Erfahrungsbericht über

The Black Rider - Tom Waits

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Go away, blow your brains out

5  31.10.2005

Pro:
Irre

Kontra:
Irre

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Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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dahmane

Über sich: Es gibt ja Leute, die sagen, unsere Politiker, das sind alles Verbrecher. Das ist natürlich Unsinn. ...

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1. Lucky Day
(Overture) *(2:26)

I.

1.

Am 7. September 1951 erschoß Willam S. Burroughs seine Frau. Er tat es nicht mit Absicht, denn eigentlich wollte er nur mit einem Kunstschuß ein Glas Wasser auf ihrem Kopf treffen. Er hatte vorher so lange viele Glas Whisky getrunken, bis ihn eine gewohnte, gleichwohl unerklärliche Depression übermannte. Burroughs war fast achtunddreißig Jahre alt, als er seinen Kunstschuß vergeigte.
Den Rest seines Lebens hat er sicherlich nicht unter Verrückten und Zerstörten zugebracht, aber seine Tagebücher und Werke verraten, daß zuweilen nicht viel daran gefehlt hat, und er wäre selbst unter sie gefallen. 1991 erschien David Cronenbergs Version von "The Naked Lunch". Durch diesen Film erhalten wir einen kleinen Einblick in die private Hölle des Willams Sevard Burroughs, der, als er fast achtunddreißig Jahre alt war, aus Übermut seine Frau erschoß.
Wiederum fast achtunddreißig Jahre später bat der Regisseur Robert Wilson den alten Mann, das Libretto zu "The Black Rider" zu überarbeiten und zu ergänzen. Burroughs sagte zu; vielleicht hat die sinistre Figur des unglücklichen Wilhelm ihn angerührt. Der junge Mann, der sich zum Nachfolger des Oberförsters freischießen will, trifft - wir haben es nicht anders erwartet - keineswegs das Ziel, sondern seine Braut. Daß der arme Wilhelm, der nun wirklich als zerstörter Irrer endet, den gleichen Vornamen trug wie er, wird den Dichter in seiner Überzeugung bestätigt haben, daß die Welt, wie wir sie kennen, eine wahnwitzige Veranstaltung ist. "Well, you missed me that time", notiert er einen alten Witz und fügt mit bitterer Befriedigung die Pointe hinzu: "Oh yeah? Just try an move your head."

Nun ist "The Black Rider" keine Geschichte von Kopfschüssen, nicht in der Geschichte selbst und auch nicht siebenunddreißig oder achtunddreißig Jahre vorher. Es ist die Geschichte eines Handels mit dem Teufel aus Liebe und aus Verzweiflung und aus Stolz, aber diesmal geht es übler aus als in der Vorlage, dem 1810 erschienen "Freischütz", etliche Jahre danach von Carl Maria von Weber zur ersten genuin deutschen Oper verarbeitet.
"Ich wußte nicht vom ,Freischütz', bevor Bob Wilson mich anrief", erzählt Burroughs nach der Uraufführung von "The Black Rider", "aber ich habe sofort erkannt, daß das dieser alte Teufelspakt war, Faust, und all das. Das ist ein interessantes Thema, über das ich ein paar Worte verlieren möchte. Ein Teufelspakt ist immer ein Narrenhandel - vor allem für einen Künstler. Der Teufel handelt nur mit Quantität, nie mit Qualität. Er kann einen nicht zu einem großen Schriftsteller machen, er kann einen nur zu einem berühmten Schriftsteller machen, zu einem reichen Schriftsteller. Je abhängiger man von den Zauberkugeln wird, wie im ,Freischütz', desto hilfloser ist man am Ende ohne Zauberkugeln…"
Diesen Gedanken wollen wir im Kopf behalten, wenn uns die Anspielungen auf Ernest Hemingway im Libretto befremden, der - das meinte jedenfalls William S. Burroughs - seine Seele an Hollywood verkauft hatte und, als die Inspiration ausblieb, freundlicherweise nicht anderer Leute Kopg wegschoß, sondern seinen eigenen.¹

2.

