This way? Better not!
30.07.2002
Pro:
Interpretin, Stimme, Songwriting
Kontra:
zu kommerziell geworden, zu billig
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
mehr
 songwriter
Über sich:
Mitglied seit:12.06.2001
Erfahrungsberichte:28
Vertrauende:3
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 21 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Wenn man mich fragte, was ich generell so toll an Jewel Kilcher finde, würde ich antworten: Ihre Songs, die zugleich zerbrechliche Schönheiten und kraftstrotzende Mitreißer sein können, ihre Stimme, die über jedes postpubertäre Gequake marketingverwöhnter Pop-Gören erhaben ist, ihren Stil, den sie angesichts ihrer Wurzeln irgendwo zwischen Folk und Country immer treu geblieben ist und ihr Selbstbewusstsein, mit dem sie es geschafft hat, sich in einer Business-Welt der computerisierten, seelenlosen Musik durchzusetzen mit qualitativ hochwertiger, handgemachter, tiefgründiger Musik. Gerne hätte ich diese Lobeshymne über die junge Dame aus Alaska auch angesichts ihrer jüngsten CD „This Way“ fortgesetzt, musste aber leider entdecken, dass auch eine Jewel, so sie denn erst einmal erfolgreich ist, dem Markt, dem Geld, dem Business nicht entrinnen kann. Natürlich macht sie immer noch tolle, handgemachte Musik irgendwo zwischen Folk, Country, Pop und Rock .... Moment mal, Rock? Damit wären wir schon genau bei dem ersten Knackpunkt an dieser CD. Jewel macht plötzlich Rock. Typischen Frauenrock à la Alannis Morissette, Meredith Brooks, Sheryl Crow. Sie ist also eine von denen (geworden). Schade! War sie vorher nicht einfach nur Jewel – eigenständig, abseits des Mainstream?
Ich will damit keinsfalls sagen, dass Alanis, Meredith und Sheryl keine gute Musik machen, im Gegenteil! Ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut vor jedem Interpreten, der noch selber eine Gitarre in die Hand nimmt, anstatt auf Computerbeats zu vertrauen und seine Songs selber schreibt. Aber sie vertreten eben eine bestimmte Richtung aus den Neunzigern, in der sich Frauen mit selbstgeschriebenen Songs sozusagen aufmachten, das Erbe eines Bruce Springsteen oder einer Melissa Etheridge anzutreten. Denn was haben alle Genannten gemeinsam? Sie machen höchst radiotauglichen, eingängigen Rock. Tolle Musik, die Hand und Fuß hat und erhaben über jedem Dancefloor-Gejammere aus der Konserve steht. Aber Jewel?
War sie es nicht, die mit ihrem Erstlingswerk „Pieces of You“ eine so eindringliche, atmosphärische, intime, im übertragenene Sinne zerbrechliche Platte abgeliefert hatte? Die kunstvoll mit ihrer Stimme ihr eigenes Ich nach außen kehrte, je nach inhaltlichem Erfordernis zwischen der heranreifenden Frau und dem Teenager-Kind hin- und herwechselt? Jene Jewel, die auf „Spirit“, ihrer zweiten CD, bewies, wie gut sich Radiotauglichkeit bzw. Mainstream und chrakteristische, unvergängliche Musik mit Herz und Seele vereinen lassen? Leider - und damit komme ich endlich zum eigentlichen Thema, nämlich der neuen CD – ist Jewel auf „This Way“ diesen Weg konsequent weiter gegangen, dem Titel getreu eben. Und was bekommen wir zu hören? Eingängigen Poprock, der zum einen Ohr rein und zum anderen rausgeht. Wie bei so vielen anderen – bei all den anderen, von denen sich Jewel zuvor so wohltuend abgesondert hatte.
Der Opener (und die erste Single) „Standing Still“ hat da noch am ehesten noch Qualitäten, die wir von Jewels Songs gewohnt sind, wenn er auch schon stark radiokonform daherkommt. Aber er hat eine Hookline (eingängige Melodielinie, die als charakteristisch für das Lied im Ohr bleibt), lebt von natürlichen Instrumenten (wenn auch gleich zu Anfang ein überflüssiges Drumloop dazwischenfunkt) und den Menschen, die sie bedienen. Jewels Stimme schwingt wie üblich sehr leidenschaftlich und gekonnt in allen Facetten, wie sie nur ein höchst emotioneller und qualitativ gesegneter Interpret wie Jewel bieten kann. Ein Vergleich mit den angesagten Pop-Sirenchen verbietet sich von selbst, da hier einfach in einer anderen Liga gespielt wird. Jewel, das hört man bei „Standing Still“ oder auch „Till We Run Out Of Road“ dem Titeltrack „This Way“ und „Cleveland“ wieder mal deutlich, das ist Stimme, Können und Fähigsein – nicht Effekte! Vom ersten Lied an wird die CD leider immer schwächer. Da kommt ein – wie originell! – „Everybody Needs Someone Sometime“ genanntes Stampf-Rock-Liedchen mit einem Refrain, den man einfallsloser als eben mit dem Songtitel gar nicht hätte ausfüllen können. Hier regiert Mittelmaß statt Seele.
