Imaginations From Both Sides
27.10.2005
Pro:
Abwechlsungsreich, gute Produktion, gute Kompositionen, hervorragender Gesang, genau getimte Rhythmusgitarre
Kontra:
Bisweilen monotone Rhythmusgitarre, leichte Schwächen im Abschluss, mangelhafte Soli, zweite Disc überflüssig
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
Häufigkeit der Nutzung
Dieser Tonträger ist:
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 Dash_HB
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:218
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 72 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Before The Vision. Ende der Neunziger. Der totgeglaubte Patient Heavy Metal labte sich an seiner an ein Wunder grenzenden Reinkarnation. Die Masterminds zweier erfolgreicher Bands sind dicke Kumpels. Nachdem man sich lange gegenseitig lobte und die Eier schaukelte, gebar man die Idee eines gemeinsamen Projektes, welches die Stärken beider Bands vermengen und so eine ureigene Melange kreieren sollte. Waffenbrüder im Geiste waren hierbei Jon Schaffer und Hansi Kürsch. Schaffers Powermetal-Band Iced Earth erhob sich aus der Schwemme des US-Metals und preschte mit epischen Düsteralben wie "The Dark Saga" (1996) und "Something Wicked This Way Comes" (1998) an die Spitze der internationalen Beliebtheitsskala. Er ist der Diktator, der Alleinbestimmende in "seiner" Band, der alle Songs schreibt und die Leadgitarre spielt. So wie der ureigene Sound seiner Kapelle einerseits die Headbanger verzückt, so lässt er andere in Langeweile krepieren. Auf der anderen Seite steht der Blind Guardian-Sänger und -Texter Kürsch, der in der demokratischen Fantasy-Metal-Band immer ein wenig schüchtern wirkt. Auch die Krefelder erfreuen sich einer globalen Popularität, ausgelöst vor allem durch symphonische Kompositionen wie "Imaginations From The Other Side" (1996) und der Silmarillion-Vertonung "Nightfall In Middle-Earth" (1998). Kaum ein deutscher Metalhead war niemals auf dem Guardian-Trip. Jedoch, mit der Wandlung vom kompromisslosen Speedmetal zum bombastischen Progressive vermehren sich auch im Vaterland die kritischen Stimmen. 1999 war noch alles Eierkuchen, alle hatten sich lieb. Schaffer und Kürsch allierten sich und releasten das gleichnamige Debutalbum ihres Projektes Demons & Wizards. Die Gefolgschaft rezepierte es zwiespältig. Die Meinungsvielfalt reichte von "Sterbenslangweilig" über "ganz okay, aber kein Brecher" bis zum inflationär genutzten "Meilenstein". Die beiden Kreativköpfe jedoch waren's zufrieden. Dennoch dauerte es sechs lange Jahre, bis 2005 der Nachfolger geschaffen wurde.
Into The Storm. Die Entstehung von "Touched By The Crimson King" hatte es nicht einfach. Der Terminplan beider Protagonisten ist sowas von pickepackevoll, dass man sich im Laufe der Monate und Jahre lediglich Bruchstücke des geschriebenen Materials per E-Mail zusandte. In Prä-WWW-Zeiten wäre ein Entstehen womöglich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Aber globale Vernetzung sei Dank, die Puzzelei fand ein Ende. Nach dem Kauf der CD ergötze sich der Konsument vorerst an der vorzüglichen Verpackung des Produktes. Ein edles Falt-Digipack, mit stimmigen Illustrationen und (fast) allen Songtexten im Booklet. Zwei Tonträger findet der Käufer der Limited Edition. Der erste Testlauf offenbart Erstaunliches. War das erste Album ein äußerst homogenes und kompaktes Werk, so schlugen Schaffer und Kürsch hier eine andere Richtung ein. Schon die ersten Takte klingen ungleich spektakulärer als gewohnt, mit Chor-Samples und einem hochgradig melodischen Refrain. Das Tempo variiert im Laufe der elf Songs sehr stark; von semiakustischen Balladen, über groovige Mid-Temp-Stampfer bis hin zu harschen Highspeed-Attacken ist das Spektrum komplett ausgeschöpft worden. Neu ist auch der schnelle Zugang zur Musik. Musste man beim Erstling schon einige Male gut zuhören, um die Faszination des Albums aufzudecken, erschließt sich hier beinahe jeder Song auf Anhieb. Ein Stück eingängiger. Beim Alten blieb lediglich der leichte Hang zu vertrackten Takt- und Tempiwechseln innerhalb der Stücke. Da schichten sich A Capella-Gesänge auf bombastischen Chören, eiskaltes Stakkatoriffing auf sachten Slide Guitars, brachiale Powerchords auf weichen Celloklängen, sachtes Flüstern auf hysterischem Geschrei, Doppelbass-Gehämmer auf HiHats-Gestreichel. Sänger Hansi lässt von seiner Haus- und Hofkapelle Blind Guardian also sowohl die musikalische als auch die gesangliche Progressivität einfließen, während Jon die mystische und dunkle Atmosphäre von Iced Earth sowie das von ihm kultivierte Stakkatogehämmer auf der Rhythmusgitarre mit einbringt. Ich fasse zusammen: "Touched By The Crimson King" ist relativ gesehen abwechslungsreicher, bunter und leichter verdaulich als "Demons & Wizards". Aus einer absoluten Perspektive präsentiert sich das Dynamische Duo als ein Progressive Power Metal-Act, der mit einer sauberst produzierten Platte auch in den Regalen von Nichtfans beider Bands Platz finden könnte.
