Erfahrungsbericht über

Third - Portishead

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standing on the edge of a broken sky

5  26.10.2008 (27.10.2008)

Pro:
großartige Gefühlsmalereien

Kontra:
(keine Gefühlsduseleien)

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

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logan

Über sich: ROSE KEMP 'Flawless', TORI AMOS 'Raining Blood', LED ZEPPELIN 'Dazed And Confused', MOTÖRHEAD 'Back ...

Mitglied seit:21.02.2000

Erfahrungsberichte:805

Vertrauende:116

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 75 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

PORTISHEAD sind zurück, nach vielen, vielen Jahren, einer halben Ewigkeit.
Bevor die Frage aufkommt: "Können sie's noch?" - Ja, sie können es noch. "Third" ist progressiv wie eh und je, also anders als bisherige Alben, und vielleicht sogar noch mehr so. Es klingt abgründig, und über weiteste Strecken düsterer und härter als das bisherige Œuvre der Kreativschmiede.

Die Frage, die sich vielmehr stellt, ist: "Was haben sie mitgebracht aus der halben Ewigkeit?"
Nun, offenbar waren die Musiker diesesmal ganz weit draußen. Aber sie geben uns keineswegs die Reiseführer. Im Gegenteil könnte man meinen, dass sie uns etwas mitgebracht, die Eiseskälte des Weltalls von überallher zusammengezogen hätten, um damit das Herz des Hörers langsam einzumauern. Und dann mit den spindeldürren Grabefingern eines verstörten Maulwurfs blind darin herumzutasten. Kribbel. Krabbel. Verloren in der unglaublichen Weite fortschreitender Isolation. Inner Space als Gefängnis. Aus die Maus vom Hippietraum glorreicher Selbsterkenntnis und Allverbundenheit, und die kosmische Katze ward nichtmal gesehen... Kein Instinkt mehr, nurnoch nacktes Leben, oder das was davon übrigbleibt im Seelendunkel. Der Verstand entgleitet, driftet davon, kantapper, kantapper in den Wald hinein. Und ward nicht mehr gesehen.

Aber von vorne, oder dem was man beduselt vom dritten Schlag noch dafür halten mag.
Vielleicht vermitteln einige Zitate noch am ehesten ein Gefühl für das Album: "inside my head", "falling through changes", "standing on the edge of a broken sky", "I don't know", "I don't see nothing good", "I never had the chance to explain exactly what I meant", "it's grinding down the view", "there is no other place, no one else I face", "I'm always so unsure".
Mit Weinerlichkeit hat das jedoch wenig zu tun. Eher mit Expressionismus.


Der Seelenkäfig, der von PORTISHEAD errichtet wird, oder besser gesagt: das paradoxe weil weitläufig-klaustrophobische Labyrinth, ist eher virtuell als materiell, eher spröde als massiv, wird jedoch eher körperlich als theoretisch begreifbar, ist nicht metaphysisch sondern psychosomatisch.
Interessant und verstörend ist der Gegensatz zwischen Beth Gibbons' fragiler Stimme und dem basslastigen Beat-, Instrumental- und Effekt-Geflecht. Auch die einzelnen Stücke könnten unterschiedlicher kaum sein: Da sind zum einen die auf Akustikgitarre und Schöngesang aufgebauten Stücke, die sich von einer eher traditionellen musikalischen Grundsubstanz nähren, die jedoch beständig mutiert. Und zum anderen sind da die kantigen, psychedelischen, erdrückenden, und erstmals sogar mitunter monolithisch anmutenden, Stücke, in denen Gibbons' Gesang nur noch einen lebendigen Faden durch das Dickicht des Abstrakten abrollt. Und doch fügen sich diese Einzelstücke, obgleich einzelne darunter so abrupt wie ein Cliffhanger oder gar Absturz abbrechen, wundersam zueinander. Ganz großes Kopfkino also, wenn auch mit unerwarteten Szenenwechseln.


