... Vorab die Diskographie der beiden Jungens:
Alben:
The Cosmic Game
The Richest Man In Babylon
The Mirror Conspiracy
Sounds from the Thievery Hi-Fi
Für Singles- und Compilationslistings besucht doch einmal die virtuelle Heimat der Zwei. Hier geht’s nach Hause --> http://www.thieverycorporation.com
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in unzähligen Versuchen, Dingen einen Namen zu geben, irrt der Mensch nicht selten und geht mal hier, mal in jenem Ozean der Kategorisierungsversuche verlustig. Das ist insbesondere schlimm für Rezensenten von Musikproduktionen, die – auf CD gepresst – in keine eckige, klein karierte Schublade passen wollen. Was also tun, wenn dort ein Jemand es wagen sollte, vom musikalischen Alltagseinerlei abzuweichen? Als wäre die Welt nicht schon kompliziert genug, frönen doch tatsächlich einige Musiker ihrem ehrlichen Gusto und versetzen den durchschnittlichen Zeitungsrezensenten in Schockzustände.
***** Die ja-was-seid-ihr-denn-nun-Combo****
Die Thievery Corporation hat bei ihrer Gründung im Jahre 1995 beschlossen, eindeutig, bewusst, vorsätzlich und ungeachtet aller engstirnigen Kritiker einen anderen Weg zu gehen als manch anderer Musiker. Rob Garza und Eric Hilton – das sind die beiden anzugdevoten Herren mit „Arbeitssitz“ in Washington DC – entdeckten bei ihrem zufälligen Aufeinandertreffen in einer Washingtoner Streetlounge ihr gemeinsames Faible für Musikstile, die sich gerne und allgemein hin mit Jazz, Bossa Nova, Dub und Downbeat bezeichnen lassen. Eine klare Absage dem Mainstreampop, der überangepassten Electronica und dergleichen erteilend, versuchen sie seit nun mehr vier Alben und diversen Compilations, Musikstile zu mischen und damit nicht zwangsläufig einen eigenen zu kreieren, wohl aber Genres zu erweitern. Die pure Hölle also für unseren lieben Kritiker.
So nimmt es bei dem Vorhaben nicht Wunder, dass Garzas und Hiltons Verständnis von jamaikanischen. lateinamerikanischen, karibischen Klängen und Rhythmen einen Mix zutage fördern, der des Rezensenten Hirn Bezeichnungen wie Future-Bossa, Downbeat-Jazz oder Lounge-Dub abwerfen lässt. Nun ja, denkt der sich: es ist nicht nur Jazz, es ist downbeat; es ist nicht nur Dub, es ist auch loungig (ist ja ohnehin ein Modewort und passt doch nahezu immer!); es ist nicht mehr Bossa Nova klassisch, es ist futuristischer Bossa.
Wisst ihr was: Es ist egal, was es ist, wenn es auf ein Minimum von zwei Wörtern herunter gebrochen werden soll. In Wirklichkeit ist es nämlich ein Stückweit von vielem, weil es eben – hier bitte aufmerken – eine Mischung aus diversen Stilen der Weltmusik ist. Und schließlich kommt bei jedem Album der Truppe mindestens ein neues Element dazu. Also nehmt doch einfach die Thievery Corporation als eine Combo, die Musik macht aus Stilen, die ihr einzeln meinetwegen gerne betiteln könnt. Und ob diese Musik nun gut ist, das klären wir hier. Vorab die Diskographie der beiden Jungens:
Alben:
The Cosmic Game The Richest Man In Babylon The Mirror Conspiracy Sounds from the Thievery Hi-Fi
Für Singles- und Compilationslistings besucht doch einmal die virtuelle Heimat der Zwei. Hier geht’s nach Hause --> http://www.thieverycorporation.com
**** Der Kosmos aller Klänge ****
Das aktuelle Album enthält 16 musikalische Perlen, schön verpackt in einem Digipack-Karton, der – beide Flügel aufgeklappt und ausgebreitet – mittig den Blick auf die Scheibe der weltlichen Vielfalt erlaubt. Ganz in dunklem Bordeauxrot .und Schwarz gehalten und durch weiße Farbkontraste hier wie da geschmückt, strahlen die vielen Kreise in unterschiedlichen Größen und Anordnungen ein auf den ersten Blick wenig auffälliges, bald aber sehr warm erscheinendes Wesen aus. Das Booklet befindet sich im rechten Flügel und ist atypisch für CD-Booklets geheftet. Aber das lässt sich nicht erklären, ihr müsst es anschauen. Im Booklet stehen die Texte sowie alles anderweitig Wissenswerte. Ich finde die Aufmachung des Covers insgesamt sehr angenehm und nicht aufdringlich. Hier und da findet ihr, wenn ihr genau hinseht – neben dem Coverfoto – auch noch Fotos der beiden im Booklet.