"The Black Rider" wurde von vornherein als groteske Oper konzipiert, will sagen: sie nimmt ihre hochromantische Vorlage ebenso ernst wie das ironische Lächeln der heutigen Zuschauer. Zwar ist "Der Freischütz" bis heute die meistgespielte deutsche Oper, dies aber um den Preis, daß nahezu jede Aktualisierung und Verfremdung ihr nicht gut bekommt. Der eigentliche Held ist, wie Carl Maria von Weber selbst gesagt haben soll, der deutsche Wald, und eben darum gehört bis jetzt eine grausige Wolfsschlucht mit heulen Wölfen, Windböen und wilden Stimmen in der Luft (wie in Shakespeares "Sturm") zu einer ordentlichen Aufführung ebenso wie der ohne ironische Brechung inszenierte Jägerchor; und natürlich muß Samiel, der Teufel, unbedingt mitspielen.
Bei Wilson heißt der Teufel Pegleg.[Holzbein, zugleich ein Slangausdruck für den Teufel selbst, also keine Erfindung des Librettos, im Deutschen vielleicht "Bocksfuß"], und er tut, was der Teufel üblicherweise tut: er ergötzt sich an Wilhelms Versagen, um ihm dann einen verhängnisvollen Handel anzutragen. Einen Handel, um es genau zu nehmen, der anscheinend weder einen Pferdefuß hat noch ein Holzbein: "Seven bullets. Six are yours an hit the mark. One is mine and hits the dark." So wird es sein. Wilhelm nämlich liebt Käthchen, die einzige Tochter des Oberförsters, der sie ihm freilich nur zur Frau geben darf, wenn der gute Junge sich als sein kompetenter Nachfolger erweist. Er muß sich freischießen.

Für

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The Black Rider - Tom Waits Bild 5740261 tb
Robert Wilson, William S. Burroughs, Tom Waits
Wilhelm, der mit seinen sieben Zauberkugeln (magic bullets) aus dem Wald - wo ihm der Teufel begegnet ist - heimkehrt, ist das kein Problem. "Sechse treffen, sieben äffen", brüllt der Teufel im "Freischütz". Sich daran zu halten, sollten wir denken, ist doch so schwer nicht, aber es kommt, wie es kommen soll: die sechse werden, wie sich im Nachhinein zeigt, für allerlei Allotria verballert, so daß, als es ernst wird, nur noch die siebente übrig ist. Im "Freischütz" trifft die letzte, wie sich gehört, den Verführer, den bösen Kaspar, der den Helden mit dem Teufel bekannt gemacht hat, aber heutzutage geht es weniger gnadenvoll ab. Das fast unschuldige Käthchen wird erschossen, und Wilhelm, der sich schon die ganze Zeit hindurch immer mehr aus der Wirklichkeit verabschiedete hatte, wird vollends verrückt und endet, wie der traurige Held in Strawinskys "The Rake's Progress", im Irrenhaus.²
Das Libretto des "Black Rider" stellt diese Handlung in einen umfassenden Zusammenhang, der die Vorgeschichten ebenso berücksichtigt wie die Weiterungen (die ausufernde Szene über Ernest Hemingway).
Die Oper macht sich nicht lustig über ihre eigene Handlung, sondern präsentiert sie mit dem moralisierenden Ernst einer Moritat. Alles ist vereinfacht wie in einem schlechten Holzschnitt - wir werden das in der Musik wiederfinden - und besonders grell dargestellt, nicht aus kluger Ironie, sondern weil wir es sonst nicht glauben würden. So aber glauben wir es. Und das ist nicht zuletzt auch ein Verdienst der Musik.


II.

1.

Endlich. Endlich kommen wir zur Musik. Kein Mensch kauft die CD, die immer noch irgendwo im Handel herumgeistert, nur wegen der Texte von William S. Burroughs. Die sind nicht schlecht, aber auch nicht viel besser als dieser, den Wilhelm und der alte Onkel im Duett singen, als Wilhelm die sechs harmlosen Zauberkugeln sinnlos verschossen hat.

The flash pan hunter sways with the wind
And his rifle is the sound of the morning
Each sulphurous bullet may have its own wit
And each cartridge comes with a warning
Beware of elaborate telescopic meats
They will find its way back to the forest

Wilhelm can't wait to be Pegleg's crown
As the briar is strangling the rose back down

His back shall be my slender new branch
It will sway an bend in the breeze
As the Devil does his polka with a hatchet in his hand
There's a sniper in the branches of the trees
As the vulture flutters down, the snake sheds his dove
Wilhelm's cutting off his fingers so they'll fit into the glove

Wilhelm can't wait to be Pegleg's crown
And the briar is strangling the rose back down
The briar is strangling the rose back down

"Beware of elaborate telescopic meats" finde ich besonders rührend; hier taucht die unanständige, obszöne Skurrilität des Beat-Poeten ganz überraschend noch einmal auf, aber der Rest ist eher kryptisch als anschaulich verrückt. Aber sehen wir zu, wie das am Ende klingt.
Klagende Stimmen im Wind, das Heulen und Winseln von Wölfen und Windhunden. eine entsetzlich jammernde Harmonika. Melodisches Bellen. Das ganze Elend der Welt, nicht mehr (und keineswegs das irre Geheul von Yblis, dem Höllenhund, in "Johanna auf dem Scheiterhaufen" von Artur Honegger). Wer nicht spätestens jetzt merkt, daß Wilhelm schon längst wahnsinnig i s t, der hat keine Ohren, um zu hören.