Journey Through The Dark. Seit dem Kauf dieses Albums kann ich mich nicht an ihm satthören. "Crimson King" ist ein Allrounder, der für jeden Geschmackssinn des durchschnittlichen Power Metallers etwas zu bieten hat. Der neue Abwechslungsreichtum ist der große Trumpf dieser CD. Song auf Song begeistern mich andere Gesichtspunkte. Das Mischungsverhältnis aus Härte und Melodiösität kommt meiner Idealvorstellung schon sehr nahe, auch wenn ich mir ein bis zwei harte Songs mehr gewünscht hätte. Aber auch so hangele ich mich jedes Mal wieder von einem Highlight zum nächsten und entdecke oft neue Eigenheiten, überall. Lobenswert ist hier der typische Langzeiteffekt, dass man mit dem Vorhersehen der Strukturen auch deren Reize kennen lernt. Erschienen mir eingesprenkelte Akustikpart bei den ersten Durchläufen noch störend, genieße ich mittlerweile die vertrackten Breaks, die eine Spannung erzeugen, dass sich bisweilen meine Nackenhärchen aufstellen.
Und so erfreue ich mich an flotten, reichlich melodiösen Refrains ("Crimson King"). Zum Sterben schön die melancholische Stimmung in der Moby Dick-Vertonung "Beneath These Waves", deren Hooklines sich bisweilen stundenlang hartnäckig im Gehör festbeißen. Ich erreiche einen ersten Gipfel der ohrgasmischen Lust bei der Fahrt mit dem "Terror Train". Es ist unvergleichlich, wie Schaffer seinen Stakkatoriff ablässt, in einer unmenschlichen Geschwindigkeit erreichen die Tonlagen irrwitzige Höhen und in der Magengrube spürbare Tiefen. Der hyterische Gesang und der aggressive Sound dieses Tracks animieren zum Bangen. Und erwähnte ich schon, dass dieser Zug schneller fährt als jeder ICE? Der reinste Wahnwitz, und derbst geil. Nach diesem lodernden Fegefeuer entspannt man sich mit dem semiballadesken "Seize The Day", der mit himmlischen Chören und hypnotischem Gitarrengeklimper besticht. Und kaum möchte man beim darauffolgenden "Gunslinger" erneut sachte vor sich hinträumen, bricht ein unvermitteltes Inferno los. Rhythm- und Leadguitar spielen unheimlich tight auf, die treibenden Drums und der hysterische Gesang pushen Band und Hörer nach vorn. Wow. Sodann lässt man sich in einen Mid Temp-Lovesong fallen ("Love's Tragedy Asunder") und verweilt mit dem bittersüßen, elegischen Nachruf für die "Wicked Witch". Herrlich hier Hansis eingesampelten Hintergrundchöre, die aus einem guten Durchschnitt doch wieder eine Gänsehautattacke macht. Nach einer erneuten Literaturvertonung (Das Bildnis des "Dorian" Gray), die aus einer sehr guten groovigen Passage und einem minutenlangen Akustik-Break besteht, driftet man mit dem schwebenden "Down Where I Am" davon, welches eine irgendwie befriedigende Art Resignation vermittelt. Als wüsste man genau, dass das Leben manchmal endlos tiefe Schluchten aufweist. Aber lächelt einfach und sagt, "that's okay", damit werde ich fertig. Leider folgt als Lied Nummer Zehn noch eine mittelmäßige Coverversion von Led Zeps "Immigrant Song", welches der Atmosphäre nicht unerheblich schadet. Wie eingangs erwähnt erweist sich die Produktion aus dem Hause Morrisound erneut als Glücksgriff, Jim Morris himself steuerte übrigens diverse Leadsoli bei. Das tighte