließen sich nie in irgendeine Sparte drücken, schon von Anfang an nicht. Immer gab es schon sozialkritische Ansätze. Der Song handelt von einem Leben "on the road", fern von dem Leben, das man erwarten würde. Häuschen bauen, sich niederlassen, eine Familie gründen. Die 3 Frauen sangen und arbeiteten lieber, tourten mit dem Auto over the roads, sangen und hatten Spass. Der Song klingt schon sehr nach Country. Das ist allerdings nicht verwerflich. Denn das ist das Anfangs-Genre, das Genre, auf welches sie immer zurückgriffen und mit dem ihre Karriere begann. Viel Gitarre, Schlagzeug, dazu die unverkennbare Stimme von Frontsängerin Natalie Maines. Klingt im Großen und Ganzen nach erwachsenem Country mit Pop-Einflüssen, frech und fröhlich. 2. Easy silence:
Easy Silence fängt ruhig an. Die drei Frauen wirken im Song nachdenklicher. Besonders Frontfrau Natalie singt mit einer sehr erwachsenen, abgeklärten Stimme. Sehnend. Sehnend nach mehr Ruhe. Diese finden die Frauen z.B. in ihrem lang herbeigesehnten Nachwuchs und ihren Lebensgefährten. Man fragt sich, ob sich der ganze Aufwand denn lohnt und ob man nicht lieber aussteigen sollte, um ganz friedlich, abgeschieden zu leben. Der Song wird im Verlauf der Spiellänge schneller und das Schlagzeug, die Stimmen lauter. Der Wunsch wird größer. Ein nachdenklicher Song, mit Hoffnung, etwas Ruhe herbeisehnend. 3. Not ready to make nice:
Die Dixie Chicks zeigen mit diesem Song, dass sie noch nicht mit ihren Kritikern abgeschlossen haben, und dass sie immer noch erbost, traurig, was auch immer sind. Sie können nicht ruhig bleiben und sind es auch nicht. Der Song zeigt sehr viel Härte, ist sehr rockig, hat mittlere Schnelligkeit. Klingt nicht mehr allzu sehr nach Country und muss es auch nicht. Die Strophen sind nachdenklich, verletzt. Es floss anscheinend viel Herzblut in den Liedtext ein. Das spürt man in jedem einzelnen Wort. Viel Schlagzeug, natürlich viel Gitarre, und nach "shut up and sing" auch kräftige Violinentöne. Man muss jetzt allerdings nicht denken, dass der Song kitschig wird, das ist er keinesfalls! Eine Abrechnung der besonderen Art. 4. Everybody knows:
Mit diesem Song distanzieren sich die 3 Frauen von ihrer Popularität. Es klingt nachdenklich, sehenend, ein wenig flehentlich. Natalie und ihre Kolleginnen singen davon, dass sie sich nach Ruhe sehnen, dass ihnen der Ruhm nicht viel bedeutet. Bzw. dass er ihnen manchmal das Leben schwer macht, weil die Leute viel von ihnen erwarten. Man sucht nach einem höheren Sinn im Leben. Man fragt sich, ob es sich lohnt, alles von sich zu zeigen, oder ob die Leute überhaupt wissen, wer man ist, dass man einfach nur Mensch ist? Es klingt wie eine starke Ballade, mit viel instrumentaler Wucht. 5. Bitter end:
Eine Hommage an die Opfer des Hurrikane Catherine, die - wenn es um die Meinung der Dixie Chicks geht - von der Regierung im Stich gelassen wurden. Wieder balladenähnlich vorgetragen. Mit vielen klagend hohen Tönen. Mit Violinen und Gitarren im Einklang. "Remember the days When we'd laugh as you played Who would have known The water would come and just take you away Oh, where'd you go"
6. Lullaby: Ein Ruhepol des Albums. Sehr leise, sehr sanft. Fast hauchzart. Erinnert ein wenig an Norah Jones oder an Katie Melua. Man sinnt der Liebe nach, der Mutterliebe oder der Hingabe an den Geliebten. Nur Gitarre begleitet Natalie Maines und die anderen 2 Frauen. "Wie lange willst du geliebt werden?", fragen sie, "Ist die Ewigkeit ausreichend? Denn ich werde dich niemals aufgeben…" Wieder kommt die Mutterliebe zum Vorschein. Die Zerbrechlichkeit hinter der starken Fassade…
7. Lubbock or leave it: Ein sehr wuchtiger, rockiger Song. Sehr schnell und sehr frech. Lubbock ist eine Anspielung auf den Heimatort einer der Bandmitglieder. Instrumental überwiegen hier natürlich Gitarre, sehr wuchtiges Schlagzeug und schnelles Banjo. Super Song und ein unbedingter Abspieltipp!
8. Silent house: Einer meiner Favoriten (wenn überhaupt, denn alle Songs sind toll!). Ich finde, dass es sich ein wenig soulig anhört. Pop-Einflüsse klingen hier auch deutlich heraus. Es hört sich überhaupt nicht angestaubt Country mäßig an, sondern eine tolle Mischung aus verschiedenen Genres. Die Übergänge zwischen beiden Genres verlaufen fast fließend.
9. Favorite year: Noch eine Ballade, wieder nachdenklich, doch auch etwas fröhlich, hoffnungsvoll. Violinen stimmen wieder mit ein. Es geht um eine verlorene Liebe, und darum, ob man sich wieder erkennen würde, wie am Anfang, ob man sich wieder würde lieben können...