Auf der CD, über die ich hier ein bißchen was erzähle, hören wir aber durchaus kein Duett. Wir hören auch kein Duett auf Track 9. Eigentlich sollten Wilhelm und sein Käthchen "The briar and the rose" ("Der Dornstrauch und die Rose") singen, aber wir hören nur eine Stimme, und die singt dies:

I fell asleep down by the stream
And there I had the strangest dream
And down by Brennan's Glenn there grows
A briar and a rose

There's a tree in the forest
But I don't know where
I built a nest out of your hair
And climbing up into the air
A briar and a rose

I don't know how long it has been
But I was born in Brennan's Glenn
And near the end of spring there grows
A briar and a rose

Picked the rose one early morn
I pricked my finger on a thorn
It had grown so high
It's winding wove the briar around the rose

I tried to tear them both apart
I felt a bullet in my heart
And all dressed up in springs and clothes
The briar and the rose

And when I'm buried in my grave
Tell me so I will know
Your tears will fall
To make love grow
The briar and the rose

Dies ist ein altes irisches Volkslied, das Tom Waits für "The Black Rider" bearbeitet hat. Er singt es wie eine alte Ballade, mit kauenden Kiefern, mit einer tragischen Wehmut, die wir fast ernst nehmen könnten, wenn wir wollten, die nur ein abgerissener Sänger wie Villon aufbringt, der so lange seinen Illusionen nachgehangen hat, bis sie sich zu einer Himmelsleiter verhärtet haben, auf der Engel auf und nieder steigen.

2.

Tom Waits. Diese grandiose Oper wäre nicht, wäre da nicht Tom Waits, der Dämon in der Maschinerie. Er hat beileibe nicht die ganze Musik geschrieben und nur einen kleinen Teil der Texte, aber w a s er geschrieben hat, hat er auf dieser CD versammelt und singt es selbst. Jedesmal anders.
Ein anderes Beispiel. Das Kernstück der Oper ist, glaube ich, das Lied "Crossroads" (Text von William S. Burroughs), der das Leben und das Ende von George Schmid beschreibt, dem üblen Charakter, der Wilhelm mit dem Teufel zusammenbringt (im "Freischütz" Kaspar). Es ist ein Lied, eine Ballade von befremdlicher Düsternis.
Tom Waits beginnt mit befremdlicher, überheblicher Selbstgewißheit. Von Mann zu Mann, sagt seine Stimme, so war das damals. Dreckig, illusionslos, ein wenig sehr angetrunken, also jenseits jeder Rücksichtnahme; selbst die Schicht weinseliger Sentimentalität ist nur noch hauchdünn. Seine Augen sind so grau und so hart wie ein Kiesel in Deiner Hand.

Now, George was a good straight boy to begin with, but there was bad blood
In him; someway he got into the magic bullets and that leads straight to
Devil's work, just like marijuana leads to heroin; you think yo ucan take
Them bullets or leave 'em, do you?
Just save a few for your bad days

Well, now, we all have those bad days when you can't shoot for shit.

The more of them magics you use, the more bad days you have without them
So it comes down finally to all your days being bad without the bullets
It's magics or nothing
Time to stop chippying around and kidding yourself,
Kid, you're hooked, heavy as lead

And that's where old George found himself
Out there at the crossroads
Molding the Devil's bullets
Now a man figures it's his bullets, so it will
Hit what he wants to hit
But it don't always work that way

You see, some bullets is special for a single aim
A certain stag, or a certain person
And no matter where you are, that's where the bullet will end up
And in the moment of aiming, the gun turns into a dowser's wand
And point where the bullet wants to go

(George Schmid was moving in a series of convulsive spasms, like someone
with an epileptic fit, with his face distorted and his eyes wild like a
lassoed horse bracing his legs. But something kept pulling him on. And now
he is picking up the skulls and making the circle.)

