Join the Black Parade
20.06.2011
Pro:
Ein überaus kreatives Konzeptalbum, das den Sound der Band konsequent weiterentwickelt
Kontra:
die langsamen Nummern können mich nicht vollends überzeugen
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 Schlucke
Über sich:
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 53 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Anno 2007 habe ich ein halbes Jahr in Wales gelebt, wegen meines Studiums. In dieser Zeit habe ich einige tolle Bands kennengelernt, die in Deutschland kaum jemand kennt ... My Chemical Romance kannte ich zu dem Zeitpunkt zwar schon, doch überrascht war ich dennoch, als ich merkte, dass die Truppe auf der Insel eine relativ große Nummer ist/war. Zum damaligen Zeitpunkt hatte die Platte The Black Parade die Hitparaden gestürmt; deswegen erschienen die Mannen um Sänger Gerard Way allgegenwärtig. Klar, dass ich mir dann damals die Platte zulegen musste - ein Kauf, den ich bis heute nicht bereut habe...auch wenn ich keine Ahnung habe, wo die CD heute ist :-D Irgendwann/-wo/-wie ging sie verloren...doch zum Glück habe ich mir eine Kopie angefertigt, ich Fuchs!
Von Konzepten... The Black Parade kommt als Konzeptalbum daher. Und wer Friede, Freude, Eierkuchen erwartet, sollte einen großen Bogen um diese Scheibe machen. My Chemical Romance singen vom Tod, von Verderben, von Krankheit. Songtitel wie Dead! oder Cancer sind offenkundige Beweise für eine gewisse Faszination, die das Ende des Lebens auf die Truppe ausüben muss. Auch die Aufmachung des Albums und den Booklets sprechen eine deutliche Sprache. Doch all das passt und wirkt gar nicht aufgesetzt, da sich die Band auch in früheren Veröffentlichungen mit einer ähnlichen Thematik auseinandergesetzt hat - wenn auch nicht so konsequent.
...und guter Musik! Man merkt vom ersten Ton an, dass man hier mit einer Band zu tun hat, die sich mit diesem Album selbst eine Art Meilenstein setzen will; die darauf erpicht ist, in der großen weiten Welt der Gitarrenmusik einen eigenen Fixpunkt in die Erde zu kloppen; die einfach etwas erschaffen will, das man auch in einigen Jahren noch hören kann.
Tja, vorhaben gelungen. The Black Parade offenbart eine Bande, die ganz offensichtlich keine Lust hat, sich musikalisch irgendwie festzurren zu lassen; gleichzeitig aber behält man bestimmte Elemente bei, die schon auf den alten Alben den eigenen Sound maßgeblich geprägt haben, mischt alles zusammen und erhält schließlich ein Album, das abwechslungsreich, eingängig und originell klingt. Hervorzuheben ist in diesem Kontext vor allem der titelgebende Song. Welcome to the Black Parade entpuppt sich als wahnsinnige Killernummer, die nach verhalten gesungenem Anfang mit Piano und schwerem Gesang so richtig die Sau durchs Dorf treibt. Tempo, Drive und ein Refrain, der sich zu jeder Tages- und Nachtzeit mit gereckten Fäusten in die Welt brüllen lässt, ergeben zusammen einen unwiderstehlichen Soundcocktail. Ähnlich ruhig startet Sleep: Wer nach dem Pianointro an eine Ballade denkt, wird schnell eines besseren belehrt, da die fetten Gitarren jedweden Ansatz von Romantik wegbretzeln. Famous Last Words gönnt sich ein relativ ausführliches Intro; man merkt Gerard Way an, dass er zunächst mit angezogener Handbremse singt. Der Break nach gut 30 Sekunden fährt in Mark und Bein, bevor die Nummer langsam auf den großartigen Refrain zuschippert. Wie schon beim Titelsong gilt hier: Ein gelungener Spannungsbogen im Song erhöht dessen Qualität beträchtlich. Am besten gefällt mir die Band jedoch dann, wenn die Punkwurzeln so richtig zum Tragen kommen. Zwar konnte man die Truppe noch nie als echte Punkband bezeichnen, doch Songs wie This Is How I Disappear oder The Sharpest Lives wildern fröhlich in den Songstrukturen des Punks. Nette Melodien, hohes Tempo, knackige Gitarrensolo und im zweiten Falle sogar die Ansätze eines Chores: Die zwei Nummern machen ordentlich Spaß und gehen direkt in Bein und Ohr. Frischer, schneller (Punk-)Rock, getragen von Gerard Ways eingängiger Stimme. House of Wolves schlägt in eine ähnliche Kerbe und präsentiert sich als hellwacher, äußerst eingängiger und - trotz der ernsten Thematik - spaßiger Punkrocksong. Kein musikalischer Meilenstein, aber einfach schöne Musik zum Feiern, die auf Konzerten auch genau dazu genutzt wird. Gute Laune versprüht auch Mama, eine musikalische Wundertüte, die vieles, was My Chemical Romance auf diesem Album anbieten, in komprimierter Form bündelt: Das Ausloten der Genregrenzen, das Einbinden vieler Ideen und einen überraschenden Mut für Experimente, ohne die eigene Identität und die eigene musikalische Kraft in irgend einer Form aufzugeben. Mama startet als Schunkelnummer, die auf die Zirkusbühne und ins Kabarett passen könnte. Vorhang auf! Polka, Punk, Emo, Rock ... wen interessiert das eigentlich? Das Ding klingt absolut irre und spätestens, wenn Liza Minelli auftaucht und den Part der metaphorischen Mama übernimmt, überrascht den Hörer gar nichts mehr.