"But would you know me now Would you lay me down beside you Tell me everything I want to hear Like that was your favorite year Like that was your favorite year" 10. Voice inside my head:
Die Dixie Chicks lieben es, Geschichten zu erzählen. Persönliches, aus ihrem Leben. Gefühle in der Musik wiederzugeben. Wem diese Geschichte allerdings passiert ist, weiß ich nicht. Es geht um eine Liebe, die man irgendwann verloren hat, und die man nach Jahren wieder findet. Doch man ist schon mit jemand anderem zusammen. Doch im Kopf hört man eine Stimme, die immerwährend sagt, dass man lieber mit dem anderen zusammen sein sollte… Es spricht echter Schmerz aus einem Song. ist es der Frontsängerin passiert. Was passierte danach? Gebannt hört man zu, leidet mit, fühlt mit… "I can hear the voice inside my head Saying you should be with me instead Every time I'm feeling down, I wonder What would it be like with you around"
11. I like it: Rockpop sagt schon alles. Trotzdem nicht Mainstream. Der Song unterscheidet sich doch stark von anderen Chartsongs. Sehr fetzig, mit einem intelligenten Text. Rockig, kraftvoll, voller Elan und Lebenslust. Man widersetzt sich den gängigen Regeln "weil man es mag". Einfach anhören - es lohnt sich!
"Gonna live it up this time And dance like the song is never ending Gonna get so high tonight You won't be able to bring me down Cause I like it" 12. Baby hold on:
Sehr gefühlsgeladene Ballade mit viel Kraft. Es besteht fast keine Gemeinsamkeit mit dem sanften, feinfühligen "Wiegenlied". Hier tritt uns die geballte Macht der Gefühle entgegen! Entschlossen, aber melancholisch. Sich besinnend auf die Ruhe und den Frieden mich wuchtiger Stimme und Beats. Starten wir von vorne, wir sind noch nicht zu alt… " Baby, it's good to see you smile again I know we can't escape So let's pretend We're someplace else It's a new day Let's look at all we've got It's everything we thought We ever wanted It's beautiful (Baby, hold on)"
13. So hard: Es geht um die Hoffungslosigkeit. Es geht darum, aus allem auszubrechen, sich einfach dem zu fügen, was einem aufgedrückt werden will. Manchmal packt einen dieses Gefühl des Zerrissenseins. Man will nicht mehr stark sein, doch man muss. Aber es ist so hart. Davon erzählt der Song. Die Instrumentalisierung geht Hand in Hand damit. Es klingt so auswegslos.
"And sometimes I don't have the energy To prove everybody wrong And I try my best to be strong But you know it's so hard It's so hard" 14. I hope:
Man denkt, man hört sich einen Gospel an, einen Song vorgetragen von einem schwarzen Sänger voller Stärke in der Stimme. Man singt von den Kindern, die an uns glauben. Man singt vom Krieg, der einen prägt, und der nichts bringt. Der Song klingt wie ein echter Gospel. Ein sehr gelungener Umweg. Klasse!
Um zum Schluss zu kommen... Im Grunde ist es nicht wirklich ein Mainstream Album, nur weil es viele Leute kaufen (bzw. seehr viele Leute). Denn die Musik ist ehrlich - und schon allein deswegen ein Juwel in der Musikbranche. Und eine Seltenheit: sehe man sich nur die ganzen Durchschnitts-Britneys, falsche Fuffies usw. an.
Es klingt sehr erwachsen. Nachdenklich. Fortgeschritten. Jedes Wort klingt echt und mit viel Gefühl gesungen. Und nicht nur Country hört man hier. Die 3 Frauen wagen sich auch an Rock, Gospel, Pop, Soul heran. Nie lässt sie sich in ein Genre zwängen. Die Musik ist vielfältig, unerwartet, eigen, individuell und sehr lebensnah. Alles ist erleuchtet. Es wird nie langweilig. Das gesamte Spektrum der CD eröffnet sich nicht beim ersten Hören. Man sollte sie mehrere male durchlaufen lassen - damit der Smaragd seine ganze Schönheit entfalten kann. Cause all - like the diamond - is carbon first, then light.
Vor allem empfehle ich, die CD nicht zu kaufen, da die Dixie Chicks den Präsidenten runtergemacht haben, bzw. gerade so omnipräsent in den Medien sind… das wird den 3 Frauen nicht gerecht und beschämt eher. Man sollte die CD kaufen, da man gute Musik hören will, die sich in sich selbst - und nach mehrmaligem Hören - entfalten kann. Ich habe mir die Musik geholt, weil ich neue Musik hören wollte. Gute Musik. Ich wurde nicht enttäuscht. Im Nachhinein habe ich dann erst herausgefunden, was es alles mit der Band auf sich hatte. Die Musik höre ich nicht, weil ich politisch gegen Bush gesinnt bin, nicht, weil mir die Sängerinnen vom Aussehen her gefallen (im Gegenteil, ich finde eher das diese Natalie, die Frontsängerin irgendetwas von einem Alien hat…), sondern einfach nur durch einen Zufall. Gott sei dank gibt es von Zeit zu Zeit solche Fügungen des Schicksals.
Fazit: Ein toller Longplayer. Ein gelungenes Album. Ein Original in einer Scheinwelt.
Songtexte: http://www.lyred.com/lyrics/Dixie+Chicks/Tak ing+The+Long+Way/ Offizielle Homepage: http://www.dixiechicks.com/
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