Beatlemania Celtic style
28.03.2006
Pro:
Gute Musik, Gute Band
Kontra:
Tonqualität
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 Arieve
Über sich:
Mitglied seit:05.06.2002
Erfahrungsberichte:94
Vertrauende:11
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 26 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Dies ist ein Beitrag zur Aktion "Die Musik der 70er Jahre " von Demelza. So gesehen handelt es sich weniger um eine reine Plattenrezension, sondern eher um eine Kombination zwischen Plattenkritik und einem Überblick über die musikalischen Hintergründe, die sich in den 70er Jahren in Schottland abspielten. Es ist sicherlich interessant den Bandwerdegang, der wohl relativ typisch für diese Zeit ist, mit dem heutiger Stars zu vergleichen. Damals war alles ein wenig härter und schwerer, aber dafür wurden die Künstler von der Musikindustrie noch nicht ganz so sehr verheizt und die Bands, sowie ihre Musik waren auch wesentlich langlebiger. 1. Die Studentenband Anfang der 70er Jahre studieren die beiden Brüder Rory und Calum McDonald in Glasgow. Sie spielen in einigen Dance- und Coverbands um sich zum Studium ein Taschengeld zu verdienen, auch und besonders in ihren Ferien, die sie zu Hause, auf der Hebrideninsel Skye verbringen. Ein Hochzeitsfest Ende 1972 bringt besonders für Calum ein Schlüsselerlebnis mit sich. Nach dem Festessen singt der Sänger Angus McLeod Lieder in gälischer Sprache, der Muttersprache der McDonalds. Gerade im englischsprachigen Glasgow, wo die Hochzeit stattfindet, bildet diese Gesangsdarbietung ein einmaliges Erlebnis. Calum beschließt daher seinerseits auch Lieder in Gälisch zu schreiben und weniger in der populäreren englischen Sprache. Während der Studienzeit sind die Brüder McDonald allsonntäglich bei den Eltern eines Studienkollegen, Blair Douglas, eingeladen. Blair ist zwar ein begnadeter Akkordeonspieler, aber noch hat man nie zusammen musiziert, man gibt sich lieber Diskussionen über die gälische Tradition hin, denn Blair Douglas studiert schottische Geschichte. Eines Sonntags erklärt Blairs Mutter, dass sie für eine von ihr mitorganisierte Veranstaltung eine Tanzkapelle sucht. Die drei Freunde beschließen zu diesem Anlass eine eigene Band zu gründen, auch wenn bis zur Veranstaltung nur noch zwei Wochen Zeit bleiben. Man nennt sich "The Run Rig Dance Band" und spielt mit Gitarre, Akkordeon und Schlagzeug erfolgreich zum Tanz auf. Angespornt vom schnellen Erfolg beschließt man fortan zusammen auf möglichst vielen Veranstaltungen zu spielen, denn das bringt Geld in die strapazierte Studentenkasse. In den Semesterferien touren die Drei durch Skye, gewinnen erste Fans und träumen von größerem.
2. Ein neuer Sänger Nach einem erfolgreichen Gig kommt ein ehemaliger Mitschüler Calums auf die Drei zu und meint, die Musik sei zwar sehr schön, aber Calums Gesang doch ziemlich grauenhaft. Die Band fragt zurück, ob der Kritiker es denn besser könne und ja, er kann es besser. So kommt Donnie Munro zur Band, die sich inzwischen schlicht "Runrig" nennt, und soll ihr viele Jahre lang als charismatischer Sänger erhalten bleiben. Allerdings träumen die vier Schotten immer mehr davon weg von den traditionellen Tänzen und Coversongs bekannter Rockgrößen hin zu eigenen, möglichst gälischen Liedern zu kommen. Man kratzt also etwas Geld zusammen und nimmt in einem Tonstudio einige selbst geschriebene, gälische Lieder auf. Leider kann die Band mit ihrem Demotape bei keiner Plattenfirma landen, auch nicht bei solchen mit gälischem Kontext. Die Wende bringt das Jahr 1975 als Rory und Calum McDonald mit dem Song "Sguaban Arbhair" beim BBC Gaelic Song Contest den zweiten Preis gewinnen, welchen sie aber nicht selbst performen. Dieser Erfolg führt dazu, dass man 1977 einen Plattenvertrag über ein Album beim Label Lismore Records bekommt. Im Mai diesen Jahres wird dann das Album "Play Gaelic" aufgenommen und man ist glücklich. Endlich hat man was man immer wollte: Anspruchsvollere Lieder in gälischer Sprache und eine Basis auf Erfolg als Musiker, doch die Platte floppt noch bevor sie überhaupt erscheinen kann. 3. Scheideweg Das Publikum, besonders auch auf der Insel Skye, die eigentlich gälischer Heimatboden ist, will die Songs nicht hören. Man