Doch nun zur Musik.
Die 16 Tracks lauten:
01: Marching the Hate Machines (Into the Sun) [featuring The Flaming Lips] 02: Warning Shots [featuring Sleepy Wonder and Gunjan] 03: Revolution Solution [featuring Perry Farrell] 04: The Cosmic Game 05: Satyam Shivam Sundaram [featuring Gunjan] 06: Amerimacka [featuring Notch] 07: Ambicion Eterna [featuring Verny Varela] 08: Pela Janela [featuring Gigi Rezende] 09: Sol Tapado [featuring Patrick de Santos] 10: The Heart’s a Lonely Hunter [featuring David Byrne] 11: Holographic Universe 12: Doors of Perception [featuring Gunjan] 13: Wires and Watchtowers [featuring Sista Pat] 14: The Supreme Illusion [featuring Gunjan] 15: The Time We Lost Our Way [featuring Loulou] 16: A Gentle Dissolve
+++ Im Einzelnen – checkoutboy hört sich rund +++
Da spreche ich die ganze Zeit von lateinamerikanischer Rhythmik und dergleichen, und der Opener des Albums zeigt sich widerwillig, als solcher zu gelten. Er hat ja auch Recht: „Marching the Hate Machines“ ist psychedelisch-funky angehaucht, erinnert hier und da ein bisschen an Air, aber klingt, verzeiht liebe Air-Fans, etwas ausgearbeiteter. Schöne Rhodes durch den Psychedlic-Wolf gedreht, ein downtempo Beat und angenehme Harmonien ermöglichen einen sanft-wohligen Einstieg in das Album. (4/5)
Bei „Warning Shots“ wird es dann gleich schneller, Rootsdub mischt sich hier mit Reggae-Elementen, einer Art Rap (teilweise á la Roots Manuva) und mit sehnsüchtigem asiatischem Frauengesang, mantra-artig. Begleitet durch eine klare Basslinie und beachtenswert gefilterten Wurlitzerklängen, ergibt „Warning Shots“ ein sehr positives Gemisch, das neugierig macht auf mehr. (5/5)
„Revolution Solution” bremst wieder etwas, erinnert durch die langen Tapedelays, die Panoramaeinstellungen und den Aufbau des Songs mit seinen kleinen Effekten und Schleifen aber schön an frühe Phasen von Leftfield. Den Gesang von Perry Farrell ordnet man am besten im Ragga an, er wird wunderbar von einem offenen Drumkit unterstützt. Und eh man sich begeistert den einzelnen Elementen widmen will, ist das Stück schon zu Ende. Ja, so kurzweilig kann gute Musik sein. (5/5)
„The Cosmic Game“ als Titeltrack ist rein instrumental gehalten, erneut leicht psychedlisch mit progressive rock-Elementen verquirlt und durch die ewigen Tapedelayloops alles auf den Kopf stellend. UND: leider viel zu schnell vorbei. (5/5)
Richtig dubartig mit zusätzlicher Sitar und indischer Gesangseinlage von der charmanten Gunjan wird es dann im fünften Stück. Den Text zu „Satyam Shivam Sundaram” findet ihr im Original im Booklet. Versucht mitzusingen, ohne zu verzweifeln. Lasst euch treiben vom wohligen Beat und dem warmen Bass. (4/5)
Reggaedub vom Feinsten in einem der Highlights dieses Albums, gesungen von Notch, Gutfühlrhythmus und ansteckendem Arrangement. Die Bläser, die ab 1:42 einsetzen sind grandios und von nur einem einzigen Mann gespielt. Wunderbar instrumentiert und interpretiert. Aber lasst euch nicht täuschen. Der Text zu Amerimacka hat es in sich: bitterböse Kritik an Amerika und seiner Vergangenheit, seiner Ambivalenz und Heuchelei. (5/5)
