A Resonance of Emerald – A Rush of Cochineal
02.03.2004
Pro:
Vielgestaltig und fast durchgängig auf hohem Niveau
Kontra:
Klanglich eher mäßig
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 Wysiwyg
Über sich:
Löwinnen an die Leine!
Mitglied seit:25.03.2002
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A Route of Evanescence With a revolving Wheel – A Resonance of Emerald – A Rush of Cochineal – And every blossom on the Bush Adjusts it’s tumbled head – The mail from Tunis, probably, A easy Morning’s ride –
Emily Dickinson, ca. 1879 Ich sitze hier in diesem stillen Haus, den Füller in der Hand, den Du mir einmal mitgebracht hast, weil Dir die Cloisonné-Arbeiten auf dem Schaft so gut gefallen haben. Das Feuer im Kamin brennt kaum noch; manchmal knackt das Holz verstohlen, manchmal setzt es sich, und kleine verbrannte Teile fallen knisternd ab und in die Asche; und irgendwo läuft „Headlines and Deadlines“ von A-ha. Es ist so etwas wie eine Zwischenbilanz, und darum enthält diese Zusammenstellung auch ein paar langweilige Lieder, die uns nur deshalb interessieren, weil sie den unverwechselbaren Tonfall der Gruppe transportieren. Erst wenn man diesen Grundton kennt und ihn lieben gelernt hat, kann man sich in die kargen Gebiete vorwagen, bis man schließlich bei „Memorial Beach“ landet, das, seltsam genug, kaum zwei Jahre nach dieser Zwischenbilanz erschien. Sind die headlines und deadlines in unserem Leben, wenn wir uns denn ihrer bewußt werden, wirklich zuweilen auch Muster für unsere eigene Zukunft und nicht nur für die Vergangenheit? Wenn ich diese Stücke heute höre, erscheint mir ihr vielfach gebrochener Optimismus so schmerzlich, wie er vermutlich damals gemeint war, aber inzwischen weiß ich, wie er sich anfühlt.
Nimm nur „Manhatten Skyline“ mit den langen Passagen, die klingen wie ein Marsch durch splitterndes Glas, das aufstiebt und dann langsam, wie in Zeitlupe auf den hämmernden Rhythmus des Schlagzeugs niederregnet. Ist Dir aufgefallen, daß alleine Mortens Stimme – die sich hier einmal in den gewöhnlichen Tonlagen versucht, zwischendurch – diese Verlangsamung der Zeit bewirkt und damit eine Intensivierung, wie sie das Aufstieben und Niederregnen des Glases alleine nie erreicht hätte. Es mag Augenblicke geben – ich sehe es zuweilen Deinen Augen an –, in denen Du Dir der Schmerzen bewußt bist als etwas, das eigentlich nichts mit Dir und mir zu tun haben sollte, und dich, während Du Dich noch auf mir oder unter mir bewegst, fragst, warum Du das eigentlich tust; und während sich in diesem Augenblicken die Bewegungen für uns beide scheinbar verlangsamen(so schnell denken wir, nicht wahr?), erinnern wir uns wieder, warum alles das notwendig ist und unausweichlich: wir würden die Schönheit dieses Gewitters niemals erleben, wenn wir es nicht aushalten könnten – jeden einzelnen Moment. Es gibt entspanntere Augenblicke, wie das kontemplative „Early Morning“, das sich über einem Klangteppich aus schlichtem Schlagzeuggezirpe und feinen Gitarrenakkorden aus vielen kleinen Momenten zusammensetzt die kurz aufleuchten und wieder verschwinden wie manche Mosaiksteine unter der schnell vorüberwandernden Sonne. Es hat etwas Traumverlorenes, dieses Stück, etwas fast zwanghaft Entrücktes, wie in einem sanften Rausch, der leicht ermüdend wirken könnte, würde nicht Mortens unfaßbare klare Stimme die Reflexe von Licht und Schatten akzentuieren. Ich liebe die Augenblicke, in denen ich Dich in der Dunkelheit nehme, in denen es so scheint, als wäre mir nur das zugänglich, was ich gerade sehe, ein flüchtiges Aufleuchten in der wohligen Dämmerung, als müßte ich etwas begreifen, um es zu kennen, den zarten Widerstand Deiner eigensinnigen Brüste, die freche Weichheit Deiner Unterlippe, Deiner Zunge zwischen meinen Zähnen und dahinter der erschreckt keuchende Atem, der mir warm und vertraut in die Nase steigt. Ich weiß nicht, warum andere gerade dieses Stück für so schwach halten. Es ist ein gelassen ausgespielter kleiner Nachtmahr, zwischen Nacht und Dämmerung, an einem sehr frühen Morgen, an dem die Welt noch nicht richtig wach ist. Und Du, Liebste, liegst erschöpft da inmitten schützender Weichheit, und da ist nur ein schlanker Arm mit seinem herzergreifenden anmutigen Bogen, der sich auffächert in eine unendlich geschickte, zupackende Hand. Oder die anmutige Vollkommenheit Deines Ohrs unter einer Kaskade von eigenwilligen Haaren oder die traumvollendete sinnliche Kurve Deiner bloß liegenden Flanke vor dem diffusen Licht eines neuen Tages.