I guess old George didn't rightly know what he's getting himself into
The fit was on him and it carried him right to the crossroads

Irgendwann beginnt seine Stimme ein klein wenig weicher zu werden, sie bekommt einen leicht widerwilligen Unterton, irgendwo hat eine stimmlose Frauenstimme zu singen begonnen, und dann plötzlich lost sich die gurgelnde, rauh gesoffene Stimme des Vigilanten auf in ein unerhört melodisches Wehgeheul, mit der heiteren Parodie von Orgelton und Glockenklang.
Wie auch sonst? Die Kreuzwege waren von jeher die Stellen, wo man den Teufel treffen und mit ihm paktieren konnte; und dort wurden die Verbrecher begraben, denen die geweihte Erde verwehrt werden mußte. Also auch George Schmidt, der mit dem Teufel kochen wollte und zu spät merkte, daß sein Löffel bei weitem zu kurz war.
Wie Tom Waits das alles in etwas mehr als zweieinhalb Minuten mit seiner Stimme beschwört - das ist schon selten schön und anrührend. Und erheiternd.


III.

1.

Diese CD beschreibt die Umrisse eines Monstrums. Es klingt wie die Stimme des Mörders in Poes Rue Morgue. Wir meinen, sie zu verstehen, diese Stimme, aber wir können nichts davon wirklich für uns übersetzen, und am Ende widersprechen alle Chronisten einander.
Wir sollen wir zum Beispiel den Albtraum des "Gospel Train" deuten, der ganz eindeutig klingt wie ein keuchender Zug, der einen glühenden Funkenregen durch die Nacht zieht, aber die singenden Seelen darauf klingen alles andere als erlöst. Sie klingen wie das Echo von Tom Waits Stimme aus dem Fegefeuer, dessen Stimme sich am Ende in einer unfaßbar sinistren Nachahmung der Dampfpfeife erschöpft. Das ist nicht nur ein Albtraum. Das ist die glühende, dampfender Wirklichkeit, die für einen Augenblick somnambuler Wachheit in unser Das Leben Ein Traum strömt.
Dieses grauenhafte Stück macht uns keine Angst. Dafür stecken wir selbst zu sehr in unserem Traum fest. Aber wenn wir es nur oft genug hören, dann fühlen wir unsere Welt ein klein wenig brüchig werden: wie kann sich einer nur so etwas ausdenken und noch für geistig gesund gelten? Daß danach die Musik endgültig in einen milden Irrsinn abgleitet, der von ferne die Wilde Jagd aus dem "Freischütz" zitiert, wundert uns nicht.
Eher wundert uns, daß daraus - so gelangen wir am Ende des Wahnsinns wieder zur Unschuld - das fragile Schönheit von "Lucky Day" auftaucht.

Tom Waits singt es wie eine irische Ballade an einem strahlenden Sommervormittag. Die ganze Welt ist besonnt. Wir haben nichts zu fürchten.
Gustav Mahler sagte einmal über seine Vierte Symphonie (deren grauenvoller Untergrund unter der trügerischen Schönheit der Musik von vielen Hörern gar nicht empfunden wird), es gäbe Augenblicke darin, die wir alle schon einmal empfunden hätten in einer sonnenbeschienenen Landschaft: ohne daß auch nur eine Wolke darüberzieht, verdüstert sich plötzlich alles, weil sich, sagt er, alles in uns verdüstert und uns plötzlich eine namenlose Angst anfliegt. Dieses Lied wirkt umgekehrt. Wir sind längst in der Hölle, aber den zerstörten Geist fliegt ein Hauch von Unschuld und Schönheit an, dem sich die Stimme von Tom Waits ganz unbefangen ergibt. Wir müssen ganz durch das Böse hindurch, sagt die böse Heldin in Sally Beaumans unglaublich gutem Roman "Engel aus Stein", den ich allen, die "The Black Rider" mögen, nur dringend empfehlen kann, ich dachte, sagt sie, ich müßte ganz durch das Böse hindurch, um am anderen Ende wieder unschuldig aufzutauchen:

So don't cry for me, for I'm goin' away
and I'll be back some lucky day

singt er, aber das Schlußwort hat der Teufel. Und was tut der, bevor er in die schwarze Kiste ("the black box") steigt? Mit der Stimme eines Geschäftsmanns, der gerade seine Bücher abgestimmt hat und mit dem Ergebnis hochzufrieden ist, singt er "The Last Rose of Summer", davon, wie sehr er es liebt, wenn die zerfetzten Wolken ("the tattered clouds") den Wind über den Himmel blasen und der schwindende Sommer eine Träne in seinem Auge zurückläßt.

2.