fragt immer wieder was denn mit der Band los sei und zeigt sich erst wieder zufrieden, als die Band wieder die alten Dance- Und Covernummern rauskramt. Die Tatsache, dass die Kritiker der Zeitungen für das Album fast durchweg nur Lob übrig haben hilft der Band wenig über ihre Enttäuschung und Traurigkeit hinweg. Immerhin bekommen sie daraufhin das Angebot als feste Band der TV-Show "Cuir Car" tätig zu werden, was den Bandmitgliedern den Sprung in die Professionalität erlauben würde. Musikalisch gesehen ist man damit zwar alles andere als glücklich, aber es bringt gutes Geld, also entscheidet man sich dafür. Blair Douglas hält diesen Job jedoch nicht lange durch. Musikalisch unzufrieden und um seinen Ruf als ernstzunehmender Musiker fürchtend wirft er nach drei Monaten das Handtuch und wird durch den Multiinstrumentalist Malcolm Jones ersetzt. Trotz chronischem Geldmangel träumt man immer öfter davon ein zweites Album zu veröffentlichen und dabei alles selbst in die Hand nehmen und entscheiden zu dürfen. Man beschließt auf volles Risiko zu gehen, leiht sich im April 1979 8000 Pfund von der Bank und gründet das eigene Independent Label "Ridge Records", um zwei Monate später elf neue Songs aufzunehmen, die dann im September auf dem Album "The Highland Connection" erscheinen. Es handelt sich dabei erstmals um eine Mischung aus gälischen und englischen Songs, die allesamt irgendwo zwischen Folk, Rock und etwas Pop angesiedelt sind. Die Tonqualität ist zwar nicht die beste, aber das tut dem Erfolg keinerlei Abbruch. Im November 1979 feiert die Band dann ihren bis dahin größten Erfolg. Sie spielen im "Eden Court Theatre" in Inverness vor ausverkauftem Haus (immerhin mit 900 Sitzen bestuhlt) und die Presse feiert die Band mit den Worten "It was Beatlemania Celtic style"
4. Line Up 1979 Donnie Munro - Lead Vocals Malcolm Jones - Guitars, Bagpipes, Mandoline Rory McDonald - Vocals, Bass, Akkordeon, Songwriting Calum McDonald - Drums, Songwriting 5. Das Booklett Das Booklett ist aus kartoniertem Hochglanzpapier und enthält alle Songtexte, sowie einige Fotos der Band aus dieser Zeit. Die Frisuren der Bandmitglieder sind teilweise ziemlich lustig anzuschauen, aber das gilt natürlich nur aus heutiger Sicht. Alles in allem macht die CD mit dem Gegenlichtfoto der Band vor einem Sonneuntergang einen sehr amateurhaften Eindruck, aber es kommt ja mehr auf den Inhalt an, oder?
6. Die Songs Gamhna Gealla Dieses von Runrig bearbeitete Traditional geht gleich rockig los. Über einem Teppich von E-Gitarre und Schlagzeug singt Donnie, wobei seine Stimme nicht wirklich zur Geltung kommt. Allerdings hört man hier schon ein wenig den Style heraus, an dem sich Runrig auch in Zukunft bei ihren gälischen Liedern orientieren wird. Der Song kommt dabei sehr eingängig rüber, könnte aber etwas abwechslungsreicher sein, da hilft das Gitarrensolo in der Mitte auch nicht so sehr viel drüber weg. 6/10 Mairi Dieser Song ist schon etwas popiger geraten, wenn er auch trotzdem noch recht rockig rüberkommt. Man hört besonders die Mandoline und das Akkordeon heraus und auch wenn Donnie hier lange noch nicht diesen zarten Schmelz hat, wie auf späteren Alben, so ist das doch unverkennbar Donnie, der hier singt. 8/10
What Time Ein rockiges Instrumentalstück aus der Feder von Malcolm Jones. Sehr schön die treibende E-Gitarre, die nicht langweilig wird. Das ist zwar noch lange nicht "The Engine Room", Malcolms Kracher auf der "Stamping Ground", aber doch ganz die richtige Richtung. 7/10 Fichead Bliadhna/Na Luing Air Seoladh Hier übernimmt Rory das Mikrophon und singt sehr gefühlvoll dieses sehr abwechlungsreiche Stück, in dem sich Malcolm wieder mal schön an seiner E-Gitarre austoben darf. Das von Malcolm komponierte Ende lässt das Stück instrumental ausklingen, wobei vorher noch ein gälischer Text vorgetragen wird. Hier hat man also wieder mal alles in einem einzigen Song. Das alles kommt sehr stimmungsvoll rüber und ist wie gesagt sehr abwechslungsreich. Daumen deutlich rauf! 9/10