Und dann, als hätte alles auf diesen Augenblick zugestrebt, der energische Höhepunkt von „Hunting High and Low“, dessen kreiselnde Musik unsere nach Luft schnappende Seele nach allen Richtungen gleichzeitig zerrt. Zuerst nur Stimme über sparsamem Hintergrund, der sich dann verteilt auf etliche Instrumente, die schnell nach allen möglichen Richtungen fortstreben, bis schließlich im Refrain Mortens Stimme selber sich aufzulösen scheint in auseinanderflatternde Bänder von Klang und Wohllaut, als könnten wir wirklich alles gleichzeitig. Das Herz ist ein einsamer Jäger, heißt ein merkwürdiges Buch. Es kann überall zugleich sein, aber es verliert sich nicht, und so wird auch dieses Lied am Ende durch eine energische Streicherkadenz bündig zusammengefaßt: aber wozu? Vielleicht ist es der Augenblick, in dem Du „bitte“ sagst, weil Du endlich begriffen hast, welche Ruhe in diesem einen Wort liegt und welch ein leidenschaftlicher Frieden: wärest Du anders, als Du bist, würdest Du vielleicht weinen vor Glück und Erleichterung. Aber das lernen wir vielleicht noch. Ich muß jetzt nicht über jedes einzelne Stück auf dieser CD schreiben, denke ich. Jeder zieht seine eigene Zwischenbilanz und errechnet seine eigene Summe, die für ihn ausreicht: bei aller Härte, die ich selbst auslebe, liegen mir doch die lyrischen und tänzerischen Stücke mehr als die harten. Aber es gibt Ausnahmen wie das dahinstürmende „I’ve been loosing you“ mit seinem bitteren Optimismus oder das sehr rhythmische „The Living Daylights“ Am Ende, glaube ich, kann man sich mit allen 16 Stücken auf der CD vertraut machen und sie liebgewinnen. Es liegt vielleicht daran, daß es eine so organische und lebendige Zusammenstellung ist, die sich tatsächlich, je öfter ich sie höre, zu einem Bild fügt, zu einem Eindruck von bestürzender Realität. So wie ich Dich kennenlerne. Du bist so unfaßbar richtig so wie Du bist. Anders kann ich es nicht sagen. Es erscheint mir wie die lebenslange Bewunderung eines vollkommenen Kunstwerkes. Es verändert uns selbst. Der David in Florenz ist nicht richtig proportioniert, weil er aus einem verdorbenen Stück Marmor befreit werden mußte. So sind die Hände und die Füße zu groß, die Hüften zugleich wuchtig und fragil. Und doch erscheint er uns schön und vollkommen richtig so, je länger wir mit ihm umgehen. Ein wenig berühren die Menschen, die wir lieben, so unsere Seelen und verwandeln sie ein für allemal.
„Crying in the rain“ ist ein fast vollkommenes Werk. Aber diese Fassung ist ein wenig, sagen wir, oberflächlich. Die Geräuschkulisse eines Gewitters zu Beginn und am Ende des Songs ist platt und lächerlich. Schließlich kann er ganz für sich selbst stehen. Nie wieder ist es A-ha so überzeugend gelungen, die ganze Welt des Schmerzes so schnell und so gründlich auszuschreiten, von dem lyrischen und sehr verhaltenen Beginn bis zum Wolfsheulen (erinnere Dich an „Cry Wolf“, auch auf dieser CD) und zur subtilen Steigerung dazwischen und danach. Erinnere Dich daran, wenn ich Dir die Tränen von den Augen küsse. Was noch? Die klaren Akkorde, die „I call your name“ einleiten – leider stört hier das Schlagzeug mehr, als das es nützt –, bis sie von einer strahlenden Trompete übertönt werden und sich schließlich auflösen in einen Wald von Klängen, durch den die seltsam grüblerische Stimme von Morten schlendert; das ist ein selten sauberes und klares Stück. Wir werden diesem Muster immer wieder in ihrem Werk begegnen. Zu den schönsten Augenblicken gehört für mich jede Passage, in denen sich die ruhig schreitenden Akkorde auflösen in ein klar strukturiertes Getümmel von Synkopen (eigentlich für A-ha ganz und gar nicht typisch). Das, denke ich immer, ist die Schönheit der zügellosen Freiheit.