Schade, dass nicht alle Nummern so 100%ig überzeugen können. Leider hakt das Album vor allem in den langsameren Nummern etwas. Nichts gegen (gute) Balladen, aber vor allem Cancer kommt mir zu seicht und - vor allem WEGEN der ernsten Thematik - zu unemotional rüber. Schade. Disenchanted klingt ebenfalls recht seicht und ein wenig zu sehr nach Radioballade, um mich wirklich packen zu können. Von diesem verschmerzbaren Fauxpas abgesehen bietet My Chemical Romance mit The Black Parade ein kunterbuntes, sich vielen Genregrenzen widersetzendes Album, das aber sicherlich viele Hörer spalten wird. Wer einfach nur gute, geradlinige Rockmusik hören will, wird sich sicherlich nur schwer mit den Haken schlagenden Stücken anfreunden können. Und auch die insgesamt pompöse Komposition, die vom Booklet mit seinen bizarr-faszinierenden Bildern bis hin zu jedem Streicherarrangement und jedem Akkord bis ins letzte Details perfekt durchgeplant wurde, wird nicht allen zusagen.
Wir tanzen auf dem Trümmerfeld Inhaltlich beschäftigen wir uns - wie schon erwähnt - mit wenig familienfreundlichen Themen wie Tod, Verderben, Schmerz. Dass die Musik trotz dieser im wahrsten Wortsinne todernster Texte dennoch größtenteils locker und tanzbar daherkommt, spricht für die Band. Im Mittelpunkt der Texte steht ein junger Mann, der nicht näher benannt wird. Man erfährt, dass er wohl an einer schweren Krankheit leidet, die ihm aller Voraussicht nach in den nächsten Wochen das Leben kosten wird, was "The Patient" (so wird er genannt) dazu veranlasst, über das eigene Leben nachzudenken.Man kann sich wohl darüber streiten, in wie weit sich die Leben dieser fiktiven Figur und des Frontmannes Gerard Way überschneiden. Feststeht, dass auch Ways in seinem Leben schon an Depressionen und schweren Alkohol-/Drogenproblemen litt, die er aber mittlerweile überwunden hat. Wir erfahren, dass "The Patient" irgendwo im Kriegseinsatz gewesen ist und seine Gefühle in Mama eben seiner Mutter in Form eines Briefes mitteilt: I'm writing this letter and wishing you well Mama we all go to hell [...] Mama we're all full of lies Mama we're meant for the flies and right now they're building a coffin your size
Natürlich geht es auch um Beziehungen jedweder Art, Verluste und so weiter - insgesamt also ein auch inhaltlich mehr als interessantes Album.
Dead? Nein, My Chemical Romance ist weit davon entfernt, tot zu sein. Nach zwei überaus erfolgreichen und tollen Alben leitete das Mammutwerk The Black Parade einen Wandel in der eigenen Bandbiographie ein, der jedoch nur positiv zu bewerten ist. Die Truppe wagte es, sich von den relativ starren Grenzen des Punkrocks, die auf ihren ersten Veröffentlichungen den Sound dominierten, zu lösen um die Musik zu machen, die sie will.
Das Ergebnis war dann The Black Parade, ein überaus kreatives, kunterbuntes, hitbepacktes (Konzept-)Album, das ich auch heute immer noch sehr gerne höre. Natürlich überzeugt nicht jeder Song; vor allem die ruhigen Stücke schwächeln für meinen Geschmack etwas zu sehr. Dennoch: Mit The Black Parade hat My Chemical Romance ein Album veröffentlicht, das in jedem Falle fasziniert. Daher kann ich eine Empfehlung aussprechen - und zwar für alle, die gute, handgemachte Musik möchten. Für alle, die gerne mal ein Musikerlebnis haben wollen, das eben nicht alltäglich ist. Und für alle, die...alle eben.
My Chemical Romance / The Black Parade The End Dead! This Is How I Disappear The Sharpest Lives Welcome to the Black Parade I Don't Love You Houses of Wolves Cancer Mama Sleep Teenagers Disenchanted Famous Last Words Blood (Bonusnummer)
Bilder von The Black Parade - My Chemical Romance
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18.07.2011 14:17
Mir ist das immer eine Spur zu glatt gebügelt, aber den "Vorwurf" diese Band wäre eine Emo-Band (was immer das auch sein mag) konnte ich nie verstehen.
06.07.2011 18:22
Informativ + emotional engagiert + interessanter Stil = Besonders Hilfreich! :-) Thomas
04.07.2011 11:33
Das Shirt erinnert mich ein wenig an das Video von Fettes Brot zu "Emanuela". Soviel zu qualifizierten Kommentaren. ;-)