Wir wechseln in die lateinamerikanischen Schuhe. Hier tanzen wir Bossa, lauschen Verny Varela Spanisch singen, hören Guiros (Gurken), typisch lateinamerikanische Percussion, seicht gezupfte Gitarras und lassen uns treiben im seichten, bassdrumlosen Rhythmus. Verstehen wollen wir aber nicht, weshalb der Song nebst Gesang abrupt bei 3:19 ausgeblendet wird. Das klingt nicht schlüssig, ist aber meiner Meinung nach der einzige (wohl gewollte?) Patzer auf diesem Album. Deshalb 3/5, ansonsten sehr schöner Song.
Wir bleiben lateinamerikanisch, hören Ansätze (in der Instrumentierung reduziert) einer langsameren Salsa, finden Gefallen an den perkussiven Elementen und den schönen Rhodes, der gut inszenierten Gitarre und lassen das Lied wie einen Sommertag am Meer ausklingen. So, denke ich, muss Kuba sein. In den Abendstunden zumindest. (5/5)
„Sol Tapado“ zeigt uns, wie sehr sich Musikstile untereinander beeinflussen können. Afrikanische Momente treffen auf karibische und lateinamerikanische Sequenzen. Wie das Album insgesamt, eher im Mid- bis Downtempo gehalten, wirkt diese erste Singleauskopplung dennoch sehr bewegt. Ein schönes Stück. Wird wohl leider weniger in den „herkömmlichen“ Radiosendungen gespielt. Schade auch. (4,5/5)
David Byrne verzaubert uns auf „The Heart’s a Lonely Hunter“ zu sambaartigen Rhythmen und wunderschön gesetzten Brass-Sektionen auf seine typische Art. Was im ersten Moment keine schöne Verbindung zu sein scheint, bekommt seinen eigenen Reiz bei wiederholtem Hören. Klasse Song. (5/5)
„Holographic Universe“ ist ein weiteres Instrumentalstück mit den obligatorischen Delays, Bongoeinlagen, Rhodes und leicht psychedelischen Effekten. Düdüdüpdüdüdüh singt eine weibliche Stimme. Und genau die Stimmung hinterlässt es auch. Entspannt, groovy, rhythmisch einwandfrei. Der Basslauf will uns tanzen sehen. Das steht außer Frage. (5/5)
„Doors of Perception“ klingt textlich verdammt nach einem Aldous Huxley Büchlein, mischt musikalisch aber Merengue und Salsa in entspannter Temperatur. Dazu erneut Sitarklänge und der Hauch Sehnsucht ist perfekt. Oftmals braucht es wenig, so wie hier, und man wähnt sich an fernen Orten. Nicht zuletzt dank der weit verhallten weiblichen Stimme. Die Guiroeinsätze sind so gemischt, dass es nach Grillen im Gras klingt. Ab genau zwei Minuten wird aus dem laid back-Stück dann ein rasanteres Abenteuer. Feuer unter den Füßen und Regenwald im Bauch. So ist das hier, nebst der Bewusstseinserweiterung im Hinterkopf von Aldous Huxley. Allerdings instrumental gehalten. (5/5) Ein weiteres Highlight.
„Wires and Watchtowers“ dann wieder durchzogen von Reggae, diesmal mit der angenehmen Stimme von Sista Pat. Erinnert mich ein Stückweit an „Release The Pressure“ von Leftfield. Nicht im Einzelnen, aber doch ein bisschen. Das muss jedoch in diesem Fall nicht schlecht für die Corporation sein. Im Gegenteil. Erneut wieder auf den Text hören! Lohnt sich. (5/5) Nicht zuletzt wegen der schönen Hörner, die hier gekonnt eingesetzt sind.