Mehr stichprobenartig punktierend als exemplarisch repräsentativ (was angesichts der gebotenen Vielfalt unmöglich ist) seien hier einige Auszüge angesprochen:
Da findet sich als #4 'The Rip', von Beth so ähnlich intoniert, wie man es sich auch von Margo Timmins von den COWBOY JUNKIES vorstellen könnte, und wo sie den Refrain aus 'Wild Horses' von den ROLLING STONES ins textliche Gegenteil wendet, natürlich als bloßes Zitat in einem anderen Kontext.
Da kann man zu #6, 'We Carry On', ganze Heerscharen zerschossener Geister am geistigen Auge vorüberdefilieren sehen.
Als vielleicht extremste Nummer des Albums verschlingt #8 'Machine Gun' den Hörer mit Haut und Haaren und vermittelt aus geringster Distanz das Gefühl, komplett aus der Welt zu kippen.
Die schwurbelige #10 'Magic Doors' rührt sogar eine Abart von BEATLES-Psychedelik mit in den Mix, zudem auch verstörend panzerglasverschmierende Saxofonschlieren.
Die doomig wimmernde #11 ergeht sich zum Abschluss in mantraartiger Wiederholung, bis sich ihre Sinnfäden im Ungewissen verlieren: "I'm always so uns... always so uns... always so uns... always so uns... always so uns.. always so unsure".
Sicher ist indes, dass PORTISHEAD mit "Third" ein ganz großer Wurf gelungen ist. Die gedämpften Neunziger mit dem elegant-leichtfingrig-eklektischen Griff ins bunte Sammelsurium der Absonderlichkeiten sind unwiederbringlich vorbei. Statt schummrig-vagen Soundteppichen regiert hier eine konkret-umrissene Formensprache. Mit zuweilen eiserner Hand sogar, aber dabei einem abstrakten Expressionismus frönend, der die Strenge seiner Formen transzendiert. Harte Musik für harte Zeiten, aber immernoch unverkennbar aus der kreativen Feder der Soundpioniere aus Bristol.


Am besten hört man solche Musik wohl nachts im Bett mit Blick aus dem Fenster, oder im Schlafsack eingehüllt mit Blick in den unverstellten dunklen Himmel.
Die meisten Stücke sind, um sie gediegen vor dem Kamin zu hören, zu unruhig und, obschon phasenweise tanzbar, für die Clubs zu tiefsinnig in ihrer eher subtilen Härte. PORTISHEAD entzogen sich zwar seit jeher Kategorisierungen, auch wenn sie den Trip Hop prägten wie kaum eine andere Formation; doch bei "Third" fällt das noch stärker ins Gewicht. Auch hier findet sich wieder einiges an völlig umgedeuteten Zitaten, wie etwa kastagnettenartige Rhythmen ohne Folklorebezug, wummernde Beats jenseits von Techno-Extase, Industrial-Überfälle ohne Trent-Reznor-Plakativität, Psychedelik ohne Soloexzesse, Trance ohne Öffnung, Weitläufigkeit ohne Panoramablick.


PORTISHEAD hat gute Aussichten, mit "Third" mein persönliches Album des Jahres 2008 geliefert zu haben.

Anspieltipps:
The Rip, We Carry On, Deep Water, Machine Gun.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
postth

postth

20.01.2009 13:11

Erst mal danke dafür, dass Du hier diesen Bericht über eine nicht Mainstream-Band veröffentlicht hast. Ich finde, Du hast ganz gut die Stimmung der CD eingefangen. Dein Anspieltipp Machine Gun ist der einzige Song, den ich bislang mehrmals gehört habe. Er gewinnt deutlich mit jedem erneuten Hören. Ich finde ihn sperrig und eher düster. Der Kontrast zwischen Gibbons fast Folkmäßigem Gesang und dem Maschinensound ist extrem, macht aber einen gewissen Reiz aus! :-) Thomas

eyesinfog

eyesinfog

12.01.2009 22:05

Wird mir auch nie langweilig .)

hlemmur

hlemmur

15.11.2008 16:27

lecker.

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