Marianne Faithful erinnerte im vorigen Jahr daran, daß seine Beiträge zum "Black Rider" die letzte größere Arbeit war, die William S. Burroughs abgeschlossen hat, und wie sehr er diesen Ausdruck liebte: die zerrissenen Wolken, the tattered clouds, der in einzelnen seiner späten Werke wieder auftaucht. Aber "The Last Rose of Summer" ist von Tom Waits, nicht von William S. Burroughs. Und warum sollte der Teufel davon singen?
Der Wind weht, wo er will, heißt es in Johannes 3 vom Geist Gottes. Da, wo er die Wolken zerfetzt, ist er nicht länger unsichtbar, sondern sichtbar in seinen Wirkungen. Das gilt für den Teufel nicht minder. Wenn die schwarze Kiste sich geschlossen hat, ist die Bühne leer. Der Teufel geht zuletzt.
Wir müssen diese Musik nicht so verstehen. Wir können sie auch, wenn wir wollen, als eine wunderbare Groteske hören, als einen verrückten Totentanz, als eine bunte Parodie auf die Dummheit des Menschen, die ihn sogar um sein Begehren betrügt.
Wir müssen auch gar nichts hineinlesen. Wir können, wenn wir mögen, die Stimme von Tom Waits genießen und seine wunderbare irre Musik, und dann haben wir immer noch mehr Spaß als an manchen kunstvollen Veranstaltungen. Woran das liegt, weiß ich nicht. Auch die Zuschauer wußten es vielleicht nicht, die bei der Uraufführung 23 Minuten lang geklatscht haben. Eins wissen wir: der Teufel kann keinen großen Künstler machen. Das hat Burroughs gesagt, und das glauben wir ihm.

Heute ist All Hallows Eve, der Abend vor Allerheiligen, an dem Jack O'lantern mit seiner Höllenkohle in der ausgehöhlten Rübe durch die Nacht irrt, weil er nicht in den Himmel kommt und auch nicht in die Hölle, denn er hat den Teufel überlistet. Es hat ihm auch nichts genutzt.
Morgen beginnt der November. Auch dafür gibt es ein Lied auf dieser irren CD. Es beginnt mit einer sich geisterhaft verschraubenden Stimme, die sich schnell verflüchtigt. Und dann singt Tom Waits zum Gejammer der Band dies:

No shadow
No stars
No moon
No care
November
It only believes
In a pile of dead leaves
And a moon
That's the color of bone

No prayers for November
To linger longer
Stick your spoon in the wall
We'll slaughter them all

November has tied me
To an old dead tree
Get word to April
To rescue me
November's cold chain

Made of wet boots and rain
And shiny black ravens
On chimney smoke lanes
November seems odd
You're my firing squad
November

With my hair slicked back
With carrion shellac
With the blood from a pheasant
And the bone from a hare

Tied to the branches
Of a roebuck stag
Left to wave in the timber
Like a buck shot flag

Go away you rainsnout
Go away, blow your brains out
November


¹ Fairerweise sollten wir anmerken, daß Hemingways in den letzten Jahren seines Lebens zunehmend irrationales und selbstzerstörerisches Verhalten nicht nur durch das Bewußtsein verursacht wurde, daß seine Inspiration versagte und er seinen Ansprüchen an sich selbst nicht mehr gerecht werden konnte, sondern auch durch eine seltene Stoffwechselkrankheit, deren Einfluß vermutlich sehr viel stärker war.

² Es gibt einen überaus witzigen Bericht von Richard Wagner aus seiner Zeit als Journalist in Paris über das Entsetzen, das die luziden Franzosen angesichts der horrenden Unlogik in Webers "Freischütz" empfanden. (Leider ist diese Rezension über die ersten Aufführungen des "Freischütz" in Paris nicht online verfügbar.)

http://www.keeslau.com/TomWaitsSupplement/Theatre/Blackrider/introduction.htm


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Klaus Alfred

Klaus Alfred

28.01.2006 17:02

Klasse, ich habe gerade Helma, meinem Weib gesagt, sie möge mir bei der nächsten passenden Gelegenheit die CD schenken. Gruß Klaus

logan

logan

16.01.2006 16:58

http://n.ethz.ch/student/baumamar/waits/90s/90s1.htm

Liquid_Tension_Experiment

Liquid_Tension_Experiment

08.01.2006 13:56

Würde ich ihn nicht längst kennen, wäre dieser Bericht der vierte Weg, den mir der Zufall, das Schicksal oder das Leben (Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! / Ich habe keinen Namen / Dafür!) zu Tom Waits eröffnet hätte. Dieses Album besitze ich nicht, kann mich aber erinnern, mich gefragt zu haben, ob es wohl etwas mit Stephen Crane zu tun hat. Anscheinend nicht. --- PS: Oh, mich gibt es noch.

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