Produzieren kann jedoch nicht über die kleinen Schwächen dieser Langrille hinwegtäuschen. Schaffers Maschinengewehr-Riffing auf der Rhythmusgitarre klingt mancherortens einfallslos und monoton. Auch die Melodiebögen in so manchem Chorus machen manchmal einen etwas unfertigen Eindruck. Darüber hinaus gehen die angesprochenen Soli oft in Bass und Schlagzeug unter. Doch Hansis erstklassiger Gesang und das hochgradig präzise Abfeuern der obigen MG machen diese weißen Flecken auf der schwarzen Weste locker wieder wett. Unter die vier letzten Songs hätte man meiner Ansicht nach noch was Schnelleres, Härteres untermischen müssen, so wird man in dem Mid Temp-Gestampfe doch ein wenig eingelullt.
Stand Alone. Die Bonus Disc ist wie so oft eine zweischneidige Medaille. Eine recht gefällige langsame Version von "Wicked Witch", ein überflüssiger Edit von "Beneath These Waves". Sowie zwei grundsolide B-Seiten, "Lunar Lament" und "Spatial Architects". Letzteres erreicht durchaus das Niveau des Hauptalbums und hätte meines Erachtens sehr gut in das letzte Viertel des Albums gepasst. Was bleibt ist ein schaler Nachgeschmack, denn von der Spielzeit her hätten die beiden Silberscheiben durchaus auf eine gepasst.
And Thus Ends... Nichtsdestotrotz ist "Touched By The Crimson King" ein Addiktivum, dem man gern verfällt. Die Balance aus Geradlinigkeit und Progressivität ist für meinen Geschmack genau richtig. Das Album bietet Momente zum Saurauslassen und zum Schwelgen. Es ist kein spektakuläres Weltereignis, sicherlich auch keiner der so oft zitierten Meilensteine. Es ist einfach ein gutes Heavy Metal-Album. Ohne viel Anspruch, aber auch, ohne billig zu sein. Es ist gute U-Musik mit eleganten Texten, die ihre Wurzeln wie auch bei den beiden Herkunftsbands in der (Dark) Fantasy haben. Texte, die zwar nicht intellektuell fordern, trotzdem aber intelligenter und poetischer sind als im Plastikpop. Es muss nicht immer ein Paukenschlag sein. Nicht immer ein Feuerwerk, das die halbe Welt auf den Kopf stellt. Oft muss es einfach nur "gut" sein. Und natürlich muss es in der Quintessenz nur eines: Mir gefallen. :-)
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22.11.2005 16:18
Mir gefällt diese Scheibe bedeutend besser als der Vorgänger. Vor allem der Opener Crimson King ist einfach gut. Den kann ich mir immer wieder anhören. Greetz MoD
19.11.2005 00:46
Toller Bericht, gefällt mir auch sehr gut das Album. Hab mich zwar 'immer noch nicht' so intensiv reingehört wie in das erste, aber kommt wohl noch. :)
16.11.2005 14:19
Ach, mit Iced Earth hatt ich's ja nie so. Find ich auch heute noch nicht so überzeugend, die Band. Blind Guardian sind natürlich eine Bank, auch heute noch. Wobei mir ihre Musik nicht mehr wirklich zusagt. Ich kann nicht sagen, woran das liegt. Ich habe mich anders entwickelt und sie sind mir irgendwann zu kitschig geworden. Einen Fan schmerzt das, aber es ist das beste Wort, was mir dafür einfällt. Naja. Wenn ich jetzt mit den Einzelbands nichts mehr zu tun habe, hör ich mir erst recht nicht das gemeinsame Projekt an. Von daher war Demons & Wizards mir immer ziemlich egal. Aber der Bericht ist amüsant wie immer.