„The Supreme Illusion“ ist Instrumentaltrack Nummer 4 und vereint ein Stück Banghra mit Dubelementen. Es wummert gehörig in der Tieftonbox, und so soll es sein. Deutlich indisch angehaucht, bewirkt dieser Track etwas Beeindruckendes, er wird unterschwellig im Laufe der Zeit immer klarer. Dabei ist das nur klitzeklein graduell, aber es macht sich bei mehrmaligem Hören dann deutlicher bemerkbar. Sehr abwechslungsreich ist dieser Track nicht, aber er hat eine gewisse, nun: lasst es mich Aura nennen. (4/5).
„The Time We Lost Our Way“ klingt loungig. Wirklich, hier trifft es zu, natürlich auch, weil Loulou ein bisschen so singt, als sei sie sehr entspannt. Die Bläser tun das Übrige. Allerdings ist mir persönlich der Song ein wenig zu voll gepackt. Darf man nicht unbedingt über Kopfhörer lauschen, macht sich im Hintergrund besser als bewusst wahrgenommen. (3/5)
„A Gentle Dissolve“ bildet den Ausklang des Albums. Instrumental gehalten, treffen wir erneut auf psychedelische Rhodes und auf ein Gesamtkonzept, das auch ein wenig an Portishead erinnert (minus Stimme und abgesehen von den Bläsern, die hier vorhanden sind). Schöne Kombi, synthethische Stringpads und spaciges Gequirrle, immer wieder eine Menge Arpeggios und relaxtes Delay. So soll es sein, so darf ein Album zu Ende gehen. So hat es uns Spaß gemacht. (5/5)
*** Das Fazit ***
Man muss es den Thievery-Jungs lassen, sie haben einen wunderschönen Kosmos für uns aufgezogen, der wirkt schlüssig, überrascht, verwundert hier und da und schließt als Kreis. Dort loszulegen, wo man begonnen hat in diesem Spiel, das ist schön arrangiert. Ich bin begeistert, war es vom ersten Hören an und bin es immer noch. Dass in den einzelnen Songs so viele Elemente aus verschiedenen Stilen eingewoben sind, lohnt allein den Kauf. Vor allem aber auch, dass sich die Gastvokalisten so nahtlos in die Songs einpassen, dass alles live eingespielt klingt (und ja auch ist) – abgesehen von wenigen Loops – macht diese Platte so empfehlenswert. Abraten würde ich dennoch Ohren, die sich an das ewige Tapedelay nicht gewöhnen wollen, es als störend empfinden oder Rhodes und Bläser für überholte Instrumente halten (sie sind es nicht, wie ich finde). Besonders positiv fallen mir der Bass und insgesamt der Mix auf. Hier haben Tontechniker und Thievery Corporation gewohnt solide Arbeit geleistet. Die Zusammenstellung des Longplayers wirkt durchdacht und überzeugt durchgehend.
Die Überschrift kündigt es an: Der Kosmos ist rund, und die Welt eine Scheibe. Auf der Scheibe steht Thievery Corporation und lässt sich ohne Langeweile immer wieder hören. Traut euren Ohren: manchmal ist musikalischer Meltingpott so einfach. Und wisst ihr was, wir brauchen dem Kinde keinen Namen geben. Lasst das die Kritiker besorgen. Wir erfreuen uns schlicht an der wunderschönen Musik und danken Garza und Hilton für diese Bewusstseinserweiterung. Ja, da ciaots ihr, gelt?!
** Fakten **
Thievery Corporation – The Cosmic Game ESL (Eighteenth Street Lounge) / Sony Seit 22.02.2005 Länge: 62:48 Preis: ab 12,99 (CD-Wow) bis 16,99 (Saturn) – alles andere ist Wucher. Online: www.thieverycorporation.com
Bewertung: Definitiv empfehlenswert.
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