Mit „Do You Want to Play“ wird es auch nicht besser. Poprock wie er mainstreamiger kaum noch geht. Überflüssig. Ebenso wie „Love Me, Just Leave Me...“ und „The New Wild West“, welches komplett schon mal gehört klingt und so billig daherkommt, dass es überhaupt nicht zu Jewel passen will. Besänftigen können dann aber noch Perlen wie „I Won’t Walk Away“ und „Break Me“. Da bietet sie wieder alles, was wir von ihr kennen: Diffiziles Arrangement, tolle Atmosphäre, eindringlicher Text, sinnliche Interpretation.
So ähnlich könnte man auch bei „Serve The Ego“ denken. Der Song beginnt mit einer ganz neuen, reiferen Seite an Jewels Stimme, ein Ausdruck ihrer Entwicklung und enormen Bandbreite. Doch dann versinkt der Song in Klischees und Schonmalgehörtem. Früher haben Jewels Songs mal von Atmosphäre und wenigen Instrumenten (sprich wohlüberlegtes Arrangieren der Instrumente) gelebt. Jetzt ist alles Standard: instrumentale Besetzung (Rockband), Songstrukturen (Popsongs), Interpretation (kommerziell). Das muss nicht heißen, dass es jetzt schlecht ist. Jewel macht meiner Meinung nach immer noch tausendmal bessere Musik als jede Sirene aus den Charts. Nur ist sie eben nicht mehr die alte. Und verlässt sich mehr auf die Kommerztauglichkeit ihres Tuns anstatt auf ihre alten Stärken, mit denen sie groß und bekannt geworden ist. Als sie 1999 mit Spirit tourte, war ich von ihrem Konzert begeistert, trotzdem es ein Sitzkonzert war. Oder gerade deswegen. Denn sie amchte Musik zum Zuhören, Träumen, Lauschen, auch zum Zusehen. Damals gab sie schon einen Ausblick auf das, was kommen sollte, als sie als Zugaben zwei oder drei „brandnew songs“ spielte in kompletter Rockband-Besetzung und auch dem Sound. Verzerrte Gitarren, angestrengtes Geschrei statt fragiler Gesang. Damals schon ein Schock, denn keines der Lieder blieb mir im Ohr hängen – ganz im Gegensatz zu all den Perlen auf ihren ersten beiden Platten.
Wer wissen will, womit Jewel groß geworden ist und was mal ihr Markenzeichen war – eindringlicher Gesang nur zur Akustikgitarre – der braucht nur die beiden letzten Lieder auf „This Way“ zu hören, „Grey Matter“ und „Sometimes It Be That Way“ sind Live Recordings. Jewel, so wie sie ist. Denn das ist es doch gerade: Jewel braucht das alles gar nicht, überladene Arrangement, stampfende Beats, sie alleine mit ihren Songs, Texten und ihrer Stimme überzeugt doch auf ganzer Linie! Als Musiker kann ich nur zu gut verstehen, dass man auch mal was anderes machen will, aber wenn der Trend dann immer mehr Richtung Mainstream geht wie bei „This Way“, ist es einfach nur noch schade. Erwähnenswert bleibt jedenfalls noch Jewels stimmliche Entwicklung, auf zwei Stücken singt sie sehr jazzy, wie man es von ihr gar nicht kennt. Sehr beeindruckend und wieder einmal ein Beleg dafür, um was für eine herausragende Künstlerin es sich hier handelt.
Fazit: Viel Durchschnitt, wenige wirkliche Genistreiche. Jewel macht viel kommerziellere Musik als vorher. Immer noch schreibt sie wunderschöne Songs, die nun zunehmend radiotauglich und mainstreamig daherkommen. Vielleicht wollte das junge Mädchen sich nach so vielen ruhigen, eindringlichen Songs einfach mal nur Austoben. Hoffen wir, dass es dabei bleibt.
Dennoch ist es eine CD, die es sich immer noch lohnt zu kaufen! Schöne, handgemachte Musik zum Zuhören oder im Hintergrundlaufenlassen. Nur wer auf die alten Qualitäten von Jewel hofft, wird, denke ich, enttäuscht werden.
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30.07.2002 01:39
Ein wirklich sehr guter Bericht..... Gruß..... Ken (Irland)
30.07.2002 01:39
du wirst nicht nur von bericht zu bericht besser sondern auch länger... - wann hast du denn das ganze geschrieben? ;-)
30.07.2002 01:38
Hallo, heute nacht bist du ja ziemlich aktiv. Mach weiter so! Klasse Bericht. Gruß, Peter