Oder das offenbar nicht tot zu kriegende „Stay on these Roads“, das sich irgendwie so sehr von A-ha abgelöst hat, daß es sich in jede Kuschel-Kompilation schleicht. Es in diesem Zusammenhang, auf dieser CD wieder zu hören, verleiht ihm eine unerwartete Frische und Intensität, ja, sogar die innere Logik, die sich durch unbewußtes Hören abgeschliffen hat wie ein Bachkiesel, wird hier wieder aufgebrochen zu einer heben Schönheit. Je öfter ich dieses Lied höre, desto sicherer bin ich mir, wieviel ich darin von Dir wiederfinde. Deinen Optimismus, der durch Anspannung und Selbstironie farbenreich gebrochen ist, ohne sein innerstes Wesen auszubluten. Die heitere Leidenschaft, die fast immer ein klein wenig neben sich steht und sich selbst beobachtet, bis auf die Augenblicke vielleicht, in denen Du dich ganz hingibst und die Gewißheit erzwingst, daß ich alles mit Dir mache, was ich will, damit Du dich ganz verströmen kannst – so und so. Die vergrübelte Stille nach drei Minuten, die freilich nicht lange anhält, bis Morten einen einzigen Klang zu unglaublich lange aushält wie Du einen einzigen Blick aus Deinen Augen, die dann funkeln vor Übermut und Zärtlichkeit. Und, was soll ich sagen, dieses Lied beginnt ohne große Einleitung: das Schlagen eines aufgeregten Herzens, und schon sind wir mitten im vollen Leben, in einer unerwarteten Intensität von Glück und Unbekümmertheit (der wir erst später ablauschen, wieviel Schmerz sie in sich trägt), und so geht es immer weiter – aber dieses Lied hat kein Ende. Es wird nur leiser und entfernt sich von uns oder wir uns von ihm (auch das ist für A-ha untypisch), aber es hört nicht auf. Nicht, nie, niemals, würdest Du sagen. Oder, am Ende – und dann habe ich noch gar nichts gesagt über den Anfang, der gleich loslegt mit „Take on me“, aber das verbeiße ich mir jetzt, weil gleich dem Füller die Tinte ausgeht, und außerdem tut mir die Hand weh (einmal absetzen jetzt...) – die grandiosen Akkordfolgen und die unendlich lange ausgehaltenen und einfach nicht enden wollenden Textzeilen von „The sun always shines on TV“. Hier passiert es wieder: gegen die unerbittlich voranstürmende Wucht der Begleitung schafft die unendlich klare Stimme von Morten eine subtile Verlangsamung der Zeit, so daß wir unmerklich hineingezogen werden wie durch einen Sog, dessen wir uns kaum bewußt werden, weil er so trügerisch schön und zwingend klingt, und erst mit dem Schlag der Schlußglocke wachen wir auf, on the cold hill’s side. Es gibt Augenblicke in diesem Lied, so etwa nach knapp einer Minute, wo Morten einen Ton aushält, bis unsere Seele gedehnt ist zu einer schmerzvollen Durchsichtigkeit, von einer solchen feinen Spannung, wie die Gruppe das kaum jemals wieder erreicht hat (es mag sehr despektierlich klingen, aber es erinnert mich an die Augenblicke, in denen ich mich Deines aufregenden Hinterns bediene, in denen sich die kaum erträgliche Spannung in ein hartes Vorwärtsmarschieren verwandelt, um sich endlich aufzulösen in etwas, das – Ja, was?)
A-ha: Headlines and Deadlines The Hits of A-ha released 1991 1. Take on me 2. Cry Wolf 3. Touchy 4. You are the one [Remix] 5. Manhattan Skyline 6. The Blood that moves the Body 7. Early Morning 8. Hunting High and Low [Remix] 9. Move to Memphis 10. I‘ve been loosing you 11. The Living daylights 12. Crying in the rain 13. I call your name 14. Stay on these Roads 15. Train of Thought [Remix] 16. The Sun Always Shines On TV
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24.12.2007 01:58
Wie schön. Ich habe heute erstmals nach der CD hier bei ciao gesehen, vielleicht weil ich dazu schreiben könnte. Es lief soeben zum wiederholten Male (also im Rahmen des normalen Durchlaufs) die Nr. 4. So herrlich und leicht und beschwingt dennoch sehr mitreißend. Die recht intimen Assoziationen habe ich jetzt mal diskret überlesen, zu denen möchte ich mich nicht äußern, habe sie allerdings zur Kenntnis genommen. Schön ist das. Aber ich sagte das eingangs schon. Punkt. ;-)) Solche Texte sind selten genug hier.
14.04.2005 18:45
Erstaunlich. Interessanter Ansatz, aber sei versichert, man kann die Platte auch unter völlig anderen Aspekten hören...... Grüße! Lily
12.05.2004 10:16
crying in the rain ist tatsächlich beinahe vollkommen. wäre es vollkommen, würde ich es nicht so lieben, glaube ich.