Loch Lomond OK, wegen diesem Stück habe ich mir damals die CD eigentlich gekauft und war danach bitter enttäuscht. Leider hat diese Ur-Version des von Runrig arrangierten Traditionals wenig mit den heutigen Versionen zu tun, die einen eins ums andere Mal mitreißen. Statt dessen haben wir es hier mit einer Art "Beatles meets Loch Lomond" zu tun. Für Kenner des Songs ziemlich gewöhnungsbedürftig, aber objektiv betrachtet gar nicht mal so übel, wenn auch recht höhepunktarm und flach dargeboten. 7/10 Na H-Uain A's T-Earrach Sehr erdiger Rocksong, der in einen mehrstimmigen Gesang mündet. Wie immer bei gälischen Songs sind die Songstrukturen etwas einfach gehalten, aber der Song hat ordentlich Schmiss und reißt spätestens beim Refrain mit. Den Song wollte ich gerne mal neu bearbeitet hören, das käme bestimmt ziemlich gut. 8/10
Foghar Nan Eilean Eigentlich ist das hier die erste wirkliche Ballade auf dem Album und anders als auf späteren Alben ohne Donnies charismatische Stimme. Das zeigt aber auch, dass Rory eine schöne Stimme hat, die auch eine solche gitarrenlastige Popballade schmücken kann. Auffällig ist die sehr sparsame Instrumentierung, nur mit Malcom an der Akustischen Gitarre und ohne Schlagwerk. Einfach zum Träumen schön. 9/10 The Twenty-Five Pounder Was hier so spassig, locker und tanzfördernd daherkommt, mausert sich nach einiger Zeit dank Backpipes zu einem treibenden Intrumentalsong, der allerdings ab dem Mittelteil eine Steigerung verdient hätte, die zwar dann gegen Ende noch kommt, den Song aber mehr oder weniger etwas eintönig scheinen lässt, aber sei es drum. Die Füße wollen nicht stillstehen und das ist doch die Hauptsache! 9/10
Going Home Diese gefühlvolle Popballade ist eine der ersten Kompositionen der Brüder McDonald, noch aus den absoluten Anfängen während ihrer Studentenzeit. Dieser Song ist aber so zeitlos schön, dass er sich über die Jahre gehalten hat und selbst heute noch bei Konzerten teilweise zum Einsatz kommt. Die vielleicht schönste Interpretation dieses Stückes ist live auf der CD "Once in a Lifetime" zu hören, aber auch das Original hat das gewisse etwas. 10/10 Morning Tide Selber Stil wie der Song zuvor, nur eine ganze Kante rockiger - so könnte man dieses Lied beschreiben. Es klingt zwar schon ein wenig nach Mainstream, aber das meine ich jetzt nicht eben negativ. Die Melodie ist eingängig und zusammen mit Malcolms kreativer Gitarre würde dieses Lied sicher jedem Oldiesender alle Ehre machen. Schade, dass Runrig im radio so gut wie nie gespielt wird. 9/10
Cearcal A Chuain Endlich eine Ballade, bei der Donnies Stimme mal wirklich super zur Geltung kommt! Das ist eine dieser Schmelzballaden, bei der man nur bei geschlossenen Augen träumen und vor Rührung ein Tränchen abdrücken kann. Ein mehr als würdiger Abschluss für dieses außergewöhnliche Album. 7. Fazit Gut, mit Runrig, wie wir sie heute kennen hat dieses Album recht wenig gemein. Die Tonqualität ist eher bescheiden und alles klingt ein wenig erdig. Aber bei näherer Betrachtung gewinnt die Platte ungemein. Die Songs sind vielseitig, genau die richtige Mischung aus rockig, folkig und poppig, die selbe gute Mischung, mit der uns die Band heute noch erfreut. Man hört schon deutliche Anklänge an den heutigen Sound, auch wenn der ausgesprochene Runrig-Sound erst beim Nachfolgealbum "Recovery" so richtig festgeklopft wurde. Aus der Masse des Hit-Einheitsbreis hebt sich das Album allemal mühelos heraus. Wer sich für die 70er interessiert, kein Problem mit dem damaligen Sound hat, oder einfach Lust hat die Bandgeschichte dieser schottischen Ausnahmemusiker hörenderweise zu verfolgen, kommt an diesem Album eigentlich kaum vorbei. Es ist schon hochinteressant wie es der Band gelungen ist heute so ganz anders und doch unheimlich gleich zu klingen und von allem im absolut besten Sinne.
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11.08.2006 14:15
Runrig kommt am besten live rüber, wenn die Jungs es richtig krachen lassen. Daher sind die Live-Versionen von "Loch Lomond" auch besser als die alte Studioversion. Ohne Munroe als Sänger gefallen mir die Sachen leider nicht mehr so gut. Rockmusik mit schottischen und gälischen Elementen, dazu ein Sänger mit einer Stimmlage wie Karel Gott. Das war geil.
07.05.2006 22:45
einerseits finde ich es ja gut, das Calum ab und zu singt bzw. mitsingt - auf Dauer könnte ich ihn mir ja nicht als Sänger vorstellen. ;-)
06.04.2006 14:22
schöner bericht über eine klasse band....lg andrea